Rose Ausländer (1901 - 1988)

Sie gilt als eine der großen deutschsprachigen Lyrikerinnen des 20. Jahrhunderts. Ihr erster Gedichtband, "Der Regenbogen", erschien 1939, ihr zweites Buch, "Blinder Sommer", 1965. Dazwischen lagen Jahre der Entbehrung, der Verfolgung, des Aufenthaltes in den USA, der beginnenden Vereinsamung. Bis 1988 erschienen weitere Gedichtbände und allmählich wuchsen Ruhm und die Zahl ihrer Bewunderer. Sie erhielt Preise, Ehrungen. Am Tag nach ihrem Tod, dem 4. Januar 1988, brachten alle wichtigen Zeitungen Nachrufe, die voll des Lobes über die Dichterin und ihr Werk waren. Inzwischen war auch ihr Gesamtwerk beim S. Fischer Verlag erschienen, betreut vom Herausgeber Helmut Braun

Am 11. Mai 1901 wird die Jüdin Rosalie Beatrice "Ruth" Scherzer in Cernowitz/Bukowina in Österreich geboren. Das Ende ihres Schulbesuchs fällt mit dem Ende des 1. Weltkrieges und mit dem Auseinanderbrechen der österreichischen Donaumonarchie zusammen. Als junge Frau beginnt sie sich mit der Philosophie Platons Spinozas und Constantin Brunners auseinanderzusetzen und wird Mitglied im ethischen Seminar in Cernowitz; besonders Brunners Lehre hat starken Einfluss auf sie. Als ihr Vater 1920 stirbt, drängt ihre Mutter sie zu Verwandten in die USA zu gehen, da sie finanziell nicht in der Lage ist, die kleine Familie zu ernähren. Zusammen mit ihrem Freund Ignaz Ausländer reist sie im Frühjahr 1921 schließlich nach Amerika, sie heiraten 1923, aber die Ehe wird bereits 1930 wieder geschieden. 1931 kehrt sie nach Cernowitz zurück um ihre kränkelnde Mutter zu pflegen. Sie veröffentlicht Gedichte und andere publizistische Texte. 1939 erscheint ihr erstes Buch im Cernowitzer Literaria Verlag. "Der Regenbogen" enthält Texte, die zwischen 1927 und 1933 entstanden sind. Für eine in deutscher Sprache schreibende jüdische Dichterin sind die Zeiten aber mehr als schlecht, ihr Buch wird zwar in einigen rumänischen und schweizer Zeitungen lobend erwähnt und Schriftsteller wie Manfred Hausmann, Arnold Zweig oder Hans Carossa schreiben freundliche Briefe, größere Aufmerksamkeit kann sie jedoch damit nicht erringen.

1939 reist sie erneut nach New York, kehrt aber wieder zurück, als sie ein Hilferuf der an Herzasthma erkrankten Mutter erreicht. Sie kehrt zurück, trotz des Risikos, inzwischen ist der 2. Weltkrieg ausgebrochen. Am 6. Juli 1941 besetzt eine SS-Einsatzgruppe Cernowitz und noch am gleichen Tag beginnt der grausame und menschenverachtende Nazi-Terror gegen die jüdische Bevölkerung. Rose Ausländer gelingt es zusammen mit ihrer kranken Mutter die Zeit im Ghetto zu überleben, oft nur dadurch, daß sie sich in Kellern verstecken und Freunde ihnen Hilfe leisten. 1946 kann sie durch die Unterstützung amerikanischer Freunde wieder nach New York reisen. Dort lebt sie bis 1965 und verdient ihren Lebensunterhalt als Fremdsprachenkorrespondentin.

Da es ihr unmöglich ist in deutsch zu schreiben, verfasst sie englische Gedichte, die in dem Band "The Forbidden Tree", 1995 im Rahmen ihrer Gesamtausgabe erschienen, zusammengefaßt sind. Sie schreibt ihre Verse in streng gebauten Gedichten und Sonetten, sie benutzt Reime und offene Formen, sie bedient sich der Umgangssprache, sie spielt mit der Sprache. Sie beobachtet ihre Umwelt und schöpft daraus Ideen für ihre Lyrik. Metaphysisches steht neben dem real Erlebten. In dem Gedicht "AT THE CORNER OF THE STREET" schildert sie in nur fünf Zeilen, vielleicht eine Beobachtung von ihrem Fenster aus, eine Begegnung zwischen einem Pidgin boy und einem Mädchen und den daraus entstehenden Flirt. "RAIN-SONG" könnte an einem verregneten Novembertag entstanden sein, am Ende keimt eine Erinnerung auf: "It pours and streams / It sings a song / Of dreary dreams / Forgotten long." Das Gedicht "STRANGE IN THIS SPHERE" gleicht einer Darstellung ihrer Gefühle sich in der neuen Umgebung zurecht zu finden, einer Umgebung, in der sie sich zunehmend einsamer zu fühlen beginnt. "A FIRMER WILL" schließlich konfrontiert uns mit der Aussage, daß all unser Bemühen und Tun letztendlich einem stärkeren Willen unterworfen ist: "Soon we shall be still / a firmer will / will speak."

