Pascha Karimi & Karim Eharruyen
Small Planet (2010)
Die CD "Small Planet" ist die Produktion zweier Musiker aus Marokko und dem Iran. Pasha Karami, 1979 in Shiraz geboren, spielt die traditionelle Trommel Tonbak. Als Schüler von Navid Afghah bekam er seine Ausbildung. Sein Interesse gilt auch anderen, nichtiranischen, Rhythmen und so kam es zur Zusammenarbeit mit dem Marokkaner Karim Eharruyen, einem 1969 geborenen Oudspieler. Auf dieser CD, sie enthält acht Titel, gelingt es beiden in ausgiebigen Improvisationen ihr Talent zu zeigen. Gleichwohl ist es kein reines Abliefern von Virtuosenstücken geworden. Beide Musiker bleiben im Rahmen orientalischer Musik und vereinen dennoch ihre experimentelle Spielweise mit dem Traditionellen. Eharruyen spielt sein Oud mitunter wie eine Gitarre, das auch das erste Instrument war, mit dem er als Kind in Berührung kam. Er hat eine eigene Spielweise entwickelt, in die er ‚schräge' Töne einbindet, etwa im Track 6 "Improvisation". Zwei Gastmusiker, Sandip Bhattacharya - Tabla und Ramin Azimian - Tar, sind ebenfalls mit von der Partie.
Über Karami gibt es Infos, Musik und Videos auf seiner Homepage, ebenso auf der Webseite von Eharruyen. Wer Persisch kann, findet die CD auch als Download bei SHABZENDEHA, einer Seite mit viel Musik aus dem Iran. Wo genau die CD "Small Planet" erschienen ist, konnte ich nicht herausfinden.
The Rolling Stones
Exile on Main Street (2010)
"Exile on Main Street" war das zehnte Studioalbum der Rolling Stones und für mich hat sich in seiner Beurteilung seit seinem Erscheinen 1972 nicht wesentlich viel geändert: Etwas mehr als eine Handvoll Songs nahm ich damals auf Tonband auf, der Rest war mir zu krachig, mehr was für die Bierzeltatmosphäre. Die Bläsereinsätze, die meist später hinzugefügt wurden, und Jaggers kreischendes Ansingen gegen den übrigen, irgendwie lustlos abgespielten Sound, lösten bei mir keine Begeisterung aus. Vieles klang zu ‚unfertig' oder irgendwie nicht ausgearbeitet. Auch die nun ‚remasterte' "DeLuxe Version" plus einer zusätzlichen CD mit zehn unveröffentlichten Songs gelingt es nicht, an meiner ursprünglichen Einstellung zu diesem Album etwas zu ändern. Dass man immer wieder die Bezeichnung ‚Meisterwerk' zu hören und zu lesen bekommt, ist mir daher überhaupt nicht nachvollziehbar. Und diese Hin- und Her-Remasterei ist in diesem Fall wohl eher einem kommerziellen Hintergrund geschuldet. Eine wesentlich andere Höreinstellung wird dadurch nicht geboten, weil die Struktur der Songs schwach ist und über wenige Einfälle nicht hinaus kommt, da haben Jagger und Richards vorher und nachher viel Besseres hervorgebracht. Fazit: Letztendlich nur für Sammler oder Nostalgiker interessant.
Nguyen Le
Sayuki (2010)
Der gebürtige Vietnamese Nguyên Lê ist seit Jahren unterwegs, um in Sachen World-Jazz ein gewichtiges Wörtchen mitzureden. Diesmal hat der Gitarrist sich der asiatischen Welt zugewandt und fand dabei Unterstützung von solch illustren Mitstreitern wie der Bansuri-Flute Legende Hariprasad Chaurasia, der viel mit John McLaughlin zusammen musizierte. Die Japanerin Mieko Miyazaki (Koto, vocal) und Prabhu Edouard (tabla, percussion, voc) sind weitere Musiker auf diesem außergewöhnlichen Album. "Saiyuki" entstand 2009 und enthält 10 Stücke. Einfühlsam passt sich Nguyên Lê dem eher jazzfernen Spiel seiner Kollegen an und so entstand eine Musik, die mal leicht, mal rhythmisch, mal japanisch oder indisch daherkommt. Das ist kein Mischmasch geworden, dem der Jazzgitarrist seinen Stempel aufdrückt, sondern ein kluges, harmonisches Miteinander. Vielleicht liegt es auch daran, dass nicht Lê allein als Komponist tätig war. Die Cd beginnt mit dem indisch orientierten Stück "Sweet Ganesh" und endet mit "Ila", einer ruhigen Komposition, bei der die Kotospielerin Mieko und Nguyên Lê in einem behutsamen Zusammenspiel einen würdigen Abschluß dieses empfehlenswerten Albums liefern.
Mohammad Reza Mortazawi
Saena (2010)
Mohammed Reza Mortazawi, der in Isfahan geborene iranische Percussionist, lebt seit einigen Jahren in Deutschland. Schon als Kind hat er das Donbakspielen gelernt und es dabei relativ schnell zu einer seltenen Perfektion gebracht. Inzwischen hat der jetzt 32igjährige seine neunte CD - diesmal bei dem iranischen Label Hermesrecords - veröffentlicht. Donbak und Daf sind die beiden Instrumente, auf die er sich spezialisiert hat. Einige Proben des unnachahmlichen Spiels können auf seiner Homepage www.moremo.de oder auch auf youtube betrachtet werden.
Die neue CD "Saena" enthält acht Titel auf denen er erneut in einmaliger Weise zeigt, was auf der Donbak alles möglich ist. Es sind kleine Melodien, die er mit flinken Fingern hervorzaubert und durch sein filigranes Trommelspiel umrahmt. Längst hat er mit seiner Spielweise den traditionellen Rahmen iranischen Donbakspiels verlassen und ist in virtuose Weiten vorgedrungen. Er ist kein radikaler Experimentierer, benutzt keine Verfremdungseffekte oder elektronische Filter. Alle Klänge werden tatsächlich ‚nur' mit den Händen erzeugt. Seine Musik verlangt nach aufmerksamen Zuhörern. Mortazawi liefert kein bloßes Rhythmusfeuerwerk, obwohl er dazu auch in der Lage ist. Sein Spiel ist nicht auf donnernde Dramatik aus. Introvertiert ist hier wohl das richtige Wort.
Gelegentlich wirkt er bei Theateraufführungen (Move in Pattern, Burka Bondage) als Percussionist mit oder spielt - neben seinen Solo Konzerten - mit Jazzmusikern wie dem Drummer Günther Baby Sommer oder auch mit seinem Bruder, dem Santurspieler Ali Reza Mortazawi. Wer ausgefeiltes und jenseits des üblichen rhythmischen Einerleis agierendes Percussionsspiel mag, muß Mortazawi hören, oder, wenn möglich, ihn bei einem Live-Konzert erleben! A splendid time is garanteed.
Dan Welcher
Streichquartette 1-3 (2009)
Dan Welcher gehört sicherlich zu den zeitgenössischen amerikanischen Komponisten, die hier kaum bekannt sein dürften. 1948, in Rochester, Neu-England, geboren, zeigt er auf der nun bei NAXOS erschienenen CD Streichquartette 1 - 3, eine abwechslungsreiche Palette an kompositorischen Ausdrucksmitteln. Welchers Opus umfasst über hundert Werke, zu denen orchestrale (darunter fünf Symphonien), solistische, kammermusikalische und zwei Opern gehören und sein breites Spektrum deutlich machen. Er hat viele Preise erhalten und arbeitet gegenwärtig als Professor für Komposition an der Universität von Texas in Austin.
Die Quartette sind in umgekehrter Reihenfolge ihres Entstehens auf die CD gepresst worden, beginnend also mit dem dritten, der Malerin Mary Cassatt (1844 - 1926) und drei ihrer Bilder gewidmet. Den größten Teil ihres in Blindheit endenden Lebens verbrachte die impressionistische Malerin in Frankreich. Die drei Gemälde werden beschrieben (das zweite "At the opera" ist auf dem Cover abgebildet) und Welcher selbst gibt Auskunft über seine Arbeit am Quartett. Die Musik, die ihm dazu eingefallen ist, klingt nach der Moderne des beginnenden 20igsten Jahrhundert plus einiger überraschender Wendungen ins Disharmonische. Kongenial gelingt es ihm, die impressionistische Seite hervorzuheben. Zarte Melodielinien schweben aufwärts, aber geschickt schiebt Welcher Brüche ein, die der Musik ihre Tiefe geben.
Insgesamt klingt die Musik gefällig; melodiöse, vom nur aus Damen bestehendem Cassat Quartett innig gespielten Passagen, weisen auf französische Vorbilder hin. Immer wieder sind in Welchers Musik einnehmende Wendungen enthalten, die für Abwechslung und kontinuierliche Aufmerksamkeit sorgen. American Classics, die immer umfangreicher werdende Serie bei NAXOS, ist eine wahre Fundgrube für Entdecker gegenwärtiger Musik, die jenseits des Ozeans entstanden ist und noch entsteht.
