Peter Hammill
From The Trees (2017)
Nach dem letzten dramatisch-experimentellen Album vor drei Jahren kehrt Peter Hammill nun das eher harmlos-belanglose Musizieren hervor - "conventional, or as close to conventional as I get" schreibt er auf seiner sofasound Homepage. Die zehn neuen Songs kommen mit Piano- und Gitarrenbegleitung, sowie einigen zurückhaltenden Keyboardsounds daher. Zum Gesang, auch sehr zurückgenommen, läßt er die mehrspurig aufgenommenen "Hammill-Chöre" erklingen. Leider sind die Melodien nicht besonders einfallsreich geworden und zu sehr beharrt PH auf eine theatralische Vortragsweise. Nix Rockiges, nix Innovatives, kein einziges temporeiches Lied, keine Sequenz läßt einen aufhorchen. Schade. Die Bäume scheinen den Meister eher in die Betulichkeit gedrängt zu haben. Von Alterswerk ist die Rede und Hammill selber meint, er sei nun in der dritten Lebenshälfte angekommen. Das allein rechtfertigt aber noch kein langweiliges Album, wie es "From The Trees" leider geworden ist. Wenn ich mich zum Zuhören zwingen muß, ist das ein schlechtes Zeichen, denn es gelingt dieser Musik nicht, mich zu packen. Das Booklet enthält schöne Gartenbilder.

Michel Godard & Ihab Radhwan
Doux Desirs (2017)
Vor einigen Jahren war der Tuba- und Serpentspieler Michel Godard mit Rabbi Abu Khalil unterwegs und zeigte, welche Kraft von dem unhandlichen Blasinstrument ausgehen konnte. Hier hat er sich wieder mit einem Oud-Virtuosen, dem Ägypter Ihab Radhwan, zusammengetan und erneut wird der interessierte Zuhörer begeistert von der Könnerschaft des Franzosen auf diesem - zugegebenermaßen spröden - Instrument. Die Klangkombination ist gelungen, es finden sich Momente magischer Augenblicke in den 12 Stücken, alles Eigenkompositionen, der beiden. Bei drei Titeln spielt Godard auch E-Bass, während Radhwan zu einem Stück noch singt. Radhwan, der während seiner Ausbildung zum Musiker in Kairo auch Violine lernte (nicht auf diesem Album zu hören), war als Komponist und Virtuose schon mit einem Symphonieorchester unterwegs und spielte u. a. mit Herbie Hancock oder Youssou N' Dour zusammen. Das Spiel des Ägypters ist nicht so temperamentvoll wie Abu Khalils, sondern eher wie das des tunesischen Kollegen Anouar Brahem ausgerichtet. Die Aufmerksamkeit gilt jedoch hauptsächlich Godard, der aus seiner sanft klingenden Tuba alle möglichen Töne und Geräusche hervorzaubert, ohne sich in den Vordergrund zu spielen. "Süße Wünsche" ist die CD betitelt und der orientalische Einschlag der meditativen Jazz-Musik läßt schon den Wunsch nach einem Honig getränkten Stück Baqlava aufkommen.

Serendou Trio
Zinder (2017)
Das Trio Serendou besteht aus dem bretonischen Flötisten Jean-Luc Thomas, Yacouba Moumouni aus Niger, der hauptsächlich die Flöte Serendou spielt und seinem Landsmann Boubacar Souleymane, der neben dem Gesang die Calebasse bedient und einige andere Instrumente spielt. Unter den drei Gastmusikern ist auch der Tuba-Virtuose Michel Godard mit einer Wahnsinnsimprovisation im Stück "Dibigabana" (Track 9) zu hören. Die 13 Titel ihres zweiten Albums "Zinder" (Name einer Region und Stadt in Niger) verzaubern den Zuhörer mit afrikanischen und keltisch-französischen Klängen. Die Musik ist eine kluge Mischung aus Weltmusik und Kompositionen aus den unterschiedlichen Regionen Nigers und spielfreudigen Improvisationen. Für Überraschung sorgen Ausflüge ins experimentelle Genre, wie das kurze Stück "Improlab". Das nachfolgende "Plinn of Laabu" beginnt als bretonisches Folkstück, das sich in ein Tanzstück aus Niger verwandelt. Das kreative Potential der beiden Flötisten ist gewaltig in Melodie und Rhythmus. Einige Stücke entwickeln tranceartige Momente (etwa Track 4 "Yallardoua"), erstaunlich wie perfekt der Bretone beim afrikanischen Sound mithalten kann. Große Klasse. Das gilt für die gesamte CD, die nicht nur für Liebhaber der Flöte zum unbedingten Reinhören einlädt.

Van Der Graaf Generator
Do Not Disturb (2016)
Auf diesem Album präsentiert sich das Trio in Bestform und holt noch einmal groß aus. Gleichzeitig ist es auch ein teilweise wehmütiger Rückblick, der uns bekannte Riffs und Andeutungen an Stücke der ersten Phase der Band liefert. Fast fünfzig Jahre ist das her! Ich durfte - als Hörer - von Anfang an dabei sein. Nach dieser langen Zeit ist "Do Not Disturb" erst ihr 13. Album, so richtig wahrgenommen wurden die Band ja eh nur von einer kleinen Fan-Gemeinde. Peter Hammill (vocal, gitarre, keyboard), Hugh Banton (organ, bass) und Guy Evans (drums) bieten mit diesen neun Stücken eine Art Querschnitt des VdGG- Oeuvres und schaffen das schier Unmögliche: Sie klingen alt und modern gleichermaßen. Möglicherweise werfen Kritiker ein, daß hier mit Versatzstücken gearbeitet wurde und den Recken nichts mehr einfällt. Doch. Ihnen ist eine ganze Menge eingefallen. Im ersten Stück "Aloft", denkt man am Anfang an ein Solo-Album Hammills, das aber dann in VdGG-Manier hinüber gleitet und mit sattem Sound und Rhythmuswechseln überrascht, nicht zuletzt auch durch den von Banton eingesetzten Akkordeonklang, der auch dem überwiegend langsamen Stück "Room 1210" eine ganz eigenartige, kathedrale Stimmung verleit. Hier wird geschickt rückwärts aufgenommener Gitarrensound eingespielt, um eine surrealistische Atmosphäre zu suggerieren. Insgesamt ist die Musik raffiniert arrangiert wie schon lange nicht mehr. Es gibt schräge Wechsel in den Songs, z. B. bei Track 6 "Oh No (I must have said yes)", wo der von verzerrter Gitarre getragene Rhythmus plötzlich in ein jazziges Teil mit cleverem Gitarrensolo übergeht, das man von Peter Hammill in der Form noch nicht gehört hat, dazu swingt Guy Evans herrlich an den Becken. Hammills Gesang klingt weniger exzessiv, vielleicht gelingt es ihm auch nicht mehr so wie in früheren Tagen stimmlich alles aus sich herauszuholen. Ein würdevolles Altersalbum, klug (aber manchmal etwas trocken klingend) abgemischt, das ich, ehrlich gesagt, in dieser Form von den Jungs nicht mehr erwartet hätte. Großartig!

Causa Sui
Return To Sky (2016)
Das dänische Trio öffnet mit den langen Stücken ihrer Musik eine Tür in die Vergangenheit, die in jene Zeiten führt, als man ergriffen den Klängen der Experimental-Rocker um Can oder ähnlich inspirierter Krautrocker lauschte. Die reine Instrumentalmusik nimmt den willigen Hörer mit auf jene Reisen, die ihn, mit oder ohne Substanzen genossen, vorübergehend in transzendentale Welten entführen. Auf diesem schon achten Album der Band sind es gerade mal fünf Stücke, die eher gemäßigt zur Reise einladen. Auf ihrer Homepage benennen die Musiker ihren Stil als Space Rock, was auch annehmbar ist, allerdings ein ziemlich irdische Variante davon. Die seltenen Gitarrensoli klingen in meinen Ohren vom Sound her wie von Blue Cher, jene fantastischen Ur-Hardrocker aus längst vergangenen Zeiten... Die Jungs von Causa Sui - was etwa Ursache seiner selbst bedeuten könnte - haben sich offenbar gerne in diesem Genre eingerichtet und wer diese Richtung mag, wird mit ihrer Musik gut bedient. Aus der Ferne winken Hawkwind, Steamhammer, Amon Düül, na ja, so ungefähr. Reinhören könnte sich lohnen.

Radiohead
A Moon Shaped Pool (2016)
Die britischen Avantgarde-Rocker um Thom Yorke haben auf ihrem elften Studioalbum elf Songs veröffentlicht, übrigens alphabetisch geordnet, von denen die meisten bei den eingefleischten Fans schon bekannt gewesen sein dürften, da sie seit Jahren immer wieder mal live in unterschiedlichen Variationen aufgeführt wurden. Es ist insgesamt wieder ein Werk mit hohen Ansprüchen geworden, musikalisch wie textlich wie visuell. Aber Anspruch bedeutet ja nicht, daß es einem auch gefallen muß. Mich erinnert es stark an "Amnesiac", obwohl ich noch nicht genau dahinter gekommen bin, warum. So ist das halt manchmal. Es gibt Ähnlichkeiten im Sound, bei den Samples, der Rhythmik. Neu hinzu gekommen sind Streicher, gespielt vom London Contemporary Orchestra (vielleicht hätte es ja auch ein gutes Streichquartett getan), schön rhythmisch gleich im ersten Stück "Burn the Witch", zu dem es einen bitterbösen Animationsfilm gibt. Für das Video des zweiten Titels "Daydreaming" konnte die Band den "Magnolia"-Regisseur Paul Thomas Anderson gewinnen, der Thom Yorke wie in einem Traum Räume durchstreifen läßt, bis er am Ende in eine Höhle kriecht und am Feuer zusammen gekauert zur Ruhe kommt. Ruhe strahlen nur wenige Titel aus, überwiegend verspüre ich beim Hören eine nervöse Spannung, eine innere Aufgeregtheit, was vielleicht auf meine große Erwartungshaltung zurückzuführen ist. Und da liegt der Knackpunkt, denn ich höre da eine Masche heraus, eine Masche, mit heutiger Digitaltechnik und allerlei Effektspielerei einen Song interessant, irgendwie 'künstlerisch ambitioniert' klingen zu lassen. Hinzu kommt der ewig gleiche jammervolle Singsang Yorkes, der mir nur gelegentlich gefällt, z. B. bei dem Song "Ful Stop", in dem er aus dem üblichen Schema ausbricht und so etwas wie Leidenschaft andeutet - einer der besten Stücke des Albums. Meiner Meinung nach sind auch die Texte nach einem Baukastenmuster erstellt. Es gibt Codeworte, die immer wieder auftauchen, Andeutungen, kryptische Formulierungen, vieldeutig interpretierbar, quasi ein esoterischer Überbau für die aus avantgardistischen Höhen zu uns gesandten musikalischen Botschaften. In die gleiche Richtung ging auch Peter Hammills letztes Werk "All that might have been", hier aber war der experimentelle Anteil der Musik - oder sollte ich des Sounds sagen - viel höher und sein Gesang brachte das Quentchen Dramatik mit ein, das mir bei Radiohead fehlt. Also insgesamt ein gewiss anspruchsvolles Album, das - zurecht - jubelnde Kritiken bekommen hat, bei mir aber bislang einen ambivalenten Eindruck hinterlassen hat. Auf alle Fälle: Anhören!

SILLY
Wutfänger (2016)
Die Band SILLY gehörte in der DDR - und der deutschen Rockszene insgesamt - zu den musikalisch und textlich anspruchvolleren Gruppen, deren schrilles Aushängeschild natürlich die Sängerin Tamara Danz war. Fast vierzig Jahre gibt es SILLY nun und seit 2006 singt Anna Loos für die Gruppe (Tamara starb 1996) - und sie macht ihre Sache gut. Auch auf diesem Album, das dritte mit Anna Loos, überzeugt sie mit ausdrucksstarker und klarer Stimme, bei der positiv auffällt, daß sie kaum mit Hall oder Effekten rüber kommt. Schön. Das kann man machen, weil sie die Töne genau an der Stelle trifft, an der es sein soll. Mit anderen altmodischen Worten: sie kann einfach gut singen. Die Band liefert 14 knackige Rocksongs und balladeske Chansons, unter denen es keine Totalausfälle gibt, die aber meiner Meinung nach hin und wieder ruhig etwas mehr Improvisationen vertragen hätten. Das "Schlagerhafte" wird indessen etwas zu oft gestreift und musikalische Risiken vermieden. Der Sound ist perfekt, analog siegt über digital. Alle Texte hat Anna Loos geschrieben. Manche Kritiker heben dies als Manko hervor und werfen ihr Beliebigkeit vor. Wer abgrundtiefe Weisheiten in Rocksongs erwartet, ist einfach an der falschen Stelle. Ich finde die Texte durchweg gelungen und kann keine Plattheiten entdecken, für die ich mich fremd schämen müsste. Wer mit Vergleichen zu früheren SILLY-Produktionen und Texten argumentiert, ist unfair, denn natürlich will A. Loos keine Kopie von T. Danz sein und außerdem haben sich die Zeiten und die Musiker geändert. Ob die Musik allerdings bei den Tralala-Kids von heute ankommt, bezweifle ich stark (sollte es anders kommen, um so besser). Hier sind also die Hardcore-SILLY-Fans und die älteren Semester gefragt. Ich gehöre dazu: Mir gefällt "Wutfänger".

Milos Karadaglic
Blackbirds, the Beatles Album (2016)
Noch zu 'Lebzeiten' der Fab-Four, 1967, hatte der begnadete Jazz-Gitarrist Wes Montgomery einige der Lieder in sein Programm aufgenommen, so zum Beispiel auch das auf diesem Album zu hörende Eleanor Rigby. Bei Montgomery wurde daraus eine leicht beschwingte Nummer, von Streichern begleitet. Zwei Jahre später nahm sich ein anderer Großer unter den Jazz-Gitarristen, George Benson, die Kompositionen der LP Abbey Road, unter dem Titel The other side of the Abbey Road veröffentlicht, vor. Bis heute sind zig Nummern der Beatles nachgespielt, neu interpretiert, verballhornt worden. Unter ihnen einige außergewöhnliche, speziell von Gitarristen. 2013 stellte ich so auch Al Di Meolas improvisationsfreudige Versionen hier vor, nämlich dessen CD All your life. Der aus dem klassischen Bereich kommende Montenegriner Milos Karadaglic hat 15 Songs - zum großen Teil Solo - eingespielt, ist dafür extra in die Abbey-Road Studios gefahren und hat sogar die alten Mikrofone aufstellen lassen. Seine Versionen kommen meist ruhig und behutsam daher, richtige Rocknummern hat er nicht dabei. Die klassische Herkunft merkt man deutlich und das ist wohl auch so gewollt. Bei zwei Titeln, Let it be und She's leaving home, sind Gregory Porter und Tori Amos zu hören. Lucy in the sky wird mit der Sitar begleitet, gespielt von Anoushka Shankar. Insgesamt fehlt mir die Leidenschaft, der Drive. Es sind ordentlich gemachte Interpretationen, die für melancholische Rotweinabende sehr gut zur Untermalung passen. Allein der Klang seiner akustischen Gitarre ist mir zu sehr auf Moll gestimmt und enthält zu viel Sentimentalität, was bei Yesterday oder auch beim großartigen George Harrison Klassiker While my guitar gently weeps noch in Ordnung ist. Diese Beatles kommen gezähmt und ganz brav daher. Auf alle Fälle aber ein auf hohem Niveau eingespieltes Album.

Jean Sibelius
Scaramouche (2015)
71 Minuten Zeit muß man sich nehmen, um dieses Werk des finnischen Komponisten aus dem Jahr 1913 zu hören. Leicht macht er es einem nicht, obwohl es durchweg leichte Musik ist. Sibelius (1865-1957) war keiner der wilden Moderner, er agierte in seinen Kompositionen eher leise und setzte feine Nuancen, gepaart mit melodischem Einfallsreichtum, wie nur wenige Zeitgenossen. Der Scaramouche entstand als Auftragsarbeit für eine tragische Pantomime, die er 1912 begann und ein Jahr später abschloß. Aufgeführt wurde das Stück dann aber erst in Kopenhagen im Mai 1922. Die Musik wurde von Kritikern als außergewöhnlich und seltsam beschrieben. Wir kennen die Pantomime nicht mehr, nach der Musik muß es ein eher romantisches, von innerlichen Gefühlen getragenes Werk gewesen sein. Im Booklet der CD gibt eine Inhaltsangabe Aufschluß über die Handlung. Leif Segerstam und das Turku Philharmonic Orchestra versinken fast in den sehr leisen Passagen und anscheinend erlaubt die Partitur keine dramatischen Wendungen. An einigen Stellen verharrt die Melodie im nicht enden zu scheinenden Piano und zwingt zum genauen, fast meditativen Hinhören. Einige spanisch klingende Sequenzen bringen so etwas wie gedämpfte Fröhlichkeit in die Szenerie. Manche Stellen erinnern mich an Musik aus Hitchcock Filmen, andere wirken wie Begleitmusik zu alten Silent Movies. Eine seltsame Musik, fürwahr. Insgesamt sehr hörenswert und entspannend.
PS: Wer den gleichnamigen Mantel- und Degenfilm von George Sidney (1952) mit Stewart Granger in der Hauptrolle noch im Sinn hat, sollte keine Assoziationen damit verbinden.

Throttle Elevator Music
Jagged Rocks (2015)
Eine Rhythmusgruppe und ein Saxofonist namens Kamasi Washington betreiben auf diesem Album eine Art Minimaljazz, der zügig abgeht und durch den Bezug zu Hardrock- und Punk-Elementen gefällt. Obwohl nur Washington das melodieführende Hauptinstrument spielt, treiben die anderen drei - Gitarre, Bass und Schlagzeug - jeden Song in die entsprechende Stilrichtung, wobei Punkiges überwiegt. Das ist nicht immer durchgängig laut, zum Glück, und die Rhythmus- und Lautstärkewechsel geben dem Ganzen die besondere Note. Meine Befürchtung, diese Art könnte sich nach einer Weile abnutzen, erfüllte sich erstaunlicherweise nicht, was womöglich auch an der Kürze der 16 Songs liegen mag. Aber die Rhythmen sind insgesamt eingängig, sie haben den nötigen Drive, der für spannende Aufmerksamkeit sorgt. Clubmusik für späte Stunden der ungewöhnlichen Art. Kauzig und eigenwillig. Reinhören lohnt.

Natalia Mateo
Heart of Darkness (2015)
Die polnischstämmige Sängerin hat hier ein durchaus hörenswertes Album vorgelegt, indem sie einige Standards und Eigenkompositionen interpretiert. Das ganze geht in Richtung Jazz, wofür auch die Band-Besetzung (und natürlich auch das Label ACT) mit Trompete, Piano, Gitarre, Bass und Drums spricht. Bei den genannten Standards spitzt man natürlich besonders die Ohren, denn da zeigt sich, ob hier jemand 'was drauf hat' oder einfach nur ein paar Fülltitel aufs Album bringt, weil das eigene Material nicht ausreicht. In diesem Fall sind z. B. 'The Windmills Of Your Mind' oder 'I put a spell on you' gut gelungene Interpretationen und zwar deshalb, weil es Mateo nicht auf Teufel komm raus darauf angelegt hat, die Songs zu verbiegen, sondern den Kern beibehalten hat. Ihre angenehme - auch in den höheren Lagen - klingende Stimme zeigt sich flexibel genug, um mit den Instrumenten zu korrespondieren. Bei leisen Titeln, wie 'Solitudo Diabolo', hüllt ihr Wiegenlied-Gesang uns zuerst in eine wohlige Stimmung, bis die Band sich mit ihren Improvisationen in den Vordergrund spielt und zeigt wieviel Jazz sie 'drauf hat'. Insgesamt würde ich mir wünschen, dass Natalia Mateo an der einen oder anderen Stelle ruhig etwas 'dreckiger' klingen könnte. Ein gut gelungenes und in sich rundes Album.

