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Zirzamin heißt Untergrund


Rock-Musik in Teheran

von Hans Wisotzki

 Irgendwann im Jahre 2005 (1384 nach iranischer Zeitrechnung) entschlossen sich ein paar junge aktive Iraner ein Internetportal für die Musik einzurichten, die in ihrem Land unter das Verbot der Mullahs fiel, die aber trotzdem im Untergrund in den letzten Jahren immer häufiger zu hören war.
Es ging und geht um Heavy Metall, um Rock und Fusion, Hip und Hop, um Rap, um Musik, die laut und schnell ist, die ungewöhnliche Klänge hat, die jedoch für die Religionsgelehrten und weltlichen Herrscher der Islamischen Republik von der Fäulnis westlicher Immoralität befallen ist.
"Musik von Drogensüchtigen" wie sich ein Offizieller äußerte, gehört nicht in die Ohren, der nach spiritueller Ergebung für Allah und den 12 Imamen zu streben habenden Jugendlichen. Da aber diese Jugendlichen inzwischen den Hauptanteil der Bevölkerung Irans ausmachen - so sollen mehr als 60% unter 25 Jahre alt sein - und es eine weltweite Eigenschaft der jungen Generation ist, sich amüsieren zu wollen, haben die geistlichen Herren und Befehlshaber über "Was ist gut und was ist schlecht" bisher hin und wieder mal ein Auge zugedrückt und seichte Schlager-Musik mit Pop-Elementen aus eigener Produktion erlaubt.
Besonders unter der Regierung des liberaler eingestellten Präsidenten Khatami, der von 1997 - 2005 regierte, erlebte diese vernachlässigte Sparte der Musik in Iran einen Mini-Boom, was zur Bildung von Gruppen und zur Förderung neuer Sänger führte. Natürlich nur männlicher Musiker und Sänger, denn nach wie vor ist es den Frauen verboten ihre Stimme als Sologesang in der Öffentlichkeit zu erheben. Aber so ist das nun mal: Reicht man den Kids den kleinen Finger, wollen sie gleich die ganze Hand haben. Die kriegen sie aber nicht, denn siehe oben: Fäulnis und Unmoral drohen, wer Black Sabbath, Led Zeppelin oder Eminem hört.

Trotz der zu erwartenden Verdammung in die lodernste Höllenecke ließen sich die jungen Iraner nicht abschrecken und starteten mit der Homepage www.tamf.tehranavanue.com (in englisch und farsi) ihr Abenteuer . Wenn sie keine realen Konzerte abhalten durften, dann eben ein Festival im Internet, das Tehran Amateur Music Festival, kurz TAMF.
Dieses Online-Magazin schlug ein wie die ominöse Atombombe, von der im Zusammenhang mit Iran nun immer öfter die Rede ist und viele Gruppen schickten ihre MP3-Dateien ein und boten sie in diesem virtuellen Wettbewerb zur Bewertung an.
Dieser Schritt war nötig, denn, wie Sohrab Mohebbi - Sänger der Band 127 - in einer Art Leitartikel ausführt: In Iran sind die drei wichtigsten Voraussetzungen für das Entstehen einer dementsprechenden Musikkultur nicht vorhanden:
- Es gibt keine Clubs oder Treffpunkte, wo solche Musik gespielt werden darf;
- in den staatlichen Medien Radio und Fernsehen wird diese Musik nicht gespielt und
- es gibt keine Plattenfirmen, die Rock- und ähnliche Musik veröffentlichen.

Er erwähnt auch, daß die iranischen Bands unter großer Fluktuation ihrer Mitglieder zu leiden haben, logisch, wenn man immer das Gefühl hat, der nächste Riff könnte der letzte sein, denn die Ayatollahs kennen in Sachen Mißachtung islamischer Gebote kein oder nur in seltenen Fällen Pardon. Und natürlich ist in einem Fall von juristischer Belangung auch immer die Familie involviert. Andererseits sind die Musiker noch im Findungsprozeß und wechseln halt häufiger die Bands.

Auftritte finden heimlich und wegen der Lautstärke, die nun mal ein Hauptcharakteristikum von Rock-Musik ist, in Kellern oder etwas weiter abgelegenen Häusern statt. Wer solche Partys besucht, muß unter Umständen mit unliebsamem Besuch rechnen: Den aufmerksamen Wächtern von Moral und Anstand gefällt es manchmal unangemeldet aufzutauchen und die Veranstaltung zu sprengen und die Teilnehmer mit zu nehmen.
Neben dem Zensurproblem stellt die Beschaffung des Equipments, von der Gitarrensaite bis zu Aufnahmegeräten, die jungen Musikern vor große Probleme. Darüber berichtet auch die 90minütige Film-Dokumentation "Sounds of Silence" von Amir Hamz und Mark Lazarz, die im April 2006 beim Tribeca Film Festival in Manhattan Premiere hatte.

Der Film macht deutlich, wie die Musiker immer wieder Standhaftigkeit zeigen müssen, indem sie ihre abgelehnten Songs überarbeiten und neu einreichen. Einige Gruppen sind durchaus nicht nur am Kopieren westlicher Musik interessiert, sondern benutzen traditionelle Klänge und nehmen als Texte Verse der großen Dichter persischer Lyrik.
Ende der 90er wurde die Gruppe O-Hum mit ihrem ersten Rock-Album "Nahal-e Heyrat" ein Untergrundrenner, sie benutzten ausschließlich Texte des größten der iranischen Dichter, Hafiz.
Wenn nun Hip-Hoper wie Soruschs 021-Music Koranrezitationen zu knalligen Baßbeats anbietet, wird das die Mitglieder des Ershads (Abteilung des Kulturministeriums, das über Annahme oder Ablehnung entscheidet) nicht wirklich überzeugen.