Lars Danielssons
Tarantella (2009)
Erst nach mehrmaligem Hören gewann die CD Lars Danielssons bei mir an Eindruck. Beim ersten Hören kam sie mir belanglos, beinahe langweilig und ohne Höhepunkte vor. Die zarte Jazz-Kammermusik, die das Quintett hier eingespielt hat (außer einer, alles Eigenkompositionen des Bassisten), braucht in der Tat die richtige Stimmung, damit man die ruhige Musik achten und genießen kann. Einfache, getragene Melodien, ja, richtig ‚schöne' Harmonien, erwarten einen Hörer, der Musik dieser feinen und besinnlichen Art mag. Mathias Eick's Trompete passt in diesen auf Adagio gepolten Klangkörper genau hinein, ebenso Leszek Mozdzer's Piano, der auch Celesta und Harpsichord erklingen läßt. Mit ihnen musizieren (das dürfte hier wirklich der passende Ausdruck sein) John Parricelli an der Gitarre und Eric Harland an den Drums + Percussion. Sie scheinen die simplen, folkloreartigen Kompositionen Danielssons sehr verinnerlicht zu haben, denn sie spielen die Stücke, als seien sie damit groß geworden. Manchmal bekommt das ganze einen Hauch von Klassik, wenn Danielsson zum Cello oder zur Bassvioline greift. Überhaupt wird der Jazz mehr angedeutet, als wirklich praktiziert. Der Improvisation wird eher als filigranes Beiwerk gefrönt. Eine CD, die nachhaltig wirkt.
Nils Petter Molvaer
Hamada (2009)
Molvaer beginnt sein neues Album Hamada (was wohl Steinwüste bedeuten soll) ruhig und getragen. Im zweiten Stück (Sabkah) kommen ein Rhythmus und Eivind Aarsets Gitarre hinzu, verhalten und unaufdringlich. Ebenso bleibt das dritte Stück (Icy Altitude) beinahe ein Solo Molvaers, nur vom schwebenden, düsteren Sound Aarsets begleitet. Erst Track 4 (Friction) fügt drums + bass ein und verschärft das Tempo. Dazu noch ‚programming' und allerlei Filter für Molvaers Trompete, die als solche bald nicht mehr zu erkennen ist. Ruhiger und mit wenigen ‚field recordings' und leisem Gitarrenklimpern untermalt dann Stück 5 (Monocline). Soft Moon Shine folgt, ein hingehauchter Trompetenton, verhallt entfernter Sound, dazu eingeblendeter Live sampling. Alles bleibt ruhig und im mäßigen Tempo, Molvaers Spiel ändert sich nicht, verharrt fast auf der Stelle, pustet die Töne kaum mit Kraft an, alles klingt melancholisch. Stück 7 ist die Fortsetzung von Stück 5 (Monocline Revisited), ohne dass soundmäßig was aufregend Neues hinzugefügt wird. Im achten Stück (Cruel Altitude) erkennt man den aus Stück 3 bereits gehörten Rhythmus wieder, bei 2:20 dann ein knalliger Drumseinsatz, dem der Bass und ein fetziger Gitarrensound folgen, über dem sich Molvaers gefilterte Trompete erhebt. Es folgt ein krachiges, mehr rockiges Noise-Geschwurbel, das nach knapp vier Minuten in einen langsameren Heavyrhythmus übergeht, der sich bis zum Ende (8:40) hinzieht. Das vorletzte Stück (Lahar) ist ein Solo von Molvaer, wieder ruhig und irgendwie schwerelos, mehr für sich selbst gespielt. Diesem Stück folgen noch sechs Minuten, sie haben den Titel Anticline erhalten. Wie gehabt ruhige, meditative Musik in der nichts passiert, außer dass irgendwelche Klänge sich mit Sound und field recordings vermischen, man hört Kinder heraus, oder glaubt es wenigstens, die eine harmlose kleine Melodie intonieren, alles weit weg.
Und weit weg ist auch diese CD, in dessen Musik wirklich nichts geschieht, was einen besonders für sie einnimmt. Schade.
Ge Gan-Ru
Fall of Baghdad (2009)
Die drei Streichquartettwerke des 1954 in Shanghai geborenen chinesischen Avantgarde Komponisten Ge Gan-Ru, die er zwischen 1983 und 2007 komponierte (Nr, 1, 4 + 5), sind nicht von extremer oder besonders ausgefallener Art. Auffallend ist die rhythmische Grundbasis, die mich manchmal an Stellen aus einem frühen Schnittke Quartett erinnert. Die Werke 1 + 4 sind angenehm hörbar, ohne zu überfordern.
Das Titelgebende Quartett Nr. 5 bevorzugt ebenfalls einen marschähnlichen Rhythmus. Hier geht Ge Gan-Ru jedoch deutlich anspruchsvoller vor und lässt die Musiker ihre Instrumente auch schon mal mit aggressiver Wucht strapazieren. Fall of Baghdad hat drei Teile, in denen er Stimmungen, Gefühle und Ansichten transportiert, die ihn wohl bewegt haben müssen, während des Irak Krieges. Die Streicher müssen unterschiedliche Techniken beherrschen, um all diese Variationen vorzutragen. Das Quartett Modern Works ist dazu in der Lage. Ich konnte wenig von der im Booklett behaupteten Kombination chinesischer und westlicher Musik erkennen, lediglich eine kurze Arabisch klingende Melodie wird im zweiten Teil angedeutet. Es ist Geschmacksache, ob man solch ein Thema angehen soll und ob man dann dazu in der Lage ist, es musikalisch umzusetzen. Jedem Hörer mögen andere Bilder im Kopf herumgehen. Es ist ein interessantes Stück, in dem mir zumindest aufgefallen ist, das der Komponist weniger den dramatischen Aspekt betont hat. Beeindruckend der dritte Teil, Desolation betitelt, der die Trauer und die Totenklage zum Ausdruck bringt. Hier schaben und quietschen die Streicher mit Inbrunst über die Saiten, angesichts des Elends, unfähig zu einer Melodie. Insgesamt eine hörenswerte CD, bei der es mit einmal hören nicht getan ist.
Im englisch- und chinesischsprachigen Booklett erfährt man einiges über Komponist und Werk.
Youn Sun Nah
Voyage (2009)
Die Koreanerin Youn Sun Nah (geb. 1969) entschied sich 1995 nach Paris zu gehen, um dort an der CIM school Jazz zu studieren. Vorher hatte die musikalisch begabte Tochter eines Dirigenten und einer Sängerin bereits einige Auftritte als Sängerin in Korea hinter sich gebracht. Auf ihrem neuen Album "Voyage" ist allerdings von dieser Vergangenheit nichts zu erkennen. 12 einfach gestrickte Songs, wovon 6 Eigenkompositionen sind, interpretiert sie mit zarter, mitunter an Aziza Mustafazadeh erinnernden Stimme und wird von einer illustren Gruppe skandinavischer Musiker (Ulf Wakenius - git, Lars Danielsson - bass, cello, melodica + Produzent und Mathias Eick - trumpet) begleitet. Das ganze ist ein kammermusikalischer Ausflug, der etwas zu viel Wehmut, etwas zu viel Traurigkeit vermittelt. Ich finde allerdings, dass diese Sängerin keine Jazz-Sängerin ist, irgendwie fehlt ihrer Stimme, die sie mehr zurückhaltend und zerbrechlich, ja beinahe hauchend (wie bei dem Folksong ‚Shenandoah') einsetzt, der nötige Blues, das etwas Schmutzige, vielleicht auch Leidende. Auch die musikalische Begleitung hält sich zurück, wirkt fast minimalistisch, als habe man Angst, das feine Gesumme zu zerstören. Ein ruhiges, sehr ruhiges, in sich gekehrtes Album. Böse formuliert: Ein geeignetes Soundwerk für Leute mit Einschlafschwierigkeiten. Und noch etwas macht diese CD deutlich: Nicht alles lernt man an einer renommierten Jazz-school. Wer den ‚Jazz' nicht in sich hat, kann ihn dort auch nicht erlernen. Dieses Album reiht sich ein in die Serie der skandinavischen Sängerinnen, die seit einigen Jahren als Jazz-Sängerinnen verkauft werden. Wer diese Ladys gerne singen hört, wird auch Youn Sun Nah gerne ein knappes Stündchen Aufmerksamkeit schenken.
