Affenkopp


Gott war am Abend in meine Bude herein geflattert. Und weißt du, es war gar nicht schlimm. Damit ich nicht erschrecke, hatte er sich in einen Schmetterling verwandelt. Auf dem Tisch stand eine kleine Obstschale, dorthin setzte sich Gott, direkt auf ein Bündel frischer Weintrauben. Es war an mir das Gespräch zu beginnen, aber mir fiel nichts ein. Dann hörte ich auf einmal seine Stimme - sie klang sehr weiblich. Im Tonfall lag eine Art Verführung, die mich sofort für ihn - oder müsste ich nicht besser sie sagen? - einnahm. Was sagte Gott also zu mir?

"Du bist aber gewachsen."

Ich machte meine übliche Verlegenheitsgeste und fuhr mir mit der rechten Hand über die Wange. Was sollte ich darauf auch sagen? Ich war knapp sechzig. Sollte Gott mich als Kind schon einmal besucht haben? Dann sagte Gott:

"Vor ein paar Tagen habe ich deinen Vater gesehen. Er ist in der Hölle und quält sich."

Ich fand es schrecklich für meinen Vaterbastard, aber so richtig unangenehm war mir diese Vorstellung nicht. Er war sein Leben lang ein Säufer, der mich, meine Geschwister und meine Mutter geschlagen und unterdrückt hatte. Er war eine Plage, die wie eine blutige Tyrannei über unsere Familie geherrscht hatte.

"Deine Mutter ist immer noch bei ihm."

Das wunderte mich zwar, andererseits hatte sie lange, zu lange, zu ihm gehalten und später, als wir zu Jugendlichen herangewachsen waren und sie baten, sich doch von diesem Vatermonster endlich scheiden zu lassen, hatte sie ihn noch verteidigt und irgendwas von Liebe gefaselt. Wir Kinder begriffen das nicht und auch als Erwachsene kam bei keinem von uns für ihr Verhalten Verständnis auf. Aber musste sie dafür gleich in der Hölle schmoren?

"Sie hat eure Großmutter umgebracht. Mit dem Kissen. So was hat natürlich himmlische Konsequenzen und das heißt nur eins: Hölle."

Unsere Oma lag in ihrem kleinen, dunklen Zimmer fast nur im Bett; ein Schlaganfall hatte sie ihrer Sinne beraubt, sie konnte nicht mehr laufen und Darmkontrolle hatte sie auch nicht mehr. Ich bin noch zur Schule gegangen, achte, neunte Klasse, ein aufsässiger Junge, gefüllt mit pubertärer Frechheit und hormonellen Anfällen. Also eigentlich ganz normal. Es muß kurz nach den Sommerferien gewesen sein, als ich nach Hause kam und fremde Leute im Hausflur herumstanden. Mein Vater krakelte besoffen im Wohnzimmer und erst sein Bruder, Onkel Horst, konnte ihn bändigen. Der war ein halber Opernsänger und hatte eine kräftige Stimme. Wenn der mal losbrüllte, wackelten die Wände. Meine Mutter tauchte auf, käseweiß, umarmte mich und murmelte mir ins Ohr, die Oma sei von uns gegangen. Ich stieß sie zurück. Wieso, sagte ich, kann sie wieder laufen? Na ja, ich begriff dann doch noch was geschehen war. Aber dass meine Mutter mit dem Kissen ihren Erstickungstod herbeigeführt haben soll, kann ich nicht recht glauben. Als die Erbschaft ausgezahlt wurde, bekam ich eine billige Armbanduhr, die ich wütend in die Ecke warf, denn ich hatte mir das ausklappbare Taschenmesser gewünscht. Damit hätte ich dann meinem Vaterdiktator den Hals durchgeschnitten.

"Auch du wirst bald zu uns kommen."

Ich fühlte mich sauwohl. Von Krankheit keine Spur. Im Bett bin ich immer noch von ausdauernder Agilität. Ich bin im Sportverein, laufe täglich meine vier, fünf Kilometer. Regelmäßig nutze ich die empfohlenen ärztlichen Kontrolluntersuchungen. Und letztens sagte Doktor Fähnrich erst noch: Sie werden die Hundert überschreiten. Darauf wette ich eine Flasche Champagner. Und jetzt sagt Gott mir, dass es bald aus sein würde. Hat er besondere Aufgaben für mich? Ich war bis vor drei Jahren ein erfolgreicher Projektmanager, dann raste unsere Firma mit dem weltweiten Konjunkturtief in den Abgrund und ich begann zu saufen, weil mein Weib, dieses Aas, mit dem geschäftsführenden Assistenten eines Konkurrenzunternehmens nach Ibiza türmte. Natürlich war Beate eine geile Votze; trotz der drei Kinder, sah sie mit ihren fünfundvierzig Jahren aus wie ein Topmodell. Als ich mit dem Saufen anfing, wegen der Pleite und meiner hoffnungslosen Arbeitssituation, ich war sechsundfünfzig, das sagt schon alles, da passierte es ein paar Mal, das ich ihr im Affekt eine runterhaute. Eine Woche lief sie dann mit einem blauen Auge herum, dann war es wieder gut. Ich entschuldigte mich mit einem riesigen Strauß roter Rosen, lud sie ins La Plüsch ein, dem Nobelrestaurant in unserem Ort, und besorgte es ihr dann im Bett wie in alten Tagen. So wie sie beim Analsex losquiekte, schien sie mir verziehen zu haben. So was kommt halt in der besten Ehe mal vor. Wie gesagt, es war ja im Affekt. Ob Gott das meinte? Wird man dafür neuerdings schon ins Jenseits abberufen?

