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Buchbesprechungen:

Tom Reiss, Der Orientalist /  Orhan Pamuk, Schnee /  Kurban Said, Ali und Nino /  Espido Freire, Die Cousine /  Orhan Pamuk, Rot ist mein Name /  Karl-Heinz Ohlig u. a., Der frühe Islam /  Robert Charles Wilson, SPIN /  Reinhard Lettau, Schwierigkeiten beim Häuserbauen  / Salman Rushdie, Shalimar der Narr

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Orhan Pamuk, Das Museum der Unschuld

Kurz vor seiner Verlobung mit der schönen Sibel verliebt sich Kemal in die noch schönere Füsun, eine entfernte Verwandte. Der Dreißigjährige verfällt der gerade Achtzehnjährigen bedingungslos und beide beginnen eine stürmische Liebesgeschichte - trotzdem findet die aufwendig gestaltete Verlobung im Istanbuler Hilton Hotel statt. Füsun und ihre Eltern sind ebenfalls eingeladen. Am folgenden Tag hat das junge Mädchen ihre Aufnahmeprüfung für die Universität. Für Kemal gibt es keinen Zweifel, dass er sie auch nach der Verlobung an dem geheimen Treffpunkt, einer nicht benutzten Wohnung, die Kemals Mutter gehört, wiedersehen wird. Aber daraus wird nichts, denn Füsun kommt nicht. Auch in dem Geschäft, in dem sie aushilfsweise gejobbt hatte, ist sie nicht mehr. Als Kemal sich schließlich nach einiger Zeit dazu aufrafft, zu ihren Eltern zu gehen, erfährt er, dass sie am Tag der Prüfung zusammengebrochen ist und ihr Vater sie zu Verwandten geschickt hat. Für Kemal beginnt nun eine Leidenszeit, die erheblich seine Beziehung zu Sibel beeinflusst, so stark, dass er mit ihr nicht mehr schlafen kann. Nach einigen Monaten löst Sibel die Verlobung auf, nachdem ihr Kemal seine Affäre gebeichtet hatte. Für ihn besteht das Leben nur noch aus dem Sehnen nach der Geliebten, eine Sehnen, das ihn immer tiefer in die Verzweiflung treibt, jedoch auch immer noch von der Hoffnung getragen wird, Füsun eines Tages wieder zu begegnen.

Über eine Freundin von Füsun erhält er schließlich nach anderthalb Jahren eine Nachricht, mit der neuen Adresse von ihrer Familie. Bei seinem Besuch wird er schmerzlich mit der Neuigkeit konfrontiert, dass Füsun inzwischen geheiratet hat, besser von ihrem Vater verheiratet worden ist. Ein junger Mann aus der Nachbarschaft, Feridun, der davon träumt im Filmgeschäft Karriere zu machen, lebt mit Füsun bei ihren Eltern. Kemal findet sich mit dieser Situation ab und besucht nun, über Jahre hinweg, beinahe regelmäßig die Familie, die ihm ein zweites Zuhause wird. Da er durch seinen Vater wohlhabend ist, schlägt er vor, ein Filmprojekt Feriduns zu unterstützen. Füsun soll dabei die Hauptrolle spielen. Für Kemal ist dies ein Vorwand, sich oft in ihrer Nähe aufzuhalten.