Louis Spohr
String Quartets Vol. 17 (2014)
Louis Spohr (1784-1859) dürfte heute nur noch einen gewissen Bekanntheitsgrad bei eingefleischten Klassikfreunden haben. In seiner Zeit war er allerdings ein angesehener Komponist und auch international erfolgreicher Violinvirtuose. Seine annähernd 300 Werke umfassen Opern, Oratorien, Orchesterstücke und Kammermusik. Hier schuf er mit 36 Streichquartetten ein umfangreiches Opus, das aber größtenteils - wie auch sein übriges Werk - in Vergessenheit geriet, so dass Reclams Kammermusikführer von 1990 schrieb, dass noch 1984 kein einziges auf Schallplatte vorrätig sei. Dem ist nun abgeholfen, denn Marco Polo hat jetzt mit Vol. 17 die letzte CD im Rahmen einer Gesamteinspielung vorgelegt. Insgesamt waren vier Quartette - New Budapest Qu., Haydn Qu., Dima Qu. und das Moskauer Concertino String Quartet - daran beteiligt. Übrigens ist auch das übrige Spohr'sche Werk inzwischen wieder vermehrt zur Aufführung bzw. Veröffentlichung gekommen, hörenswert ist auch die bei CPO erschienene Gesamtausgabe seiner zehn Symphonien.
Louis Spohr hat viele Quartette zu seinem Privatvergnügen komponiert und seine virtuosen Künste dementsprechend in den Vordergrund gerückt. Ob das den entsprechenden heutigen Kollegen Spohr's immer so gelungen ist, wie es sich der Meister ausgedacht hat, wage ich nicht zu beurteilen. Zum Glück sehr selten klingt es jedoch arg quietschig, so als ob hier gerade mal so die 'Kurve' gekriegt wurde. Bei den späteren Werken ist Spohrs Hinwendung zum Ensemblespiel deutlicher hervorgehoben und erreichen durchaus die Qualität großer variationsreicher Kompositionen dieser Gattung. Seine Musik wird vom romantisch-klassizistischen Stil beherrscht, er war kein wilder Neuerer, aber dem Neuen auch nicht ablehnend eingestellt. Spohrs Vorbilder waren Mozart, Haydn, Cherubini, weniger Beethoven, mit Ausnahme der sechs Quartette Opus 18. Der Einfallsreichtum an Melodien ist verblüffend - es gibt sehr eindrucksvolle langsame Sätze - und insgesamt scheue ich mich nicht von einem Schatz der Streichquartettgattung zu sprechen, der dem ungerechten Dunkel der Vergessenheit durch diese Veröffentlichung entrissen wurde. Wer sich die ersten drei Quartette (Vol.3, Op. 4) anhört, bekommt mit dieser leichten, anmutigen Musik quasi einen Wegweiser für die übrigen Werke. Und dennoch handelt es sich nicht um bloße Wiederholungen. Spohr dringt in seinem Quartettschaffen immer tiefer in die Möglichkeiten der harmonischen Gestaltung für die einzelnen Stimmen ein, manche nennen es sogar wegweisend für die Zukunft. Die Booklets enthalten durchweg genügend Informationen und sind vom Spohrbiographen Clive Brown verfasst. Die Anordnung der Quartette hätte ich mir chronologischer gewünscht. Über die Nuancen der einzelnen Quartettgruppen werden die Experten sicherlich mehr zu sagen haben, als ich es in der Lage zu sein wäre. Für Streichquartettliebhaber ein Genuss!

Hossein Alizadeh & Hamavayan Ensemble
Badeh Toei (2014)
Nach längerer Zeit erscheint wieder ein Werk für eine größere Gruppe des iranischen Tar + Setarspielers Hossein Alizadeh, der zudem als Komponist herausragende Werke für die iranische traditionelle Kunstmusik geschaffen hat. Diesmal hat er ein zehnköpfiges Ensemble zusammengestellt, sowie gleich zwei Sänger und zwei Sängerinnen. Alizadeh hat den Rahmen der traditionellen Musik erweitert, tut dies aber konsequent weiterhin mit einheimischen Instrumenten. Das ganze Werk hat sieben Teile und ist wie eine Suite aufgebaut, in der sich die komponierten Abschnitte mit den improvisierten die Waage halten. Dem Album ist eine Live Aufführung als DVD beigefügt.
Wer sich auf diese Musik einläßt, wird mit fremdartigen Klängen und Rhythmen konfrontiert, erfährt dabei aber gleichzeitig, dank des ausgezeichneten Ensemblespiels, wie sehr die Begegnung mit der iranischen Musikkultur das eigene Hörempfinden bereichert. Alizadehs eigene Improvisationen sind hier überwiegend von leisen Tönen geprägt, die er durchweg auf dem Instrument Shurangiz vorführt. Dieses Saiteninstrument hat er vor einigen Jahren nicht neu sondern wieder 'erfunden'. Nach alten Berichten ließ er sich dieses Instrument anfertigen und benutzt es auch auf seinen zahlreichen Solo Tourneen. Gegenüber Tar und Setar hat Shurangiz einen etwas lieblicheren Klang, mich erinnert es an fernöstliche Saiteninstrumente. Der Sänger Mohammed Motamedi liefert eine perfekte Performance und wird bei seinem Solo von dem Neyspieler Siamak Jahangiry einfühlsam begleitet. Die beiden Sängerinnen, Saba Hosseini und Rahele Barzegari, dürfen, nach den Vorschriften der Islamischen Republik Iran, nicht als Solistin auftreten. Sie sind aber auch in der Gruppe deutlich zu hören und Alizadeh hat es geschickt verstanden, ihnen genügend Spielraum bei den individuellen Melodieteilen einzuräumen. Alizadeh hat es auch schon früher verstanden Frauen als Sängerinnen in seinen Orchestern mit einzubinden, so auch bei einem Konzert mit dem armenischen Dudukspieler Javan Gasparyan, das ich selber 2003 vor Ort in Teheran erleben durfte (erhältlich auf der CD Endless Vision).

Alfred Hill
String Quartets Vol. 5 (2014)
Wer sein Leben lang in Neuseeland verbracht hat, wird es nicht leicht gehabt haben, Zugang zur Moderne in Europa zu finden. Das merkt man den Streichquartetten Alfred Hills (1869-1960) deutlich an, soll aber keine Kritik der Musik dieser Werke sein. NAXOS hat sich der Streichquartette dankbarerweise angenommen und das Dominion String Quartet mit der Gesamteinspielung beauftragt. Nun ist bereits Vol. 5, der insgesamt auf 6 CDs angelegten Reihe, erschienen. Es ist gefällige Musik im besten Sinn des Wortes, also, Musik die gefällt. Die Quartette Nr. 12 bis 14, komponiert in den 30iger Jahren des vorigen Jahrhunderts, verweisen nicht nur durch ihre Viersätzigkeit, sondern auch durch ihre Machart auf Komponisten des 19. Jahrhunderts, wobei Dvorak, Brahms und Tschaikowsky zu nennen sind. Melodiös, stets moderat, fließt die Musik angenehm dem Zuhörer entgegen. Es gibt kaum dramatische Ausbrüche oder temporeiche Passagen. Die Verteilung der vier Instrumente ist hervorragend ausbalanciert, so dass ein teilweise orchestraler (Schön)Klang erzeugt wird. Immerhin 17 Werke dieser Gattung hat Hill komponiert, mehr als etwa Schostakowitsch, doch leider blieben sie bisher in Europa unbeachtet. Mit dieser Edition ist nun glücklicherweise Abhilfe geschaffen worden.

Peter Hammill
...all that might have been... (2014)
Diese drei-CD-Box wendet sich wohl in erster Linie an die Hammill-Fans, die den avantgardistischen-experimentellen Künstler in ihm schätzen. Ich halte dieses Werk für einen Höhepunkt in seinem musikalischen Schaffen. Jede CD hat einen eigenen Titel, "Ciné" heißt die als erste auf der Rückseite der Box genannte. 47 Minuten lang reist der Hörer durch eine weitestgehend düstere Atmosphäre, in der gelegentlich spärliche Gitarrenklänge auftauchen, das einzige Instrument übrigens, das als solches zu erkennen ist. Der Rest sind gesampelte Sounds und Geräuschfrequenzen, in denen hin und wieder ein Rhythmus eingeblendet wird oder an japanische Instrumente erinnernde Töne anklingen (auf einer kurzen Tokio-Reise hat er sich intensiv mit seinem zu diesem Zeitpunkt vorhandenen Material beschäftigt). Hammill breitet vor uns eine beklemmende Soundlandschaft aus, in der es - wie den Texten zu entnehmen ist - nichts zu lachen gibt: Seelenqualen, kafkaeske Visionen, alptraumhafte, (für mich) teilweise unklare, kryptische Zitate, von denen man nicht erfährt wer eigentlich der Absender ist und an wen sie gerichtet sind, die in typisch Hammillscher Manier mit theatralischer Betonung zitiert werden. Gesanglich ist dabei absolut nichts auszusetzen, allerdings wird derjenige enttäuscht werden, der gewöhnliches Songmaterial erwartet. Wie schon auf einigen Vorgängeralben entfernt sich Peter Hammill mehr und mehr von 'normalen' Songstrukturen, die ja bei ihm sowieso schon immer etwas schräger waren. Es gibt keine rhythmischen Wechsel, alles bleibt im langsamen Tempobereich. Seine berüchtigten hysterischen Gesangseskapaden bleiben weitestgehend aus.
Die CD "Songs" enthält zehn Titel, obwohl auch hier die Bezeichnung "Song" nur bedingt zutrifft. Diese Stücke sind dann auf der "Ciné"-CD 'zerschnitten' und in neuer Reihenfolge zusammengesetzt worden - wie man eben einen Film zurechtschneidet. Ein interessantes Experiment, bei dem der Hörer die Möglichkeit bekommt sozusagen einer Variante des gesamten Materials zuhören zu können. Ein Zusammenhang zwischen den Texten könnte man vielleicht konstruieren, war aber offenbar nicht beabsichtigt. Bei diesem Songmaterial scheint mir diese Art der 'Weiterverarbeitung' (eine Art Re-mix) eine gelungene Idee zu sein.
Die dritte, "Retro" betitelte CD, enthält noch einmal den - etwas gekürzten - Sound, rein instrumental. Teile davon würden sich auch für einen Film eignen, vielleicht sollte Lars von Trier mal reinhören?
Es gibt dementsprechend zwei Textbooklets mit unterschiedlichen Abbildungen, wobei ich aber die Stellen, bei denen dunkle Schrift auf dunklem Hintergrund gedruckt wurde, dumm und ärgerlich finde. Liner-notes gibt es zu diesem Album nicht. Auf den Rückseiten der aus Pappe bestehenden drei CD-Hüllen, hat Peter Hammill einiges über die Motivation, Entstehung und Vorgehensweise dieser Kompositionen, die ihn über zweieinhalb Jahre beschäftigten, ausgeführt.
Ohne Zweifel ein anspruchsvolles - eins der anspruchsvollsten in seiner vierzigjährigen 'Karriere' überhaupt - Werk, ein Album, zu dem es sicherlich nicht leicht ist, Zugang zu finden, da wird der eine und der andere Hammill-Fan vielleicht doch aus Verzweiflung zu früheren, deftigeren Platten greifen und sich damit trösten. Wenn jemand aus dem Progrock-Bereich ein derartiges Kunstwerk zu produzieren in der Lage war, dann dieser außergewöhnliche Komponist. Mutig!

Homayoun Shajarian + Tahmoures Pournazeri
Neither Angel Nor Devil (2014)
Wenig weiß man in unseren Breitengraden über die aktuelle Musik in Iran. Schade, denn so wird das hier vorgestellte Album wohl kaum einem größeren Hörerkreis bekannt werden. Um so mehr schade, weil es sich bei den beiden auf dem Cover abgebildeten Musikern um ausgesprochene Könner ihres Fachs handelt. Tahmoures Pournazeri ist ein Tar und Setarspieler (zwei traditionelle Saiteninstrumente) und zudem Komponist der acht Titel dieser CD. Homayoun Shajarian (links) ist ein Sänger und Tombakspieler (eine persische Rahmentrommel), der sich aber in den letzten Jahren vorwiegend dem Gesang gewidmet hat. Dabei ist es ihm gelungen aus dem Schatten seines berühmten Vaters, Mohammed Reza Shajarian, zu treten, auch deshalb, weil er mit einigen innovativen Künstlern der traditionellen iranischen Kunstmusik neue Wege betreten hat. Die Stücke dieses Albums, das in dreijähriger Zusammenarbeit entstanden ist, sind denn sowohl traditionell wie modern zugleich. Sie weisen mit für die einheimische Musik fremden Instrumenten - z. B. indischem Sitar, elektrischem Bass oder spanischer Flamencogitarre - auf den weiten Rahmen, der diese hervorragend eingespielten Stücke kennzeichnet. Es sind nicht ausschließlich iranische Musiker an diesem Album beteiligt, das teilweise in den USA aufgenommen wurde. Wer sich darüber hinwegsetzen kann, dass Persisch gesungen wird, bekommt mit dieser CD einen ausgezeichneten Einblick in das gegenwärtige Musikgeschehen Irans, zumindest in den Teil, der offiziell und erlaubt ist. Die Texte stammen von dem Klassiker Rumi und zeitgenössischen Dichtern, wobei der kürzlich verstorbenen Simin Behbahani ihr eigenes Gedicht (Chera rafti?/Why did you leave me?) wohl als Andenken gewidmet ist. Leider ist dem schön aufgemachten Booklet keine Übersetzung der Texte beigefügt. (Das Album wird auch unter dem Titel Beyond any form angeboten)

Peter Hammill & Gary Lucas
Other World (2014)
Es beginnt ganz harmlos, wie eine akustische Hammill-Produktion. Beim nächsten Stück - Some Kind Of Fracas - sind die Gitarren schon etwas härter eingestellt und die Effekte und Verzerrungen übernehmen die Regie. So geht es bis zum Ende weiter. Ein experimentelles Alterswerk, zu dem Peter Hammill den Gitarristen Gary Lucas als Kompagnon eingeladen hat. Wer hier aber was spielt, ist Nebensache. Es hat den Anschein, als ob die beiden allen Ehrgeiz darin gelegt haben, bloß kein Stück irgendwie 'normal' klingen zu lassen. Zu simpler ähnlich klingender Rhythmusgitarrenbegleitung wird allerhand Soundgeklingel- und gefiepe hallig dazu gemischt, manchmal nach dem Motto: wollen wir mal ausprobieren, was die Regler so hergeben. Manche Effekte klingen auch nach dem dritten Mal nicht bedeutungsvoller. Ich frage mich, wozu brauchte Hammill den Lucas? Nichts auf der CD klingt neu, alles gab es in Hammills-World schon mal. Von einer Other World kann ich nur vage etwas erkennen. Die 14 Stücke dauern eine knappe Stunde, wer's bis zum Schluß durchhält, wird wohl kaum so schnell Lust verspüren, die CD erneut zu hören. Obwohl: Black Ice z. B. hat was. The Kid hat eine schöne Gitarrenbegleitung. Fazit: Zwei mittelmäßige Gitarristen machen Hausmusik im Homestudio und übertünchen das spärliche Können mit technischem Schnickschnackgesummse (Ich weiß wovon ich rede!). Ach ja: Hammill singt (klingt) durchweg gut.

Billy Hart Quartet
One Is The Other (2014)
Wenn alte Schlagzeug Meister, wie hier der 74jährige Billy Hart, mit der richtigen Besetzung zusammen kommen, erlebt man einige der selten gewordenen Jazz-Momente, die weit aus der Vergangenheit in die Gegenwart geholt werden. Das weiche Tenorsax von Mark Turner, das perlende Pianospiel Ethan Iverson's und der beständige Bass von Ben Street versetzen einen in die (musikalische) Jazz Periode der Endfünfziger des vorigen Jahrhunderts, wo nach dem hektischen Bebop der coole Sound eines Garry Mulligans oder Dave Bruebeck angesagt war. Wer wildes Drauflosimprovisieren mag, ist hier falsch. Bei One Is The Other wird mit klugen Soli um die Komposition herum improvisiert und der Namensgeber des Quartetts zeigt sein filigranes Können in seinem detailreichen Spiel, z. B. bei Big Street. Ein schönes, melancholisches Stück komponierte er für Stevie Wonder - Sonnet for Stevie - und der schmalzigen Ballade Some Enchanted Evening (mir durch Frank Sinatra unvergessen im Ohr geblieben) gibt er einen sentimentalen After-Midnight-Touch, der nach einem letzten Whiskey verlangt. Vielleicht ist alles etwas zu kopflastig geraten, aber insgesamt hervorragend. Jazz wie ich ihn mag. Vielleicht, hoffentlich, viele andere auch...

Kristin Berardi & James Sherlock
Guess I'll Hang My Tears Out (2014)
An so einem Album rumzumäkeln, wäre überheblich und eigentlich überflüssig. Welche Sängerin traut sich denn heute noch nur mit akustischer Gitarrenbegleitung auf die Bühne? Und zwar keine Schrammelgitarre, die mal eben den Rhythmus runterspielt, sondern eine feine melodiöse Gitarre, die zwischendurch auch mal zum Solo abhebt. Die Australierin Kristin Berardi war mir bis dato kein Begriff, ebenso Gitarrist James Sherlock. Die Berardi zeigt einfühlsames Können, spielerisches Improvisieren und läßt ihre warme, weiche Stimme in sanfte Höhen ihrer meist melancholisch gefärbten Songs aufsteigen. Eigentlich also alles großartig. Aber - als Jazz-Sängerin durchzugehen, schafft sie bei mir nicht. Manches klingt eben doch noch zu sehr nach jungem Mädchen, da fehlt das - gesanglich gemeint - verbrauchte und, na ja, verruchte. Bei Kristina stellt man sich mehr die jungfräuliche Schöne am Hofe des Ritters Ivanhoe vor. Es klingt manchmal einfach zu - wunderschön. Sorry.

Toshio Hosokawa
Orchestral Works (2014)
Seit einigen Jahren werden bei Naxos in der Reihe "Japanese Classics" hierzulande nahezu unbekannte japanische Komponisten vorgestellt. Diesmal ist eine CD des 1955 geborenen Toshio Hosokawa erschienen, der sich, wie man an den drei enthaltenen Orchesterstücken hören kann, der zeitgenössischen Musik zugewandt hat. Seine Werke sind der Lotusblume gewidmet, einem in Japan überaus wichtigem kulturellem Symbol. Das Horn Concerto versucht sich dem Erblühen des Lotus anzunähern, Solist ist Stefan Dohr. Sein eindringliches Spiel wird vom meist im Hintergrund agierenden Orchester begleitet, man kann auch sagen untermalt, denn es soll, so der Komponist, die Natur darstellen. Das zweite Stück ist ein Klavierkonzert (Solistin Momo Kodama), das mit keinem geringerem als Mozart in Verbindung steht, genauer mit dessen Klavierkonzert A-Moll, KV 488. Ein Auftragswerk zum Mozart Jahr 2006, in dem die gleiche Instrumentierung benutzt werden sollte. Ein interessantes Stück, mit ruhigen und aufwühlenden Passagen, das zum Thema Lotus under the moonlight hat. Chant ist das dritte Stück betitelt, bei dem es sich um ein Cello Konzert (Solist Anssi Karttunen) handelt. Hier fließen japanische Musikelemente hinein, so das Shomyo, das ein Teil religiöser Zeremonien darstellt. Das Royal Scottish National Orchestra unter Jun Märkl gelingt eine teilweise packende Aufführung und da Naxos offensichtlich (durch die Nr. 1 gekennzeichnet) weitere Veröffentlichungen Hosokawas plant, darf man diesen mit Spannung entgegensehen.

Betacicadae
Mouna (2013)
Der Multi-Instrumentalist Kevin Scott Davis hat mit dieser Soundcollage ein schönes Beispiel für die gelungene Verarbeitung von Feldaufnahmen und gelegentlichen musikalischen Fragmenten vorgelegt. Durchweg bekommt man einen ruhigen Sound zu hören. Natürlich ist das Kopfkino pur, gut für den Kopfhörer geeignet. Davis hat die knapp 35 Minuten in neun Stücke aufgeteilt, die Titel haben und unter denen sich fantasiebegabte Hörer sicherlich etwas vorstellen können. Es ist wie ein Spaziergang durch eine surreale Traumwelt. Irgendwie entspannend, aber nicht einschläfernd. Veröffentlicht hat das Album elegua records, eins dieser kleinen, mutigen Labels für experimentale Sounds, ohne die unsere Musikszene so viel ärmer wäre.

Nadine Shah
Love Your Dum And Mad (2013)
Ziemlich düstere elf Songs, die uns hier die junge Sängerin aus England auf ihrem CD-Debüt vorsetzt. Meist im mäßigen Tempo vorgetragen, herrscht etwas hausbackener industrial-sound vor, bei dem Gitarre oder mehr noch Keyboard-Piano den starren Rhythmus vorgeben. Nadine Shah macht ihre Sache gut. Sie hat gerade diese Zerbrechlichkeit in der Stimme, die aufhorchen lässt. Sie ist eine Sängerin, die vorträgt und nicht herausschreit. Sympathisch auch ihr der pakistanischen Heimat des Vaters angelehnte Aussprache mancher Wörter. Die Melodien ihrer Eigenkompositionen sind einfach und ebenso ist die instrumentale Begleitung von überschaubaren Ideen geprägt. Das stört aber keineswegs, da die Songs nicht allzu lang und von exquisiter Soundqualität sind. Hin und wieder, wie im Song Floating etwa, tauchen einige experimentelle Abschnitte auf. Na ja, textlich bleibt ihre Lyrik eben dem jungendlichen Zeitgeist verpflichtet und sollte nicht überbewertet werden. Hauptsache es klingt schön. Ein Album fürs mehrmals Hören.