"Der Knut ist übrigens im Himmel und schwebt wie einer von Michelangelos Engeln zu meiner großen Freude durch die Wolken des Paradieses."

Ich war elf. Es war Winter und wir zogen mit unseren Schlitten immer zu dem kleinen Abhang am zugefrorenen See. Der Knut war mein Bruder, vier Jahre - oder war er schon fünf? Er hatte ein schiefes Gesicht und einen blöden Blick. Sprechen konnte er nicht richtig. Affenkopp nannten ihn die anderen Kinder, Affenkopp nannte auch ich ihn. Wahrscheinlich kam seine Blödheit durch den Suff meines Vateridioten, vielleicht auch, weil er Knut als Baby öfter mal mit dem Kopf auf die Tischplatte geschlagen hatte. Meine Mutter war ihm keifend in den Arm gefallen, doch gegen seine kräftigen Foltererarme hatte sie keine Chance und wir anderen drei Kinder waren noch zu klein. Ich bin der Älteste, dann meine Schwester Klara und die andere Schwester Eva. Eva und Knut waren kaum ein Jahr auseinander. In jenem Winter hatte ich zum ersten Mal einen eigenen Schlitten, ein Geschenk von Onkel Horst. Den Onkel Horst hätte ich gerne als Vater gehabt. In einem Fotogeschäft am Marktplatz, neben dem Juwelier Haase und der Buchhandlung Fauser, gab es sogar eine Fotografie von ihm, die eine zeitlang auch im Schaufenster als Werbung aushing. Ich habe ihn nur als einen freundlichen Menschen kennen gelernt, der natürlich durch seinen Beruf als Sänger noch exotischer auf mich wirkte. Manchmal ging er auf Tournee. Wenn er zurück kam und uns besuchte, was allerdings durch den fortschreitenden Alkoholismus meines Arschlochvaters dann immer seltener wurde, brachte er nicht nur ausgefallene Geschenke, sondern auch wunderbare Geschichten mit. Wir haben uns aus den Augen verloren. Er hat mich nicht gesucht und ich ihn auch nicht.
Affenkopp musste natürlich auf meinem Schlitten mitfahren, das hatte meine Mutter mir ausdrücklich aufgetragen. Sie hatte mir gedroht, den Schlitten wegzunehmen, wenn sie erfuhr, dass ich meinen kleinen Bruder nicht darauf fahren lassen würde. Ich kann euch vom Fenster genau beobachten, hatte sie gesagt, also gehorche. In Wahrheit stand sie nur am Anfang hinter der Gardine, dann holte mein Prügelvater sie auf die Couch.
Ich war nur von einem Gedanken beherrscht: Ich wollte allein mit dem neuen Schlitten fahren. Die anderen Kinder, Ole, Peter, Thomas, Erika, Antje und einige, deren Namen ich vergessen habe, machten sich einen Spaß daraus, mich wegen Affenkopp zu ärgern. Ich stieß ihn weg, er fiel in den Schnee und begann zu heulen. Er heulte sehr laut und ich hatte Angst, meine Mutter könnte ihn hören. Von allen Häusern war unsers am nächsten, immer wieder schielte ich hinüber, ob ich meine Mutter erkennen konnte. Aber die Sonne stand schräg und in den Fenstern flimmerten nur weiße Lichtflecken.
Wir rodelten bis dicht an den See heran, manchmal sogar auf die feste Eisfläche hinauf. Da sah ich ein Stück weiter weg, etwas Wasser. Die Eisfläche war gebrochen, entweder von selbst oder von Menschenhand. Ein fetter Schwan stand am Rand und tauchte seinen Schnabel ins Wasser. Die Stelle war etwas verdeckt, weil dort ein abgezäuntes Gelände begann und davor eine Böschung war. Ich rief Affenkopp, der mir brav und mit blödem neugierigem Gesicht folgte. Die anderen waren mit Schneeballwerfen beschäftigt oder gingen den Abhang wieder hinauf. Niemand achtete auf mich. Und ich achtete darauf, dass niemand auf mich achtete. Natürlich hatte ich Gott vergessen. Und der saß jetzt als gelber Schmetterling auf dem Weintraubenstengel, zitterte mit den Flügeln und erinnerte mich an das, was keiner Erinnerung bedurfte.
Ein bisschen hatte ich dem Knut beim Absaufen noch zugesehen. Und eine lange Weile war mir sein verwunderter Blick noch gegenwärtig, den er mir kurz vorm Untergehen zuwarf. Ich hatte ihn aufs Eis geschickt. Geh zum Schwan, hatte ich gesagt, geh ruhig. Der Vogel war vor dem anstürmenden blöden Jungen davongerannt. Knut drehte sich zu mir und freute sich. Es war ein kleiner Augenblick nur, wo ich plötzlich fühlte, da ist dein Bruder, der mag dich, der vertraut dir, der liebt dich, der braucht dich. Knut hopste herum und lachte, drehte sich um seine eigene Achse und brach dann ein. An dieser Stelle reichte es für ein Kind seiner Größe schon aus, um zu ertrinken.
Ich war schreiend nach Hause gerannt. Der Schock nahm mir das Bewusstsein. Man brachte mich ins Krankenhaus, eine Psychologin kümmerte sich eine Weile um mich. Zur Beerdigung durfte ich nicht mit. Im Gesicht meiner Mutter sah ich noch jahrelang den unausgesprochenen Vorwurf, ich sei Schuld am Tod meines Bruders.
Dabei wollte ich doch nur, dass der Schlitten mir allein gehören sollte.