Enrico Rava
New York Days (2009)
ECM ist bekannt für seine vielen stillen, besinnlichen, meditativen Jazz-Alben. Auch ‚New York Days' des Trompeters Enrico Rava gehört in diese Kategorie. Sein Quintett besteht neben ihm aus den Musikern Stefano Bollani - p, Mark Turner - ts, Larry Grenadier - doublebass und Paul Motian -dr. Das ist gepflegte Jazz Kammermusik, die niemanden aufregt, wenn man sie lediglich als Hintergrundgedudel bei vornehmen Champagnerpartys laufen lässt. Bei genauerem Zuhören jedoch lassen sich viele Facetten des filigranen Spiels der ausgezeichnet eingestellten Band erkennen. Alleine das improvisatorische Zusammenspiel beider Blasinstrumente in ihrem verhaltenen Duktus ist einzigartig. Ravas Kompositionen entwickeln sich eher vorsichtig und beinahe wie aus einer Session heraus. Ungewöhnlich ist, dass bei den etwas heftigeren Improvisationen, Motians Schlagzeugspiel verstummt, es ist ohnehin kaum zu hören, meist arbeitet er mit den Becken. Bollanis Klavier tröpfelt glasklare Akkorde und schwingt sich hin und wieder zu schnelleren Läufen auf.
Enrico Rava (geb. 1939) hat mit den Größen des Jazz seit den späten 60igern gespielt, damals noch wilden Freejazz, hat aber immer wieder auch das ruhigere Spiel gesucht. Sein erstes Album bei ECM erschien übrigens 1975, zwei weitere folgten, dann kam es erst wieder 2004 zu einer erneuten Zusammenarbeit mit dem Label.
Ravas - ein bisschen an Miles Davis orientierter - Klang, lädt auf diesem hervorragenden Album zum In-Sich-Gehen ein, ohne dass man Gefahr läuft, sich zu verlieren. Diese Musik verdient Aufmerksamkeit, den Fans von Rava nichts Neues, den anderen als Empfehlung mit gegeben. Ein Cool-Jazz Werk der besonderen Qualität!
Alfred Schnittke
Symphony Nr. 9 (2009)
Die letzte Symphony Alfred Schnittkes konnte von dem durch mehrere Schlaganfälle schwer erkrankten Komponisten nicht mehr vollendet werden. Er starb am 3. August 1998. Das mit der linken Hand geschriebene Manuskript war nur mit Mühe zu entziffern, doch immerhin lagen drei fast fertig geschriebene Sätze vor. Schnittkes Witwe Irena zweifelte lange, bevor sie Alexander Raskatov die Aufgabe übertrug, das Manuskript in eine lesbare Form zu bringen. Nach der Uraufführung im Sommer 2007 in der Dresdner Frauenkirche, liegt nun die Einspielung bei ECM vor, zuzüglich der dem Komponisten gewidmeten Eigenkomposition Raskatovs "Nune dimittis".
Knapp 37 Minuten lang, bringen die drei Sätze - Andante (mit fast 20 Minuten um knapp fünf Minuten länger als die beiden nachfolgenden Sätze zusammen), Moderato, Presto - eine fast ‚altmodisch' zu nennende Musik zu Gehör. Es gibt reichlich fanfarenartige Bläsereinsätze und nach Mahler klingende Streicher. In der Musik ist ein Hin- und herschwingen, ohne erkennbare Entwicklung. Allerdings ist alles von einer ständigen Bewegung erfüllt. Viele Wiederholungen, es geht Auf und Ab mit den Melodien. Im zweiten Satz betont rhythmische Episoden, dazu, als ob Tonleitern eingeübt werden, wiederum Streicher und Bläser, abwechselnd oder gemeinsam. Das Presto wiederholt im Grunde dieselben Strukturen, nur etwas temporeicher und bringt viel Orchester zum Einsatz. Waren die Symphonien davor doch recht sparsam instrumentiert, greift Schnittke hier in die Vollen. Aber das Ergebnis befriedigt nicht. Für mich klingt es, als habe hier ein zweiter Schnittke neben dem ersten gestanden und versucht wie das Original zu komponieren. Mein Eindruck mag täuschen, aber ein großer Wurf ist ihm mit dieser letzten Symphony nicht geglückt. Die anderen acht Symphonien Schnittkes haben mich berührt, diese hier habe ich lediglich gehört.
Alexander Raskatov's "Nune dimittis", 2007 komponiert, benötigt neben einem Orchester noch einen Mezzospran (Elena Vassilieva) und ein Vokalensemble, hier sind es die Hilliards. Es werden Texte von Joseph Brodsky und Starets Siluan verarbeitet. Das rund 16minütige, moderat avantgardistische Stück überzeugt und ist zum Glück kein Schnittke-Jubelwerk, sondern zeigt die eigenständige Handschrift Raskatovs. Manche Stellen klingen zwar irgendwie ‚schnittkisch' - für mich besonders bei den Gesangsstellen - aber man sollte sich nicht täuschen lassen durch die wie Zitate klingenden Sequenzen und nun das ganze Werk als Schnittke-Kopie abtun.
Die Dresdner Philharmonie unter Leitung von Dennis Russell Davies war bei dieser etwas spröden Musik gut eingestellt und lieferte eine solide Leistung. Das Booklet ist ausführlich.
Peter Hammill
Thin Air (2009)
Das düstere Cover deutet schon auf die 'Seelenlage' des neuen Albums hin, das der Meister des Psycho-Rock in seinem vierzigsten Jahr als Profimusiker diesmal vorlegt. Wie oft kaum länger als eine Dreiviertelstunde, sind die acht Songs und das eine kurze Instrumentalstück (Wrong way round) im Bereich eines spärlichen Klavier- und Gitarrensounds angesiedelt. Gesanglich hält er sich, was das Expressive angeht, merklich zurück, es gibt keine Ausbrüche. Der teilweise mehrspurige Gesang bleibt verhalten und fragil, rutscht mitunter ins Disharmonische hinein. Die Musik enthält bedrohliches Potential, anschwellende Klänge, verzerrte Gitarren. Nur beim Instrumental- und nachfolgendem Stück (Ghosts of planes) ertönt ein einsamer Rhythmusschlag. Insgesamt eine gelungene Hintergrundmusik für Hammills kryptische Lyrik, dessen Sinn sich mir nicht immer erschließt. Gastmusiker sind, wie schon beim Vorgängeralbum Singularity, nicht mit von der Partie.
Wer Informationen zum Album von ihm selbst erfahren möchte, kann dies hier tun.
Mohsen Chavoshi
Ye Shakhe Niloufar/A Lotus Sprout (2008)
Außerhalb Irans dürfte der 30igjährige Mohsen Chavoshi wohl nur wenigen bekannt sein. Nachdem sein erstes Album im Herbst 2008 im Iran veröffentlicht wurde, wurden innerhalb kurzer Zeit eine halbe Million CD's verkauft. Chavoshi hatte bisher nur im Internet seine Songs angeboten und galt in der einschlägigen Szene als Geheimtipp. Einem größeren Kreis wurde er bekannt durch seinen Song für den Film um einen drogensüchtigen Musiker. Der Film "Santouri", vom Altmeister des iranischen Kinos Darius Mehrju'i 2007 gedreht, ist bisher nicht freigegeben worden. Auch Chavoshi hatte mehrfach versucht eine Genehmigung für die Veröffentlichung seiner eigenen CD zu bekommen. Das nun endlich erschienene Album enthält 12 Songs und ist für iranische Verhältnisse mit über 60 Minuten erstaunlich lang. Es ist eines der besten Pop-Alben Irans geworden. Es ist vom Stil her eher rückwärtsgewandt orientiert, als das es heutigem Drum'nBass Gewummere nachhängt. Und dennoch ist es ein auf der Höhe der Zeit konzipiertes Album geworden, in dem die balladesken Stücke überwiegen. Der mitunter harte Rocksound ist an Chavoshihs rauher und von tragischem Ausdruck geprägter Stimme kongenial angepaßt. Die Musik enthält viele Feinheiten, die geschickt in die Struktur der Songs eingebaut sind. Die Stellen, in denen Persisch-Traditionelles durchschimmert wirken nicht aufgesetzt und geben dem entsprechenden Stück eine besondere Note. Der Song "Tabrik" gibt hiervon einen hervorragenden Eindruck.