Picaporters
Elefantes (2013)
In zwei Tagen im März 2013 wurde dieses Album der Kategorie Hardrock live eingespielt. Drei Musiker - Juan Pablo Herrera (bass), Lucas Barrué (guitar) and Juan Pablo Vázquez (drums) - aus Argentinien, nahmen die vorliegenden neun Stücke auf und hatten nichts weiter im Sinn, als ihre Musik zu machen. Ganz im Stil dreiköpfiger Bands wie Blue Cher, Edgar Broughton Band, Taste oder auch Ten Years After (u. wahnsinnig vieler anderer) gehen die Jungs von Picaporters vor und liefern ein absolut scharfes Album, das sogar als Free Download zu haben ist - hier. Wer mit dieser Musik aufgewachsen oder ihr einfach nur zugeneigt ist, kommt auf seine Kosten. Man wohnt praktisch einer Session bei, was auch vom Sound her gut eingefangen ist. Lucas Barrué ist jetzt nicht der große Gitarrenvirtuose, aber was er macht ist stimmig und zieht einen mit. Die Musik hat Abwechslung und scheut auch vor leisen Stellen nicht zurück. Mir hat es gefallen. Muchos saludos a Buenos Aires.

Bill Frisell
Silent Comedy (2013)
Dieses Solo Album des Gitarrenvirtuosen ist ganz dem experimentellem Ausprobieren gewidmet. Die neun Stücke werden von den Möglichkeiten heutiger Effektverwandlungen geprägt und sind genremäßig mehr dem Avantgarde-Stil zuzuordnen. Vereinzelt erklingen krude Melodien, so als wollte der Meister mit den Zuhörern seinen Spott treiben. Das zweiminütige Titelstück gehört in diese Kategorie. Es gibt auch verzerrte Gitarre zu hören, z. B. Lake Superior, aber es bleibt eher beim Geräusche Fabrizieren, als das ‚ordentliches' Spiel zu hören ist. Für die Fans von Frisell, die seine Jazz Produktionen mögen, dürfte das Album eher eine Enttäuschung sein. Insgesamt eine CD, die für Leute mit abgefahrenem Geschmack auf dem Gebiet rein experimentellen ‚Musizierens' von Interesse sein wird.
Wer Bill Frisell auf den gewohnten Pfaden genießen will, sollte zum ebenfalls 2013 erschienenen großartigen Album »Big Sur« greifen.

Vultress
Distance (2013)
Irgendwie unglaublich, daß die vier jungen Bandmitglieder aus Indiana, dieses komplexe Progrock Album eingespielt haben sollen. Das Foto auf ihrer Facebookseite kann natürlich auch schon etliche Jahre alt sein. Wenn dem aber nicht so ist, dann haben wir es hier mit wirklich außergewöhnlichen jungen Musikern zu tun, die ihr Handwerk aus dem FF beherrschen. Die CD ist mit 76 Minuten randvoll und enthält eine sechsteilige Suite mit dem 24minütigen Abschlußstück At the Edge. Die Improvisationen auf Gitarre (Jordan Gaboian) und Keyboard (Anthony Capuano) sind absolut gelungen und bieten hardrock- und jazzorientierte Anteile gleichermaßen. Genauso funktionieren Bass (Alex (Chucho) Barrios) und Drums (Paul Uhrina) als Rhythmusbasis und treiben die Action voran. Heavy Metal parts werden ebenso wie akustische Teile geboten. Auch der Gesang von A. Capuano hat die richtige Dramatik und Variationsbreite und an entsprechender Stelle auch Sensibilität. Etwas Schade nur, daß die Melodien nicht so richtig ziehen wollen. Vielleicht fehlt es den Jungs da noch an der nötigen Erfahrung beim Komponieren. Instrumental sind sie jedenfalls voll auf der Höhe. Als Debüt ein wahnsinniger Einstieg!

Al Di Meola
All Your Life - A Tribute To The Beatles (2013)
Wenn jemand wie der Gitarrenvirtuose Al Di Meola sich vornimmt, ein Album mit Beatles Nummern zu veröffentlichen, dann kommen dabei etwas andere Stücke heraus, als die, die man im Ohr hat. Natürlich hat jedes Stück seinen Wiedererkennungswert, aber Di Meola schafft es - rein akustisch übrigens - in seinen Variationen jene Note kreativer Individualität hineinzulegen, die eben nur ein Meister wie er zu Stande bringen kann. Vierzehn Stücke aus allen Perioden der Fab Four hat er ausgewählt. Es ist ein grandioses Album geworden! Jedes Arrangement zeugt von intensiver Beschäftigung mit den Originalen. Die Beatles-Stücke sind ja durchweg recht simple Kompositionen, wahrscheinlich deshalb auch so unglaublich erfolgreich - und für Interpreten ein dankbares Sujet, denn dadurch bieten sie genug Spielraum für Verzierungen und Improvisationen. Al Di Meola bleibt aber den Originalen sehr nahe. Seine Virtuosität blitzt zwar immer wieder auf, etwa bei Michel, aber er stellt sie nicht in den Vordergrund. Dennoch ist es natürlich ein Al Di Meola Album geworden. Seine Fans wollen auch den flinken Finger des Meisters hören und bewundern. Er benutzt akustische Gitarren, fügt bei Eleanor Rigby lediglich das prägende Streichquartett hinzu. Bei einigen Stücken schlägt er den Rhythmus auf dem Gitarrenkörper. Elegante und leichte (besser, leicht klingende) Gitarrenmusik. Auch die experimentale Psychedelic-Nummer I am the Walruß gelingt ihm problemlos - natürlich dank seiner hervorragenden Technik. Insgesamt findet sich nichts Überflüssiges, nichts Langweiliges. Wirklich eine gelungene Hommage. Genuss pur! Absolut meisterlich!

Jeremy & Progressor
Searching for the Son (2013)
Mit diesem Album erwartet einen eine fast 80minütige musikalische Zeitreise in die Endsechziger Jahre. Scheinbar alles, was damals an Instrumenten und Stilen en vogue war, kommt hier zum Einsatz. Das gute alte Mellotron ebenso wie Jimi's Wah-Wah-Gitarre. Dieser Musikalische Mischmasch mag vielleicht abschreckend klingen, wird aber von dem Usbeken und Multiinstrumentalisten Vitaly "Progressor" Menshikov und seinen Mitstreitern ziemlich gut umgesetzt. Die elf Stücke sind teilweise längere Werke, in denen immer wieder kurze Progrock-Sequenzen und allerlei Gefrickel mit Rückwärtseinspielungen eingefügt werden. Praktisch enthalten die einzelnen Stücke mehrere Teile und es gibt genügend überraschende Wendungen. Wer schon etwas in die Jahre gekommen ist, wird sich mitunter an David Gilmours Gitarrenspiel erinnert fühlen. Es sind meist gelungene Improvisationen, die auch soundtechnisch hervorragend klingen. Einziger Schwachpunkt ist für mich der etwas blasse und gleichförmige Gesang, da hätte vielleicht doch ein anderer zusätzlicher Sänger hier und da für mehr Abwechslung gesorgt.

Dharma101
Beautiful Kharma (2013)
Diese Hardrock Formation aus Brasilien hat ein beeindruckendes Debüt vorgelegt. Für Freunde satter Gitarrenklänge- und Läufe, sowie des dazu passenden Gesangs, ist dies eine durchaus zu empfehlende CD. Zwölf Titel geben Auskunft vom Können der Band um die Gründer Bruno Fornazza (Gitarre), Luciano Frazani (Gesang) und dem Bassisten Felipe Andreoli und dem Drummer Kiko Zara. Auf dem Hardrock Sektor tummeln sich massenhaft ähnlich klingende Bands, so daß Dharma 101 es sicher nicht leicht haben werden, mehr als nur kurzfristige Aufmerksamkeit zu erhaschen. Wegen der Qualität der Songs, vorzugsweise wird die melodienreichere Variante des Heavyrock geboten, wäre es gerechtfertigt ihnen reichlich Zuwachs an Fans zu wünschen.


Money
The Shadow of Heaven (2013)
Immer noch gilt: Wer wissen will, wo die innovativsten Sounds und Gruppen herkommen, der muß nach Großbritannien schauen, vor allen Dingen hören. Money ist ein junges Quartett aus Manchester. Ihr Debütalbum hat zehn Titel und ihre Musik würde ich einem Ambient-Psychedelic-Stil zuordnen, wobei das nur eine ungefähre Richtung ist. Charakteristisch ist der verhallte Gesang, der auch mehrstimmig daherkommt. Es klingt wie in einer Kirche aufgenommen, womöglich erzeugen auch Titel wie So long, God is dead und The cruelty of godliness derartige Assoziationen bei mir. Sänger Jamie Lee pflegt einen zurückhaltenden Gesang, der manchmal an den Harmonien vorbeischrammt. Melancholisch und brüchig soll es wohl auch klingen. Offensichtlich zählt Robert Smith von The Cure zu seinen Vorbildern. Gitarren, Klavier und Keyboards bestimmen den ruhigen Sound, der zwar an Joy Division erinnert aber weniger schroff und zerstörerischer klingt. Gelungenes und niveauvolles Debütalbum.

Carousel
Jeweler's Daughter (2013)
Das Heavy-Rock Quartett aus Pittsburgh lässt für Fans dieses Genres keine Wünsche offen - höchstens dem nach dem nächsten Album. Temporeich und mit sattem Gitarrensound zeigt Carousel das diese Musik immer noch abgeht wie zu Zeiten von Blue Cher, Thin Lizzy u. a. wenn sie denn so gekonnt vorgetragen wird, wie hier. Mit neun Songs und knappen 35 Minuten spielt die Band sich auf ihrem Debutalbum die Seele aus dem Leib, wobei der Sänger und Gitarrist Dave Wheeler ruhig noch ne Schippe drauflegen könnte. Die Mischung aus knalligen (zugegeben eher simplen) Gitarrenriffs (Chris Tritschler und Jim Wilson, Bass) und hämmerndem Schlagzeug (Jack Leger, manchmal mit ein paar Ungenauigkeiten) sorgt jedenfalls für die richtige Stimmung und macht Spaß. Einfacher und gradliniger Hardrock vom Feinsten..

Unknown Mortal Orchestra
II (2013)
Am Anfang dachte ich, irgendjemand hat verschollene Bänder vom jungen John Lennon gefunden, aber dann wurde mir schnell klar, daß hier ganz außergewöhnliche Musik abgeht. Das amerikanisch-neuseeländische Trio bietet simple Songs bei denen das Hauptinstrument die Gitarre ist. Die Songs komponiert Gitarrist Ruban Nielson (Jack Portrait, Bass und Riley Geare, Drums) und offensichtlich hat er ein Fabel für die Musik der frühen 60iger mit Psychedelic Einschlag. Sein Gesang ist schlicht umwerfend. Es gelingen ihm fantastische Stücke, wie One at a time oder Monki Es sind tempobetonte Nummern mit teilweise gewagten Melodiebögen. Gelegentliche Ausflüge ins Genre der Psychedelic Musik a la Velvet Underground gelingen der Band genauso gut, wie die mehr Song betonten Stücke. Meiner Meinung nach ist Nielson ein begabter Komponist, der geschickt die Merkmale des Alten mit dem Neuen zu verbinden weiß. Außerdem spielt er gut und seinem Stil entsprechend Gitarre. Absolut empfehlenswert.

Suuns
Images Du Futur (2013)
Die vier Musiker aus Kanada legen nach "Zeroes QC" (2010) ihr zweites Album vor und zeigen damit, daß Jenseits von Radiohead noch andere Möglichkeiten eigenwilliger Kunstrockmusik möglich sind. Mit eher bescheidenem Equipment zaubern Suuns eine von gemäßigten Rhythmen getragene elegische Stimmung herbei, die manchmal ins Heftig-Chaotische wechselt. Zwei Gitarren, Syntheziser und Drums sind ihre Werkzeuge, zu denen Sänger Ben Shemie mit wenig variabler Stimme Kurzbotschaften vorträgt, die kryptischen Twitter-Meldungen gleichen und kaum Anspruch auf irgendeinen tieferen Sinn beinhalten. Das Interessante an dieser Musik ist, wie sparsam und kreativ hier die Instrumente eingesetzt werden. Merkwürdige Melodien oder die schräge Gitarrenbegleitung wie in 2020 etwa, sind Außerhalb des üblichen Mainstream-Pop angesiedelt. Gelegentlich gibt es Leerlauf und dem Gesang mangelt es eigentlich an jedweder Dramatik, aber wenn es denn so sein soll.... Insgesamt ein gelungenes Album aus der Kategorie anspruchsvolle Kopfmusik.

Jesús Guridi
String Quartets (2013)
Die Musik der beiden einzigen Streichquartette des Spaniers Jesús Guridi (1886-1961) ist in höchstem Maße unmodern. Immerhin 1933 und 1949 komponiert, zeigen sie einen melancholischen Hang zur Romantik und bestechen durch harmonische Klangvielfalt. Das Bretón Quartett trägt viel dazu bei, die beiden Werke dem Hörer mit charmanter Unaufdringlichkeit nahe zu bringen. In den langsamen Teilen versinkt man in den ruhigen Passagen und lässt sich in eine angenehme Wehmut hinein verführen. Leider erschließen sich mir die im Booklet angeführten »baskischen Volksmelodien«, die der Komponist verarbeitete, nicht, da ich schlichtweg keine kenne. Beide Quartette, im Abstand von 16 Jahren entstanden, sind sich im Aufbau (viersätzig) und der Melodieführung ähnlich. Es ist im besten Sinne des Wortes eine angenehme Musik, für die man sich Zeit und Muße nehmen sollte, um sie genießen zu können. Beim gleichen Label (Naxos) sind einige andere Werke (Orchester- und Pianomusiken) Guridis erschienen, die sich lohnen, entdeckt zu werden.

District97
Trouble with Machines (2012)
Als altem Progrock Fan geht mir das Herz über, wenn ich den fünf jungen Leuten vom 97. Distrikt aus Chicago zuhöre. Außerdem ist dieses Genre mit weiblichem Gesang sehr bescheiden bestückt. Von daher war ich neugierig auf Leslie Hunt's Stimme - und wurde nicht enttäuscht. Sie meistert die nicht gerade einfache Melodieführung der meisten Stücke bravourös. Einer der Höhepunkte ist zudem ein Duett mit dem Urgestein John Wetton, der einst bei King Crimson's frühen Alben mitwirkte. Leslie Hunt war übrigens eine Finalistin bei dem amerikanischen Pendant zu DSDS American Idol. Eine erstaunliche Wendung! Die sieben Lieder bieten beinahe alles, was der Progrock Liebhaber mag: Kurze, abgehackte Rhythmen, schräge Melodien, zackige Gitarrenriffs und Longsongs. Man sollte allerdings schon etwas vorbelastet in dieser Richtung sein, wenn man sich auf das Album einlässt. Keyboard, Gitarre, Bass und Schlagzeug und als Gast im Track Read your mind taucht - für meinen Geschmack doch etwas sehr kurz - ein Cello auf. Zusätzlich gibt es noch eine DVD mit einem Live Mitschnitt der Band, bei dem man den sehr konzentrierten, noch etwas statisch wirkenden Auftritt der jungen Leute mitverfolgen kann. Ein Klasse Album, das zweite übrigens, nach Hybrid Child von 2010. Seit 2006 gibt es die Gruppe und die aktuelle Besetzung der neben Leslie Hunt agierenden Musiker soll hier nicht verschwiegen werden: Jim Tashijan (git), Rob Clearfield (keys), Patrick Mulcahy (bass), Jonathan Schang (drums). Katinka Kleijn, Cello, spielt immerhin beim Chicago Symphony Orchester. Aus der Homepage der Band wird deutlich, daß die Musiker einen weiten musikalischen Background haben, was dem Sound und den Kompositionen dieses Albums sehr zu Gute kommt.

John Zorn
Nosferatu (2012)
Die Musikmaschine namens John Zorn, ein in den USA beheimateter Automat gigantischen Ausmaßes, stößt jährlich (mindestens) ein Dutzend Alben aus, eins davon ist dieses. Zorn (piano, alto saxophone, Fender Rhodes, electronics, breath) ist auch Produzent dieses Werkes, das dem Dracula Schöpfer Bram Stoker gewidmet ist. Unter den drei Mitmusikern ist die andere Musikproduziermaschine Bill Laswell zu nennen, dessen Aktivität in den Liner Notes schlicht mit bass angegeben ist (Track 10 Stalking). Die 16 Tracks enthalten viel improvisierte Anteile, die Stücke schwanken insgesamt zwischen Kammermusikalität und zaghaften Freejazz Ausbrüchen. Wenn man den Stummfilm vor Augen hat, könnten einem Assoziationen zu einigen Szenen einfallen, besonders bei den verhaltenen Titeln, die wie Filmmusik klingen. Insgesamt ein hörbares Album, jedoch sind mir einige Nummern etwas zu fade und klingen wie Füllmaterial. Ein großer Wurf ist es nicht geworden. Nosferatu wird als keuchendes Wesen suggeriert, umgeben von fiependen Ratten (oder sollen es gar Fledermäuse sein?). Bei dieser Musik jedenfalls will das mit dem Gruseln nicht so richtig klappen.

Rory Gallagher
The Irish Tour 74 (remastered 2012)
Der leider schon 1995 verstorbene, aus Irland stammende Gitarrist und Sänger Rory Gallagher gehörte zu der Handvoll Ausnahmemusikern, die ab Ende der 60iger die Blues Rock Szene beherrschten. Nachdem er seine Band The Taste 1970 aufgelöst hatte, tourte er bis zu seinem Tod unter seinem Namen um die Welt. Neben Eigenkompositionen bediente er sich bei den Klassikern des Blues (Catfish Blues z. B., dass leider nicht auf diesem Album enthalten ist) und spielte und sang die Stücke mit kraftvoller Intention. Gallagher's Musik kam life erst richtig zur Geltung. Er brachte die Säle zum Kochen und war auf der Bühne in ständiger Bewegung. Während er spielte, konnte es passieren, dass er auf den Boxen herumturnte oder sich unters Publikum der vordersten Reihen mischte. Hemdsärmelig verkörperte er den sympathischen Guy, mit dem man gerne mal um die Häuser ziehen würde. Das nun remasterte Album Irish Tour des Jahres 1974 (hierzu unbedingt sehenswert auch die Filmdoku von Tony Palmer) dokumentiert einige Konzerte mit den typischen Gallagher-Stücken (Cradle Rock oder Tatoo'd Lady). Sein flinkes, mitreißendes Gitarrenspiel bleibt dem Genre verhaftet, er war kein experimenteller Musiker. Das Stück Too Much Alcohol scheint dann leider so etwas wie sein Lebensmotto gewesen zu sein und führte letztendlich auch zu seinem frühen Abgang mit erst 47 Jahren. Geneigte Neueinsteiger bekommen einen Ausschnitt purer Lebensfreude der 70iger zu hören, Nostalgiker hüpfen wahrscheinlich mit verklärtem Blick und steifer Hüfte durch die Stube.
Wohl bekomms.

Autumn Chorus
The Village To The Vale (2012)
Tragische, elegische Melodien bekommt man auf diesem Album der vier Briten zu hören, die sich bei ihrer kammermusikalischen Auseinandersetzung im Progrock Genre noch von Viola und Flöte unterstützen lassen. Der etwas zitterige aber sanfte Gesang des Leadsängers und Gitaristen Robert Williams' (er spielt auch die Trompete) klingt unaufgeregt, mich manchmal an einen der Gentle Giant Sänger erinnernd. Alle sieben Stücke sind durchkomponiert und enthalten keine Improvisationen. Der Rhythmus bleibt überwiegend langsam, bisweilen wird es dramatisch laut, gelegentlich etwas pathetisch, so bei dem längsten Stück Rosa, das mit 16 Minuten Dauer etwas überzogen ist. Mitunter entsteht entfernt der Eindruck einer Anleihe barocker Klänge. Fazit: Durchaus angenehme Musik für lange Winterabende. Musik zum genießen.

