FAMA FÜNFZEHN

Aussteigen, der Zug endet hier. Ein Bahnhof. Eine leere Abfertigungshalle. Da hinten eine uniformierte Person, die wird was wissen. Hallo. Ich bin. Ich möchte. Wo sind wir hier eigentlich? Bis zum Ausgang, dann immer geradeaus, nach fünfhundert Metern das Zentrum. Hinaus, hinaus.
Blauhimmel. Frischwind. Menschen sprießen aus dem Boden. Man kennt mich hier auch schon. Grüße fliegen entgegen. Prallen an mir ab. Mein Ziel steht fest: Ich bin gesandt, mit Auftrag. Soll mich doch das Leben überraschen.
Was für Geräusche da auf einmal aus einem einsam stehenden Haus heraus und bis dicht an meine Ohren dringen. Ganz klar, ein Streichquartett. Grüße Sie, Herr Hovenbeeth. Bitte nicht so laut! Die erste Violine schreit misstönend. Aber was sind heutzutage eigentlich Misstöne? Wie schön, der zarte Mo tanzt auf seinem Sockel, wiegt das Hüftchen.
Geht's denn hier nicht weiter?
Eine Schlange vorm Busengeschäft. Marilyn küsst Amy überallhin, die aber weiß nicht mehr, wo überall ist. Wer ist die Busenkönigin in diesem Sommer? Jeder darf mal grabschen. Kalte Haut über den Silikonbergen.
Hier sind die Straßen nach oben gebogen, nach unten hin wird's immer tiefer, niemand will im Loch verschwinden. Alle scheinen mich zu kennen. Wie geht's? Du auch hier? Lange schon gesehen, was? Bleib doch ein Weilchen. Wir sehen uns.

Jemand hat mir einen Brief oder ein Dokument oder Aufzeichnungen in die Hand gedrückt. Bring das mal dahin. Adresse steht auf dem Umschlag. Ist eilig.
Dahin ist hier. Was tun, wenn die Straßen keine Namen haben? Halte einer Frau mit ganz grünen Augen, grünen Haaren und grüner Kleidung die Adresse vors blassgrüne Gesicht. Da hinten. Ihr Finger wedelt kerzengrade. Ihr Musterblick von oben bis unten auf meiner Erscheinung. Bin ich etwa verachtenswert? Ich sage: Wollen wir was zusammen trinken?
Aus ihrem Rucksack holt sie eine angebrochene Flasche Wasser. Hier. Trink mal was.
Diese Zicke ist nichts für mich. Zu spröde. Ich mag die Schüchternen.
Zwei junge Männer mit Glenn-Gould-Gesichtern stromern vorbei. Sie bluten aus der Nase. Wir haben unsere Phase, rufen sie freudig. Der eine hat schwarze, der andere weiße Finger.

Jemand ruft mich. Er kennt meinen Namen. Er muß mich also kennen. Wie könnte er mich sonst rufen?

Verwunderung am Platz wegen fehlender Orientierung. Wie macht das Tier im Orient? Ung, ung. Zeige einer anderen Schauspielerin meine papierne Botschaft. Wie dumm. Sie kann nicht lesen. Kann nur sprechen. Jeden Text kaut man ihr vor. Warum wackelt sie beim Reden bloß ständig mit dem Hintern? Also sage ich: Fama fünfzehn.
Kenn ich. Na klar. Kenn ich. Hab ich gesehen. Da hat doch Franka mitgemacht. Mit dem, mit dem, ach, wie heißt er denn jetzt gleich…
Jetzt gleich will ich die Adresse wissen. Ich laß die Blöde stehen. Selber blöd, ruft sie mir nach.
Also Mut gefasst und Hoffnung geschöpft. Hinein ins Geschäft mit Modehüten. Plastiktüten. Die Geschäftsführerin betritt mich und sieht aus wie Indira Ghandi. Fragt: Womit können Sie mir dienen?
Fama fünfzehn?
Mit einem Blick aus Tod und Teufel wendet sie sich von mir weg und wird sich mir auch nie wieder zuwenden. Eine Verkäuferin mit hübschem Zarah-Leander-Mund nähert sich und raunt: Hundert Meterchen geradeaus, dann links, an der Kirchenruine vorbei, bis zur abgebrannten Tankstelle, dann in die kleine Seitengasse rechts, da, wo noch die verkohlten Babyleichen liegen müssen, vorsicht, überall Ratten an den Latten, jedenfalls kommt dann die Fama vierzehn, da, glaube ich, links rein, dann wird's ein bisschen kompliziert, frag einfach jemanden, da lungert genug Gesocks herum. Und pass auf: Beim ersten Mal, da tuts noch weh, da hilft nur Butter oder Ghee. Alles klar, Süßer?

