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Schreiben im Internet Amateurpoeten, Hobby-Dichter, Freizeit-Literaten
Unzählbar ist die Menge der im Netz veröffentlichten Texte. Eine spezielle Sorte dieser Wortäußerungen häuft sich auf Portalen, die über genug Speicherplatz verfügen und den im Internet surfenden und zudem noch schreibenden Teil der User auffordern, ihre Texterzeugnisse unter bestimmten Rubriken zu veröffentlichen.
Seit Jahren ist die Zahl der Autoren und Autorinnen gestiegen, jeder hat was zu erzählen, der Drang sich schriftstellerisch zu äußern, scheint bei vielen im Blut zu liegen und so mancher mag heimlich nach den Bestsellerlisten schielen - was die können, kann ich auch.
Das Literatur-Café, Kurzgeschichten.de, Leselupe, Kongolo, storyparadies.de, e-stories.de, internet-stories, storyair u. a. - eine Fülle von Angeboten steht einem Schreibwilligen zur Verfügung. Hinzu kommen noch diejenigen, die eine eigene Homepage vorteilhafter finden und dort ihre Texte ins Netz stellen. Bei den Portalen verstecken sich die meisten hinter einem Pseudonym, und wenn ein Forum existiert, bekommt man sogar Feedback und kann in eine Diskussion einsteigen. Bei manchen Foren wundert man sich schon über die in die Tausende gehenden Beiträge einiger Leser, als ob sie rund um die Uhr vorm PC sitzen würden und lesen, lesen, lesen und schreiben, schreiben, schreiben. Oftmals sind diese Kommentare und mitunter recht heftigen Kritiken, weitaus interessanter zu lesen, als der eigentliche Beitrag.
Manche Portale sind hilfreich bemüht (aus dem Kreis engagierter Betreiber und Leser-Autoren heraus), das ins Netz gestellte Werk sorgfältig auf Grammatik und Rechtschreibung zu prüfen und bieten Verbesserungsvorschläge an. So stark der Wunsch nach literarischer Äußerung auch bei vielen ist, so schwach dagegen ist das Können, dies auch fehlerfrei zu tun. Rührend bisweilen die Lektoratsarbeit, die pingelig genau fehlende Kommata einsetzt und auf die Neue Rechtschreibung pocht. Bei manchem Beitrag scheint der Verfasser ohne eigene Überprüfung des offensichtlich schnell Hingeschriebenen nur an die rasche Veröffentlichung im Netz gedacht zu haben. Flüchtigkeitsfehler, wie fehlende oder vertippte Buchstaben, belegen den ‚Rausch', der die Amateur-Autoren gepackt haben mag.
Die meisten Geschichten sind unter zehn Seiten lang, bei längeren Werken versagt die Aufmerksamkeit der ungeduldigen Leserschaft, was manchmal aus dem spitzen Hinweis hervorgeht, man habe lediglich nur einen Teil geschafft.
Vom Inhalt her wird alles geboten, was menschliche Fantasie ausdenken kann, harmlose Schulgeschichten ebenso, wie experimentelle Literatur für Eingeweihte. Damit man weiß, wohin mit dem literarischen Erguß, gibt es gängige Rubriken, die zur Erleichterung der Genre-Einteilung dienen. Penibel wird darauf geachtet, dass rassistische und sonst wie von Rechts wegen anstößige Texte keine Plattform finden. Wer länger dabei ist, kann auf eine kleine treue Leserschaft zählen und das gegenseitige Kommentieren gehört zum beliebten Spiel, so manche gefällige Bemerkung hofft darauf als Bumerang bei der nächsten eigenen Veröffentlichung wieder aufzutauchen. Ein allzu penetranter Querulant und Stänkerer wird schon mal aus dem Forum rausgegrault. Mitunter findet man denselben Autor dann bei einem anderen Portal wieder.
Meist ist man jedoch um einen sachlichen Ton bemüht und mit verbissenem Eifer wird um Formulierungen gerungen. Autoren geben sich - allzumenschlich - sensibel und empfindlich gegenüber kritischen Bemerkungen, scheuen aber nicht davor zurück, beim Austeilen selber die harte Gangart zu fahren. Oft wird aber auf Verbesserungsvorschläge dankbar eingegangen und die Textkritik findet offene Ohren. Bei gesellschaftskritischen Themen entfernt sich der Meinungsstreit mitunter schon recht weit vom eigentlichen Beitrag, dann greift der Moderator ein oder - ganz rigoros - löscht schon mal einen Forumsbeitrag.