Thomas Simaku
String Quartets (2008)
Der 1958 in Tirana geborene Simaku bewegt sich mit seinen auf dieser CD veröffentlichten Kompositionen für Streichquartett (Nr. 2 & 3) und den Stücken für Solo Violine und Solo Cello, im Bereich einer gemäßigten Moderne. Wie viele Komponisten dieser Richtung geht es bei der Musik ums Ausloten von Möglichkeiten. Sind die Solostücke von expressiven Aus- oder, wenn man will Einbrüchen, durchsetzt, so bleiben die beiden ca. 13minütigen Quartette eher gleichförmig. Bei den Solostücken erkennt man folkloristische Sequenzen, die Simaku während seiner Arbeit als Musikdirektor in einem südalbanischen Ort, nahe der griechischen Grenze, kennen gelernt hatte. Zwar verwendet er keine Volksmusikzitate, ist sich aber eines inneren Widerhalls dieser Musik durchaus bewußt. Angetan hat es ihm bei der Arbeit an den Streichqaurtetten, der Bordunton, um den er die vier Streicher - exzellent hier das Kreutzer Quartett - mit langgezogenen Tönen herumgleiten läßt. Das zweite Quartett, Radius benannt, beginnt mit einem flirrendem Ton einer Violine, in den die anderen Instrumente einfallen. Die nachfolgende dramatische Steigerung endet abrupt. Danach bleibt das Stück linear, man könnte sagen, auf gleicher Höhe, pendelt von leise bis weniger leise hin und her und läßt eine gewisse Spannung aufkommen, die noch durch ein flirrendes Violinenspiel erhöht wird. Gelegentlich kommt es zu nervös-hektischen Zwischeneinlagen. Die Einspielung ist prägnant und klar, der Klang hervorragend.
John McLaughlin
Floating Point (2008)
Positive Überraschung auf diesem 8-Track-Album ist für mich der Drummer Ranjit Barat. Eine Mischung aus Billy Cobham und Trilok Gurtu spielend, treibt er den Rhythmuspart energisch voran. McLaughlin liefert das von ihm gewohnte flinke Spiel, ohne sich aber zu sehr in den Vordergrund zu drängen. Bei "The Voice" gibt es ein spektakuläres Duell mit dem Sänger Shankar Mahadevan. Das zweite Stück "Raju" bringt mit dem indischen Gitarristen Debashish Bhattacharya einen weiteren Gastmusiker und auf Track 4 "Off the One" ist noch Shashank auf der Bambusflöte und im Track 6 "Inside Out" U. Rajesh auf der elektrischen Mandoline zu hören.
Das ganze Album wurde in Indien aufgenommen, klingt jedoch weniger ‚indisch' als man vor diesem Hintergrund vielleicht erwarten könnte. Es ist eine gelungene Jazz-CD mit meist schnelleren Stücken geworden, auf der McLaughlin wieder, neben der gewöhnlichen E-Gitarre den ‚Guitar Syntheziser' benutzt, was mir persönlich weniger gefällt, es klingt mir manchmal zu sehr nach Keyboard-Gedudel. Gut wird's immer dann, wenn die Gastmusiker genügend Freiraum für ihre Improvisationen bekommen. Bassist Hadrien Ferraud und Louiz Banks, Keyboard, sind die beständigen Begleitmusiker, die sich kongenial den vertrackten McLaughlinschen Kompositionen anvertraut haben und ihnen den nötigen Saft verleihen. In dem letzten Stück "Five Peace Band" ist dann noch Niladri Kumar auf der elektrischen Sitar zu hören, in Stil und Tempo kaum zu unterscheiden vom Meister. Ein Fusion-Album der besonderen Art und in der Discographie McLaughlins eins der besseren.
e.s.t.
Leucocyte (2008)
Das zuletzt eingespielte Album dieses grandiosen Trios um den Pianisten Esbjörn Svensson (plus Bassist Dan Berglund und Schlagzeuger Magnus Öström) wird nun, nach seinem Unfalltod im Juni 2008, gerne als Vermächtnis bezeichnet. Die Musiker begaben sich in Sidney in ein Studio und taten das, was Jazz-Musiker immer tun oder tun sollten: sie improvisierten. Bei e.s.t ist ein hartes Album daraus geworden, hart, weil sie diesmal anscheinend von einer musikalischen Aggressivität beim Spielen getragen wurden, wie selten zuvor. Der experimentelle und elektronische Bereich ist ausgedehnter, die Lust mit viel Risiko neues auszuprobieren, kommt bei jedem Ton rüber.
Es klingt ziemlich düster, was die drei diesmal eingespielt haben, aber es ist großartig geworden! Natürlich könnte man kritisch anmerken, dass die Musiker, weil ihnen nichts mehr einfällt, sich ins elektronische Nirwana geflüchtet haben. Weil spontan eingespielt, klingt so manches, wie auf der Stelle tretend. Bei dem Titelstück "Leucoyte", ein langes, dreiteiliges, 26minütiges auf und ab und hier und ganz weit weg, ist eben deutlich der Entstehungsprozess zu erkennen, so als ob man live dabei wäre. Wie gesagt, wer Neuland betritt, kommt ohne Risiko nicht aus. Bei diesem Stück ist von der gewohnten e.s.t. Triomusik nicht mehr viel übrig geblieben, hier haben sie sich voll in die Elektronik gestürzt. Sind sie nun dabei abgestürzt?
Auch so kann Jazz klingen - und wird wahrscheinlich in dieser Form nie wieder zu hören sein. Esbjörn Svensson ist nicht ersetzbar. Sein früher Tod, ein banaler Tauchunfall, hat eine schmerzliche Lücke im heutigen Jazz hinerlassen. Uns bleibt seine Musik.
ELB
Dream Flight (2008)
Eine knappe Stunde Jazz, hochkarätig besetzt mit Peter Erskine (drums), Nguyen Lê (electric guitar), Michel Benita (bass) und Stéphane Guillaume (tenor & soprano sax). Schon 2001 hat das Trio Erskine/Lê/Benita ein Album veröffentlicht, auf dem sie sich einem klugen, artifiziellen Zusammenspiel hingeben. "Dream Flight" nun heißt nicht, dass es hier betulich und gepflegt langweilig zugeht. Es ist solide eingespielter Club-Jazz, der zwischen angerockten und cooljazzigen Stücken pendelt, ausgewogen verteilt sind dabei die Improvisationen. Die elf Tracks haben keine Schwächen, allerdings kann ich auch keins der Stücke als besonders gut gelungen hervorheben. Die Gleichförmigkeit der Kompositionen lässt dies nicht zu. Keiner der Musiker geht bis an die Grenze, man übt sich in gewollter Zurückhaltung. Das ist weniger negativ gemeint, als es vielleicht klingen mag, es ist ein angenehmes Jazz-Album geworden, bei dem auch nach mehrmaligem Hören neue Reize zu entdecken sind.
Fanu + Bill Laswell
Lodge (2008)
Der seit scheinbar ewigen Zeiten in der Musikszene herumwuselnde Bassist und Experimentator Bill Laswell haut hier mal so richtig in die Vollen. Zu den knalligen Beats des Finnen Fanu - der immer schön die richtige Mischung aus der krachigen Drum&Bass-Schule und jazzigem Funk hält - groovt Laswell losgelöst von allen Zwängen. Kein geringerer als der norwegische Elektronik-Trompeter Nils Petter Molvaer gibt die richtig dosierten Melodiefetzen in Fanus Geknattere hinein. Bernie Worrell (Keyboards) und Graham Haynes (Trumpet) sind die beiden anderen Mitstreiter, zwar weniger im Vordergrund aber effektiv genug, um dem Drum-Geballere eigene Substanz entgegen zu setzen. Die acht Tracks von fast gleichartiger Intensität und ausdauernd anhaltender Feinarbeit im Soundwerk, zeigen Laswell einmal mehr als klugen Arrangeur und kompetenten Elektronik-Bastler.
Einojuhani Rautavaara
Symphony No. 8 "The Journey " (2008)
Der wohl bekannteste finnische Gegenwartskomponist ist ein emsig Schaffender mit regelmäßigen Neuveröffentlichungen. Bei NAXOS ist - nach seiner siebten "Angel of Light" - nun auch die bisher letzte Sinfonie, die achte, mit dem Titel "The Journey", erschienen.
Rautavaara ist kein musikalischer Revolutionär, der sich in abstrakten Experimenten ergeht. Seine Musik klingt ohrfreundlich, ja, schon gut, man könnte auch altmodisch sagen, man ist ihr nicht, wie bei vielen neueren Werken der zeitgenössischen modernen Musik, hilflos ausgeliefert, sondern weiß während des ganzen Stückes, wohin die Reise geht.
Mitunter drängen sich die großen Namen der Komponisten auf, an die einen so manche Stelle erinnert: Mahler, natürlich Sibelius, Honegger … Aber der Finne hat durchaus seinen eigenen, von Romantizismen und Eigenwilligkeiten geprägten Stil. Die Hauptlast des viersätzigen Werkes tragen die Streicher, auf ihrem Klang begibt sich der Reisende in die nordischen Gefilde, denn mit dieser Region lässt sich die Sinfonie wohl am ehesten in Verbindung bringen. Ob man nun über die endlosen finnischen Wälder oder übers Eis gleitet, muß jeder Hörer für sich selbst entscheiden. Gelegentlich sorgen - im ersten Satz Adagio assai - Andante assai - Percussionsschläge für Momente der Unsicherheit und ein kräftiger Schlag leitet auch den zweiten Satz - Feroce, was wild, ungestüm bedeutet - ein. Auch hier klingen die Violinen mitunter schief, ein Effekt, der wunderbar mit dem übrigen Sound kontrastiert. Rautavaaras Wildheit hält nicht lange an, dann kehrt die Musik wieder zurück zur, das ganze Werk bestimmenden, langsameren, getragenen Art. Die halbstündige Reise entlässt uns mit dem Gefühl, einem großartigen Musikerlebnis beigewohnt zu haben. Wer sich vor pathetischem Orchesterklang nicht abschrecken lässt, wird hier auf seine Kosten kommen.