Über der Stuhllehne hing noch das Handtuch, das ich vorhin zum Haare trocknen benutzt hatte. Dieser dämliche Gott kann mich mal. Mit einem gezielten Schlag erledigte ich den Schmetterling. Fasste ihn bei einem Flügel und warf ihn aus dem Fenster hinaus, in die dunkle Nacht hinein.

©Hans Wisotzki (2011)


Die Orion-Variante


Ich bin ein kleinwüchsiger Halbwüchsiger mit Kinngrübchen, ein Schlaflosmonster, immer auf Bewegung aus, constant motion heißt eine meiner unverstandenen Geräuscheveröffentlichungen. Ständiges Dabeisein ist ein Kummer für mich geworden.

Dahingehen bedeutet eine Menge für mich, wohin auch immer, gerne bevorzuge ich die Reise in Schurkenstaaten. Die Menschen dort sind so schön betrübt. Sie sind auch einsam. Einige habe ich persönlich kennen gelernt, deshalb weiß ich Bescheid.

Trotzdem kann ich mit Genugtuung sagen: Ich weiß dennoch nichts. Eine ganze Menge weiß ich aber, Dinge habe ich gehört, von denen die Leute hier auf keinen Fall träumen mögen. Schade, dass ich keine Begabung habe, sonst könnte ich zum Beispiel über das feine Lächeln dieser jungen Frau an der Kinokasse in Teheran etwas Poetisches aussagen. Aber mein Versagen in dieser Hinsicht ist offensichtlich. Es hängt auch mit meiner familiären Herkunft zusammen. Da stimmte alles nichts, von hinten nach vorne ein Durcheinander und überall nur gebeutelte Unterdrückte und Habenichtse.

Heute zum Beispiel weiß ich mehr über das alles. Aber ich kann es zum wiederholten Male nicht erklären. Beim Sprechen fällt es mir wie Messer aus dem Mund.

Die tägliche Quälerei geht weiter. Und weiter. Und immerzu. Das Geschiebe auf der Welt beobachte ich gierig, ohne wirklich beteiligt zu sein, wie ein zum Schlachten abgeführtes Schwein. Oberflächlich kümmere ich mich um die Nebensächlichkeiten, es ist so, als erzähle mir jemand ständig neue Witze, nur zu dem Zweck, dass ich sie vergessen soll. Und ich gehorche und vergesse.

Allein die winzigste Beschreibung einer zum Lachen aufgeführten Posse, treibt mich in die Fänge einer substanzlosen Droge, die ich durch meine Augen in mich aufnehme. Eine sonderbare Wirkung geht davon aus. Es müssen Texte sein, die ich produziere. Sätze werden aneinander gefügt. Auf der Suche nach Wörtern vergehen ganze Tage. Vielleicht bin ich auch nur zu träge. Es geht mir eigentlich ganz gut im Schlechten, darum schleppt sich meine Jammerei nur mühsam dahin. Natürlich ist die warme Wohnung daran schuld, der satte Magen, das Konsumieren erbärmlicher, lang haltbarer Güter, wie zum Beispiel vertrottelte Fernsehfilme aus den Produktionsstätten kulturabwesender Produzenten, Drehbuchschreiber, Regisseure, Darsteller und all der anderen aus den Schrotthalden unserer Unterhaltungsmafia.
Es umgibt mich und ich begehre auf. Ich bin ein Rebell, kein Revolutionär. Da stehe ich an der Außenseite, ewig im Abseits. Was bleibt mir da anderes übrig als Schostakowitsch zu hören? An manchen Tagen auch Schnittke. Das berührt die empfindliche Seele, ohne sie wirklich aufzuregen. Glaubt mir, mit den Jahren legt sich die Aufregung. Man lächelt sich so durch den Alltag. Die Faust zu ballen wird schwierig mit Arthrose an den Fingern.

Neulich landete ein Eichhörnchen aus Versehen auf meinem Balkon. Wir glotzten uns beide gleichermaßen überrascht an. Das Tier war ganz starr vor Verblüffung. Ich bewegte mich diesmal nicht und sah voller Entzücken auf die Naturerscheinung vor mir. Dann sprang es plötzlich wieder auf die Äste eines nahen Baumes und verschwand schnell hinter dem dicken Stamm. Ich blieb enttäuscht zurück. Warum, so dachte ich, hat uns das Schöpferlein nicht miteinander derart verbunden, dass wir mit den Tieren kommunizieren können? Solche Gedanken können doch nur einem Versagerhirn entweichen, oder?

Was bleibt, sind die Tage, die noch bleiben. Kann ich nicht froh sein, dass unsere Region nicht von Krieg und Sieg betroffen ist? Schön, dass die Explosionen wo anders krachen. Und wenn du die Leute siehst, wie sie hin und her hasten, fragst du dich nicht, ob sie sich wohl selber begutachten, wie sie so hin und her hasten? Ach, was soll denn das auch für eine vernünftige Gesellschaft hervorbringen, wenn alle nur damit beschäftigt sind, auf die anderen zu achten.

Dass Brot beim Bäcker ist. Darauf kommt es an. Und dass die Straßen gepflegt werden und die Ordnung ordentlich regiert. Die Prügler auf den Straßen müssen Dingfest gemacht und an den Pranger gestellt werden. Schon längst müsste die Todesstrafe wieder Einzug gehalten haben. Das verhindert keine Verbrechen, rächt sie aber. Das Recht auf Rache ist allgemeines Menschengut. Das braucht der Mensch zum Atmen, wie das Brot zum Essen. Wie die Liebe für die Seele. Ich habe, glaube ich, keine Seele. Ich bin schwergewichtig. Da geht so was leicht ins Fett über.