Counter World Experience
Music for Kings (2012)
Das deutsche Progrock Trio um Benjamin Schwenen (guitars, guitar-synth), bietet auf dieser Instrumental CD eine gelungene Kombination von wohlklingenden Melodien und harten, knallenden Riffs. Beginnend mit einem voluminösen Orgelintro kehren die Musiker aber schnell zu ihrer eigentlichen musikalischen Bestimmung zurück: Schnellen und vom Schlagzeug vorwärtsgetriebenen Rhythmen. Aber es gibt überraschende Abwechslungen: Das dritte Stück Trois filles des roi enthält Passagen, vorgetragen von Opernsängerinnen. Das folgende Stück Priamos beginnt mit akustischer Gitarre. Eine Neyflöte (gespielt von Mohamad Resa Fazli) erklingt (etwas zu kurz) beim Stück Gilgamesch - King of Uruk. Sebastian Hoffmann (bass) und Thorsten Harnitz (drums) sorgen für eine solide und sichere Begleitung. Beide sind in der Lage eigene Akzente zu setzen. Ein rundherum gelungenes Album für Freunde des harten Progrocks, mit Ausflügen in den Jazzbereich und einigen Tupfern Klassik. Es ist dies, seit Gründung der Band 2001, bereits ihre fünfte CD. Schade, daß so was nie im deutschen Fernsehen zu sehen und zu hören ist!

Crippled Black Phoenix
(Mankind) The Crafty Ape (2012)
Es ist schon interessant zu hören, was die Enkel von Pink Floyd anzubieten haben. Vieles klingt bei diesem Album tatsächlich wie Gilmour & Waters aus den frühen 70igern, so daß sich bei mir die Aufmerksamkeit auf die Frage konzentrierte: Was gibt es neues, wie hat der Verkrüppelte schwarze Phoenix die musikalische Gegenwart mit einbezogen? Aber damit ist es dann nicht weit her. Moderne, zeitgemäße Sounds & Effekte werden zurückhaltend verarbeitet, man begnügt sich mit dem Kopieren der Vorbilder (z. B. bei Track 5 A Letter Concerning Dogheads, der an einer Stelle an das unübertroffene Echos erinnert). Kopf der britischen Gruppe ist Justin Greaves (Ex-Drummer u. a. von Iron Money, Electric Wizard, Teeth Of Lions Rule The Divine). Er bevorzugt anscheinend die melodramatische Richtung und ein überwiegend gemäßigtes Tempo. Eine Vielzahl von Gastmusikern ist beim Zustandekommen der bisher sechs Alben beteiligt gewesen. Ich kenne bisher nur dieses und kann zu den Vorgängern also nichts sagen. Die eigentliche Gruppe scheint aus sieben Musikern (lt. Homepage) zu bestehen, was man den Songs nicht unbedingt anhört. Wer sich zum Schwermütigen in der Pop Musik hingezogen fühlt, der wird hier anspruchsvoll bedient und kommt auf seine Kosten.
Reinhören lohnt sich auf jeden Fall.

Van Der Graaf Generator
Alt(2012)
In einem seiner letzten Newsletter kündigte Peter Hammill zu der bescheidenen Van der Graaf Generator-Tournee 2012 auch eine neue CD an. Dieses Werk hier ist nun aber eine reine Instrumentalspielerei, das aus Material der Jahre 2006 - 2012 zusammengebastelt ist. 14 Stücke, meist ähnlich klingend, machen es noch einmal deutlich: Die Musiker sind instrumentaltechnisch eher mittelmäßig einzustufen und strahlen ihre mitreißende Wirkung nur im VdGG Sound aus, zu dem nun mal auch Hammills Gesang gehört. Wenn der fehlt, gehen mindestens fünfzig Prozent dieser Wirkung verloren. Was in diesem Fall übrig bleibt, ist eher bescheiden und wirklich nur für eingefleischte Fans empfehlenswert. Nicht überall wo Van der Graaf Generator draufsteht, ist auch Van der Graaf Generator drin. Schon auf dem ersten nach der Wiedervereinigung erschienenen Doppelalbum "Present" von 2005, haben die Musiker auf einer CD lediglich Instrumentalstücke präsentiert. Und schon damals - noch mit dem inzwischen leider ausgestiegenen David Jackson am Saxofon - offenbarten diese Stücke improvisatorische Mängel. Annehmbare Instrumentalmusik gab es von Van der Graaf Generator Anfang der 80iger auf "Now and Then" zu hören.
Für mich klingt auf dem vorliegenden Album der ruhigere Track sieben, "Repeat after me", recht angenehm, bei den übrigen ist Guy Evans mit seinem Schlagzeugspiel meist am deutlichsten zu hören. Einige interessante Stellen hier und da bei den übrigen Stücken täuschen aber nicht über den mäßigen Gesamteindruck hinweg.
Der Untertitel von "Alt" lautet Instrumental Improvs & Experiments - was bedeutet: Wir drücken beide Augen zu und registrieren: Als Experimentalalbum im altmodischen Stil geht die CD gerade noch durch. Aber Jungs: Ihr könnt mehr und besseres!

Peter Hammill
Consequences(2012)
Zehn neue Songs, die wie die alten der letzten Dekade klingen. Musikalisch wenig ergiebig, kaum etwas dabei, dass zum Feuer entfachen geeignet ist. Auch ist Hamill's Singerei mehr eine Art Vortrag geworden. Dieser unangenehme theatralische Duktus, das Pathos mit dem er Worte hinausstößt, gehen eher auf die Nerven, wirken auch mitunter peinlich, weil es übertrieben erscheint. Wem will er was mitteilen? Das er älter geworden ist? Geschenkt. Dass er an der Welt und ihren fehlerhaften Menschen leidet? Nebbich. Kurz gesagt, für mich ein schwaches Album, wenig kreativ, eher ein Verlegenheitswerk, weil genug Zeit zum Vorgängeralbum verstrichen ist. Auch ein neues Van Der Graaf-Album ist angekündigt. Welche Konsequenzen er im Titel anspricht, bleiben mir verborgen. Vielleicht ist es allgemein gehalten, dass alles, was wir tun oder nicht tun, Konsequenzen haben kann…blablabla.
Bei Amazone lese ich, dass begeisterte Fans von einem phänomenalen Album schwärmen. Ich bin ja nun selber Fan der ersten Stunde, bei mir kommt da nicht viel Phänomenales hoch. Außer phänomenale Langeweile! Sorry.

PS: Nun ist das aber mit Hammills sperrigen Alben so, dass sie mir in der Vergangenheit oft erst nach einigen Monaten doch ganz gut gefielen. Fast bei allen eigentlich. Wieviele Monate wird dieses also benötigen?

Nils Petter Molvaer
Baboon Moon(2011)
Unter uns gesagt: Molvaer ist kein besonders guter (Jazz) Trompeter. Die musikalischen Floskeln hören sich bei ihm meistens so an, als ob er irgendwo in seinem Kämmerlein vor sich hin übt und mal dies mal das ausprobiert, sich aber nicht richtig traut, aus sich herauszugehen. Die elektronische, manchmal mit Hardrock-Rhythmen kombinierte und allerlei Sound-Effekten angereicherte Begleitung sorgt jedoch dafür, dass das eher harmlose, leidenschaftslose Herumgeblase eine Bedeutung erhält, die für Aufmerksamkeit sorgt und das ganze als eine neue Art von Jazzmusik gedeutet wird. Gitarrist Stian Westerhus und Drummer Erland Dahlen steuern diesmal für das durchweg melancholische Werk düstere Klänge und schleppende Rhythmik bei. Molvaers Beschäftigung mit unterschiedlichen Stilen wird oft gerühmt und hat anfangs sicher auch aufhorchen lassen. Bei diesem Album - soundmäßig vom Feinsten aufgenommen und abgemischt - bleibt vieles für mich jedoch ungesagt, besser, ungespielt. Der erste Track, "Mercury Heart", ist ein gelungener Einstieg, dem aber leider kaum Gleichwertiges nachfolgt. Auch das letzte Album, "Hamada", konnte bei mir nicht so richtig punkten. Ähnlich geht es mir nun mit "Baboon Moon". Nicht wirklich schlecht - dazu ist Molvaers Klanglandschaft zu außergewöhnlich, aber auch nicht so, dass man sich danach verzehrt. Und der Pavian guckt auch schon ganz traurig…

Marcin Wasilewski Trio
Faithful(2011)
Nach "January" (2007), nun ein zweites Album bei ECM des Klaviertrios um den polnischen Pianisten Marcin Wasilewski. Es enthält zehn Titel, davon zur Hälfte Eigenkompositionen Wasilewski's. Das Titelstück ist eine feine - ‚anständige' - Variation von Ornette Coleman's Komposition von 1968, während der Eröffnungstitel "An den kleinen Radioapparat" von Hanns Eisler (komponiert 1942, zu einem Text v. B.B.) - eher ein banaler Schlenker - eine musikalisch unergiebige Verbeugung vor dem großen - und übrigens viel zu selten öffentlich aufgeführten - Komponisten ist. Das Trio bietet eher ‚klassischen' Jazz, hat aber zwischendurch genügend Einfälle für Ausflüge in die Moderne. Wasilewski spielt ein klares, beinahe vornehmes Piano, ohne sich - bildlich gesprochen - die Finger schmutzig zu machen. Eher ist verhaltene Dramatik sein Antrieb. Sehr schön gelungen: "Ballad of the sad young men" (eine Komposition von Frances Landesman / Thomas Wolf). Fazit: Durchweg empfehlenswert.

Marilyn Mazur
Celestial Circle(2011)
Die Percussionistin hier mit ihrer neuen Band "Celestial Circle", deren Name auch Titel des Albums ist. An ihrer Seite spielen John Taylor (piano), Josefine Cronholm (voice) und Anders Jormin (double-bass). Es sind 14 Stücke, zumeist Eigen- oder Gruppenkompositionen. Die klare Stimme Cronholm's hatte sich schon bei vergangenen Produktionen hervorragend mit Mazur's ‚jazz-ethnic-rythm' gepaart. An einigen Stellen, "Temple Chorus" z. B., einer einfachen Melodie, meldet sich Mazur auch stimmlich. Sonst bedient sie gekonnt allerhand Schlagwerk, wie man es eben von ihr kennt, zeigt aber in den Kompositionen eine Neigung allzu simplen Einfällen nachzugehen. Von Anders Jormin's hervorragendem Bass-Spiel hätte ich mir mehr Engagement gewünscht, denn er durchbricht in einigen Passagen die zwar angenehm klingende, aber mitunter doch allzu gleichförmige Atmosphäre dieser auf Harmonie bedachten Musik. John Taylor passt sich mit meist minimalen Klavierexkursen diesem ‚sphärischen Kreis' problemlos an. Wenn man sich die Kopfhörer rüber zieht, staunt man einmal mehr über die exzellente Aufnahme- und Abmischungstechnik, die bei ECM ja Standard ist. Zauberer am Werk.

Kate Bush
50 words for snow(2011)
Die Meisterin der anspruchsvollen, schrägen Musik hat sich auch diesmal wieder ungewöhnlichen Pfaden zugewandt. Sieben unvergleichliche Songs über das Thema Winter, Kälte, Schnee, Eis. Meist trägt sie die Lieder mit elegischem Tonfall vor, überrascht aber auch mit Ausbrüchen, besonders bei "Snowed in at Wheeler Street", wo kein Geringerer als Elton John ihr Gesangspartner ist. Für diese Musik gibt es keine Schublade, keine Vorbilder für ihre Kompositionen. Im Grunde ist es eine Suite, am ehesten noch mit der zweiten CD ihres Vorgänger-Albums "Aerial" von 2005 zu vergleichen. Der Mittelpunkt jedes Stückes ist ihre Stimme, noch immer hoch, dabei hell und klar, aber auch in den Tiefen ausgereifter klingend. Wie üblich begleitet sie sich mit dem Klavier. Die Arrangements sind sparsamer als früher, ebenso sind die elektronischen Effekte weit in den Hintergrund gerückt. Es ist tatsächlich ein Album geworden, das in diese Jahreszeit passt. Das ist nicht zum Nebenbeihören geeignet, sondern zum Zuhören. Alles ein bisschen traurig zwar, aber es gibt diese Art von Traurigkeit, nach der man sich manchmal sehnt, ohne so recht zu wissen warum. Kate Bush liefert dafür den absolut geeigneten Sound. Eine gute Stunde sollte man sich Zeit nehmen und am besten das Album ohne Unterbrechung hören - und genießen.

John Martyn
Heaven and Earth(2011)
An diesem 2011 erschienenen Album "Heaven and Earth", so erfahren wir auf John Martyn's Homepage, hat er rund acht Jahre mehr oder weniger intensiv gearbeitet. Leider verstarb Martyn im Januar 2009, wohl an den Folgen einer Lungenentzündung. Mein Eindruck beim Hören ist, dass manche Stücke so klingen, als ob sie noch nicht das Endstadium erreicht hätten. Im Booklet heißt es, die Songs seien so, wie er sie kreiert hat, veröffentlicht worden. Sei's drum - damit liegt dann wohl das letzte authentische Werk eines Ausnahmemusikers vor, der jedoch die größte Zeit seiner Karriere ein Außenseiter in der Musikszene geblieben war. Aus der britischen Folkbewegung Mitte der 60iger Jahre herkommend, entwickelte er sich zu einem stimmgewaltigen, rock-bluesorientierten Musiker, der ab Ende der 60iger mit seiner elektrischen Gitarre einen mitreißenden Sound schuf. "Solid Air" dürfte das bekannteste Stück aus dieser Zeit sein. Auf einer Vielzahl von Live-Alben lässt sich die große Klasse Martyn's genießen. Er sang nicht einfach seine Songs herunter, sondern variierte sie mehrmals. Er schuf wunderschöne Stücke wie "Angeline" oder "Piece by piece", natürlich auch "Jonny too bad" und das herzzerreißende "Hurt in your Heart". Bei keinem Live-Auftritt durfte "May you never", mit den berühmten ersten Versen "And may you never lay your head down, Without a hand to hold, May you never make your bed out in the cold" fehlen. Einer seiner berührendsten Titel überhaupt. Im Lauf der Jahre klang seine Stimme immer schwermütiger und ging dann etwas zu sehr ins Jämmerliche über, was aber nicht heißt, dass sie weniger ausdrucksstark wurde. In etwas mehr als vierzig Jahren entstanden über 20 Studio- und eine große Anzahl von Live-Alben, seit den 90iger Jahren mit immer größeren Abständen. Der empfindsame Sänger hatte seit frühester Zeit schwer mit Drogen- und Alkoholproblemen zu kämpfen, aus denen wohl auch die zunehmend gesundheitlichen Probleme der letzten Jahre resultierten.
Auf diesem Album nun, das neun Tracks enthält, ist leider von der früheren Klasse nur noch wenig zu hören. Offensichtlich gelang es John Martyn, dem 2003 ein Bein amputiert werden musste, nicht mehr an frühere, kreative Phasen anzuknüpfen, auch wenn er - nun im Rollstuhl sitzend - immer noch Konzerte gab. Vielleicht sind die 19 Musiker, die im Booklet aufgeführt werden, ein Zeichen dafür, dass die Stücke entweder nachbearbeitet oder zu weit auseinander liegenden Zeiten entstanden sind. Phil Collins, der langjährige Freund und mitunter auch Gast auf seinen Alben, ist auch diesmal einer dieser Musiker. "Heaven and Earth" ist ein für mich unbefriedigendes Album geworden, aber wenn er es so wollte - muß ich es akzeptieren. "Willing to work" heißt der letzte Titel - diesem Willen ist ein anderer entgegen gesetzt worden.

Mathias Eick
Skala(2011)
Das ist eine sehr gefällige Musik. Acht Stücke, die nicht den Anspruch erheben, besonders in die Tiefe zu gehen. Feierabendentspannung. Die hübschen aber oft auch zu gleichförmigen Kompositionen und Arrangements des norwegischen Multiinstrumentalisten - auf diesem Album spielt er Trompete, Gitarre, Vibraphon und Bass - ziehen einen (jedenfall mich) nicht vom Hocker, lassen aber auch nicht gänzlich unberührt. Bei der Hälfte der Stücke lässt er zwei Drummer (Torstein Lofthus und Gard Nilssen) agieren, was jedoch für meinen Geschmack nicht besonders effektiv ist, zumal die Aufnahmetechnik sie mehr in den Hintergrund stellt. "Skala" gehört - nach dem ersten 2008 unter eigenem Namen veröffentlichten Album "The door" - zu jenen ECM-Produktionen, in denen eine ruhige jazzorientierte Musik gepflegt wird, bei der für mich oft etwas auf der Strecke bleibt: Nämlich die Leidenschaft. Auch hier sind es fast immer durchkomponierte Stücke, in denen kaum Platz für Improvisationen ist. Ein bisschen kühl das ganze und es klingt manchmal so, als ob die Musiker bei der Aufnahme mit ihren Gedanken woanders waren. Insgesamt gesehen aber, gewinnt das Album nach mehrmaligem Hören etwas schwerfällig meine Sympathie. Der Funke aber will so recht nicht überspringen.

Colin Vallon
Rruga(2011)
Klaviertrios im zeitgenössischen Jazz sind 'in'. Jeden Monat erscheint mindestens ein neues Album dieser Gattung. Besonders beliebt scheinen Gruppen aus dem europäischen - und hier meist nord- oder osteuropäischen - Raum zu sein. Die Gruppe um den schweizer Pianisten Colin Vallon hat nun ein Album beim renommierten Label ECM veröffentlicht. Begleitet wird er von Patrice Moret (double-bass) und Samuel Rohrer (drums). Wieder einmal mehr, eins jener ruhigen, beinahe zaghaft vorgetragenen Alben, für die Produzent Manfred Eicher inzwischen berühmt ist und immer wieder mit Preisen bedacht wird. Eigentlich ist diese Musik meiner Meinung nach weniger am Jazz, als an klassischer Musik orientiert. Auf "Rruga" - was Pfad, Weg auf Albanisch bedeutet - ziehen die elf Stücke, in leicht bedrückender Stimmung und mit verhaltener Lautstärke vorgetragen, an meinem Ohr vorbei. Diese Musik bleibt auch nach mehrmaligem Hören ohne Kanten, leider auch ohne Höhepunkte, von einigen wenigen interessanten Momenten, etwa in "Meral" oder "Fjord", mal abgesehen. Wie gesagt, mehr an Debussy oder Schönberg ausgerichtet, als an jazztypischen Pianisten. Gelegentlich gleitet man ins Experimentelle ab, aber auch hier, sehr, sehr vorsichtig, sehr behutsam - so, als wolle man eingeschlafene Hörer nicht mutwillig aufwecken.

Nguyen Le
Songs of Freedom(2011)
Die aktuelle CD des vietnamesischen Jazzgitarristen Nguyên Lê heißt Songs of Freedom und enthält neben vier Eigenkompositionen elf bekannte Coverversionen der Beatles, Led Zeppelin, Stevie Wonder, Bob Marley, The Cream, Iron Butterfly und Janis Joplin. Diese Stücke werden nun nicht einfach nachgespielt, sondern praktisch neu erfunden und mit außereuropäischen Rhythmen und Melodien in eine andere Dimension befördert. Das klingt spannend und in seiner Vielfalt manchmal verwirrend. Auf alle Fälle ein Album zum mehrmals hören. Lê wird begleitet von Iliya Amar (vibraphone, marimba, electronics), Linely Marthe (electric bass & vocals) und Stéphane Galland (drums). Dazu hat er sich etliche Gäste eingeladen, die, wie Dhafer Youssef oder David Binney z. B., im Genre der World-Fusion Musik einen Namen gemacht haben. Es ist ein zum Teil rockiges Album geworden, das immer dann Fahrt auf nimmt, wenn Lê in die Improvisationsbahn einbiegt. Was den instrumentalen Teil angeht, ist alles nahezu perfekt gelungen. Beim gesanglichen Part fehlen mir allerdings die zündenden Stimmen. Den Titel finde ich etwas weit hergeholt. Wer also auf innovative Musik zwischen den Kulturen steht, ist mit diesem Album bestens bedient!