Auf dieser CD ist ebenfalls die "Manhattan Trilogy", 2003 - 2005 komponiert, enthalten. Die Sätze - Daydreams, Nightmares, Dawn - veranschaulichen in pathetischer Weise ein - wohl von Jugendeindrücken Rautavaaras geprägtes - Bild von Manhattan, das man vom reinen Hören erstmal nicht mit diesem südlichen Bezirk von New York verbinden würde. Das "alte Europa" entwirft einen quasi verzückten Blick auf die Wolkenkratzer-Architektur am Hudson-River.
Einziges Manko bei dieser Einspielung ist für mich die nicht zufrieden stellende Aufnahmetechnik, die leider so manche Instrumentengruppe zu leise darstellt, so dass sie von den allgewaltigen Streichern übertönt werden. Man ahnt mehr, dass da noch Instrumente ihr bestes zu geben versuchen, als dass man sie hört. Besonders im letzten Satz der Sinfonie ist mir das besonders aufgefallen.
Marilyn Mazur & Jan Garbarek
Elixir (2008)
Ein Elixier wird oft auch als Heil- oder Zaubertrank bezeichnet. Mazur und Garbarek scheinen in diesem Fall eine nordische Mischung gekostet zu haben, die sich etwas lähmend auf ihre musikalische Kreativität gelegt hat. Das CD-Cover lädt auch nicht gerade zu einem gemütlichen, besinnlichen Stündchen Musik ein.
Die Kammermusik, die sie auf diesem 21 Tracks umfassendem Album anbieten, enthält für meinen Geschmack zu wenig Entwicklung, vieles klingt eher beiläufig, lustlos, wenig inspiriert. Ich empfand erst bei den letzten vier Stücken so etwas wie innere Anteilnahme. Bei Track 17 "The Siren in the Well" erinnerte mich Garbareks Spiel irgendwie an Ravelsche Musik, ein leises, emotionales, feines Stück. Das Getrommle von Marilyn allerdings klapperte, ohne Begeisterung auszulösen, die meiste Zeit an meinem Ohr vorbei.
Vielleicht hätten sie wenigstens auf dem spärlichen Booklet einen Hinweis geben sollen, was für einen geheimnisvollen Trank sie - übrigens schon im Juni 2005 - während der Aufnahmen zu sich genommen hatten. Das Elixir nun erst 2008 erschienen ist, könnte ein Indiz dafür sein, das hier ein längerer Entscheidungsprozess von statten gegangen ist. Leider hat man sich nicht gegen die Veröffentlichung dieser harmlosen Improviastionen entschieden.
Rabih Abou-Khalil
em portugues (2008)
Ein Libanese, der zunächst kein Wort Portugiesisch spricht, vertont Gedichte in dieser Sprache? Geht das? Wohl nur bei Rabi Abou-Khalil, der immer gut ist für musikalische Extravaganzen und damit wohl auch unter Beweis stellt, dass seine Art zu komponieren, bei vielfältigen Kulturen einsetzbar ist. Allerdings braucht es dazu einen Klasse-Sänger wie Ricardo Ribeiro, der mit nur 25 Jahren bereits über die reichhaltigen und tiefen Fado-Empfindungen verfügt, die nötig sind, um diese Texte gesanglich umzusetzen.
Ein Dutzend hervorragend komponierter und eingespielter Songs enthält dieses Album. Die Musiker - Luciano Biondini (accordion), Michel Godard (bass, seerpent, tuba), Jarrod Cagwin (drums, frame drums) - sind ausgezeichnet disponiert und haben genügend Spielraum ihre Individualität mit einzubringen. Berechtigterweise wird, wie bei den letzten Alben auch, Walter Quintus (sound engineer) als Mitglied der Gruppe genannt. Der Sound, den er zusammen mit Rabih Abou-Khalil kreiert hat, ist von klarer, kraftvoller und jederzeit deutlicher Brillanz, so dass jedes Instrument rauszuhören ist, als stünde man direkt neben dem Spieler.
Die Kompositionen klingen so, wie man es von dem gebürtigen Libanesen gewohnt ist und doch gelingt es Khalil besonders die melancholische Ader des Fado (wobei Puristen wohl Nase rümpfend diesen Begriff hier eher ablehnen würden), heraus zu heben. Verwundert lauscht man den abenteuerlichen Melodien, die dem Sänger viel abverlangen. Ribeiro singt diese Stücke mit sicherer Eleganz und offensichtlicher Begeisterung. Das Experiment hat sich gelohnt. Ein rundherum empfehlenswertes Album. Dankenswerter Weise sind die Texte in drei Sprachen abgedruckt (portugiesisch, englisch, französisch).
Portishead
Third (2008)
Die Kultband Portishead veröffentlichte ihr drittes Studioalbum "Third". Nach zehnjähriger Pause löste schon die Ankündigung eines neuen Albums große Erwartungen bei den Anhängern der Band aus. In der Tat hatte Portishead Anfang der neunziger Jahre mit "Dummy" einen Hit gelandet, der nicht nur durch geschickte Sampler-Einbindungen sondern vor allem auch mit der Sängerin Beth Gibbons glänzte und durchaus berechtigte Begeisterung auslöste. Das Nachfolge-Album "Portishead" gilt ebenso als Meilenstein.
Bei dem neuen Werk kommt so etwas wie Begeisterung für mich jedenfalls nur selten auf. Deutlich ist das Bemühen zu erkennen, instrumental mit ausgefallenem Sound und vertrackten Rhythmen aufzuwarten. Das hört sich an, als habe man von Radiohead nicht verwertete Takes zur Verfügung gehabt. Leider ist auch Frau Gibbons Gesummse nicht dazu angetan, den Stücken mehr als höfliche Aufmerksamkeit entgegen zu bringen. Ihr Gesang hört sich an, wie das zarte Nebenbei-Geträllere einer bügelnden Hausfrau, das können auch die simplen Psycho- Texte nicht aufwerten ("I'm drifting in deep waters - alone with my self-doubting again"; Track 7, deep waters).
Das ganze Werk ist doch arg introvertiert geraten, was an sich ja noch kein Makel sein muß. Meiner Ansicht nach fehlt es "Third" aber an musikalischem Biß, an wirklichen Experimenten, denn das was hier ein begeisterter Amazon-Kritiker mit ‚Soundexperiment' bezeichnet hat, ist lediglich ein eher müder Aufguß gesampelter Resteverwertung. Portishead bauen Elemente verschiedener Stile in ihre Stücke ein, man könnte auch sagen, sie bedienen sich generös am Fundus der verblassten Genies um Cure oder Joy Division und diverser anderer David Bowie/Brian Eno Epigonen. Auch hier könnte man sagen, macht ja nix, hauptsache es klingt gut. Das tut es aber leider auch nicht. Es scheppert und klappert zwar gewaltig (Track 8 - Machine Gun), auch bescheidenere, ruhigere Stücke (Track 9 - Small), wo angeblich ein Cello zu hören sein soll, sind zu hören, insgesamt aber erinnert mich der Klang an diverse Underground-Einspielungen der späten Sechziger Jahre (Iron Butterfly, Jefferson Airplane, Grateful Dead usw.).
Dem immer wieder zu lesenden Lob, wie einzigartig doch Beth Gibbons Gesang sei, kann ich nicht zustimmen, obwohl ihre tragische Machart sicherlich etwas Verführerisches an sich hat (Track 1 + 11 - Silence + Threads, hier wird leider ausgeblendet, wenn's interessant zu werden verspricht), auf Dauer jedoch ermüdend wirkt.
Nach dem Motto, es muß ja nicht jedem gefallen, haben die Macher von Portishead - Geoff Barrow, Adrian Utley seien noch genannt - ein überambitioniertes, im tragisch-düsteren Duktus gehaltenes Album geschaffen, das natürlich von ihrer Fan-Gemeinde überschwänglich gelobt, von mir dagegen mit misstrauischer Sympathie gehört wurde.
Morton Feldman
For Bunita Marcus (2007)
Morton Feldmans Kompositionen zielen beharrlich auf die Quintessenz von Musik insgesamt. Sie kommen geradezu simpel daher und bieten nichts weiter als Töne, die in Beziehung zueinander stehen. Dabei spielt Zeit eine enorme Rolle. Zeit ist bei Feldman wie Raum, der sich ins scheinbar Unendliche ausweitet. Langsam tropft sie dahin, die Feldman'sche Zeit. In dem Stück For Bunita Marcus, der langjährigen Freundin des Komponisten gewidmet, braucht der Zuhörer schon ein gehöriges Maß an Geduld, ja, beinahe an Meditationsfähigkeit, um aufmerksam dem Spiel der Pianistin Sabine Liebner zu folgen.