Vielleicht war es erst gestern, als eine Erinnerung die andere ablöste. Ich saß in einem Wartezimmer und hörte schon die Stimme des sich nähernden Arztes. Wirklich, er sah wie Moses aus, das verstand ich auf den ersten Blick. Ich weiß nämlich wie der aussah. Durch eine Zeitreise, die ich bei einem Preisausschreiben auf einem Rummelplatz gewonnen hatte. Darüber schrieb ich eine Geschichte. Hat die denn niemand gelesen? Jedenfalls half ich Moses beim Überqueren des Roten Meeres. Wir hatten ein kurzes, aber intensives Gespräch, wobei er versuchte seine Keule auf meinem Schädel zu platzieren. Er hielt mich wahrlich für einen ägyptischen Spion. Meine Erklärung zur Verteidigung erreichte ihn nicht. Wie dem auch sei, ich wusste nun, wie er aussah und das brachte mir die Erinnerung, während der Arzt mit einer Patientin am Arm aus dem Schatten der Tür hervortrat und ein paar Worte zur Schwester sagte, bevor er mich scharf anblickte und meinen Namen aufrief. Mit fast der gleichen Stimme hatte Moses seine Befehle erteilt und das Volk folgte ihm, von einem Unheil zum anderen.

Manchmal besuchen mich die Überreste meiner Kinder. Obwohl ich am Anfang von mir als einem Halbwüchsigen sprach, bin ich doch schon biologisch über siebzig, das ist heute eine Kleinigkeit, wenn man in unserer Wohlstandsregion lebt. Natürlich bekommt man durch ewiges Schostakowitsch-Hören Ohrlähmungen und Sinnestäuschungen. Das führt entweder zu Überproduktion nervlicher Reize oder Instabilität derselben. Viele meiner Altersgenossen gebärden sich wie Halbstarke. Ich beobachte das, halte es für nicht wichtig. Ich bedaure nur, dass ich nicht ewig leben kann. So groß ist meine Neugier. Und wiederum auch nicht, denn sonst wäre ich ja für einen nahen Tod, um endlich zu erfahren, was es mit dem Jenseits auf sich hat. Ich würde dort ganz schnell den Moses aufsuchen und ihm sein ungebührliches Verhalten vorhalten.

Die Kinder kommen und bringen Kuchen mit. Seit einigen Jahren vergessen sie auch schon mal meinen Geburtstag, das macht aber nichts, ich vergesse ihn auch. Überhaupt scheint das Vergessen allmählich eine unübersehbare Größe zu werden. Nicht, dass ich darunter leide, es ist nur so, dass es immer zu ungelegener Zeit passiert.

Die Kinder sind erwachsen. Jedenfalls tun sie so. Inzwischen haben sie selber Kinder, die sind einfach nur Kinder und das ist gut so. Mein Sohn ist Verwaltungsbeamter, vielleicht deshalb bisher auch Junggeselle geblieben. Die ältere Tochter ist in der Redaktion eines privaten Fernsehsenders tätig und hat zwei Kinder, einen Sohn, eine Tochter. Mehr geht nicht, sagt sie, obwohl ihr Mann, ein angeberischer Serienschauspieler, durchaus noch weiteren Nachwuchs für wünschenswert hält. Die andere macht Projekte für eine Stiftung und hat zwei Töchter, eine davon adoptiert. Ein Mädchen aus Malawi, schüchtern, acht Jahre, lang und dünn. Ich traue mich kaum, an sie das Wort zu richten. Zuerst hat sie viel geweint und man glaubte schon, die Adoption sei gescheitert, doch sie fing sich und umarmt jetzt auch ihre neue Mutter und lässt sich drücken und küssen. Ihre fast gleichaltrige Schwester kümmert sich um sie wie um eine zum Geburtstag bekommene lebendige Puppe. Wenn ich den Blick des Mädchens auch nur mit Mühe ertragen kann, so ist eine Berührung beinahe unmöglich, obwohl ich sie meine Zuneigung gerne spüren lassen würde.

Aber das sind so Ausnahmetage in meinem Leben. Der Lärm in der Wohnung mit all den Kindern wird mir unerträglich, was ich mit Entsetzen registriere, denn ich will auf keinen Fall zum Misanthropen mutieren.

Es gäbe noch so viel zu erzählen, aber nichts Wichtiges. Einfach nur so, zum Plaudern. Damit die Kiefer nicht erlahmen. Damit die Stimmbänder in Schwung bleiben. Damit die Kunst der Rede nicht den Bach runter geht. Der Mensch ist ein schwatzhaftes Tier.

Meistens sagt man ja doch nicht das, worauf es ankommt. Dass es Brot beim Bäcker gibt, zum Beispiel. Und Wasser aus der Leitung fließt. Und manchmal höre ich noch die Musik, die ein fremdes Ich gemacht hat, damals, vor Jahren. Das ist wie eine Flucht ins Gestern. Aber ohne wirklich anzukommen.

Weißt du, niemand lebt einfach nur so. Auch wenn es bei den Meisten so aussieht. Keiner lebt ohne Geburt. Und das ist schon ein gewaltiges Ding an sich. Aber ehrlich: Ich bin mir nicht mehr so sicher, ob ich eigentlich ein Geborener bin. Es gibt Visionen, wo ich das bezweifele.

Vielleicht gab es in meinem Fall eine andere Variante…

Die Orion-Variante.