Ketil BjØrnstadt/Svante Henryson
Night Song(2011)
Night Song besteht aus 16 Stücken, eingespielt von dem Pianisten Ketil BjØrnstadt und dem Cellisten Svante Henryson. Wieder ein ECM-Album der melancholischen Art, vielleicht sind nördliche Landschaft und Klima ein Indikator für diese Art sich musikalisch auszudrücken. Andererseits scheint Manfred Eicher ein offensichtlich schwermütiger Mensch zu sein, der mit einer gewissen Besessenheit solche Alben, praktisch am laufenden Band, produziert. Die Covergestaltung seiner Alben spricht auch nicht gerade von überschäumender Lebensfreude. Aber, aller Meckerei zum Trotz, ich möchte die Musik, die aus diesem ‚Eicher-Stall' kommt, nicht missen! Was nun allerdings für das vorliegende Werk mit ambivalenten Gefühlen gilt. Im Booklet-Text spricht BjØrnstadt zwar von seiner Leidenschaft für Schubert, die ihn schon in früher Kindheit ergriffen hatte und dass er sich bei der Arbeit für Night Song ebenfalls davon leiten ließ, leider, so mein Eindruck, hat er wohl zu viel ‚Die Winterreise' im Visier gehabt, speziell den traurigen Part davon. Die vier von Henryson beigesteuerten Kompositionen bilden im Gesamtkonzept des Albums keine Ausnahme, sondern ordnen sich der depressiven Stimmung unter. Es sind durchweg langsame, getragene Stücke, mit traurigen Klavierakkorden zu denen das Cello langgezogene Melodiebögen hinzufügt. Während beim seligen Franz der dramatische Ausbruch nicht zu kurz gekommen ist - von seinem genialen Melodiereichtum ganz zu schweigen - schleppt sich diese Musik müde oder träge oder beides dahin. Als zöge sie bei einem Leichenbegräbnis im Trauerzug hinterher. Was für eine furchtbare Nacht müssen diese beiden hinter sich gehabt haben? Und wissen Sie was? Je öfter irgendetwas mich dazu bringt die CD wieder in den Player zu legen, desto mehr kann ich mir vorstellen, mich in diese Trauergemeinde einzureihen. Manchmal höre ich nur auf das Cello, so, als wäre es ein neben mir einhergehender irgendwie Vertrauter. Ein anderes Mal spricht das Klavier in seiner beruhigenden Art zu mir. Wenn ein Stück zu Ende ist, entsteht der Eindruck, nun gibt es eigentlich nichts mehr zu sagen. Ganz erstaunt bin ich, wenn das nächste beginnt. Und dann ist es so, als ob mir dasselbe erzählt wird, aber doch irgendwie anders. Eine Hinzufügung quasi. Und jetzt sage ich: Was für eine Nacht.
Ein nicht unwesentlicher Hinweis noch: Man muss zuhören können!!

Corea, Clarke, White
Forever(2011)
Geadelt durch seine Mitarbeit an Miles Davis bahnbrechendem Bitches Brew Album von 1969, ist der Pianist und Keyboarder Chic Corea seit über vierzig Jahren eine zuverlässige Grösse im zeitgenössischen Jazz. Er gehört zweifellos zu den Gründern des Rockjazz und seine Klasse als Solist und Komponist begeistert Publikum und Kritiker gleichermaßen. Für das Album Forever hat er sich mit zwei Kollegen aus seinen frühen Tagen zusammengetan - Stanley Clarke und Lenny White - und führt uns auf den zwei CD's durch die Höhepunkte seines Schaffens. CD eins ist als reines Trio bei einem Konzert in Oakland im September 2009 aufgenommen worden. CD zwei wurde im Studio produziert und hat einige Gäste wie den Geiger Jean-Luc Ponty oder bei zwei Stücken (weniger gut gelungen ihre Version von I love you Porgy) Chaka Khan, vocals. Für mich ist die erste CD die mitreißendere. Es ist immer wieder ein herrlicher Hörgenuß, einem dermaßen eingespielten Trio bei ihren Improvisationen zuzuhören. Jazz at its best!

Trilok Gurtu / Simon Phillips
21 Spices (2011)
21 Spices ist der Titel eines Albums, dass der Tabla-Derwisch Trilok Gurtu zusammen mit dem Drummer Simon Phillips 2011 veröffentlicht hat. Das Interessante an dieser Einspielung ist die Begleitung bzw. das Arrangement der sieben Stücke durch die NDR Bigband unter der Leitung von Jörg Achim Keller. Geschickt wird hier opulenter Bläsersatz mit den filigranen indischen Trommelrhythmen verwoben, wodurch das ganze eben eine besondere Note bekommt. Es handelt sich dabei nicht um indische Musik im Bigband-Jazzstil, sondern eher um eine eigenwillige Mischung aus zeitgemäßem Worldjazz, bei dem ein indischer Ausnahmetrommler federführend ist. Außer einem Stück sind die Kompositionen von Trilok Gurtu, arrangiert von Wolf Kerschek. Es sind meist temporeiche Nummern und die Bläsersätze haben ganz schön zu tun, um den manchmal ungewohnten Rhythmen zu folgen. Aber es gelingt ihnen ausgezeichnet und wer Bigband-Freund ist, kommt voll auf seine Kosten. Mich stört lediglich der knallige Sound Simon Phillips, dessen Drums zwar die für eine Bigband Begleitung nötige Schärfe hat, aber muß das durchgehend so sein? Die Stücke sind (bis auf zwei) live beim Percussion Festival Paderborn im Mai 2010 eingespielt worden. Fazit: Eine Gewürzmischung, die es in sich hat.

Dastan Ensemble & Salar Aghili
In the name of the Red Rose (2010)
Iran ist nicht nur das Land der "Schurken", sondern auch hervorragender Musiker. Von diesen weiß man gewöhnlich hierzulande recht wenig. Seit vielen Jahren - und vielleicht doch dem einen oder anderen bekannt geworden - veröffentlicht die Gruppe Dastan Alben mit traditioneller iranischer Musik. Es gab und gibt auch gelegentliche Konzerte in Deutschland, empfehlenswert ist der Besuch eines Live-Auftritts unbedingt. Traditionelle iranische Musik mag für viele eine ziemlich sperrige Angelegenheit sein, die Kompositionen des Gründers und Leiters der Gruppe, Hamid Motebassem (Tar und Sehtar), sind jedoch im kompakten Gruppenspiel mitreißend und im solistischen Teil von esoterischer Spiritualität, die einen Zuhörer nicht unbeteiligt lassen. Auf diesem neuen zehn Stücke umfassenden Album "Im Namen der roten Rose", wie der persische Titel beh nameh gol-e sorkh auf Deutsch heißt, ist überraschenderweise ab Track 5 ein für Iran unübliches Instrument zu hören: Der indische Sitar. Meines Wissens ist dies die erste Einbindung des Sitars in eine iranische Komposition traditioneller Musik. Äußerst geschickt gelingt es Motebassem das Instrument in den gemeinsam gespielten Teilen einzubinden. Für mich ein gelungenes Experiment, das auf die alten kulturellen Beziehungen Irans mit dem östlichen Nachbarn anspielt. Der junge aber bereits profilierte Sänger Salar Aghili hat bereits einige Male mit der Gruppe Dastan zusammen gearbeitet und seine schmiegsame, weiche Stimme eignet sich in diesem Fall gut für die melodiösen Teile. Inspiriert wurde Motebassem von Gedichten des Lyrikers Mohammad-Reza Shafi'i Kadkani, dessen titelgebendes Poem ihm schon seit jungen Jahren bekannt war, jedoch erst mit reiferen Jahren verständlich wurde. Zu den Stammspielern neben Motebassem, Pejman Hadadi (Tombak, Dayere), Said Farajpuri (Kemancheh) und Hossein Behruzinia (Barbat bzw. Oud), sind diesmal noch Pouya Sarai (Santur), Reza Abai (Geyjak - ein Streichinstrument) und Siddhartha Krischna (Sitar) mit dabei. Was dieser Musik fehlt, ist die bei traditioneller iranischer Musik sonst übliche Schwere und der improvisatorische Gesangsteil. Dies aber ist kein Nachteil!

Van der Graaf Generator
A Grounding In Numbers (2011)
Van der Graaf Generator lebt und macht das, was die hartnäckigsten Fans von dieser Gruppe erwarten: Prog-Rock mit gehobenem Anspruch. Einerseits bleiben sie ‚ihrem' Stil treu - soweit es ohne David Jackson (saxes/flutes) möglich ist - andererseits wissen sie natürlich, dass man sich im 21igsten Jahrhundert befindet. Vielleicht haben sie sich deshalb diesmal Hugh Padgham geholt und ihm das Mixen überlassen. Er hat einen wirklich modernen Sound geschaffen für die 13 Stücke, was schon mal ungewöhnlich für ein VdGG Album ist. Aber weil die Titel nahtlos aufeinander folgen, scheint es sich für den Hörer um ein irgendwie zusammen hängendes Gesamtwerk zu handeln. Bei einigen wenigen Stücken rutscht das musikalische Niveau etwas ab und die verschwurbelte Hammill-Philosophie macht es einem nicht leicht hinter den Sinn seiner Texte zu kommen. Es gibt zwei gut integrierte Instrumentalstücke plus rockige Stücke mit vertrackten Rhythmen und ‚schöne' Soft-Titel, so gleich der Eröffnungssong "Your time starts now". Hammills Gesang gefällt mir gegenüber dem letzten Album "Trisector" besser, auch wenn er sich mit dramatischen Ausbrüchen zurückhält. Wie bei allen VdGG Alben sollte man mehrmals reinhören und mit Kopfhörern lässt sich noch so manche Feinheit entdecken. Hugh Banton bedient die Tasteninstrumente und sein Orgelton ist für mich der nostalgische Punkt beim Hören. Guy Evans spielt wie eh und je dynamisch und feinfühlig zugleich den einzig passenden Rhythmus für diese Band. Insgesamt ein gelungenes Album des Trios.

Ketil Bjørnstad
Remembrance (2010)
Irgendwo hoch oben im Norden, irgendwo in den (noch) dichten Wäldern oder den majestätischen Fjorden Norwegens muß es eine geheime Quelle geben, eine Art Geysir für Jazz. Warum quellen uns denn sonst von dort immer wieder erstaunliche Musikscheiben entgegen und lassen Hörer (wie mich) in Verzückung geraten? Oder hat es Manfred Eicher (ECM) irgendwie geschafft da oben eine Klonfabrik einzurichten? Wahrscheinlich naschen seine Trolle von einem uralten Mitsommernachtspilzgebräu und begeben sich dann zu einem geheimnisvollen Ort namens Rainbow Studio, der in Oslo angesiedelt ist… So war es denn auch im September 2009 als sich zwei in die Jahre gekommene Musiker mit einem jungen Saxofonisten zusammen fanden und dieses Album, Remembrance, einspielten. Komponist der elf Stücke, die lediglich Nummern tragen, ist Ketil Bjørnstadt (piano). Am Schlagzeug sitzt Jon Christensen. Über beide Musiker muß man nicht mehr viel sagen, einfach nur zuhören. Wie das so ist, wenn man älter geworden ist, drängt es einen zu besinnlichen Themen. Ein bisschen traurig klingt das schon, etwas sehr verhalten und in sich gekehrt. Aber die Musik hat eben diesen Charme der Altersweisheit, dem man sich nicht entziehen kann. Und es sind die kleinen, hübschen Melodien, die Bjørnstadt so aus dem Handgelenk fließen und nach denen man sich schon immer gesehnt zu haben scheint. Für mich entstand der Eindruck: ich durfte bei einem intimen Gespräch ein Weilchen mitlauschen. Übrigens: Brunborgs Saxofonspiel ist Jan Garbarek verpflichtet, was aber nicht heißen soll, dass er ihn bloß kopiert. Wenn man diesem großen Vorbild folgt, muß man schon genügend Selbstvertrauen haben - oder einfach nur gut sein.

Zelia Fonseca
Impar (2010)
Zelia Fonseca wurde mit ihrer Partnerin Rosanna Tavares in Europa bekannt. Als Duo mit unterschiedlichen Begleitmusikern erregten sie Aufmerksamkeit. Beider Heimat ist Brasilien, doch fügten sie in ihre Musik unterschiedliche Stile ein, die beim europäischen Publikum gut ankamen. Dann, 2006, starb Rosanna. Das Soloalbum von Zelia Fonseca "Impar" erschien 2010 bei dem Ausnahmelabel enja-records. Elf Songs aus dem Bereich Latino-Pop mit sehr viel sentimentalen ‚Mollismen' und in angenehm klingender Besetzung machen dieses meist ruhige Album hörenswert. Ein leichter ‚Jazztouch' sorgt außerdem für eine über die Maßen gute Stimmung. Jedes Stück hat ‚seine' Stimmung und ist dementsprechend auch von der Verwendung der Instrumente dahingehend angelegt. Zelias Stimme klingt einfach und kommt ohne Manierismen aus. "Impar" ist ein Album, das bei einmaligem Hören vielleicht an einem vorbeizieht, wie ein treibendes Segelboot. Erst nachdem es sich entfernt hat, dreht man sich um und spürt so eine unbewußte Sehnsucht. Dem Segler kann man nicht hinterher schwimmen, die CD dagegen kann man nochmal hören. Zelia singt Portugiesisch, die Texte sind im Booklet aber auch auf Englisch nachzulesen.

Oddjob
Clint (2010)
Wieder gibt es Erstaunliches aus Skandinavien im Jazz-Bereich zu hören. Die fünfköpfige Band Oddjob bekennt sich zu ihrer Leidenschaft zu einem der ganz Großen der Filmwelt. Clint Eastwood ist ja selber bekennender Jazzfan, der zudem auch als Komponist (auf diesem Album nur mit "Let's do it" aus dem Film "Grace is Gone" vertreten) hervorgetreten ist. Bekannt ist auch sein Film "Bird" - über Charlie Parker - und die Mitwirkung bei Scorseses Blues-Projekt. Der Titel des neuen, fünften Albums von Oddjob ist denn auch schlicht Clint. Der Kinoabend beginnt mit "The Good, the Bad and the Ugly" (Original von Ennio Morricone) und wer eine traditionell ausgerichtete Interpretationsweise erwartet, wird glücklicherweise enttäuscht. Eine hämmernde Beatmaschine gibt den Rhythmus vor, beinahe zaghaft steigen Trompete (Goran Kajfes) und Saxophon (Per "Ruskträsk" Johansson) in das Gehämmere ein. Auch bei den folgenden Stücken (die Beatmaschine bleibt die Ausnahme) zeigt sich die Band als äußerst innovativ im Arrangement und lässt über weite Strecken den Originalsound hinter sich, der zwar erkennbar, aber oft stark verfremdet wird. Oddjob spielt, wie auf ihrer Homepage zu lesen ist, Jazz with a beat. Es ist tatsächlich eine Band-Musik und weniger eine Improvisations-Session. Manches bei Oddjob klingt wie Miles Davis aus den 80igern. Aber solange es gut klingt, ist das egal. Und Oddjob ist verdammt gut!

Pascha Karimi & Karim Eharruyen
Small Planet (2010)
Die CD "Small Planet" ist die Produktion zweier Musiker aus Marokko und dem Iran. Pasha Karami, 1979 in Shiraz geboren, spielt die traditionelle Trommel Tonbak. Als Schüler von Navid Afghah bekam er seine Ausbildung. Sein Interesse gilt auch anderen, nichtiranischen, Rhythmen und so kam es zur Zusammenarbeit mit dem Marokkaner Karim Eharruyen, einem 1969 geborenen Oudspieler. Auf dieser CD, sie enthält acht Titel, gelingt es beiden in ausgiebigen Improvisationen ihr Talent zu zeigen. Gleichwohl ist es kein reines Abliefern von Virtuosenstücken geworden. Beide Musiker bleiben im Rahmen orientalischer Musik und vereinen dennoch ihre experimentelle Spielweise mit dem Traditionellen. Eharruyen spielt sein Oud mitunter wie eine Gitarre, das auch das erste Instrument war, mit dem er als Kind in Berührung kam. Er hat eine eigene Spielweise entwickelt, in die er ‚schräge' Töne einbindet, etwa im Track 6 "Improvisation". Zwei Gastmusiker, Sandip Bhattacharya - Tabla und Ramin Azimian - Tar, sind ebenfalls mit von der Partie.
Über Karami gibt es Infos, Musik und Videos auf seiner Homepage, ebenso auf der Webseite von Eharruyen. Wer Persisch kann, findet die CD auch als Download bei SHABZENDEHA, einer Seite mit viel Musik aus dem Iran. Wo genau die CD "Small Planet" erschienen ist, konnte ich nicht herausfinden.

The Rolling Stones
Exile on Main Street (2010)
"Exile on Main Street" war das zehnte Studioalbum der Rolling Stones und für mich hat sich in seiner Beurteilung seit seinem Erscheinen 1972 nicht wesentlich viel geändert: Etwas mehr als eine Handvoll Songs nahm ich damals auf Tonband auf, der Rest war mir zu krachig, mehr was für die Bierzeltatmosphäre. Die Bläsereinsätze, die meist später hinzugefügt wurden, und Jaggers kreischendes Ansingen gegen den übrigen, irgendwie lustlos abgespielten Sound, lösten bei mir keine Begeisterung aus. Vieles klang zu ‚unfertig' oder irgendwie nicht ausgearbeitet. Auch die nun ‚remasterte' "DeLuxe Version" plus einer zusätzlichen CD mit zehn unveröffentlichten Songs gelingt es nicht, an meiner ursprünglichen Einstellung zu diesem Album etwas zu ändern. Dass man immer wieder die Bezeichnung ‚Meisterwerk' zu hören und zu lesen bekommt, ist mir daher überhaupt nicht nachvollziehbar. Und diese Hin- und Her-Remasterei ist in diesem Fall wohl eher einem kommerziellen Hintergrund geschuldet. Eine wesentlich andere Höreinstellung wird dadurch nicht geboten, weil die Struktur der Songs schwach ist und über wenige Einfälle nicht hinaus kommt, da haben Jagger und Richards vorher und nachher viel Besseres hervorgebracht. Fazit: Letztendlich nur für Sammler oder Nostalgiker interessant.

Nguyen Le
Sayuki (2010)
Der gebürtige Vietnamese Nguyên Lê ist seit Jahren unterwegs, um in Sachen World-Jazz ein gewichtiges Wörtchen mitzureden. Diesmal hat der Gitarrist sich der asiatischen Welt zugewandt und fand dabei Unterstützung von solch illustren Mitstreitern wie der Bansuri-Flute Legende Hariprasad Chaurasia, der viel mit John McLaughlin zusammen musizierte. Die Japanerin Mieko Miyazaki (Koto, vocal) und Prabhu Edouard (tabla, percussion, voc) sind weitere Musiker auf diesem außergewöhnlichen Album. "Saiyuki" entstand 2009 und enthält 10 Stücke. Einfühlsam passt sich Nguyên Lê dem eher jazzfernen Spiel seiner Kollegen an und so entstand eine Musik, die mal leicht, mal rhythmisch, mal japanisch oder indisch daherkommt. Das ist kein Mischmasch geworden, dem der Jazzgitarrist seinen Stempel aufdrückt, sondern ein kluges, harmonisches Miteinander. Vielleicht liegt es auch daran, dass nicht Lê allein als Komponist tätig war. Die Cd beginnt mit dem indisch orientierten Stück "Sweet Ganesh" und endet mit "Ila", einer ruhigen Komposition, bei der die Kotospielerin Mieko und Nguyên Lê in einem behutsamen Zusammenspiel einen würdigen Abschluß dieses empfehlenswerten Albums liefern.

Mohammad Reza Mortazawi
Saena (2010)
Mohammed Reza Mortazawi, der in Isfahan geborene iranische Percussionist, lebt seit einigen Jahren in Deutschland. Schon als Kind hat er das Donbakspielen gelernt und es dabei relativ schnell zu einer seltenen Perfektion gebracht. Inzwischen hat der jetzt 32igjährige seine neunte CD - diesmal bei dem iranischen Label Hermesrecords - veröffentlicht. Donbak und Daf sind die beiden Instrumente, auf die er sich spezialisiert hat. Einige Proben des unnachahmlichen Spiels können auf seiner Homepage www.moremo.de oder auch auf youtube betrachtet werden.
Die neue CD "Saena" enthält acht Titel auf denen er erneut in einmaliger Weise zeigt, was auf der Donbak alles möglich ist. Es sind kleine Melodien, die er mit flinken Fingern hervorzaubert und durch sein filigranes Trommelspiel umrahmt. Längst hat er mit seiner Spielweise den traditionellen Rahmen iranischen Donbakspiels verlassen und ist in virtuose Weiten vorgedrungen. Er ist kein radikaler Experimentierer, benutzt keine Verfremdungseffekte oder elektronische Filter. Alle Klänge werden tatsächlich ‚nur' mit den Händen erzeugt. Seine Musik verlangt nach aufmerksamen Zuhörern. Mortazawi liefert kein bloßes Rhythmusfeuerwerk, obwohl er dazu auch in der Lage ist. Sein Spiel ist nicht auf donnernde Dramatik aus. Introvertiert ist hier wohl das richtige Wort.
Gelegentlich wirkt er bei Theateraufführungen (Move in Pattern, Burka Bondage) als Percussionist mit oder spielt - neben seinen Solo Konzerten - mit Jazzmusikern wie dem Drummer Günther Baby Sommer oder auch mit seinem Bruder, dem Santurspieler Ali Reza Mortazawi. Wer ausgefeiltes und jenseits des üblichen rhythmischen Einerleis agierendes Percussionsspiel mag, muß Mortazawi hören, oder, wenn möglich, ihn bei einem Live-Konzert erleben! A splendid time is garanteed.