Fast anderthalb Stunden ist das Stück in dieser Einspielung lang, verteilt auf zwei CD's. Bei dieser Abfolge von Tönen gibt es keine ‚aufregenden' Stellen, kein Klavierdonner wie zu Rachmaninows Zeiten, ein virtuoses Spiel wird nicht gefordert. Dennoch ist das Stück eine Herausforderung für Spieler und Hörer gleichermaßen. Läßt man sich als Hörer darauf ein, stößt man bald an die Grenzen der Aufnahmefähigkeit, die Konzentration begibt sich allmählich ins Reich der Unaufmerksamkeit und es kostet Kraft, dem zu widerstehen. Um wie viel mehr Aufmerksamkeit wird somit der Interpretin abverlangt. Spielt sie gut oder mittelmäßig? Setzt sie die Töne im vorgegebenen Tempo oder nimmt sie sich Freiheiten heraus? Was bedeutet hier ‚Interpretation des Werkes'? Aus dem schmalen Booklet erfahren wir, dass Feldman sich immer dann verläuft, wenn er "nicht mit Nichts anfängt". Und womit hört er auf?
Die Töne verklingen, neue werden angeschlagen. Für einen Moment Weghören ist gestattet. Die Zeit beginnt zu triumphieren, sie ist der eigentliche Komponist. Ist das überhaupt noch ‚komponiert'? Hätte Sabine Liebner sich nicht auch einfach ans Klavier setzen und selber etwas in dieser Art vorspielen können? Aber Morton Feldman war ein Magier, ihm gelingt es, etwas entstehen zu lassen, wenn man nur genug Kraft aufbringt, der Zeit für einen gewissen Zeitraum zu folgen. Und nebenbei erklingen Töne. Oder: wie nebenbei erklingen Töne.Oder: Hör mal…
Lizz Wright
The Orchard (2008)
Lizz Wright hat eine angenehme, weiche, mehr in den tieferen Lagen beheimatete Stimme, die einen schon nach den ersten Tönen für sie einnimmt. Das klingt ganz anders als diese kehligen skandinavischen Möchtegern-Jazz-Sängerinnen.
Auf der neuen CD The Orchard führt die 28igjährige das fort, was sie mit ihren beiden Vorgänger-Alben eingeleitet hat: ruhige Blues- und Country-orientierte Stücke, die von spärlichem Instrumentarium begleitet werden. Es sind einfache bis einfachste Songs, mit simplen bis sehr simplen Texten, die sie zum großen Teil selber verfasst.
"Coming Home" zum Beispiel, das erste Stück, bei dem Lizz-Baby den Delta-Blues so richtig aus der Tiefe der Seele hervor holt. Dazu eine verhaltene E-Gitarre mit dem guten alten Wah-wah-Effekt. Ein starker Einstieg, dem ein Ohrwurm folgt "My Heart", gibt's auch als Video-Clip auf der CD, im freundlichen Mid-Tempo. Das dritte Stück "I Idolize You" (eine Ike Turner Komposition) ist dann wieder ein klassischer Blues, Piano, Orgel, E-Gitarre und zartem Chorgesang im Background. Dieses Stück hätte eine rauere Stimme verdient. Zumindest wenn, wie in diesem Song, eine gebrochene Seele zum Vorschein kommen soll.
Lizz Wright's Stimme schmeichelt in einer bestimmten Tonlage dem Ohr. Sie lullt den Hörer regelrecht ein. Und ich glaube, man lässt sich von ihr gerne einlullen. Ausbrüche gibt es bei ihr nicht, sie bleibt zurückhaltend. Ihr Tonumfang ist nicht von Weite, sondern von Tiefe bestimmt. Ihre Stärke sind die melancholischen Themen. Ein vermeidbarer Ausrutscher ist "Thank You", ein Track von den Led Zeppelin Größen Jimmy Page und Robert Plant. Ich weiß nicht, was sie an diesem Nichts von Stück angezogen haben könnte, um es hier einzuspielen.
"When I Fall" ist auch so ein Blues, bei dem sie den hingehauchten Schmerz überzeugend zum Ausdruck bringt. Ihre Musik ist altmodisch, sie kann singen, kann Gefühle transportieren, es gibt keine Kompromisse an gängige Mainstream-Rhythmen. Eingepackt in einen warmen, angenehmen Sound ist diese Cd ein musikalisches Geschenk für Hörer mit gutem Geschmack. Lizz Wright at it's best.
PS: Im Booklet der CD werden 12 Tracks angegeben, eigentlich sind aber 13 drauf + der eingangs erwähnte Clip zu "My Heart".
Van Der Graaf Generator
Trisector (2008)
virgin records
Und da warens nur noch drei. Kaum hatte die Band ihr einigermaßen erfolgreiches Comeback gefeiert, da stieg David Jackson, Sax & Flute, aus und lies die Übriggebliebenen im Regen stehen. Van der Graaf als Trio, nun ja. Hugh Banton wirkt an der Orgel gelegentlich doch etwas penetrant einfallslos und überfordert. Man versucht sich an alten Themen aus der Frühzeit. Damals war die Gruppe grandios, heute scheitert sie grandios. Wahrscheinlich werden nur die ingefleischtesten Fans diesem Werk Beifall zollen. Für mich eher eine müde Vorstellung.
Konnte man sonst auf Peter Hammill zählen, dessen Gesang so manches flache Stück der Band noch das gewisse Etwas gegeben hatte, so ist er diesmal kaum richtig präsent. Vielleicht liegts auch an den Stücken. Teilweise klingts, als höre man einer Band bei den Proben zu. Nur gelegentlich will der Funke überspringen, so bei dem längsten Stück
"Over the hill" und dem anschließenden "(We are) not here".Beide Stücke bilden den Abschluß der CD. Sie beginnt mit einem Instrumentalstück "Hurlyburly" und damit zeigt die Band erneut, dass sie sich mit solcher Art Musik mangels instrumentaler Virtuosität schwer tut. Das klingt amateurhaft und ist auf diesem Album überflüssig.
Mal sehen, ob dies die Abschiedsvorstellung von Van Der Graaf war. Wenn ja, dann hätten sie ein ehrenvolleres, als dieses lustlos eingespielte Album verdient.
Dhafer Youssef & Wolfgang Muthspiel
Glow (2007)
material records
Diesmal hat sich Dhafer Youssef mit dem österreichischen Gitarristen Wolfgang Mutspiel zusammen getan und auf dessen eigenem Label material records ist die neue CD GLOW erschienen.
Das stimmliche Phänomen Dhafer Youssef, der diesmal weniger auf der Laute Oud (etwa Track 3, Sand Dance) zu hören ist, begeistert immer wieder Musiker der unterschiedlichsten Stilrichtungen und so kann der Tunesier schon auf eine stattliche Liste von Aktivitäten zurück blicken. Auf diesem Album steuerte er eine Eigenkomposition (Track 7, Maya) bei, fünf Stücke schufen sie in Zusammenarbeit und vier sind Muthspiels Eigenschöpfungen, wobei bei dieser Art Musik natürlich die Improvisation das Hauptelement ist und von daher das Komponieren auf einer anderen Ebene vor sich geht.
Man bekommt auch diesmal den gewohnten, meist textlosen Improvisationsgesang zu hören, den er bis in unerreichbar scheinende Höhen hinaufziehen kann. Ein bisschen klingt es indisch, dann zeitlos jazzig, immer faszinierend. Dazwischen Muthspiels eher vorsichtiges, zurückhaltendes Gitarrenspiel. Er bevorzugt die akustische Gitarre, wilde Soli sind nicht sein Ding, seine musikalische Heimat war ja auch die klassische Welt. Solist ist Dhafers Stimme. Bei zehn Tracks stellt sich dann allerdings doch eine gewisse Gleichförmigkeit der Stücke ein, so dass man die ganze CD vielleicht in Portionen genießen sollte. Denn ohne Frage, bleibt es ein Genuß dem Stimmakrobaten seine Aufmerksamkeit zu schenken.
Für die anderen Musiker, Tom Harrell (trumpet, flugelhorn), Alegre Correa (drums, percussion), Matthias Pichler (bass) bleibt nur gelegentlich Spielraum, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Auch die norwegische Jazzsängerin Rebekka Bakken ist als Gast genannt. Ihr Beitrag bei dem avantgardistisch anmutenden elektronisch gefärbten Track Cosmology beschränkt sich aber auf flüsternd gesprochene Zahlen, eher als unfreiwilliger Joke zu betrachten.