Manche Autoren bleiben Eintagsfliegen und lassen nie wieder was von sich hören, andere können mit einem stattlichen Katalog ihrer Werke aufwarten. Unter diesen Vielschreibern finden sich etliche, die der einmal eingeschlagenen Richtung mit konstanter Beharrlichkeit folgen und wie erfolgreiche Schlagerkomponisten, immer dasselbe aus sich heraus holen. Selten finden sich Autoren, denen es gelang ein Buch bei einem renommierten Verlag unterzubringen. Manche Portale, wie z. B. kurzgeschichten.de, haben sich auch mit der Herausgabe von Anthologien beschäftigt, das Internet allein genügt nicht, druckfrisch zieht eben immer noch.
Damit man die anonyme Leser- und Autorenschaft etwas aufhebt, werden bei manchen Portalen für Interessierte Treffen organisiert. Persönliches Kennenlernen kann ja durchaus zum besseren Verständnis der Werke eines Autors beitragen und das "über den eigenen Tellerrand blicken" fördert ganz allgemein das Spektrum der Aufnahmefähigkeit.
Angeboten werden ferner sogenannte Werkstatt-Arbeiten, da kann man zu einem vorgegebenen Thema sein Können unter Beweis stellen. Aus einer Wortgruppe von z. B. zehn Wörtern soll eine Kurzgeschichte entwickelt werden - eine Art Fantasie-Training und der Versuch, sich einmal auf andere, als die eigenen Vorgaben einzulassen.
Die Versuchung sich über die veröffentlichten Texte der Anfänger lustig zu machen ist groß, der Stilblüten Auswurf ist unermesslich, aber allein das Bemühen der Möchtegern-Schriftsteller sich auf das weite Feld der Literatur vorzuwagen und es einfach mal zu probieren, überwiegt meiner Meinung nach die Häme über die vielen missglückten Ausflüge ins Reich der Poesie.
Natürlich gibt es viele Texte, in denen über ein alltägliches Ereignis, das für den Betroffenen ungeheuer wichtig war, berichtet wird, leider aber für Unbeteiligte nichts weiter als Langeweile bedeuten. Auch der Tod eines nahen Partners und anschließendes Leid muß sich nicht unbedingt auf den Leser in der Form übertragen, dass er ebenfalls den Schmerz mitempfindet. Überhaupt ist die literarische Verarbeitung persönlich erlebter Schicksalsschläge ein enormer Fundus, aus dem viele Autoren ihre Themen schöpfen. Von den erfahreneren Nutzern solcher Portale wird dann oftmals darauf hingewiesen, dass ein bloßes Niederschreiben des Erlebten noch keine Literatur ist und dass der Unterschied von einem Aufsatz zu einer literarischen Erzählung, eben in der kunstvollen Bearbeitung des Themas, der ausgefeilten Charakterisierung der Personen und das Darstellen ihrer Widersprüche ausmacht. Das in die Realität umzusetzen gelingt dann vielen kaum, zumal man den Verdacht hegen muß, es oft mit Autoren zu tun zu haben, die über wenig literarische Vorbildung verfügen. Was nicht unbedingt ein Kriterium für gutes Schreiben sein muß, schaden dürfte es aber auch nichts.
Für viele bilden diese Plattformen lediglich eine Spielwiese, auf der man eine Weile rumturnt, ohne sich besonders verausgaben zu müssen. Naturgemäß ist die Zahl derer, die beharrlich an ihrem Stil und ihrer Ausdrucksmöglichkeit arbeiten, gering. Unter diesen findet man durchaus literarisch Anspruchsvolles, gut Lesbares, spannend Erzähltes und originelle Themen. Dieses allerdings herauszufinden braucht schon etwas Zeit und Geduld und nicht immer ist das Bildschirm-Lesen längerer Texte für die Aufmerksamkeit erträglich. Wer sich dennoch der Szene der Hobby-Autoren für längere Zeit widmet, wird mit Sicherheit so manche Perle entdecken und mit Erstaunen feststellen, wie nahe beieinander Professionelles und Amateurhaftes in der Schriftstellerei liegen.
Tausende von Kurzgeschichten, Erzählungen und Gedichten sind im Internet abrufbar. Das Medium Internet hat das verwirklichen helfen, was im Laufe der Geschichte immer wieder gefordert wurde: Der "einfache" Mitbürger als Autor, für viele zugänglich und selbst produzierend. Kein Umweg über Verlag und Buchhandel sind heute nötig, um Texte zu veröffentlichen. Nötig allerdings bei vielen wäre eine gründlichere Beschäftigung mit literarischen Zeugnissen der Vergangenheit. Mal nachzulesen wie Hesse, Maupassant, Lenz, Maugham, Faulkner usw. ihre Geschichten erzählt, Dramatisches auf- und abgebaut oder Personen eingeführt haben, könnte bei dem einen oder anderen hilfreicher zu sein, als ein noch so gut gemeinter Rat in einem der zahlreichen Foren.
© Hans Wisotzki, November 2008
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