Dan Welcher
Streichquartette 1-3 (2009)
Dan Welcher gehört sicherlich zu den zeitgenössischen amerikanischen Komponisten, die hier kaum bekannt sein dürften. 1948, in Rochester, Neu-England, geboren, zeigt er auf der nun bei NAXOS erschienenen CD Streichquartette 1 - 3, eine abwechslungsreiche Palette an kompositorischen Ausdrucksmitteln. Welchers Opus umfasst über hundert Werke, zu denen orchestrale (darunter fünf Symphonien), solistische, kammermusikalische und zwei Opern gehören und sein breites Spektrum deutlich machen. Er hat viele Preise erhalten und arbeitet gegenwärtig als Professor für Komposition an der Universität von Texas in Austin.
Die Quartette sind in umgekehrter Reihenfolge ihres Entstehens auf die CD gepresst worden, beginnend also mit dem dritten, der Malerin Mary Cassatt (1844 - 1926) und drei ihrer Bilder gewidmet. Den größten Teil ihres in Blindheit endenden Lebens verbrachte die impressionistische Malerin in Frankreich. Die drei Gemälde werden beschrieben (das zweite "At the opera" ist auf dem Cover abgebildet) und Welcher selbst gibt Auskunft über seine Arbeit am Quartett. Die Musik, die ihm dazu eingefallen ist, klingt nach der Moderne des beginnenden 20igsten Jahrhundert plus einiger überraschender Wendungen ins Disharmonische. Kongenial gelingt es ihm, die impressionistische Seite hervorzuheben. Zarte Melodielinien schweben aufwärts, aber geschickt schiebt Welcher Brüche ein, die der Musik ihre Tiefe geben.
Insgesamt klingt die Musik gefällig; melodiöse, vom nur aus Damen bestehendem Cassat Quartett innig gespielten Passagen, weisen auf französische Vorbilder hin. Immer wieder sind in Welchers Musik einnehmende Wendungen enthalten, die für Abwechslung und kontinuierliche Aufmerksamkeit sorgen. American Classics, die immer umfangreicher werdende Serie bei NAXOS, ist eine wahre Fundgrube für Entdecker gegenwärtiger Musik, die jenseits des Ozeans entstanden ist und noch entsteht.

Lars Danielssons
Tarantella (2009)
Erst nach mehrmaligem Hören gewann die CD Lars Danielssons bei mir an Eindruck. Beim ersten Hören kam sie mir belanglos, beinahe langweilig und ohne Höhepunkte vor. Die zarte Jazz-Kammermusik, die das Quintett hier eingespielt hat (außer einer, alles Eigenkompositionen des Bassisten), braucht in der Tat die richtige Stimmung, damit man die ruhige Musik achten und genießen kann. Einfache, getragene Melodien, ja, richtig ‚schöne' Harmonien, erwarten einen Hörer, der Musik dieser feinen und besinnlichen Art mag. Mathias Eick's Trompete passt in diesen auf Adagio gepolten Klangkörper genau hinein, ebenso Leszek Mozdzer's Piano, der auch Celesta und Harpsichord erklingen läßt. Mit ihnen musizieren (das dürfte hier wirklich der passende Ausdruck sein) John Parricelli an der Gitarre und Eric Harland an den Drums + Percussion. Sie scheinen die simplen, folkloreartigen Kompositionen Danielssons sehr verinnerlicht zu haben, denn sie spielen die Stücke, als seien sie damit groß geworden. Manchmal bekommt das ganze einen Hauch von Klassik, wenn Danielsson zum Cello oder zur Bassvioline greift. Überhaupt wird der Jazz mehr angedeutet, als wirklich praktiziert. Der Improvisation wird eher als filigranes Beiwerk gefrönt. Eine CD, die nachhaltig wirkt.

Nils Petter Molvaer
Hamada (2009)
Molvaer beginnt sein neues Album Hamada (was wohl Steinwüste bedeuten soll) ruhig und getragen. Im zweiten Stück (Sabkah) kommen ein Rhythmus und Eivind Aarsets Gitarre hinzu, verhalten und unaufdringlich. Ebenso bleibt das dritte Stück (Icy Altitude) beinahe ein Solo Molvaers, nur vom schwebenden, düsteren Sound Aarsets begleitet. Erst Track 4 (Friction) fügt drums + bass ein und verschärft das Tempo. Dazu noch ‚programming' und allerlei Filter für Molvaers Trompete, die als solche bald nicht mehr zu erkennen ist. Ruhiger und mit wenigen ‚field recordings' und leisem Gitarrenklimpern untermalt dann Stück 5 (Monocline). Soft Moon Shine folgt, ein hingehauchter Trompetenton, verhallt entfernter Sound, dazu eingeblendeter Live sampling. Alles bleibt ruhig und im mäßigen Tempo, Molvaers Spiel ändert sich nicht, verharrt fast auf der Stelle, pustet die Töne kaum mit Kraft an, alles klingt melancholisch. Stück 7 ist die Fortsetzung von Stück 5 (Monocline Revisited), ohne dass soundmäßig was aufregend Neues hinzugefügt wird. Im achten Stück (Cruel Altitude) erkennt man den aus Stück 3 bereits gehörten Rhythmus wieder, bei 2:20 dann ein knalliger Drumseinsatz, dem der Bass und ein fetziger Gitarrensound folgen, über dem sich Molvaers gefilterte Trompete erhebt. Es folgt ein krachiges, mehr rockiges Noise-Geschwurbel, das nach knapp vier Minuten in einen langsameren Heavyrhythmus übergeht, der sich bis zum Ende (8:40) hinzieht. Das vorletzte Stück (Lahar) ist ein Solo von Molvaer, wieder ruhig und irgendwie schwerelos, mehr für sich selbst gespielt. Diesem Stück folgen noch sechs Minuten, sie haben den Titel Anticline erhalten. Wie gehabt ruhige, meditative Musik in der nichts passiert, außer dass irgendwelche Klänge sich mit Sound und field recordings vermischen, man hört Kinder heraus, oder glaubt es wenigstens, die eine harmlose kleine Melodie intonieren, alles weit weg.
Und weit weg ist auch diese CD, in dessen Musik wirklich nichts geschieht, was einen besonders für sie einnimmt. Schade.

Ge Gan-Ru
Fall of Baghdad (2009)
Die drei Streichquartettwerke des 1954 in Shanghai geborenen chinesischen Avantgarde Komponisten Ge Gan-Ru, die er zwischen 1983 und 2007 komponierte (Nr, 1, 4 + 5), sind nicht von extremer oder besonders ausgefallener Art. Auffallend ist die rhythmische Grundbasis, die mich manchmal an Stellen aus einem frühen Schnittke Quartett erinnert. Die Werke 1 + 4 sind angenehm hörbar, ohne zu überfordern.
Das Titelgebende Quartett Nr. 5 bevorzugt ebenfalls einen marschähnlichen Rhythmus. Hier geht Ge Gan-Ru jedoch deutlich anspruchsvoller vor und lässt die Musiker ihre Instrumente auch schon mal mit aggressiver Wucht strapazieren. Fall of Baghdad hat drei Teile, in denen er Stimmungen, Gefühle und Ansichten transportiert, die ihn wohl bewegt haben müssen, während des Irak Krieges. Die Streicher müssen unterschiedliche Techniken beherrschen, um all diese Variationen vorzutragen. Das Quartett Modern Works ist dazu in der Lage. Ich konnte wenig von der im Booklett behaupteten Kombination chinesischer und westlicher Musik erkennen, lediglich eine kurze Arabisch klingende Melodie wird im zweiten Teil angedeutet. Es ist Geschmacksache, ob man solch ein Thema angehen soll und ob man dann dazu in der Lage ist, es musikalisch umzusetzen. Jedem Hörer mögen andere Bilder im Kopf herumgehen. Es ist ein interessantes Stück, in dem mir zumindest aufgefallen ist, das der Komponist weniger den dramatischen Aspekt betont hat. Beeindruckend der dritte Teil, Desolation betitelt, der die Trauer und die Totenklage zum Ausdruck bringt. Hier schaben und quietschen die Streicher mit Inbrunst über die Saiten, angesichts des Elends, unfähig zu einer Melodie. Insgesamt eine hörenswerte CD, bei der es mit einmal hören nicht getan ist.
Im englisch- und chinesischsprachigen Booklett erfährt man einiges über Komponist und Werk.

Youn Sun Nah
Voyage (2009)
Die Koreanerin Youn Sun Nah (geb. 1969) entschied sich 1995 nach Paris zu gehen, um dort an der CIM school Jazz zu studieren. Vorher hatte die musikalisch begabte Tochter eines Dirigenten und einer Sängerin bereits einige Auftritte als Sängerin in Korea hinter sich gebracht. Auf ihrem neuen Album "Voyage" ist allerdings von dieser Vergangenheit nichts zu erkennen. 12 einfach gestrickte Songs, wovon 6 Eigenkompositionen sind, interpretiert sie mit zarter, mitunter an Aziza Mustafazadeh erinnernden Stimme und wird von einer illustren Gruppe skandinavischer Musiker (Ulf Wakenius - git, Lars Danielsson - bass, cello, melodica + Produzent und Mathias Eick - trumpet) begleitet. Das ganze ist ein kammermusikalischer Ausflug, der etwas zu viel Wehmut, etwas zu viel Traurigkeit vermittelt. Ich finde allerdings, dass diese Sängerin keine Jazz-Sängerin ist, irgendwie fehlt ihrer Stimme, die sie mehr zurückhaltend und zerbrechlich, ja beinahe hauchend (wie bei dem Folksong ‚Shenandoah') einsetzt, der nötige Blues, das etwas Schmutzige, vielleicht auch Leidende. Auch die musikalische Begleitung hält sich zurück, wirkt fast minimalistisch, als habe man Angst, das feine Gesumme zu zerstören. Ein ruhiges, sehr ruhiges, in sich gekehrtes Album. Böse formuliert: Ein geeignetes Soundwerk für Leute mit Einschlafschwierigkeiten. Und noch etwas macht diese CD deutlich: Nicht alles lernt man an einer renommierten Jazz-school. Wer den ‚Jazz' nicht in sich hat, kann ihn dort auch nicht erlernen. Dieses Album reiht sich ein in die Serie der skandinavischen Sängerinnen, die seit einigen Jahren als Jazz-Sängerinnen verkauft werden. Wer diese Ladys gerne singen hört, wird auch Youn Sun Nah gerne ein knappes Stündchen Aufmerksamkeit schenken.

Enrico Rava
New York Days (2009)
ECM ist bekannt für seine vielen stillen, besinnlichen, meditativen Jazz-Alben. Auch ‚New York Days' des Trompeters Enrico Rava gehört in diese Kategorie. Sein Quintett besteht neben ihm aus den Musikern Stefano Bollani - p, Mark Turner - ts, Larry Grenadier - doublebass und Paul Motian -dr. Das ist gepflegte Jazz Kammermusik, die niemanden aufregt, wenn man sie lediglich als Hintergrundgedudel bei vornehmen Champagnerpartys laufen lässt. Bei genauerem Zuhören jedoch lassen sich viele Facetten des filigranen Spiels der ausgezeichnet eingestellten Band erkennen. Alleine das improvisatorische Zusammenspiel beider Blasinstrumente in ihrem verhaltenen Duktus ist einzigartig. Ravas Kompositionen entwickeln sich eher vorsichtig und beinahe wie aus einer Session heraus. Ungewöhnlich ist, dass bei den etwas heftigeren Improvisationen, Motians Schlagzeugspiel verstummt, es ist ohnehin kaum zu hören, meist arbeitet er mit den Becken. Bollanis Klavier tröpfelt glasklare Akkorde und schwingt sich hin und wieder zu schnelleren Läufen auf.
Enrico Rava (geb. 1939) hat mit den Größen des Jazz seit den späten 60igern gespielt, damals noch wilden Freejazz, hat aber immer wieder auch das ruhigere Spiel gesucht. Sein erstes Album bei ECM erschien übrigens 1975, zwei weitere folgten, dann kam es erst wieder 2004 zu einer erneuten Zusammenarbeit mit dem Label.
Ravas - ein bisschen an Miles Davis orientierter - Klang, lädt auf diesem hervorragenden Album zum In-Sich-Gehen ein, ohne dass man Gefahr läuft, sich zu verlieren. Diese Musik verdient Aufmerksamkeit, den Fans von Rava nichts Neues, den anderen als Empfehlung mit gegeben. Ein Cool-Jazz Werk der besonderen Qualität!

Alfred Schnittke
Symphony Nr. 9 (2009)
Die letzte Symphony Alfred Schnittkes konnte von dem durch mehrere Schlaganfälle schwer erkrankten Komponisten nicht mehr vollendet werden. Er starb am 3. August 1998. Das mit der linken Hand geschriebene Manuskript war nur mit Mühe zu entziffern, doch immerhin lagen drei fast fertig geschriebene Sätze vor. Schnittkes Witwe Irena zweifelte lange, bevor sie Alexander Raskatov die Aufgabe übertrug, das Manuskript in eine lesbare Form zu bringen. Nach der Uraufführung im Sommer 2007 in der Dresdner Frauenkirche, liegt nun die Einspielung bei ECM vor, zuzüglich der dem Komponisten gewidmeten Eigenkomposition Raskatovs "Nune dimittis".
Knapp 37 Minuten lang, bringen die drei Sätze - Andante (mit fast 20 Minuten um knapp fünf Minuten länger als die beiden nachfolgenden Sätze zusammen), Moderato, Presto - eine fast ‚altmodisch' zu nennende Musik zu Gehör. Es gibt reichlich fanfarenartige Bläsereinsätze und nach Mahler klingende Streicher. In der Musik ist ein Hin- und herschwingen, ohne erkennbare Entwicklung. Allerdings ist alles von einer ständigen Bewegung erfüllt. Viele Wiederholungen, es geht Auf und Ab mit den Melodien. Im zweiten Satz betont rhythmische Episoden, dazu, als ob Tonleitern eingeübt werden, wiederum Streicher und Bläser, abwechselnd oder gemeinsam. Das Presto wiederholt im Grunde dieselben Strukturen, nur etwas temporeicher und bringt viel Orchester zum Einsatz. Waren die Symphonien davor doch recht sparsam instrumentiert, greift Schnittke hier in die Vollen. Aber das Ergebnis befriedigt nicht. Für mich klingt es, als habe hier ein zweiter Schnittke neben dem ersten gestanden und versucht wie das Original zu komponieren. Mein Eindruck mag täuschen, aber ein großer Wurf ist ihm mit dieser letzten Symphony nicht geglückt. Die anderen acht Symphonien Schnittkes haben mich berührt, diese hier habe ich lediglich gehört.
Alexander Raskatov's "Nune dimittis", 2007 komponiert, benötigt neben einem Orchester noch einen Mezzospran (Elena Vassilieva) und ein Vokalensemble, hier sind es die Hilliards. Es werden Texte von Joseph Brodsky und Starets Siluan verarbeitet. Das rund 16minütige, moderat avantgardistische Stück überzeugt und ist zum Glück kein Schnittke-Jubelwerk, sondern zeigt die eigenständige Handschrift Raskatovs. Manche Stellen klingen zwar irgendwie ‚schnittkisch' - für mich besonders bei den Gesangsstellen - aber man sollte sich nicht täuschen lassen durch die wie Zitate klingenden Sequenzen und nun das ganze Werk als Schnittke-Kopie abtun.
Die Dresdner Philharmonie unter Leitung von Dennis Russell Davies war bei dieser etwas spröden Musik gut eingestellt und lieferte eine solide Leistung. Das Booklet ist ausführlich.

Peter Hammill
Thin Air (2009)
Das düstere Cover deutet schon auf die 'Seelenlage' des neuen Albums hin, das der Meister des Psycho-Rock in seinem vierzigsten Jahr als Profimusiker diesmal vorlegt. Wie oft kaum länger als eine Dreiviertelstunde, sind die acht Songs und das eine kurze Instrumentalstück (Wrong way round) im Bereich eines spärlichen Klavier- und Gitarrensounds angesiedelt. Gesanglich hält er sich, was das Expressive angeht, merklich zurück, es gibt keine Ausbrüche. Der teilweise mehrspurige Gesang bleibt verhalten und fragil, rutscht mitunter ins Disharmonische hinein. Die Musik enthält bedrohliches Potential, anschwellende Klänge, verzerrte Gitarren. Nur beim Instrumental- und nachfolgendem Stück (Ghosts of planes) ertönt ein einsamer Rhythmusschlag. Insgesamt eine gelungene Hintergrundmusik für Hammills kryptische Lyrik, dessen Sinn sich mir nicht immer erschließt. Gastmusiker sind, wie schon beim Vorgängeralbum Singularity, nicht mit von der Partie.
Wer Informationen zum Album von ihm selbst erfahren möchte, kann dies hier tun.

Mohsen Chavoshi
Ye Shakhe Niloufar/A Lotus Sprout (2008)
Außerhalb Irans dürfte der 30igjährige Mohsen Chavoshi wohl nur wenigen bekannt sein. Nachdem sein erstes Album im Herbst 2008 im Iran veröffentlicht wurde, wurden innerhalb kurzer Zeit eine halbe Million CD's verkauft. Chavoshi hatte bisher nur im Internet seine Songs angeboten und galt in der einschlägigen Szene als Geheimtipp. Einem größeren Kreis wurde er bekannt durch seinen Song für den Film um einen drogensüchtigen Musiker. Der Film "Santouri", vom Altmeister des iranischen Kinos Darius Mehrju'i 2007 gedreht, ist bisher nicht freigegeben worden. Auch Chavoshi hatte mehrfach versucht eine Genehmigung für die Veröffentlichung seiner eigenen CD zu bekommen. Das nun endlich erschienene Album enthält 12 Songs und ist für iranische Verhältnisse mit über 60 Minuten erstaunlich lang. Es ist eines der besten Pop-Alben Irans geworden. Es ist vom Stil her eher rückwärtsgewandt orientiert, als das es heutigem Drum'nBass Gewummere nachhängt. Und dennoch ist es ein auf der Höhe der Zeit konzipiertes Album geworden, in dem die balladesken Stücke überwiegen. Der mitunter harte Rocksound ist an Chavoshihs rauher und von tragischem Ausdruck geprägter Stimme kongenial angepaßt. Die Musik enthält viele Feinheiten, die geschickt in die Struktur der Songs eingebaut sind. Die Stellen, in denen Persisch-Traditionelles durchschimmert wirken nicht aufgesetzt und geben dem entsprechenden Stück eine besondere Note. Der Song  "Tabrik"  gibt hiervon einen hervorragenden Eindruck.

Thomas Simaku
String Quartets (2008)
Der 1958 in Tirana geborene Simaku bewegt sich mit seinen auf dieser CD veröffentlichten Kompositionen für Streichquartett (Nr. 2 & 3) und den Stücken für Solo Violine und Solo Cello, im Bereich einer gemäßigten Moderne. Wie viele Komponisten dieser Richtung geht es bei der Musik ums Ausloten von Möglichkeiten. Sind die Solostücke von expressiven Aus- oder, wenn man will Einbrüchen, durchsetzt, so bleiben die beiden ca. 13minütigen Quartette eher gleichförmig. Bei den Solostücken erkennt man folkloristische Sequenzen, die Simaku während seiner Arbeit als Musikdirektor in einem südalbanischen Ort, nahe der griechischen Grenze, kennen gelernt hatte. Zwar verwendet er keine Volksmusikzitate, ist sich aber eines inneren Widerhalls dieser Musik durchaus bewußt. Angetan hat es ihm bei der Arbeit an den Streichqaurtetten, der Bordunton, um den er die vier Streicher - exzellent hier das Kreutzer Quartett - mit langgezogenen Tönen herumgleiten läßt. Das zweite Quartett, Radius benannt, beginnt mit einem flirrendem Ton einer Violine, in den die anderen Instrumente einfallen. Die nachfolgende dramatische Steigerung endet abrupt. Danach bleibt das Stück linear, man könnte sagen, auf gleicher Höhe, pendelt von leise bis weniger leise hin und her und läßt eine gewisse Spannung aufkommen, die noch durch ein flirrendes Violinenspiel erhöht wird. Gelegentlich kommt es zu nervös-hektischen Zwischeneinlagen. Die Einspielung ist prägnant und klar, der Klang hervorragend.