Bei einer Europareise 1956 trifft sie sich mit Paul Celan in Paris. Beide kennen sich von Cernowitz her. Paul Celan ist inzwischen ein anerkannter Dichter geworden, einer der großen in der deutschsprachigen Lyrik des 20. Jahrhunderts. Inzwischen hat sie wieder begonnen in deutsch zu schreiben, dazu angeregt durch ihre amerikanische Dichterkollegin Marianne Moore. Die Begegnung mit Celan, dessen Gedichte sie kennt und verehrt, gibt ihr starke Impulse für ihre eigene Dichtung. Der Übergang zur modernen Form gelingt ihr beinahe mühelos. Nach ihrer Übersiedlung nach Deutschland läßt sie sich in Düsseldorf nieder. Der Band "Blinder Sommer" erscheint 1965, weitere folgen und allmählich wird der Name Rose Ausländer einer größeren Zahl an deutschsprachiger Dichtkunst Interessierter ein Begriff.

1972 wird sie nach einem Unfall pflegebedürftig und zieht ins Nelly-Sachs-Haus, wo sie bis zu ihrem Tod, am 3. Januar 1988, lebt. In dieser Zeit enstehen viele neue Gedichte, die in der ab 1984 beim S. Fischer Verlag beginnenden Gesamtausgabe nach und nach erscheinen, 1990 liegt das Gesamtwerk vollständig vor. In den letzten Jahren wird sie mit Preisen geehrt, das Große Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland erhält sie 1984.

Rose Ausländers Gedichte werden im Laufe der Jahre immer sparsamer, manchmal auch enigmatischer. Der Eindruck drängt sich auf, es hier mit Auszügen aus längeren Texten zu tun zu haben; quasi, als habe sie die ihr wichtigen Schlagworte herausgefiltert, und als ob sie uns nun die in Lyrik getauchte Essenz anbietet. Oft fühlt man sich an geheimnisvolle Botschaften erinnert, die uns aus einer anderen Welt geschickt werden. Rose Ausländer war keine Revolutionärin, man findet in ihrem Werk keine sprachexperimentierenden Verse. Die Wörter, die sie benutzt, könnte man altmodisch nennen: Sonne, Mond und Sterne, Liebe, Tod, Erinnerung, Heimat. Besonders oft benutzt sie die Vokabel Sterne und variiert sie phantasiereich. "Ich zähl die Sterne meiner Worte" heißt ein Band, der 1985 erschien. In ihrer Dichtung finden wir Sternverwandtschaft, Sternsträuße, Sternpendel, Mohnsterne, Sternenfinger und sich auf die Zeit im Ghetto beziehend, heißt es: "Wir färbten unsere fahlen Wangen / mit einem Stern (Auf diese Assoziationen macht Avram Andrei Baleanu in seinem klugen Aufsatz über Rose Ausländers Werk aufmerksam; erschienen in: Menora - Jahrbuch für deutsch-jüdische Geschichte, 1990).

Sie läßt uns auch an ihren Reisen teilhaben. Sie schreibt über die Orte an denen sie war und natürlich über die Orte ihrer Kindheit und Jugend, über Cernowitz und die Bukowina. Sie nimmt uns mit - genauer, sie nimmt den mit, der sich mitnehmen läßt - in die jüdische Welt ihrer Vorfahren. Und sie schreibt über Menschen: "Zum Menschen / bekenne ich mich / mit allen Worten / die mich erschaffen".

Rose Ausländer wird heute in einem Atemzug mit Dichterinnen wie Nelly Sachs, Else Lasker-Schüler oder Getrude Kolmar - die in einem der Menschenvernichtungslagern der Nazis ermordet wurde - genannt. Sie war eine Lyrikerin, die trotz ihres schweren Lebensweges und ihrer unheilbaren Krankheit, die sie die letzten zehn Jahre ihres Lebens ans Bett fesselte, die aus Liebe zum Leben gelebt hat und die diese Liebe auch in ihren Gedichten nicht verleugnet hat. Sie hat uns mit ihrer zum Ende hin immer knapper werdenden Dichtung einen Kosmos hinterlassen, ein Universum aus Wörtern. Wer sich auf die Reise machen will wird Galaxien entdecken, die einem bekannt vorkommen. Er wird sich aber auch gelegentlich an den Grenzen des Universums wiederfinden. Vielleicht wird er sich unterwegs zu seiner eigenen Überraschung selbst finden.


Weitere nicht im Text genannte benutzte Quellen: Helmut Braun, Rose Ausländer - Zu ihrer Biographie (1999)
Leslie Morris, Nachwort in THE FORBIDDEN TREE (1995)
Artikel in: Kindlers Neues Literatur Lexikon (1996)
Musikalische Umsetzung einiger ihrer englischen Gedichte auf der CD A FIRMER WILL, siehe shamanidisc