©Hans Wisotzki (2011)
Märchen aus einer Nacht


Es ist mitten im Winter, ein Schmackes König verblutet in seinem Loch.
Ach und alles ist leer und unverständlich. Der Bauch zittert wie ein Schmetterling auf den Spitzen einer Nelkenblüte.
Die neueste Nachricht: Über den Wolken gibt es auch keine Freiheit.
Und sieh mal - alles was ich sehe, habe ich schon gesehen. Und was ich höre - habe ich bereits gehört. Und fühle und schmecke und sage und gehe und wisse.
Es ist mitten im Winter, ein Honigloch im Gebälk verrät eine Liebschaft.
Eine Liebschaft aus Fleisch und Blut, aus Haut und Schweiß, aus Genuß und genießen.
An der Küste aber, da weht ein heißer Wind, direkt von Dubai herüber.
Keiner will dem König helfen, will ihn ziehen aus seinem Blut, diesmal, o König, ist es dein eigenes Blut. Die Erde saugt es auf und vergisst es sogleich. Und die Sonne wird sich eines Tages übergeben und in Dunkelheit versinken.
Dann ist es kalt. Die Erde wird zittern, wie der Bauch eines Schmetterlings auf den zarten gelben Spitzen einer Rosenblüte.

So was musst du nicht schreiben, Junge, das verdirbt dir den Stil und den Charakter deiner Träume.

Doch wisse, bis dahin, bis die Sonne sich zu Tode kotzt, werden noch viele und aberviele Male kalte Winter zu uns kommen. Es sei denn, du verlegst dich an die heiße Küste, dort, wo der Wind von Dubai herüberweht. Ein Wüstenwind, der heiß ist, wie das Sonnenfeuer, der jeden Schmetterlingsflügel verbrennt, wie die Haut auf deinem Körper.

Und wieder eine neue Nachricht: Der Internet Explorer ist geplatzt. Da freuen sich die einen und die anderen sind ganz grau geworden, weil sie die Einsicht in die Erkenntnis viel zu spät begriffen. Nun ist es mitten im Winter. Selbst für die Liebschaft ist es ein wenig zu kalt. Einmal beklagte sich James Joyce über den Rhythmus eines schottischen Bagpipers. Seine Frau, die schlecht sehen konnte, riet ihm, nicht mit dem Fuß zur Musik zu wippen. James knurrte, das sei nicht sein Fuß, seit wann habe er zwischen den Beinen einen Fuß. Da verstand sie und als sie mir das später in einem Brief mitteilte, fügte sie hinzu: Seitdem nannte sie sein Ding immer Füßchen, was er aber nicht lustig fand.
Aber jetzt, wo ich mich daran erinnert habe, weiß ich nicht mehr, wo die Briefe geblieben sind. Bestimmt haben sie meine Enkel gestohlen, so wie sie beinahe alles, was in meinem Haus vorhanden war, geraubt haben. Eine niederträchtige Bagage. Felix, der Sohn meiner Tochter, ist besonders mit dämonischen Trieben ausgestattet, immerzu will er das Böse tun. Einmal hörte ich meinen Sohn sagen, der Felix, der kommt nach seinem Großvater. Wenn sogar der eigene Sohn Lügen wie Selbstverständlichkeiten ausspricht, was soll dann aus den Enkeln werden? Brennholz für die Hölle. Es ist Winter und das muß so sein.

Ich sah in das Loch des Erhabenen, da sah ich viele Löcher. Außergewöhnlich schöne Frauen bissen in seine Zehen, sie hatten Wolkengesichter - ich meine natürlich die Frauen - wie können denn Zehen Gesichter haben, außer im Märchen.
Alles scheint an dieser Stelle ein bisschen verborgen zu sein, verstellt von Erosionen aus grauer Vorzeit, warum müssen die grau sein, es genügt doch schon grün. Was willst du wissen? Warum der Internet Explorer wieder nicht geplatzt ist? Warum das ganze Internet noch nicht geplatzt ist? Warte nur ein Weilchen, dann knallts auch in deinen Ohren. Vorwärts geht das Netzwerk in die Tiefe. Ein Erdbeben kracht mal kurz und schon kippt jeder Server um. Dann scheint wieder die Sonne.
Und später Claire de Lune.

Übrigens: Es ist mitten im Winter, trotzdem bekommst du Erdbeeren und Weintrauben. An der Eingangstür noch schnell eine kleine Spende, fünfzig Cent.
Nachts ist es immer kälter.

©Hans Wisotzki (2010)
Eine andere Geschichte


Viele Geschichten liegen auf der Straße, man muß sich noch nicht mal bücken, um sie zu bekommen. Aber es sind natürlich Geschichten, die sich oft bis in die Einzelheiten hinein wiederholen. Die außergewöhnlichen sind rar, nach denen muß man lange Ausschau halten.

Einmal reiste ein langhaariger Geschichtenerfinder extra bis nach Nordnorwegen, weil ihm ein guter Bekannter einen Tipp gegeben hatte. Aber die Reise verlief ungünstig, sein Auto hatte unterwegs eine Reifenpanne, ein Unwetter zwang ihn in einem trostlosen Holzhüttenkaff auszuharren, dann wurde er von einer fiebrigen Erkältung gepackt und noch geschwächt machte er sich nach der eingetretenen Wetterbesserung an die Weiterfahrt. Doch er spürte, dass er es nicht mehr schaffen würde, dass er nicht in der Lage wäre, das Ziel zu erreichen.