Solange sich an dieser frustrierenden Situation nichts ändert, bleibt das Internet das einzige Medium für die Musiker, ihre Songs der Öffentlichkeit zu präsentieren. Andere Portals haben sich inzwischen aufgetan (s. nebenstehende Linksammlung) und natürlich stellen sich die Gruppen auf ihren eigenen Webseiten vor und bieten ihre CD's made in Eigenproduktion an. Man muß aber wissen, daß es in Iran nicht einfach ist, sich die Musik von diesen Seiten downzuloaden. Die superschnellen DSL-Verbindungen sind dort für die allermeisten Haushalte unerschwinglich. Viele können nur Modems mit den langsamen Geschwindigkeiten nutzen und da braucht man schon eine Weile um einen kurzen Track herunterzuladen, geschweige denn längere Stücke (so meint denn auch Sohrab Mohebbi, daß es für die meisten User schier unmöglich ist sich alle 86 Songs auf der TAMF-Seite anzuhören, um dann eine Wertung vorzunehmen). Bekannte im Ausland sind gefragt, über die dann z. B. die in Iran produzierte Musik rückimportiert wird.

Zur Musik selbst läßt sich sagen, daß sie in vielen Fällen weit entfernt ist vom Standard internationaler Qualität. Das gilt für die Songs, für die Instrumentierung, den Gesang und natürlich für die ganze Aufnahmetechnik. Dies ist keine Kritik, sondern wohl nach dem Vorhergesagten zu erwarten. Durch die unzureichende Situation in Iran bedingt sind die Musiker, wie selbst eingestanden wird, meilenweit von der Entwicklung in Europa und den USA entfernt. Es fehlen die Vergleichsmöglichkeiten; neueste Musik CDs zu erhalten, ist nur über den Umweg aus dem Ausland und oft verspätet möglich. Auch hier ist das Internet eine wichtige Quelle, um Informationen über neue Entwicklungen in der Musikszene zu bekommen. Darüberhinaus kann man über Satellitenschüsseln, deren Verwendung allerdings manchmal verboten ist, manchmal dennoch geduldet wird, auch MTV und andere Musikprogramme empfangen; wer allerdings nicht auf Tralala- Mainstream-Musik steht, hat hier schlechte Karten.

Es ist etwas in Bewegung gekommen in Teheran. Etwas, das von unten her wächst.
Die Musik, die dabei entsteht, mag sie noch so amateurhaft daherkommen, kommt aus der Sehnsucht nach Freiheit heraus.

Diese Sehnsucht zu unterdrücken, ist bisher noch keiner Gesellschaft gut bekommen.

Hier weiterführende Links zum Thema

www.tamf.tehranavenue.com (persisch, englisch) Enthält das Teheraner Avenue Music Festival mit den MP3 Dateien zum Downloaden.

progressive.homestead. (englisch)
(Gute Übersicht über die Entwicklung der westlichen orientierten Unterhaltungsmusik bis hin zum Prog-Rock in Iran, mit vielen weiterführenden Links)

www.zirzamin.se (englisch)
Zirzamin ist das Wort für Untergrund auf persisch. Enthält viele Artikel und Foren und stellt neue Gruppen mit Samples zum Downloaden vor.

Wikipedia: Rock and alternative music in Iran (englisch)

Bringt kurz und knapp aber mit vielen weiterführenden Links zu Rock- und HipHop-Gruppen einführende Informationen.

www.127band.com (englisch)
Inzwischen bei MySpace gelandet. Schöne Musikbeispiele. Ein Video.

Wie stark der Druck auf unliebsame Künstler der iranischen Rap-Szene ist, macht der Artikel über  Hichkas  (wörtlich: Niemand) eindrucksvoll deutlich.

www.abjeez.com (englisch)
The Abjeez sind zwei Frauen, die in Schweden recht professionel Musik machen. Ab Jee ist ein persischer Slang Ausdruck für Schwester.

O-Hum (englisch, persisch)
Bekannteste Band aus Iran mit inzwischen schon bewegter Geschichte. Einige Konzerte in Europa, 3 CDs, die übers Internet zu ordern sind. Shahram Sharbaf (Singer/Songwriter) gründete die Band 1999 zusammen mit Shahrokh Izadkhah (Guitar) und Babak Riahipour (Bass). 2001 schufen sie ihre Webseite, um die Musik ihrer ersten CD Nahal-e Heyrat zu veröffentlichen. Vorher war ihr Antrag um Erlaubnis einer CD-Veröffentlichung abgelehnt worden. Später kam es zur Trennung der Mitglieder, Sharam führte das Projekt alleine weiter, lediglich zu Live-Gigs kam man zusammen. 2005 entstand dann die dritte CD Aloode.

Siehe auch den Artikel von Arian Fariborz bei Qantara

Bericht über die Dash-Band und die Situation über den (bisher nicht geglückten) Versuch Prog-Rock im Iran öffentlich zu spielen kann man in diesem TAZ - Artikel vom Oktober 2008 nachlesen.