Mercan Dede
800 (2007)
doublemoon


Ein ausgewogenes, weniger samplelastig als seine Vorgänger und insgesamt eher ruhiges Album hat der Cyber-Derwisch diesmal eingespielt. Es gibt schöne, getragene Melodien, neben Mercans Ney (diesmal aber nur bei drei Stücken zu hören) sind u. a. Posaune, Trompete, Kanun und diverse Saiteninstrumente mit von der Partie. Auch diesmal sorgt vielseite Percussion(arabisch, indisch, persisch und natürlich türkisch) für genügend Abwechslung, um den ähnlich klingenden Stücken eine eigene Note zu geben. Die elf Titel sind durchaus unter der Rubrik Sufi-Musik einzuordnen. Mercan Dede erweitert das Repertoire allerdings um etliche moderne rhythmische Varianten und ein Rap zu Beginn des Albums dürfte sicherlich so manchem traditionellen Hörer türkischer Sufi-Musik fremd vorkommen. Dem "Derwisch für die moderne Welt" (so eine türkische Zeitung) gelingt es erneut mit seiner tranceartigen Musik meditative aber nie bedrückende Stimmungen zu schaffen. 800 ist ein weiterer welt-musikalischer Meilenstein auf dem Weg des Herrn Dede. Folgen wir ihm genüßlich.
Ach ja - 800 heißt das Werk, weil der Meister der Sufis - Maulana, Mevlana, Molana, Djelaladin Rumi - 800jährigen Geburtstag hat. Ihm hat Mercan Dede sein Album gewidmet.
Rabih Abou-Khalil
Songs for sad women (2007)
enja records
Sieben traurige Lieder für Frauen spielt uns der aus Beirut stammende Ud-Meister diesmal in gewohnter Prägnanz vor. Zur Begleitung hat er sich treffenderweise den armenischen Duduk-Spieler Gevorg Dabaghyan geholt. Der wehmütige Klang seines Instrumentes verleiht den Kompositionen Khalils eine zusätzliche Note von Melancholie. Die Musik des Libanesen ist inzwischen (insgesamt zähle ich bisher 17 CD-Veröffentlichungen) zu einem weltmusikalischen Ereignis geworden. Wenngleich sich seine Stücke ähnlich sind, die Melodien sich auf irgendeine Art zu wiederholen scheinen, gibt es jedesmal faszinierende Momente, die entweder aus seiner Improvisation oder dem Zusammenspiel mit den abwechslungsreichen Gastmusikern kommen. Diesmal sind noch Michel Godard, der das Instrument Serpent spielt, und Jarrod Cagwin an den Frame-drums mit von der Partie. Die Melange aus Jazz- und Weltmusik mit arabischen Wurzeln gelingt nur wenigen so gut wie diesem Quartett. Die Frage ist, ob traurige Frauen sich dieser Musik zuwenden werden; gerade aufheiternd wirken die meisten Songs mit Sicherheit nicht.
Navid Afghah
The Temple of Wooden Figures (2005)
Zandrecords
Der iranische Tonbakspieler Navid Afghah gehört innerhalb der
(entdeckenswerten) iranischen Musikszene zu den Außenseitern, da er sein Instrument - einer in der traditionellen Musik benutzten Bechertrommel - zwar auf herkömmliche Weise bespielt, die Aufnahmen jedoch so oft wiederholt, bis ein ungewöhnlicher Sound entsteht. Es ist eine experimentelle Musik, die ungewöhnlich und originell klingt. Navid Afghah wurde 1970 in der südiranischen Stadt Shiraz geboren. Im Alter von 13 Jahren begann er Tonbak zu lernen und erlangte schnell kompetente Fähigkeiten auf dem Instrument. Seine 1999 (The Sound of Fancy) und 2003
(Genesis) erschienen Solo-Alben zeigen einen auf experimentellen Wegen wandelnden eigenwilligen Musiker. Auf Genesis wagt er sich an das Thema der Schöpfung heran und schafft ein nur aus Trommelklängen bestehendes Universum. Auf seiner aktuellen CD läßt er in seinen Kompositionen Gesang mit einfließen, ein Projekt für Tonbak und Stimme nennt er es selbst. Hierbei handelt es sich um eine Art hymnischer Chorgesänge, die das Gefühl antiker Stimmung aufkommen läßt. Navid Afghah ist kein trommelnder Derwisch, der mit Zauberkunststückchen aufwartet. Seine Musik fordert vom Zuhörer Aufmerksamkeit, Geduld und Hingabe. Dem Booklet der aufwendig gestalteten aufklappbaren CD-Hülle (ganz aufgeklappt ensteht ein gleichseitiger Würfel, eine Art Kaaba?) ist ein längerer erzählender Text von Shahriar Mandanipour beigefügt, der als ein spiritueller Wegweiser für die sieben Musikstücke gelten kann. Der im Westen eher unbekannte Musiker hätte mit dieser CD eine größere Aufmerksamkeit verdient, leider gibt es nur den Weg übers Internet, um an seine Musik zu kommen. Es lohnt sich!
Peter Hammill
Singularity (2007)
Fie! Records
Wie üblich ist auch die neue CD Hammills knapp 45 Minuten lang, die mit neun Titeln ausgefüllt werden. Diesmal sind alle Titel von ihm selbst eingespielt worden und zwar zwischen Januar und August 2006. In dieser Zeit gab es auch die Konzerte der wiederauferstandenen Kultband Van Der Graaf Generator, von diesen Auftritten ist nun auch eine Doppel-CD erschienen Real Time (Royal Festival Hall) mit überwiegend altem Material, sprich: das was die Leute halt hören wollen. Die Konzerte der Zukunft finden allerdings ohne David Jackson, dem Saxophonspieler, statt. Auf seiner Homepage teilt Hammill dem überraschten Fan diese Neuigkeit mit und eiert etwas mit der Begründung herum. Eigentlich sind Trio-Konzerte nur die Hälfte wert, denn Jackson hat mit seinem Spiel maßgeblich den Sound dieser Band geprägt.
Die neue CD (Die 44igste?!) klingt wesentlich interessanter als die letzen Werke des Meisters, es scheint, dass er sich stark an frühere Aufnahmen (wohl durch das Neumischen/Remixen alter Stücke beeinflusst) orientiert, vor allem scheinen hier die 80er Jahre durch. Dennoch will es mit den Einfällen auch diesmal nicht so recht funktionieren. Die Musik ist eher getragen, es scheint, als ob er bereits hundertmal vorgetragene Melodien wiederkäut. Das alles klingt gut, so wie man es gewohnt ist, seine Stimme ist nach wie vor präsent, seine Phrasierungen stimmen immer noch, die Ausbrüche sind aber hier kaum noch zu spüren. Hammill war nie ein großer Virtuose/Solist und die Beschränkung auf seine instrumentalen Fähigkeiten (ich meine nicht die kompositorischen) engen denn auch diese Songs erheblich ein. Sie leben vom Vortrag seiner Stimme und von den Texten. Hier berichtet er von seiner Herzattacke Anfang 2005, vom Alzheimer seiner Mutter und vom Idiot Boy (Vainglorious Boy), einem sich für großartig haltenden Star (vielleicht selbstkritisch gemeint?). Das letzte Stück White Dot bietet den Hammill der Düsternis und des Prince of Fear vergangener Tage. Mit Rückwärtseinspielungen und Verzerrungen der Stimme und allerlei schrägen Soundgeburten schafft er die nötige unwirkliche Atmosphäre für diesen Song der Extraklasse. Wenn seine Innovation auch weniger stark ist als bei früheren Aufnahmen, ist ihm mit Singularity ein Werk gelungen, das über mehr Stärken als Schwächen verfügt.
Mercan Dede
NEFES (2006)
Doublemoon

Der Sample-Guru und Electronic-Sufi hält sich mit seinem neuen Album an die Struktur seines Vorgängers "Su" (2004). Waren es dort 12, so sind es nun 15, zum Teil recht eingängige Stücke. Jeder Titel heißt nefes (Atem) in einer anderen Sprache. Auch diesmal hat er eine beachtliche Schar Mitstreiter ins Studio geladen und neben der Kurdin Aynur Dogan (weniger gelungen), der Iranerin Azam Ali (singt ein Rumi-Poem auf persisch) und dem Türken Kâni Karaca singt Mercan Dede auch selbst, wenn auch sehr zurückhaltend. Die Titel sind kürzer geworden und diese Raffung bekommt seiner sehr auf den Rhythmus konzentrierten Musik außerordentlich gut. Die Vielzahl der aufgeführten Instrumente (u. a. Klarinette, Trompete, Qanun, Gitarre, Kemence und diverse Percussion), die meist sporadisch kurze Melodiefloskeln einbringen, werden kongenial zu Dede's Neyspiel eingesetzt. Fazit: Innovative Unterhaltungsmusik der Sample-Ära auf hohem Niveau.