In der nächsten Ortschaft quartierte er sich deshalb in ein fast leeres Hotel ein und blieb zwei Tage im Bett. Die Inhaberin brachte ihm Tee und eine Hühnersuppe, sogar Aspirin bot sie ihm an. Abends setzte sie sich für eine Weile zu ihm und murmelte einheimische Märchen in sein Ohr. Als es ihm nicht besser ging, holte sie den Arzt, einen langen, nach Schnaps riechenden Kerl, der sich ihm näherte, als würde er zu einem Schlachtochsen geführt. Der Arzt presste seine groben kalten Hände auf die nackte Brust des jungen Mannes. Er stach sein Stethoskop in die Haut des Erkrankten, verzog das unrasierte Gesicht und hustete ungenierlich in der Gegend herum. Er hat keine Chance, sagte er zu der Inhaberin, in drei Tagen verreckt er.

Im selben Ort lebte eine palästinensische Flüchtlingsfamilie, die drei Kinder hatte. Das älteste von ihnen war die neunzehnjährige Tochter Samira, die zweimal in der Woche für vier Stunden an der Rezeption aushalf. Die Inhaberin schickte sie zu dem Kranken hinauf, sie solle ihm ein schönes Lied ihrer Heimat vorsingen, denn Heimatlieder seien von gesundheitsfördernder Kraft. Samira war keine gute Sängerin und ihr fiel nur ein Stück des Liedes Anta Omri von Om Kolsum ein. Der Geschichtenerfinder hörte ihr zu und trotz seines fiebrigen, röchelnden Atems, seines von Kopfschmerzen gequälten Kopfes, heckte er einige Zeit später eine wahnsinnig schräge Geschichte aus, die ihm dann selber so verquer vorkam, dass er die vier Blätter wieder zerknüllte und sie sich eins nach dem anderen in den Mund schob, sie zerkaute und hinunter schluckte.

Drei Tage später war er gesund und bedankte sich bei der vor Freude über das ganze Gesicht strahlenden Inhaberin für ihre Fürsorge. Ich heiße Ludwig, sagte er dann zu Samira und benahm sich in ihrer Gegenwart seltsam, so dass sie annahm, er wollte sie freien. Tatsächlich heirateten sie noch in derselben Woche. Ludwig schrie ins Feuer, als die Nacht der Begattung hereinbrach. Draußen fielen dicke norwegische Schneeflocken vom einsamen Himmel. Hier war das leben wie in einem Kieslowski Film, alles war vom Zufall abhängig.

Das Ehepaar zog nach Oslo, wo er eine Anstellung bei einer Tageszeitung fand, er konnte inzwischen norwegisch, denn es waren schon drei oder vierzehn Jahre vergangen und sie hätten zwei Kinder haben können, wenn hier die Geschichte ihrer Beziehung hätte erzählt werden dürfen. Denn nur das Leben ist wirklich wahr, dessen Geschichte auch erzählt wird. Ludwig und Samira, von der eine sanfte Schönheit, wie von der eines Rentierweibchens ausging, lebten also lediglich wie zwei Menschen, deren Existenz nur durch ihre Namen bewiesen werden kann. Zwischendurch reiste Ludwig nach Hause, um dort ein paar Dinge zu klären. Weil er dick und unansehnlich geworden war, erkannte ihn kaum noch jemand seiner alten Bekannten, selbst die Mutter, eine grauhaarige Kartenlegerin im Fernsehen, musste sich verbiegen, um Ludwig als ihren Sohn zu erkennen und in die Arme zu nehmen. Dort blieb er dann einige Jahre hängen und verfiel wieder seinem alten Laster des Geschichten Erfindens. Aber davon lebte er ja, denn das war sein Beruf. Aber, kann man denn davon überhaupt anständig leben …?

Samira arbeitete inzwischen als Zahnarzthelferin und wuchs zu einer schönen Frau heran. Das wird dann eine andere Geschichte.

©Hans Wisotzki (2009)
FAMA FÜNFZEHN

Aussteigen, der Zug endet hier. Ein Bahnhof. Eine leere Abfertigungshalle. Da hinten eine uniformierte Person, die wird was wissen. Hallo. Ich bin. Ich möchte. Wo sind wir hier eigentlich? Bis zum Ausgang, dann immer geradeaus, nach fünfhundert Metern das Zentrum. Hinaus, hinaus.
Blauhimmel. Frischwind. Menschen sprießen aus dem Boden. Man kennt mich hier auch schon. Grüße fliegen entgegen. Prallen an mir ab. Mein Ziel steht fest: Ich bin gesandt, mit Auftrag. Soll mich doch das Leben überraschen.
Was für Geräusche da auf einmal aus einem einsam stehenden Haus heraus und bis dicht an meine Ohren dringen. Ganz klar, ein Streichquartett. Grüße Sie, Herr Hovenbeeth. Bitte nicht so laut! Die erste Violine schreit misstönend. Aber was sind heutzutage eigentlich Misstöne? Wie schön, der zarte Mo tanzt auf seinem Sockel, wiegt das Hüftchen.
Geht's denn hier nicht weiter?
Eine Schlange vorm Busengeschäft. Marilyn küsst Amy überallhin, die aber weiß nicht mehr, wo überall ist. Wer ist die Busenkönigin in diesem Sommer? Jeder darf mal grabschen. Kalte Haut über den Silikonbergen.
Hier sind die Straßen nach oben gebogen, nach unten hin wird's immer tiefer, niemand will im Loch verschwinden. Alle scheinen mich zu kennen. Wie geht's? Du auch hier? Lange schon gesehen, was? Bleib doch ein Weilchen. Wir sehen uns.