Acht Jahre lang hält dieser Zustand an. Kemal hat begonnen Gegenstände, die in irgendeiner Art mit Füsun in Zusammenhang gebracht werden können, zu sammeln: Haarspangen, Zigarettenkippen, Schmuckstücke, alles, was ihm unter die Finger kommt. Das Filmprojekt zieht sich hin und eigentlich ist Kemal auch nicht überzeugt davon. Dennoch gründet er mit Feridun eine Firma und finanziert das Projekt. Er ist damit zufrieden, in Füsuns Nähe zu sein.
Die Ehe zwischen Füsun und Feridun kriselt und schließlich beantragt sie die Scheidung. Endlich scheint Kemal am Ziel, seinem Glück scheint nichts mehr im Wege zu stehen. Nach der Scheidung willigt er in Füsuns Vorschlag ein, eine Reise mit dem Auto nach Frankreich zu unternehmen. Beim Aufenthalt in der ersten Nacht, noch in der Türkei, kommt es endlich zu dem ersehnten sexuellen Zusammensein der beiden Verliebten. Am nächsten Morgen aber will Füsun ihn verlassen, da sie sich in ihrem Willen, Schauspielerin zu werden, weder von Feridun noch von Kemal Ernst genommen fühlte. Kemal fährt ihr mit dem Auto nach. Sie verlangt, ans Steuer gelassen zu werden…
Später beauftragt Kemal den Schriftsteller Orhan Pamuk damit, seine Geschichte aufzuschreiben, denn Kemal will ein Museum einrichten, in dem all seine gesammelten Stücke ausgestellt werden sollen.
*
Pamuk beginnt mit seiner Geschichte im Frühling 1975. Neben der Liebesgeschichte ist dies auch eine Art Istanbuler Reiseführer, zumindest aus der Sicht eines Mitglieds der wohlhabenden Schicht. Für diese Schicht bestand das Leben aus Partys, aus Müßiggang, eingeschränkt erst nach dem Militärputsch von 1982. Im Denken dieser Reichen war die Hinwendung zu westlichem Lebensstil eine wichtige Komponente. Auch Frauen wollten sich ‚modern' geben und in der Öffentlichkeit zeigen. Allerdings blieb die Frage der Jungfräulichkeit davon scheinbar unberührt, denn das blieb nach wie vor ein wichtiges Kriterium männlichen Denkens.

Im Grunde genommen hat Pamuk hier wesentliche Motive des orientalischen Liebesdramas von Leyla und Madschnun übernommen: Der fast wahnsinnig werdende Kemal, dessen Leiden Pamuk in aller Ausführlichkeit schildert; während Madschnun Verse schreibt und in der Wüste umherirrt, bekommt Kemal diesen Sammeltick und verirrt sich in der Vorstellung, eines Tages doch noch mit Füsun zusammen zu kommen; wie sich Leyla ihrem vom Vater ausgesuchten Ehemann in sexueller Hinsicht verweigert, fordert Füsun Kemal auf, ihr zu glauben, dass sie während ihrer Ehe mit Feridun keinen Sex gehabt hatte. Bewundernswert an diesem Roman ist, wie viele Facetten Pamuk dem Liebesleid abgewinnen kann und in der Lage ist, diese auch dem Leser mit schmerzlicher Eindringlichkeit vorzuführen. Wie üblich in Pamuks Romanen überzieht er an einigen Stellen erheblich und zieht damit die Geschichte in unnötige Länge. Andererseits kann man dies auch als ein Mittel verstehen, die die lange Leidenszeit des Protagonisten darstellen soll. Für mich gibt es aber etliche Stellen, die mit Gedanken Kemals angefüllt sind, was andere denken würden, wenn sie so dächten wie er selber und was wäre, wenn er selbst anders gedacht hätte, die zu viel des Guten sind. Was Füsun denkt, fühlt,, wie sie leidet, was sie möchte, wovon sie träumt, bleibt größtenteils unklar (auch dies wie bei Leyla), wenn man von dem ihr aber von außen eingegebenen Wunsch, Filmschauspielerin zu werden absieht. Füsun bedeutet übrigens "Zauber".
Für Istanbul-Fans enthält "Das Museum der Unschuld" eine Fülle von Hinweisen auf Orte, Personen, auf Stimmungen der unterschiedlichsten Jahreszeiten, natürlich auf die Periode von 1975 bis 1984 beschränkt. Da Pamuk am Ende den Schriftsteller Pamuk mit ins Spiel bringt, kann man spekulieren, dass der vielleicht an einem Teil der Geschichte persönlich involviert war, jedenfalls den Erinnerungen Kemals so manches hinzugefügt haben wird, sozusagen die schriftstellerische Aufbereitung übernommen hat. Es ist ohne Zweifel ein großartiger Liebesroman, der genug Dramatik, Leidenschaft und Verzweiflung enthält, aber auch das Glück in der Liebe nicht zu kurz kommen lässt. Welche Meisterschaft Pamuk beherrscht, wie er mit der Fülle des Personals im Roman jongliert, zeigt eindrucksvoll das beste der 83 Kapitel, nämlich jenes über die Verlobungsfeier, das mit knapp 50 Seiten auch das längste des Romans ist. Insgesamt ist der Roman nicht kompliziert geschrieben, immer bleibt Pamuk bei seinem ‚Helden'. Er zeigt ihn uns in seiner ganzen Naivität und Lächerlichkeit, in seiner kindlichen Freude und seinem neurotischen Verhalten, genauso wie in seiner Hilflosigkeit und seinem Elend.