John McLaughlin
Floating Point (2008)
Positive Überraschung auf diesem 8-Track-Album ist für mich der Drummer Ranjit Barat. Eine Mischung aus Billy Cobham und Trilok Gurtu spielend, treibt er den Rhythmuspart energisch voran. McLaughlin liefert das von ihm gewohnte flinke Spiel, ohne sich aber zu sehr in den Vordergrund zu drängen. Bei "The Voice" gibt es ein spektakuläres Duell mit dem Sänger Shankar Mahadevan. Das zweite Stück "Raju" bringt mit dem indischen Gitarristen Debashish Bhattacharya einen weiteren Gastmusiker und auf Track 4 "Off the One" ist noch Shashank auf der Bambusflöte und im Track 6 "Inside Out" U. Rajesh auf der elektrischen Mandoline zu hören.
Das ganze Album wurde in Indien aufgenommen, klingt jedoch weniger ‚indisch' als man vor diesem Hintergrund vielleicht erwarten könnte. Es ist eine gelungene Jazz-CD mit meist schnelleren Stücken geworden, auf der McLaughlin wieder, neben der gewöhnlichen E-Gitarre den ‚Guitar Syntheziser' benutzt, was mir persönlich weniger gefällt, es klingt mir manchmal zu sehr nach Keyboard-Gedudel. Gut wird's immer dann, wenn die Gastmusiker genügend Freiraum für ihre Improvisationen bekommen. Bassist Hadrien Ferraud und Louiz Banks, Keyboard, sind die beständigen Begleitmusiker, die sich kongenial den vertrackten McLaughlinschen Kompositionen anvertraut haben und ihnen den nötigen Saft verleihen. In dem letzten Stück "Five Peace Band" ist dann noch Niladri Kumar auf der elektrischen Sitar zu hören, in Stil und Tempo kaum zu unterscheiden vom Meister. Ein Fusion-Album der besonderen Art und in der Discographie McLaughlins eins der besseren.

e.s.t.
Leucocyte (2008)
Das zuletzt eingespielte Album dieses grandiosen Trios um den Pianisten Esbjörn Svensson (plus Bassist Dan Berglund und Schlagzeuger Magnus Öström) wird nun, nach seinem Unfalltod im Juni 2008, gerne als Vermächtnis bezeichnet. Die Musiker begaben sich in Sidney in ein Studio und taten das, was Jazz-Musiker immer tun oder tun sollten: sie improvisierten. Bei e.s.t ist ein hartes Album daraus geworden, hart, weil sie diesmal anscheinend von einer musikalischen Aggressivität beim Spielen getragen wurden, wie selten zuvor. Der experimentelle und elektronische Bereich ist ausgedehnter, die Lust mit viel Risiko neues auszuprobieren, kommt bei jedem Ton rüber.
Es klingt ziemlich düster, was die drei diesmal eingespielt haben, aber es ist großartig geworden! Natürlich könnte man kritisch anmerken, dass die Musiker, weil ihnen nichts mehr einfällt, sich ins elektronische Nirwana geflüchtet haben. Weil spontan eingespielt, klingt so manches, wie auf der Stelle tretend. Bei dem Titelstück "Leucoyte", ein langes, dreiteiliges, 26minütiges auf und ab und hier und ganz weit weg, ist eben deutlich der Entstehungsprozess zu erkennen, so als ob man live dabei wäre. Wie gesagt, wer Neuland betritt, kommt ohne Risiko nicht aus. Bei diesem Stück ist von der gewohnten e.s.t. Triomusik nicht mehr viel übrig geblieben, hier haben sie sich voll in die Elektronik gestürzt. Sind sie nun dabei abgestürzt? Auch so kann Jazz klingen - und wird wahrscheinlich in dieser Form nie wieder zu hören sein. Esbjörn Svensson ist nicht ersetzbar. Sein früher Tod, ein banaler Tauchunfall, hat eine schmerzliche Lücke im heutigen Jazz hinerlassen. Uns bleibt seine Musik.

ELB
Dream Flight (2008)
Eine knappe Stunde Jazz, hochkarätig besetzt mit Peter Erskine (drums), Nguyen Lê (electric guitar), Michel Benita (bass) und Stéphane Guillaume (tenor & soprano sax). Schon 2001 hat das Trio Erskine/Lê/Benita ein Album veröffentlicht, auf dem sie sich einem klugen, artifiziellen Zusammenspiel hingeben. "Dream Flight" nun heißt nicht, dass es hier betulich und gepflegt langweilig zugeht. Es ist solide eingespielter Club-Jazz, der zwischen angerockten und cooljazzigen Stücken pendelt, ausgewogen verteilt sind dabei die Improvisationen. Die elf Tracks haben keine Schwächen, allerdings kann ich auch keins der Stücke als besonders gut gelungen hervorheben. Die Gleichförmigkeit der Kompositionen lässt dies nicht zu. Keiner der Musiker geht bis an die Grenze, man übt sich in gewollter Zurückhaltung. Das ist weniger negativ gemeint, als es vielleicht klingen mag, es ist ein angenehmes Jazz-Album geworden, bei dem auch nach mehrmaligem Hören neue Reize zu entdecken sind.

Fanu + Bill Laswell
Lodge (2008)
Der seit scheinbar ewigen Zeiten in der Musikszene herumwuselnde Bassist und Experimentator Bill Laswell haut hier mal so richtig in die Vollen. Zu den knalligen Beats des Finnen Fanu - der immer schön die richtige Mischung aus der krachigen Drum&Bass-Schule und jazzigem Funk hält - groovt Laswell losgelöst von allen Zwängen. Kein geringerer als der norwegische Elektronik-Trompeter Nils Petter Molvaer gibt die richtig dosierten Melodiefetzen in Fanus Geknattere hinein. Bernie Worrell (Keyboards) und Graham Haynes (Trumpet) sind die beiden anderen Mitstreiter, zwar weniger im Vordergrund aber effektiv genug, um dem Drum-Geballere eigene Substanz entgegen zu setzen. Die acht Tracks von fast gleichartiger Intensität und ausdauernd anhaltender Feinarbeit im Soundwerk, zeigen Laswell einmal mehr als klugen Arrangeur und kompetenten Elektronik-Bastler.

Einojuhani Rautavaara
Symphony No. 8 "The Journey " (2008)
Der wohl bekannteste finnische Gegenwartskomponist ist ein emsig Schaffender mit regelmäßigen Neuveröffentlichungen. Bei NAXOS ist - nach seiner siebten "Angel of Light" - nun auch die bisher letzte Sinfonie, die achte, mit dem Titel "The Journey", erschienen.
Rautavaara ist kein musikalischer Revolutionär, der sich in abstrakten Experimenten ergeht. Seine Musik klingt ohrfreundlich, ja, schon gut, man könnte auch altmodisch sagen, man ist ihr nicht, wie bei vielen neueren Werken der zeitgenössischen modernen Musik, hilflos ausgeliefert, sondern weiß während des ganzen Stückes, wohin die Reise geht.
Mitunter drängen sich die großen Namen der Komponisten auf, an die einen so manche Stelle erinnert: Mahler, natürlich Sibelius, Honegger … Aber der Finne hat durchaus seinen eigenen, von Romantizismen und Eigenwilligkeiten geprägten Stil. Die Hauptlast des viersätzigen Werkes tragen die Streicher, auf ihrem Klang begibt sich der Reisende in die nordischen Gefilde, denn mit dieser Region lässt sich die Sinfonie wohl am ehesten in Verbindung bringen. Ob man nun über die endlosen finnischen Wälder oder übers Eis gleitet, muß jeder Hörer für sich selbst entscheiden. Gelegentlich sorgen - im ersten Satz Adagio assai - Andante assai - Percussionsschläge für Momente der Unsicherheit und ein kräftiger Schlag leitet auch den zweiten Satz - Feroce, was wild, ungestüm bedeutet - ein. Auch hier klingen die Violinen mitunter schief, ein Effekt, der wunderbar mit dem übrigen Sound kontrastiert. Rautavaaras Wildheit hält nicht lange an, dann kehrt die Musik wieder zurück zur, das ganze Werk bestimmenden, langsameren, getragenen Art. Die halbstündige Reise entlässt uns mit dem Gefühl, einem großartigen Musikerlebnis beigewohnt zu haben. Wer sich vor pathetischem Orchesterklang nicht abschrecken lässt, wird hier auf seine Kosten kommen.
Auf dieser CD ist ebenfalls die "Manhattan Trilogy", 2003 - 2005 komponiert, enthalten. Die Sätze - Daydreams, Nightmares, Dawn - veranschaulichen in pathetischer Weise ein - wohl von Jugendeindrücken Rautavaaras geprägtes - Bild von Manhattan, das man vom reinen Hören erstmal nicht mit diesem südlichen Bezirk von New York verbinden würde. Das "alte Europa" entwirft einen quasi verzückten Blick auf die Wolkenkratzer-Architektur am Hudson-River.
Einziges Manko bei dieser Einspielung ist für mich die nicht zufrieden stellende Aufnahmetechnik, die leider so manche Instrumentengruppe zu leise darstellt, so dass sie von den allgewaltigen Streichern übertönt werden. Man ahnt mehr, dass da noch Instrumente ihr bestes zu geben versuchen, als dass man sie hört. Besonders im letzten Satz der Sinfonie ist mir das besonders aufgefallen.

Marilyn Mazur & Jan Garbarek
Elixir (2008)
Ein Elixier wird oft auch als Heil- oder Zaubertrank bezeichnet. Mazur und Garbarek scheinen in diesem Fall eine nordische Mischung gekostet zu haben, die sich etwas lähmend auf ihre musikalische Kreativität gelegt hat. Das CD-Cover lädt auch nicht gerade zu einem gemütlichen, besinnlichen Stündchen Musik ein.
Die Kammermusik, die sie auf diesem 21 Tracks umfassendem Album anbieten, enthält für meinen Geschmack zu wenig Entwicklung, vieles klingt eher beiläufig, lustlos, wenig inspiriert. Ich empfand erst bei den letzten vier Stücken so etwas wie innere Anteilnahme. Bei Track 17 "The Siren in the Well" erinnerte mich Garbareks Spiel irgendwie an Ravelsche Musik, ein leises, emotionales, feines Stück. Das Getrommle von Marilyn allerdings klapperte, ohne Begeisterung auszulösen, die meiste Zeit an meinem Ohr vorbei.
Vielleicht hätten sie wenigstens auf dem spärlichen Booklet einen Hinweis geben sollen, was für einen geheimnisvollen Trank sie - übrigens schon im Juni 2005 - während der Aufnahmen zu sich genommen hatten. Das Elixir nun erst 2008 erschienen ist, könnte ein Indiz dafür sein, das hier ein längerer Entscheidungsprozess von statten gegangen ist. Leider hat man sich nicht gegen die Veröffentlichung dieser harmlosen Improviastionen entschieden.

Rabih Abou-Khalil
em portugues (2008)
Ein Libanese, der zunächst kein Wort Portugiesisch spricht, vertont Gedichte in dieser Sprache? Geht das? Wohl nur bei Rabi Abou-Khalil, der immer gut ist für musikalische Extravaganzen und damit wohl auch unter Beweis stellt, dass seine Art zu komponieren, bei vielfältigen Kulturen einsetzbar ist. Allerdings braucht es dazu einen Klasse-Sänger wie Ricardo Ribeiro, der mit nur 25 Jahren bereits über die reichhaltigen und tiefen Fado-Empfindungen verfügt, die nötig sind, um diese Texte gesanglich umzusetzen.
Ein Dutzend hervorragend komponierter und eingespielter Songs enthält dieses Album. Die Musiker - Luciano Biondini (accordion), Michel Godard (bass, seerpent, tuba), Jarrod Cagwin (drums, frame drums) - sind ausgezeichnet disponiert und haben genügend Spielraum ihre Individualität mit einzubringen. Berechtigterweise wird, wie bei den letzten Alben auch, Walter Quintus (sound engineer) als Mitglied der Gruppe genannt. Der Sound, den er zusammen mit Rabih Abou-Khalil kreiert hat, ist von klarer, kraftvoller und jederzeit deutlicher Brillanz, so dass jedes Instrument rauszuhören ist, als stünde man direkt neben dem Spieler.
Die Kompositionen klingen so, wie man es von dem gebürtigen Libanesen gewohnt ist und doch gelingt es Khalil besonders die melancholische Ader des Fado (wobei Puristen wohl Nase rümpfend diesen Begriff hier eher ablehnen würden), heraus zu heben. Verwundert lauscht man den abenteuerlichen Melodien, die dem Sänger viel abverlangen. Ribeiro singt diese Stücke mit sicherer Eleganz und offensichtlicher Begeisterung. Das Experiment hat sich gelohnt. Ein rundherum empfehlenswertes Album. Dankenswerter Weise sind die Texte in drei Sprachen abgedruckt (portugiesisch, englisch, französisch).

Portishead
Third (2008)
Die Kultband Portishead veröffentlichte ihr drittes Studioalbum "Third". Nach zehnjähriger Pause löste schon die Ankündigung eines neuen Albums große Erwartungen bei den Anhängern der Band aus. In der Tat hatte Portishead Anfang der neunziger Jahre mit "Dummy" einen Hit gelandet, der nicht nur durch geschickte Sampler-Einbindungen sondern vor allem auch mit der Sängerin Beth Gibbons glänzte und durchaus berechtigte Begeisterung auslöste. Das Nachfolge-Album "Portishead" gilt ebenso als Meilenstein.
Bei dem neuen Werk kommt so etwas wie Begeisterung für mich jedenfalls nur selten auf. Deutlich ist das Bemühen zu erkennen, instrumental mit ausgefallenem Sound und vertrackten Rhythmen aufzuwarten. Das hört sich an, als habe man von Radiohead nicht verwertete Takes zur Verfügung gehabt. Leider ist auch Frau Gibbons Gesummse nicht dazu angetan, den Stücken mehr als höfliche Aufmerksamkeit entgegen zu bringen. Ihr Gesang hört sich an, wie das zarte Nebenbei-Geträllere einer bügelnden Hausfrau, das können auch die simplen Psycho- Texte nicht aufwerten ("I'm drifting in deep waters - alone with my self-doubting again"; Track 7, deep waters).
Das ganze Werk ist doch arg introvertiert geraten, was an sich ja noch kein Makel sein muß. Meiner Ansicht nach fehlt es "Third" aber an musikalischem Biß, an wirklichen Experimenten, denn das was hier ein begeisterter Amazon-Kritiker mit ‚Soundexperiment' bezeichnet hat, ist lediglich ein eher müder Aufguß gesampelter Resteverwertung. Portishead bauen Elemente verschiedener Stile in ihre Stücke ein, man könnte auch sagen, sie bedienen sich generös am Fundus der verblassten Genies um Cure oder Joy Division und diverser anderer David Bowie/Brian Eno Epigonen. Auch hier könnte man sagen, macht ja nix, hauptsache es klingt gut. Das tut es aber leider auch nicht. Es scheppert und klappert zwar gewaltig (Track 8 - Machine Gun), auch bescheidenere, ruhigere Stücke (Track 9 - Small), wo angeblich ein Cello zu hören sein soll, sind zu hören, insgesamt aber erinnert mich der Klang an diverse Underground-Einspielungen der späten Sechziger Jahre (Iron Butterfly, Jefferson Airplane, Grateful Dead usw.).
Dem immer wieder zu lesenden Lob, wie einzigartig doch Beth Gibbons Gesang sei, kann ich nicht zustimmen, obwohl ihre tragische Machart sicherlich etwas Verführerisches an sich hat (Track 1 + 11 - Silence + Threads, hier wird leider ausgeblendet, wenn's interessant zu werden verspricht), auf Dauer jedoch ermüdend wirkt.
Nach dem Motto, es muß ja nicht jedem gefallen, haben die Macher von Portishead - Geoff Barrow, Adrian Utley seien noch genannt - ein überambitioniertes, im tragisch-düsteren Duktus gehaltenes Album geschaffen, das natürlich von ihrer Fan-Gemeinde überschwänglich gelobt, von mir dagegen mit misstrauischer Sympathie gehört wurde.

Morton Feldman
For Bunita Marcus (2007)
Morton Feldmans Kompositionen zielen beharrlich auf die Quintessenz von Musik insgesamt. Sie kommen geradezu simpel daher und bieten nichts weiter als Töne, die in Beziehung zueinander stehen. Dabei spielt Zeit eine enorme Rolle. Zeit ist bei Feldman wie Raum, der sich ins scheinbar Unendliche ausweitet. Langsam tropft sie dahin, die Feldman'sche Zeit. In dem Stück For Bunita Marcus, der langjährigen Freundin des Komponisten gewidmet, braucht der Zuhörer schon ein gehöriges Maß an Geduld, ja, beinahe an Meditationsfähigkeit, um aufmerksam dem Spiel der Pianistin Sabine Liebner zu folgen. Fast anderthalb Stunden ist das Stück in dieser Einspielung lang, verteilt auf zwei CD's. Bei dieser Abfolge von Tönen gibt es keine ‚aufregenden' Stellen, kein Klavierdonner wie zu Rachmaninows Zeiten, ein virtuoses Spiel wird nicht gefordert. Dennoch ist das Stück eine Herausforderung für Spieler und Hörer gleichermaßen. Läßt man sich als Hörer darauf ein, stößt man bald an die Grenzen der Aufnahmefähigkeit, die Konzentration begibt sich allmählich ins Reich der Unaufmerksamkeit und es kostet Kraft, dem zu widerstehen. Um wie viel mehr Aufmerksamkeit wird somit der Interpretin abverlangt. Spielt sie gut oder mittelmäßig? Setzt sie die Töne im vorgegebenen Tempo oder nimmt sie sich Freiheiten heraus? Was bedeutet hier ‚Interpretation des Werkes'? Aus dem schmalen Booklet erfahren wir, dass Feldman sich immer dann verläuft, wenn er "nicht mit Nichts anfängt". Und womit hört er auf?
Die Töne verklingen, neue werden angeschlagen. Für einen Moment Weghören ist gestattet. Die Zeit beginnt zu triumphieren, sie ist der eigentliche Komponist. Ist das überhaupt noch ‚komponiert'? Hätte Sabine Liebner sich nicht auch einfach ans Klavier setzen und selber etwas in dieser Art vorspielen können? Aber Morton Feldman war ein Magier, ihm gelingt es, etwas entstehen zu lassen, wenn man nur genug Kraft aufbringt, der Zeit für einen gewissen Zeitraum zu folgen. Und nebenbei erklingen Töne. Oder: wie nebenbei erklingen Töne.Oder: Hör mal…

Lizz Wright
The Orchard (2008)
Lizz Wright hat eine angenehme, weiche, mehr in den tieferen Lagen beheimatete Stimme, die einen schon nach den ersten Tönen für sie einnimmt. Das klingt ganz anders als diese kehligen skandinavischen Möchtegern-Jazz-Sängerinnen.
Auf der neuen CD The Orchard führt die 28igjährige das fort, was sie mit ihren beiden Vorgänger-Alben eingeleitet hat: ruhige Blues- und Country-orientierte Stücke, die von spärlichem Instrumentarium begleitet werden. Es sind einfache bis einfachste Songs, mit simplen bis sehr simplen Texten, die sie zum großen Teil selber verfasst.
"Coming Home" zum Beispiel, das erste Stück, bei dem Lizz-Baby den Delta-Blues so richtig aus der Tiefe der Seele hervor holt. Dazu eine verhaltene E-Gitarre mit dem guten alten Wah-wah-Effekt. Ein starker Einstieg, dem ein Ohrwurm folgt "My Heart", gibt's auch als Video-Clip auf der CD, im freundlichen Mid-Tempo. Das dritte Stück "I Idolize You" (eine Ike Turner Komposition) ist dann wieder ein klassischer Blues, Piano, Orgel, E-Gitarre und zartem Chorgesang im Background. Dieses Stück hätte eine rauere Stimme verdient. Zumindest wenn, wie in diesem Song, eine gebrochene Seele zum Vorschein kommen soll.
Lizz Wright's Stimme schmeichelt in einer bestimmten Tonlage dem Ohr. Sie lullt den Hörer regelrecht ein. Und ich glaube, man lässt sich von ihr gerne einlullen. Ausbrüche gibt es bei ihr nicht, sie bleibt zurückhaltend. Ihr Tonumfang ist nicht von Weite, sondern von Tiefe bestimmt. Ihre Stärke sind die melancholischen Themen. Ein vermeidbarer Ausrutscher ist "Thank You", ein Track von den Led Zeppelin Größen Jimmy Page und Robert Plant. Ich weiß nicht, was sie an diesem Nichts von Stück angezogen haben könnte, um es hier einzuspielen.
"When I Fall" ist auch so ein Blues, bei dem sie den hingehauchten Schmerz überzeugend zum Ausdruck bringt. Ihre Musik ist altmodisch, sie kann singen, kann Gefühle transportieren, es gibt keine Kompromisse an gängige Mainstream-Rhythmen. Eingepackt in einen warmen, angenehmen Sound ist diese Cd ein musikalisches Geschenk für Hörer mit gutem Geschmack. Lizz Wright at it's best.
PS: Im Booklet der CD werden 12 Tracks angegeben, eigentlich sind aber 13 drauf + der eingangs erwähnte Clip zu "My Heart".