Jemand hat mir einen Brief oder ein Dokument oder Aufzeichnungen in die Hand gedrückt. Bring das mal dahin. Adresse steht auf dem Umschlag. Ist eilig.
Dahin ist hier. Was tun, wenn die Straßen keine Namen haben? Halte einer Frau mit ganz grünen Augen, grünen Haaren und grüner Kleidung die Adresse vors blassgrüne Gesicht. Da hinten. Ihr Finger wedelt kerzengrade. Ihr Musterblick von oben bis unten auf meiner Erscheinung. Bin ich etwa verachtenswert? Ich sage: Wollen wir was zusammen trinken?
Aus ihrem Rucksack holt sie eine angebrochene Flasche Wasser. Hier. Trink mal was.
Diese Zicke ist nichts für mich. Zu spröde. Ich mag die Schüchternen.
Zwei junge Männer mit Glenn-Gould-Gesichtern stromern vorbei. Sie bluten aus der Nase. Wir haben unsere Phase, rufen sie freudig. Der eine hat schwarze, der andere weiße Finger.

Jemand ruft mich. Er kennt meinen Namen. Er muß mich also kennen. Wie könnte er mich sonst rufen?

Verwunderung am Platz wegen fehlender Orientierung. Wie macht das Tier im Orient? Ung, ung. Zeige einer anderen Schauspielerin meine papierne Botschaft. Wie dumm. Sie kann nicht lesen. Kann nur sprechen. Jeden Text kaut man ihr vor. Warum wackelt sie beim Reden bloß ständig mit dem Hintern? Also sage ich: Fama fünfzehn.
Kenn ich. Na klar. Kenn ich. Hab ich gesehen. Da hat doch Franka mitgemacht. Mit dem, mit dem, ach, wie heißt er denn jetzt gleich…
Jetzt gleich will ich die Adresse wissen. Ich laß die Blöde stehen. Selber blöd, ruft sie mir nach.
Also Mut gefasst und Hoffnung geschöpft. Hinein ins Geschäft mit Modehüten. Plastiktüten. Die Geschäftsführerin betritt mich und sieht aus wie Indira Ghandi. Fragt: Womit können Sie mir dienen?
Fama fünfzehn?
Mit einem Blick aus Tod und Teufel wendet sie sich von mir weg und wird sich mir auch nie wieder zuwenden. Eine Verkäuferin mit hübschem Zarah-Leander-Mund nähert sich und raunt: Hundert Meterchen geradeaus, dann links, an der Kirchenruine vorbei, bis zur abgebrannten Tankstelle, dann in die kleine Seitengasse rechts, da, wo noch die verkohlten Babyleichen liegen müssen, vorsicht, überall Ratten an den Latten, jedenfalls kommt dann die Fama vierzehn, da, glaube ich, links rein, dann wird's ein bisschen kompliziert, frag einfach jemanden, da lungert genug Gesocks herum. Und pass auf: Beim ersten Mal, da tuts noch weh, da hilft nur Butter oder Ghee. Alles klar, Süßer?

Ich bin froh und glücklich, als ich die Überreste der Babykadaver erreiche. Schlage ein Kreuz über sie. Solln sie doch im Paradies verrecken. Mehr will ich nicht. Wenns brennt, die Mutti flennt. Rumms. Ein Attentat, oder was? Dicke Rauchfahne aus näherer Entfernung. Krawumms. Ein Ballerblitz. Mit Knalleffekt der Djihadist. Umgeschnallt und dann verpisst. Schon sind sie hier, bei uns? Frauen an den Fenstern. Ängstlich und um ihre Frisuren besorgt. Männer bleiben stehen und halten ihre Autos fest. Ein paar aufgeregte Punks mit kräftigem Schmiß auf ihren rosigen Wangen. Und schauen ganz Handytraurig in ihr leergeräumtes I-Pod. Auf einmal erwachsen geworden, müssen sie sich doch tatsächlich selber den Arsch abwischen. Dabei geht so manches zu Bruch. Schön, dass sie immer noch ihre große Klappe aufreißen können. O Tannenbaum, grölen sie und greifen sich erregt an die Ostereier. Die Mädels greifen aber daneben.

Ich muß mich sputen. Wo ist Fama fünfzehn?
Durch den Anschlag sind die Straßen und Wege, die Gässchen und Plätzchen voll von Neugierigen geworden. Hunde bellen sich heiser, Tauben werden ganz taub. Mit leisem Plopp, platzen Spatzen. Ach ja, an drei Haltestellen hängen schon die ersten Manager mit Brad-Pitt-Gesichtern. Das geht so schnell. Das mit dem Lebensende. Das röchelt sich so fix hinüber. Ehrlich. Schneller als Gott pinkeln kann, bist du schon im Jenseits und wolltest doch eigentlich nur mal eben über die Straße. Also: Aufpassen! Was du heute kannst verscherbeln, bringt dich morgen schon zum sterbeln.