Ich bin froh und glücklich, als ich die Überreste der Babykadaver erreiche. Schlage ein Kreuz über sie. Solln sie doch im Paradies verrecken. Mehr will ich nicht. Wenns brennt, die Mutti flennt. Rumms. Ein Attentat, oder was? Dicke Rauchfahne aus näherer Entfernung. Krawumms. Ein Ballerblitz. Mit Knalleffekt der Djihadist. Umgeschnallt und dann verpisst. Schon sind sie hier, bei uns? Frauen an den Fenstern. Ängstlich und um ihre Frisuren besorgt. Männer bleiben stehen und halten ihre Autos fest. Ein paar aufgeregte Punks mit kräftigem Schmiß auf ihren rosigen Wangen. Und schauen ganz Handytraurig in ihr leergeräumtes I-Pod. Auf einmal erwachsen geworden, müssen sie sich doch tatsächlich selber den Arsch abwischen. Dabei geht so manches zu Bruch. Schön, dass sie immer noch ihre große Klappe aufreißen können. O Tannenbaum, grölen sie und greifen sich erregt an die Ostereier. Die Mädels greifen aber daneben.

Ich muß mich sputen. Wo ist Fama fünfzehn?
Durch den Anschlag sind die Straßen und Wege, die Gässchen und Plätzchen voll von Neugierigen geworden. Hunde bellen sich heiser, Tauben werden ganz taub. Mit leisem Plopp, platzen Spatzen. Ach ja, an drei Haltestellen hängen schon die ersten Manager mit Brad-Pitt-Gesichtern. Das geht so schnell. Das mit dem Lebensende. Das röchelt sich so fix hinüber. Ehrlich. Schneller als Gott pinkeln kann, bist du schon im Jenseits und wolltest doch eigentlich nur mal eben über die Straße. Also: Aufpassen! Was du heute kannst verscherbeln, bringt dich morgen schon zum sterbeln.

Ich bin dagegen klein und unbedarft und will doch nur meinen Auftrag erledigen. Mein Auftraggeber ist in diesem Fall besonders pingelig. Er hat mich ins Vertrauen gezogen. Das schnürt mir nun die Kehle zu. Auf so ein Vertrauen kann ich nicht bauen. Das ist wie ein Halunken-Ehrenwort. Ich will aber kein Ehrenwort sein. Ich frage die Leute. Jeder schickt mich in eine andere Richtung. Manche raten mir ab, dorthin zu gehen. Sie flüstern fast dabei. Einige haben Tränen in den Augen. Romy ist schon lange tot und bleibt es auch. Lassen Sie doch die Toten ruhen, in ihren Truhen.
Ich bin aber noch unbedarfter und schreite voran. Biete Belohnung und zücke einen Geldschein. Eine Krähe rauscht heran und schnappt sich das braune Scheinchen. Oben im vierten Stock fängt ein ganz Gewitzter das Flattervieh mit einem Köcher. Dann lässt er Corvus Corax wieder frei und grüßt hinab. Ich schreie hinauf: Fama fünfzehn?
Ja, brüllt er zurück, gehen Sie nur immer munter drauflos. An der Ecke rechts, dann links, dann wieder rechts, dann das dritte Haus auf der rechten Seite, dann die siebente Tür im dritten Hof, weiter noch nach rechts, da wo die Toiletten nach Parfüm riechen, dann verharren Sie und warten auf das Licht. Aber fragen Sie vorsichtshalber noch einen anderen.
Sein Kopf von unten im Gegenlicht, wie Jesus am Kreuz.