Van Der Graaf Generator
Trisector (2008)
virgin records

Und da warens nur noch drei. Kaum hatte die Band ihr einigermaßen erfolgreiches Comeback gefeiert, da stieg David Jackson, Sax & Flute, aus und lies die Übriggebliebenen im Regen stehen. Van der Graaf als Trio, nun ja. Hugh Banton wirkt an der Orgel gelegentlich doch etwas penetrant einfallslos und überfordert. Man versucht sich an alten Themen aus der Frühzeit. Damals war die Gruppe grandios, heute scheitert sie grandios. Wahrscheinlich werden nur die ingefleischtesten Fans diesem Werk Beifall zollen. Für mich eher eine müde Vorstellung.
Konnte man sonst auf Peter Hammill zählen, dessen Gesang so manches flache Stück der Band noch das gewisse Etwas gegeben hatte, so ist er diesmal kaum richtig präsent. Vielleicht liegts auch an den Stücken. Teilweise klingts, als höre man einer Band bei den Proben zu. Nur gelegentlich will der Funke überspringen, so bei dem längsten Stück "Over the hill" und dem anschließenden "(We are) not here".Beide Stücke bilden den Abschluß der CD. Sie beginnt mit einem Instrumentalstück "Hurlyburly" und damit zeigt die Band erneut, dass sie sich mit solcher Art Musik mangels instrumentaler Virtuosität schwer tut. Das klingt amateurhaft und ist auf diesem Album überflüssig.
Mal sehen, ob dies die Abschiedsvorstellung von Van Der Graaf war. Wenn ja, dann hätten sie ein ehrenvolleres, als dieses lustlos eingespielte Album verdient.

Dhafer Youssef & Wolfgang Muthspiel
Glow (2007)
material records

Diesmal hat sich Dhafer Youssef mit dem österreichischen Gitarristen Wolfgang Mutspiel zusammen getan und auf dessen eigenem Label material records ist die neue CD GLOW erschienen.
Das stimmliche Phänomen Dhafer Youssef, der diesmal weniger auf der Laute Oud (etwa Track 3, Sand Dance) zu hören ist, begeistert immer wieder Musiker der unterschiedlichsten Stilrichtungen und so kann der Tunesier schon auf eine stattliche Liste von Aktivitäten zurück blicken. Auf diesem Album steuerte er eine Eigenkomposition (Track 7, Maya) bei, fünf Stücke schufen sie in Zusammenarbeit und vier sind Muthspiels Eigenschöpfungen, wobei bei dieser Art Musik natürlich die Improvisation das Hauptelement ist und von daher das Komponieren auf einer anderen Ebene vor sich geht.
Man bekommt auch diesmal den gewohnten, meist textlosen Improvisationsgesang zu hören, den er bis in unerreichbar scheinende Höhen hinaufziehen kann. Ein bisschen klingt es indisch, dann zeitlos jazzig, immer faszinierend. Dazwischen Muthspiels eher vorsichtiges, zurückhaltendes Gitarrenspiel. Er bevorzugt die akustische Gitarre, wilde Soli sind nicht sein Ding, seine musikalische Heimat war ja auch die klassische Welt. Solist ist Dhafers Stimme. Bei zehn Tracks stellt sich dann allerdings doch eine gewisse Gleichförmigkeit der Stücke ein, so dass man die ganze CD vielleicht in Portionen genießen sollte. Denn ohne Frage, bleibt es ein Genuß dem Stimmakrobaten seine Aufmerksamkeit zu schenken.
Für die anderen Musiker, Tom Harrell (trumpet, flugelhorn), Alegre Correa (drums, percussion), Matthias Pichler (bass) bleibt nur gelegentlich Spielraum, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Auch die norwegische Jazzsängerin Rebekka Bakken ist als Gast genannt. Ihr Beitrag bei dem avantgardistisch anmutenden elektronisch gefärbten Track Cosmology beschränkt sich aber auf flüsternd gesprochene Zahlen, eher als unfreiwilliger Joke zu betrachten.

Mercan Dede
800 (2007)
doublemoon









Ein ausgewogenes, weniger samplelastig als seine Vorgänger und insgesamt eher ruhiges Album hat der Cyber-Derwisch diesmal eingespielt. Es gibt schöne, getragene Melodien, neben Mercans Ney (diesmal aber nur bei drei Stücken zu hören) sind u. a. Posaune, Trompete, Kanun und diverse Saiteninstrumente mit von der Partie. Auch diesmal sorgt vielseite Percussion(arabisch, indisch, persisch und natürlich türkisch) für genügend Abwechslung, um den ähnlich klingenden Stücken eine eigene Note zu geben. Die elf Titel sind durchaus unter der Rubrik Sufi-Musik einzuordnen. Mercan Dede erweitert das Repertoire allerdings um etliche moderne rhythmische Varianten und ein Rap zu Beginn des Albums dürfte sicherlich so manchem traditionellen Hörer türkischer Sufi-Musik fremd vorkommen. Dem "Derwisch für die moderne Welt" (so eine türkische Zeitung) gelingt es erneut mit seiner tranceartigen Musik meditative aber nie bedrückende Stimmungen zu schaffen. 800 ist ein weiterer welt-musikalischer Meilenstein auf dem Weg des Herrn Dede. Folgen wir ihm genüßlich.
Ach ja - 800 heißt das Werk, weil der Meister der Sufis - Maulana, Mevlana, Molana, Djelaladin Rumi - 800jährigen Geburtstag hat. Ihm hat Mercan Dede sein Album gewidmet.

Rabih Abou-Khalil
Songs for sad women (2007)
enja records

Sieben traurige Lieder für Frauen spielt uns der aus Beirut stammende Ud-Meister diesmal in gewohnter Prägnanz vor. Zur Begleitung hat er sich treffenderweise den armenischen Duduk-Spieler Gevorg Dabaghyan geholt. Der wehmütige Klang seines Instrumentes verleiht den Kompositionen Khalils eine zusätzliche Note von Melancholie. Die Musik des Libanesen ist inzwischen (insgesamt zähle ich bisher 17 CD-Veröffentlichungen) zu einem weltmusikalischen Ereignis geworden. Wenngleich sich seine Stücke ähnlich sind, die Melodien sich auf irgendeine Art zu wiederholen scheinen, gibt es jedesmal faszinierende Momente, die entweder aus seiner Improvisation oder dem Zusammenspiel mit den abwechslungsreichen Gastmusikern kommen. Diesmal sind noch Michel Godard, der das Instrument Serpent spielt, und Jarrod Cagwin an den Frame-drums mit von der Partie. Die Melange aus Jazz- und Weltmusik mit arabischen Wurzeln gelingt nur wenigen so gut wie diesem Quartett. Die Frage ist, ob traurige Frauen sich dieser Musik zuwenden werden; gerade aufheiternd wirken die meisten Songs mit Sicherheit nicht.

Navid Afghah
The Temple of Wooden Figures (2005)
Zandrecords

Der iranische Tonbakspieler Navid Afghah gehört innerhalb der (entdeckenswerten) iranischen Musikszene zu den Außenseitern, da er sein Instrument - einer in der traditionellen Musik benutzten Bechertrommel - zwar auf herkömmliche Weise bespielt, die Aufnahmen jedoch so oft wiederholt, bis ein ungewöhnlicher Sound entsteht. Es ist eine experimentelle Musik, die ungewöhnlich und originell klingt. Navid Afghah wurde 1970 in der südiranischen Stadt Shiraz geboren. Im Alter von 13 Jahren begann er Tonbak zu lernen und erlangte schnell kompetente Fähigkeiten auf dem Instrument. Seine 1999 (The Sound of Fancy) und 2003 (Genesis) erschienen Solo-Alben zeigen einen auf experimentellen Wegen wandelnden eigenwilligen Musiker. Auf Genesis wagt er sich an das Thema der Schöpfung heran und schafft ein nur aus Trommelklängen bestehendes Universum. Auf seiner aktuellen CD läßt er in seinen Kompositionen Gesang mit einfließen, ein Projekt für Tonbak und Stimme nennt er es selbst. Hierbei handelt es sich um eine Art hymnischer Chorgesänge, die das Gefühl antiker Stimmung aufkommen läßt. Navid Afghah ist kein trommelnder Derwisch, der mit Zauberkunststückchen aufwartet. Seine Musik fordert vom Zuhörer Aufmerksamkeit, Geduld und Hingabe. Dem Booklet der aufwendig gestalteten aufklappbaren CD-Hülle (ganz aufgeklappt ensteht ein gleichseitiger Würfel, eine Art Kaaba?) ist ein längerer erzählender Text von Shahriar Mandanipour beigefügt, der als ein spiritueller Wegweiser für die sieben Musikstücke gelten kann. Der im Westen eher unbekannte Musiker hätte mit dieser CD eine größere Aufmerksamkeit verdient, leider gibt es nur den Weg übers Internet, um an seine Musik zu kommen. Es lohnt sich!

Peter Hammill
Singularity (2007)
Fie! Records

Wie üblich ist auch die neue CD Hammills knapp 45 Minuten lang, die mit neun Titeln ausgefüllt werden. Diesmal sind alle Titel von ihm selbst eingespielt worden und zwar zwischen Januar und August 2006. In dieser Zeit gab es auch die Konzerte der wiederauferstandenen Kultband Van Der Graaf Generator, von diesen Auftritten ist nun auch eine Doppel-CD erschienen Real Time (Royal Festival Hall) mit überwiegend altem Material, sprich: das was die Leute halt hören wollen. Die Konzerte der Zukunft finden allerdings ohne David Jackson, dem Saxophonspieler, statt. Auf seiner Homepage teilt Hammill dem überraschten Fan diese Neuigkeit mit und eiert etwas mit der Begründung herum. Eigentlich sind Trio-Konzerte nur die Hälfte wert, denn Jackson hat mit seinem Spiel maßgeblich den Sound dieser Band geprägt. Die neue CD (Die 44igste?!) klingt wesentlich interessanter als die letzen Werke des Meisters, es scheint, dass er sich stark an frühere Aufnahmen (wohl durch das Neumischen/Remixen alter Stücke beeinflusst) orientiert, vor allem scheinen hier die 80er Jahre durch. Dennoch will es mit den Einfällen auch diesmal nicht so recht funktionieren. Die Musik ist eher getragen, es scheint, als ob er bereits hundertmal vorgetragene Melodien wiederkäut. Das alles klingt gut, so wie man es gewohnt ist, seine Stimme ist nach wie vor präsent, seine Phrasierungen stimmen immer noch, die Ausbrüche sind aber hier kaum noch zu spüren. Hammill war nie ein großer Virtuose/Solist und die Beschränkung auf seine instrumentalen Fähigkeiten (ich meine nicht die kompositorischen) engen denn auch diese Songs erheblich ein. Sie leben vom Vortrag seiner Stimme und von den Texten. Hier berichtet er von seiner Herzattacke Anfang 2005, vom Alzheimer seiner Mutter und vom Idiot Boy (Vainglorious Boy), einem sich für großartig haltenden Star (vielleicht selbstkritisch gemeint?). Das letzte Stück White Dot bietet den Hammill der Düsternis und des Prince of Fear vergangener Tage. Mit Rückwärtseinspielungen und Verzerrungen der Stimme und allerlei schrägen Soundgeburten schafft er die nötige unwirkliche Atmosphäre für diesen Song der Extraklasse. Wenn seine Innovation auch weniger stark ist als bei früheren Aufnahmen, ist ihm mit Singularity ein Werk gelungen, das über mehr Stärken als Schwächen verfügt.

Mercan Dede
NEFES (2006)
Doublemoon

Der Sample-Guru und Electronic-Sufi hält sich mit seinem neuen Album an die Struktur seines Vorgängers "Su" (2004). Waren es dort 12, so sind es nun 15, zum Teil recht eingängige Stücke. Jeder Titel heißt nefes (Atem) in einer anderen Sprache. Auch diesmal hat er eine beachtliche Schar Mitstreiter ins Studio geladen und neben der Kurdin Aynur Dogan (weniger gelungen), der Iranerin Azam Ali (singt ein Rumi-Poem auf persisch) und dem Türken Kâni Karaca singt Mercan Dede auch selbst, wenn auch sehr zurückhaltend. Die Titel sind kürzer geworden und diese Raffung bekommt seiner sehr auf den Rhythmus konzentrierten Musik außerordentlich gut. Die Vielzahl der aufgeführten Instrumente (u. a. Klarinette, Trompete, Qanun, Gitarre, Kemence und diverse Percussion), die meist sporadisch kurze Melodiefloskeln einbringen, werden kongenial zu Dede's Neyspiel eingesetzt. Fazit: Innovative Unterhaltungsmusik der Sample-Ära auf hohem Niveau.

Erkan Ogur
Telvin (2006)
Kalan

Was das Telvin-Trio hier mit seinem Doppelalbum vorlegt, ist Jazz-Kammermusik vom Feinsten. Die acht eher ruhigen Stücke auf CD 1 werden von Erkan Ogur auf der akustischen Gitarre und der türkischen Kopuz (einer in dieser Region beheimateten Langhalslaute) gespielt, während auf CD 2 sein virtuoses Spiel auf der E-Gitarre im Vordergrund steht. Hier geht es mitunter recht heftig und temporeich zur Sache, man wird an John Scofield oder auch John Mc Laughlin erinnert und läßt sich von den abwechslungsreichen Improvisationen und dem ausnahmslos guten Gruppenspiel fesseln. Ilkin Deniz am E-Bass und Alp Bekoglu an den Drums sind nicht nur willige Begleitmusiker für den türkischen Star-Gitarristen, sondern eigenständige Mit-Musiker, ohne die eine auf Improvisation beruhende Musik auch nicht funktionieren würde. Die Tracks haben manchmal in den Melodien türkische Wurzeln, die jedoch schnell von den rasanten Improvisationen verdrängt werden. CD 2 enthält zwei Live-Mitschnitte aus Malatya (Egbabiye) und Bochum (Nefes), die von Erkans furiosen Soli beherrscht werden. Er werden ausschließlich eigene Stücke gespielt, die gemeinsam vom Trio erarbeitet worden sind.
Für Freunde der Jazz-Gitarre ist dies ein unbedingt empfehlenswertes Album. Darüberhinaus sollte man auch mal in Erkan Ogurs türkisch-traditionelle Werke reinhören, wie etwa dem ausgezeichneten Album Fuad (2001), auf dem er mit dem armenischen Duduk-Meister Djivan Gasparyan zusammen spielt. Der 1954 in Elazig geborene Erkan Ogur ist einer der interessantesten Musiker und Komponisten der neueren türkischen Musikszene, der sich aber auch international einen Namen gemacht hat. Er spielte mit Philipe Caterine zusammen, trat bei internationalen Jazz-Festivals auf und gastierte mehrmals in den USA. Er baut Instrumente selber und seine Interpretationen türkischer Volksmusik erheben den Anspruch authentisch und gleichzeitig innovativ zu sein. Seine Musik ist auf dem der traditionellen und progressiven türkischen Musik verpflichteten Label Kalan erschienen. Dem seit 1995 bestehenden Telvin-Trio gelingt hoffentlich mit diesem Album eine breitere Aufmerksamkeit im mitteleuropäischem Raum.

Man bekommt die CD in guten türkischen Musik-CD Geschäften.

Dhafer Youssef
Divine & Shadows (2006)
Jazzland

Das neue Album des tunesischen Ud-Virtuosen und Sängers ist als ausgefeiltere Fortsetzung seiner Vorgänger-CD "Digital Prophecy" zu werten. Außergewöhnliche Musik aus dem Crossover-Bereich erwartet den Hörer. Die Zusammenarbeit mit norwegischen Jazz-Elektronikern wie Eivind Aarset oder Arve Henriksen und dem Oslo Session String Quartet sorgen für mehr als eine Stunde spannungsreicher und wie in "Odd Poetry" dramatischer Musik. Über allem klingt Dhafer Youseffs Ud-Spiel und seine bis in die höchsten Höhen gleitende Stimme, die er konsequent als Instrument einsetzt. Die unaufdringlichen Samples der norwegischen Jazzland-Tüftler und Arve Henriksens Trumpet sind die kongeniale Begleitmusik für die ungewöhnlichen Kompositionen des digitalen Jazzpropheten. Das Stück "Wind & Shadows" nimmt den Hörer mit seinem durchgehenden Rhythmus und den Streichern des Osloer Quartetts in eine Ferne, von der man ungern zurückkehren möchte. Die Verbindung/Nebeneinanderstellung von traditioneller Ud-Musik und modernem Elektronik-Jazz gelingt auf dieser CD faszinierend gut. Dhafer Youssefs musikalisches Potential und seine Originalität sind in den letzten Jahren zunehmend auch von anderen Musikern erkannt worden. "So findet man Dhafer Youssef an der Seite des israelischen Saxophonisten Gilad Atzmon auf dessen Meisterwerk "Exile" (2003), in Gesellschaft des italienischen Trompeters Paolo Fresu auf "Scores!" (2003), mit dem kubanischen Pianisten Omar Sosa auf "Mulatos" (2004) und mit dem progressiven französischen House- und Techno-Produzenten Laurent Garnier auf "Cloud Making Machine" (2005)" (Jazz Echo).Auch Mercan Dede, der türkische Ney- und Sampler-Guru, lud ihn ein, auf seinem Album "Su" (2004) mitzuwirken. Ebenso ist er auf Nguyen Le's neuer CD "Homescape" (2006) aktiver Mitgestalter.

John McLaughlin
INDUSTRIAL ZEN (2006)
Universal

Nachdem der Meister sich in den letzten Jahren verstärkt der indischen Musik zugewandt hat, zeigt er nun wieder seine andere, mehr dem "Heavy"-Bereich ausgerichtete Seite. Mitunter fühlt man sich an die alten Mahavishnu-Zeiten erinnert, wenngleich es an den zündenden Melodien fehlt. Zu sehr ist McLaughlin in seine vertrackten Songstrukturen verliebt, die leider von einem Synthi Soundteppich arg verschandelt werden. Natürlich gibt's an den Soli von old Fastfinger nichts auszusetzen, meiner Meinung nach kommen seine Mitstreiter, darunter Bill Evans, Soprano- und Tenorsax und Gary Husband an den Keyboards, dem nicht nach. Die Drummer, von denen Dennis Chambers der bekannteste ist, trommeln heftig was das Zeug hält, bei drei Tracks unterstützt von McLaughlins altem Weggefährten Zakir Hussain an der Tabla. Die Angabe der neun Studios, in denen die Aufnahmen gemacht wurden, drückt für mich eine gewisse Unbeständigkeit aus, die auch in den acht Stücken zum Ausdruck kommt. Insgesamt keine schlechte CD, ein Meisterwerk ist es nicht geworden.

Anouar Brahem
LE VOYAGE DE SAHAR (2006)
ECM
Anouar Brahem, Le Voyage de Sahar
Der tunesische Udspieler Anouar Brahem gehört zu den Stillen in der Musikszene. Er hat sich in den vergangenen 15 Jahren mit seiner ruhigen Musik (alle CD's sind beim Ausnahmelabel ECM unter der Produktion von Manfred Eicher erschienen) ein internationales Publikum erobert, die seinen meditativen Kompositionen gerne lauschen. Das neue Album nun schließt nahtlos an den 2002 erschienen Vorgänger "Le pas du chat noir" an und bringt mit der gleichen Trio-Besetzung (Francois Couturier am Piano und Jean-Louis Matinier Akkordeon sind nicht nur Brahems Begleiter sondern auch Mitgestalter der Stücke) eine Fortsetzung dieser meist melancholischen Musik. Mir ist es allerdings beim Zuhören der Stücke nicht leicht gefallen damit eine Reise durch die Sahara zu assoziieren. Ich fühlte mich mitunter eher an alte traurige französische Melodramen der 50er erinnert. Manchmal aber treffen die wie aus weiter Ferne einschwebenden Melodien das Innerste der Seele - und was kann man von Musik mehr verlangen?

Misirli Ahmet
PERCUSSION (2005)
EN CHORDAIS/A.K.MÜZIK YAPIM ORG.

Der "ägyptische" Ahmet, wie der 1963 in Ankara geborene Ahmet Yildirim sich in Anspielung auf seine in Ägypten erworbenen Trommelkünste selbst nennt, ist ein Ausnahmeperkussionist und als solcher auch in der internationalen Musikszene ein Begriff geworden. In dem u. a. von der Europäischen Union geförderten MediMuses Projekt sind sechs CD's in der Reihe "Mediterranean musical heritage" erschienen, zu der dieses Album gehört. In acht Stücken, davon vier Solo-Aufnahmen, zeigt er sein perkussives Können auf verschiedenen Instrumenten des orientalischen Raumes, darunter Dohol, Daf, Bendir. Er begleitet sich selbst (nur einmal im Track 2 wird ein arabisches Akkordeon eingesetzt) und entfacht ein rhythmisches Feuerwerk, das auch vor kompliziertesten Takten wie 7/8 oder 9/8 nicht Halt macht. Er ist ein Improvisationskünstler, dessen Temperament ihn immer wieder zu Ausflügen ins trommlerische Nirwana führt und den Zuhörer bis zum letzten Schlag in Bann hält. In dem aufwendig gestalteten über 50seitigen türkisch/englischen Booklet wird ausführlich auf Werdegang und bisherige Produktionen des Künstlers hingewiesen. Für Freunde der Solo-Perkussions-Musik ein absolutes Muß!


Für alle CD-Tipps: © HaWi