Erkan Ogur
Telvin (2006)
Kalan

Was das Telvin-Trio hier mit seinem Doppelalbum vorlegt, ist Jazz-Kammermusik vom Feinsten. Die acht eher ruhigen Stücke auf CD 1 werden von Erkan Ogur auf der akustischen Gitarre und der türkischen Kopuz (einer in dieser Region beheimateten Langhalslaute) gespielt, während auf CD 2 sein virtuoses Spiel auf der E-Gitarre im Vordergrund steht. Hier geht es mitunter recht heftig und temporeich zur Sache, man wird an John Scofield oder auch John Mc Laughlin erinnert und läßt sich von den abwechslungsreichen Improvisationen und dem ausnahmslos guten Gruppenspiel fesseln. Ilkin Deniz am E-Bass und Alp Bekoglu an den Drums sind nicht nur willige Begleitmusiker für den türkischen Star-Gitarristen, sondern eigenständige Mit-Musiker, ohne die eine auf Improvisation beruhende Musik auch nicht funktionieren würde. Die Tracks haben manchmal in den Melodien türkische Wurzeln, die jedoch schnell von den rasanten Improvisationen verdrängt werden. CD 2 enthält zwei Live-Mitschnitte aus Malatya (Egbabiye) und Bochum (Nefes), die von Erkans furiosen Soli beherrscht werden. Er werden ausschließlich eigene Stücke gespielt, die gemeinsam vom Trio erarbeitet worden sind.
Für Freunde der Jazz-Gitarre ist dies ein unbedingt empfehlenswertes Album. Darüberhinaus sollte man auch mal in Erkan Ogurs türkisch-traditionelle Werke reinhören, wie etwa dem ausgezeichneten Album Fuad (2001), auf dem er mit dem armenischen Duduk-Meister Djivan Gasparyan zusammen spielt. Der 1954 in Elazig geborene Erkan Ogur ist einer der interessantesten Musiker und Komponisten der neueren türkischen Musikszene, der sich aber auch international einen Namen gemacht hat. Er spielte mit Philipe Caterine zusammen, trat bei internationalen Jazz-Festivals auf und gastierte mehrmals in den USA. Er baut Instrumente selber und seine Interpretationen türkischer Volksmusik erheben den Anspruch authentisch und gleichzeitig innovativ zu sein. Seine Musik ist auf dem der traditionellen und progressiven türkischen Musik verpflichteten Label Kalan erschienen. Dem seit 1995 bestehenden Telvin-Trio gelingt hoffentlich mit diesem Album eine breitere Aufmerksamkeit im mitteleuropäischem Raum.
Man bekommt die CD in guten türkischen Musik-CD Geschäften.
Dhafer Youssef
Divine & Shadows (2006)
Jazzland

Das neue Album des tunesischen Ud-Virtuosen und Sängers ist als ausgefeiltere Fortsetzung seiner Vorgänger-CD "Digital Prophecy" zu werten. Außergewöhnliche Musik aus dem Crossover-Bereich erwartet den Hörer. Die Zusammenarbeit mit norwegischen Jazz-Elektronikern wie Eivind Aarset oder Arve Henriksen und dem Oslo Session String Quartet sorgen für mehr als eine Stunde spannungsreicher und wie in "Odd Poetry" dramatischer Musik. Über allem klingt Dhafer Youseffs Ud-Spiel und seine bis in die höchsten Höhen gleitende Stimme, die er konsequent als Instrument einsetzt. Die unaufdringlichen Samples der norwegischen Jazzland-Tüftler und Arve Henriksens Trumpet sind die kongeniale Begleitmusik für die ungewöhnlichen Kompositionen des digitalen Jazzpropheten. Das Stück "Wind & Shadows" nimmt den Hörer mit seinem durchgehenden Rhythmus und den Streichern des Osloer Quartetts in eine Ferne, von der man ungern zurückkehren möchte. Die Verbindung/Nebeneinanderstellung von traditioneller Ud-Musik und modernem Elektronik-Jazz gelingt auf dieser CD faszinierend gut. Dhafer Youssefs musikalisches Potential und seine Originalität sind in den letzten Jahren zunehmend auch von anderen Musikern erkannt worden. "So findet man Dhafer Youssef an der Seite des israelischen Saxophonisten Gilad Atzmon auf dessen Meisterwerk "Exile" (2003), in Gesellschaft des italienischen Trompeters Paolo Fresu auf "Scores!" (2003), mit dem kubanischen Pianisten Omar Sosa auf "Mulatos" (2004) und mit dem progressiven französischen House- und Techno-Produzenten Laurent Garnier auf "Cloud Making Machine" (2005)" (Jazz Echo).Auch Mercan Dede, der türkische Ney- und Sampler-Guru, lud ihn ein, auf seinem Album "Su" (2004) mitzuwirken. Ebenso ist er auf Nguyen Le's neuer CD "Homescape" (2006) aktiver Mitgestalter.
John McLaughlin
INDUSTRIAL ZEN (2006)
Universal

Nachdem der Meister sich in den letzten Jahren verstärkt der indischen Musik zugewandt hat, zeigt er nun wieder seine andere, mehr dem "Heavy"-Bereich ausgerichtete Seite. Mitunter fühlt man sich an die alten Mahavishnu-Zeiten erinnert, wenngleich es an den zündenden Melodien fehlt. Zu sehr ist McLaughlin in seine vertrackten Songstrukturen verliebt, die leider von einem Synthi Soundteppich arg verschandelt werden. Natürlich gibt's an den Soli von old Fastfinger nichts auszusetzen, meiner Meinung nach kommen seine Mitstreiter, darunter Bill Evans, Soprano- und Tenorsax und Gary Husband an den Keyboards, dem nicht nach. Die Drummer, von denen Dennis Chambers der bekannteste ist, trommeln heftig was das Zeug hält, bei drei Tracks unterstützt von McLaughlins altem Weggefährten Zakir Hussain an der Tabla. Die Angabe der neun Studios, in denen die Aufnahmen gemacht wurden, drückt für mich eine gewisse Unbeständigkeit aus, die auch in den acht Stücken zum Ausdruck kommt. Insgesamt keine schlechte CD, ein Meisterwerk ist es nicht geworden.
Anouar Brahem
LE VOYAGE DE SAHAR (2006)
ECM

Der tunesische Udspieler Anouar Brahem gehört zu den Stillen in der Musikszene. Er hat sich in den vergangenen 15 Jahren mit seiner ruhigen Musik (alle CD's sind beim Ausnahmelabel ECM unter der Produktion von Manfred Eicher erschienen) ein internationales Publikum erobert, die seinen meditativen Kompositionen gerne lauschen. Das neue Album nun schließt nahtlos an den 2002 erschienen Vorgänger "Le pas du chat noir" an und bringt mit der gleichen Trio-Besetzung (Francois Couturier am Piano und Jean-Louis Matinier Akkordeon sind nicht nur Brahems Begleiter sondern auch Mitgestalter der Stücke) eine Fortsetzung dieser meist melancholischen Musik. Mir ist es allerdings beim Zuhören der Stücke nicht leicht gefallen damit eine Reise durch die Sahara zu assoziieren. Ich fühlte mich mitunter eher an alte traurige französische Melodramen der 50er erinnert. Manchmal aber treffen die wie aus weiter Ferne einschwebenden Melodien das Innerste der Seele - und was kann man von Musik mehr verlangen?
Misirli Ahmet
PERCUSSION (2005)
EN CHORDAIS/A.K.MÜZIK YAPIM ORG.

Der "ägyptische" Ahmet, wie der 1963 in Ankara geborene Ahmet Yildirim sich in Anspielung auf seine in Ägypten erworbenen Trommelkünste selbst nennt, ist ein Ausnahmeperkussionist und als solcher auch in der internationalen Musikszene ein Begriff geworden. In dem u. a. von der Europäischen Union geförderten MediMuses Projekt sind sechs CD's in der Reihe "Mediterranean musical heritage" erschienen, zu der dieses Album gehört. In acht Stücken, davon vier Solo-Aufnahmen, zeigt er sein perkussives Können auf verschiedenen Instrumenten des orientalischen Raumes, darunter Dohol, Daf, Bendir. Er begleitet sich selbst (nur einmal im Track 2 wird ein arabisches Akkordeon eingesetzt) und entfacht ein rhythmisches Feuerwerk, das auch vor kompliziertesten Takten wie 7/8 oder 9/8 nicht Halt macht. Er ist ein Improvisationskünstler, dessen Temperament ihn immer wieder zu Ausflügen ins trommlerische Nirwana führt und den Zuhörer bis zum letzten Schlag in Bann hält. In dem aufwendig gestalteten über 50seitigen türkisch/englischen Booklet wird ausführlich auf Werdegang und bisherige Produktionen des Künstlers hingewiesen. Für Freunde der Solo-Perkussions-Musik ein absolutes Muß!
Für alle CD-Tipps: © HaWi