Ich bin dagegen klein und unbedarft und will doch nur meinen Auftrag erledigen. Mein Auftraggeber ist in diesem Fall besonders pingelig. Er hat mich ins Vertrauen gezogen. Das schnürt mir nun die Kehle zu. Auf so ein Vertrauen kann ich nicht bauen. Das ist wie ein Halunken-Ehrenwort. Ich will aber kein Ehrenwort sein. Ich frage die Leute. Jeder schickt mich in eine andere Richtung. Manche raten mir ab, dorthin zu gehen. Sie flüstern fast dabei. Einige haben Tränen in den Augen. Romy ist schon lange tot und bleibt es auch. Lassen Sie doch die Toten ruhen, in ihren Truhen.
Ich bin aber noch unbedarfter und schreite voran. Biete Belohnung und zücke einen Geldschein. Eine Krähe rauscht heran und schnappt sich das braune Scheinchen. Oben im vierten Stock fängt ein ganz Gewitzter das Flattervieh mit einem Köcher. Dann lässt er Corvus Corax wieder frei und grüßt hinab. Ich schreie hinauf: Fama fünfzehn?
Ja, brüllt er zurück, gehen Sie nur immer munter drauflos. An der Ecke rechts, dann links, dann wieder rechts, dann das dritte Haus auf der rechten Seite, dann die siebente Tür im dritten Hof, weiter noch nach rechts, da wo die Toiletten nach Parfüm riechen, dann verharren Sie und warten auf das Licht. Aber fragen Sie vorsichtshalber noch einen anderen.
Sein Kopf von unten im Gegenlicht, wie Jesus am Kreuz.

Na gut. Also, an der Ecke rechts, dann links. An der Ecke rechts frage ich eine alte freundlich lächelnde Frau: Der hat doch gesagt, hier nach links, oder? Ja, ja, sagt sie und: Sie sehen aus wie der Truffaut, der mein Neffe war.
In der Tat, sage ich, aber nur als er ganz jung war und dann müssen Sie auch noch den Spiegel verkehrt herum halten.
Links und wieder rechts. Zwei streitende alte Männer unterbreche ich. Hat er nicht gesagt, hier das dritte Haus? Na ja doch, sagt der ältere der beiden, was ich daran erkenne, dass er eine dicke Warze auf der Oberlippe hegt und pflegt, was soll er denn sonst auch sagen.
Das dritte Haus sieht aus wie das vierte oder fünfte, sieht aus wie alle Häuser hier. Es gibt auch keine Nummernschilder. Er sagte doch, das dritte Haus auf der rechten Seite, frage ich einen aufrecht stehenden Mann, der wie Kafka aussieht, sich aber Akfak nennt und mir etwas verlegen seine neue Verlobte vorstellen will. Nix da, habe keine Zeit. Will nur wissen, rechte oder linke Seite? Er meint: Vor dem Gesetz entscheidet nur ein gerader Weg und oftmals gibt es einen krummen Ausgang. Ich laß den Spinner stehen und wende mich einem Kind zu.
Bist du ein Mädchen oder ein Junge?
Zuckt mit den Schultern. Deutet auf die rechte Seite. Was für ein hübsches Balg. Kurz lege ich meine Hand auf das edle Geschöpf. Da schreit es mir von allen Seiten entgegen. Laß die Finger weg! Die gehört uns! Lolita, komm sofort nach Hause!


Als ich endlich die siebente Tür im dritten Hof erreiche - das es tatsächlich der dritte sei, erfuhr ich durch schmeichelndes Nachfragen bei einer schwarzen Katze, die auf den Namen Meschki hörte und zutraulich ihr Köpfchen an meinen Beinen rieb - bleibt mir nur noch übrig, nach den parfümierten Toiletten zu suchen.
Wo sind denn hier, frage ich drei oder vier Schulmädchen, die - na - ihr wisst schon?
Eine hält mir die offene Hand entgegen. Ich tue einen Schein hinein. Zu wenig, sagt sie. Ich tue noch einen dazu. Das reicht nicht, sagt eine andere. Ich tue ein weiteres Werk der Spendenfreudigkeit. Ich tue das eine ganze Weile und wundere mich selbst, wo denn die vielen Scheine. Alle aus meiner Tasche? Ich tue und tue und habe schließlich eine gute Tat getan. Eins der Mädchen kichert. Also, fordere ich ungeduldig, wo denn nun?
Sie stehen ja direkt davor.
Bevor ich handgreiflich werden kann. Schnell ist die Jugend mit den Füßen. Auf und davon. Schreie ich ihnen hinterher, um mich lächerlich zu machen? Geb ich hier den dummen Hans und mach mich zum Büttel?

Ich warte auf das Licht. Irgendwann kommt zu mir die Idee, dass ich den Lichtschalter ja auch selber bedienen kann.
Ach ja. Da ist ein Pfeil. Ihm folgend, gelange ich nach vielen rechts und links herum wieder hinaus auf eine breite, zurzeit stark befahrenen Straße und dann sehe ich ihn: Groß und gelb steht er vor mir. Ein Häuschen ganz aus stabilem Blech. Deutlich die Aufschrift: Fama Fünfzehn. Hat einen Mund, den eine Klappe verschließt. Selber muß ich sie öffnen und den Briefumschlag hinein werfen.
Adieu.
An einem geheimen Ort werden fleißige Hände das Beförderungsgut entgegen nehmen, es öffnen und den Inhalt dann seinem eigentlichen Adressaten zukommen lassen. Das macht meinen Auftraggeber zufrieden und den Adressaten glücklich. Und ich darf mich stolz fühlen. Bin ein Bote, der wie ein Boot von einem Ufer zum anderen fährt und Gäste hin und her befördert. Gäste sind wir doch alle nur. Aber wer ist dann eigentlich der Gastgeber?

Grüße Sie, Herr Hovenbeeth. Was macht die Elise? Wie? Immer noch nicht verlobt? Fragen Sie mal den Akfak, der hat darin Erfahrungen.
Und vom Himmel hoch, da fließt ein Bach. Ich weiß zum Schluß aber gar nicht, was das alles bedeuten soll. Schön, dass Sie ein Weilchen meinen Weg begleitet haben. Mit herzlichen Grüßen: Krawumm.

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©Hans Wisotzki 2008