Na gut. Also, an der Ecke rechts, dann links. An der Ecke rechts frage ich eine alte freundlich lächelnde Frau: Der hat doch gesagt, hier nach links, oder? Ja, ja, sagt sie und: Sie sehen aus wie der Truffaut, der mein Neffe war.
In der Tat, sage ich, aber nur als er ganz jung war und dann müssen Sie auch noch den Spiegel verkehrt herum halten.
Links und wieder rechts. Zwei streitende alte Männer unterbreche ich. Hat er nicht gesagt, hier das dritte Haus? Na ja doch, sagt der ältere der beiden, was ich daran erkenne, dass er eine dicke Warze auf der Oberlippe hegt und pflegt, was soll er denn sonst auch sagen.
Das dritte Haus sieht aus wie das vierte oder fünfte, sieht aus wie alle Häuser hier. Es gibt auch keine Nummernschilder. Er sagte doch, das dritte Haus auf der rechten Seite, frage ich einen aufrecht stehenden Mann, der wie Kafka aussieht, sich aber Akfak nennt und mir etwas verlegen seine neue Verlobte vorstellen will. Nix da, habe keine Zeit. Will nur wissen, rechte oder linke Seite? Er meint: Vor dem Gesetz entscheidet nur ein gerader Weg und oftmals gibt es einen krummen Ausgang. Ich laß den Spinner stehen und wende mich einem Kind zu.
Bist du ein Mädchen oder ein Junge?
Zuckt mit den Schultern. Deutet auf die rechte Seite. Was für ein hübsches Balg. Kurz lege ich meine Hand auf das edle Geschöpf. Da schreit es mir von allen Seiten entgegen. Laß die Finger weg! Die gehört uns! Lolita, komm sofort nach Hause!


Als ich endlich die siebente Tür im dritten Hof erreiche - das es tatsächlich der dritte sei, erfuhr ich durch schmeichelndes Nachfragen bei einer schwarzen Katze, die auf den Namen Meschki hörte und zutraulich ihr Köpfchen an meinen Beinen rieb - bleibt mir nur noch übrig, nach den parfümierten Toiletten zu suchen.
Wo sind denn hier, frage ich drei oder vier Schulmädchen, die - na - ihr wisst schon?
Eine hält mir die offene Hand entgegen. Ich tue einen Schein hinein. Zu wenig, sagt sie. Ich tue noch einen dazu. Das reicht nicht, sagt eine andere. Ich tue ein weiteres Werk der Spendenfreudigkeit. Ich tue das eine ganze Weile und wundere mich selbst, wo denn die vielen Scheine. Alle aus meiner Tasche? Ich tue und tue und habe schließlich eine gute Tat getan. Eins der Mädchen kichert. Also, fordere ich ungeduldig, wo denn nun?
Sie stehen ja direkt davor.
Bevor ich handgreiflich werden kann. Schnell ist die Jugend mit den Füßen. Auf und davon. Schreie ich ihnen hinterher, um mich lächerlich zu machen? Geb ich hier den dummen Hans und mach mich zum Büttel?

Ich warte auf das Licht. Irgendwann kommt zu mir die Idee, dass ich den Lichtschalter ja auch selber bedienen kann.
Ach ja. Da ist ein Pfeil. Ihm folgend, gelange ich nach vielen rechts und links herum wieder hinaus auf eine breite, zurzeit stark befahrenen Straße und dann sehe ich ihn: Groß und gelb steht er vor mir. Ein Häuschen ganz aus stabilem Blech. Deutlich die Aufschrift: Fama Fünfzehn. Hat einen Mund, den eine Klappe verschließt. Selber muß ich sie öffnen und den Briefumschlag hinein werfen.
Adieu.
An einem geheimen Ort werden fleißige Hände das Beförderungsgut entgegen nehmen, es öffnen und den Inhalt dann seinem eigentlichen Adressaten zukommen lassen. Das macht meinen Auftraggeber zufrieden und den Adressaten glücklich. Und ich darf mich stolz fühlen. Bin ein Bote, der wie ein Boot von einem Ufer zum anderen fährt und Gäste hin und her befördert. Gäste sind wir doch alle nur. Aber wer ist dann eigentlich der Gastgeber?

Grüße Sie, Herr Hovenbeeth. Was macht die Elise? Wie? Immer noch nicht verlobt? Fragen Sie mal den Akfak, der hat darin Erfahrungen.
Und vom Himmel hoch, da fließt ein Bach. Ich weiß zum Schluß aber gar nicht, was das alles bedeuten soll. Schön, dass Sie ein Weilchen meinen Weg begleitet haben. Mit herzlichen Grüßen: Krawumm.

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©Hans Wisotzki 2008