Für alle diese Empfindungen ist letztlich das größte unserer Gefühle verantwortlich: Die Liebe.

Tom Reiss, Der Orientalist  nach oben

Der amerikanische Journalist Tom Reiss begab sich 1998 für eine Recherche nach Baku, der Ölmetropole am Kaspischen Meer. Quasi als Reiseführer empfahl man ihm "Ali und Nino", einen Roman, der in der Zeit der russischen Revolution angesiedelt ist und überwiegend in Baku spielt. (s. auch Besprechung auf dieser Seite)

Über den Autor Kurban Said fand er widersprüchliche Informationen und begann zu recherchieren. Die Suche führte ihn nach Berlin, Wien, Italien, in die USA und weiteren Orten. Am Ende brachte er nicht nur Licht in die durch falsche Darstellungen verdunkelte Lebensgeschichte des Autors, sondern entdeckte sogar noch letzte Manuskripte und Briefe von ihm.

Kurban Said wurde als Lev Noussimbaum am 20. 10. 1905 geboren und starb am 27. 8. 1942 in Positano. Schon früh als Kind kam er mit der deutschen Sprache in Berührung. Seine Mutter beging in jungen Jahren Selbstmord, sie soll die Bakuer Bolschewisten, deren Führer ein Mann namens Koba gewesen war, finanziell unterstützt haben. Die Welt lernte ihn später als Stalin kennen. Eine deutschsprachige Gouvernante übernahm die Pflege des Jungen. Sein Vater war ein Ölindustrieller, der im Zuge der Machtübernahme durch die Kommunisten enteignet wurde. Unter dramatischen Umständen flüchteten sie 1920 aus Aserbaijan und gelangten über Georgien, Konstantinopel und weiteren Zwischenstationen nach Berlin.
Hier trat der junge Mann zum Islam über und nannte sich von nun an Mohammed Essad Bey, meist aber nur Essad Bey. Unter diesem Namen betätigte er sich zunächst als Artikelschreiber, ab 1930 auch als zunehmend erfolgreicher Buchautor. Er verfasste Sachbücher über den Kaukasus, schrieb eine Geschichte des Erdöls, über Exilrussen und Biographien, darunter eine umfangreiche über Mohammed und die erste deutsche Stalin-Biographie. Seine Romane veröffentlichte er unter Kurban Said.

Von Ende 1932 bis März 1938 lebte er in Österreich, von dort floh er nach dem sogenannten Anschluss an das ‚Dritte Reich' nach Italien. Für die Nazis war er weiterhin ein Jude. Eine Gefäßerkrankung führte dann zu seinem frühen Tod. Die letzten Lebensjahre Essad Beys waren von schmerzhaftem Leiden und dem ständigen Betteln um finanzielle Unterstützung geprägt. Während seine Bücher und Artikel relativ leicht zu beschaffen waren, erwies sich die Materialsuche nach dem Leben des Autors als erheblich schwieriger. Mit viel detektivischem Spürsinn und der gehörigen Portion Glück schaffte Tom Reiss das Unmögliche und konnte hier und da sogar noch lebende Zeitzeugen ausfindig machen.

"Der Orientalist" ist ein umfangreiches Buch geworden, auch deshalb, weil Reiss seine Suche mit in den Text einbezieht und den Leser daran teilhaben lässt. Notwendige Erklärungen zu Zeitumständen und geschichtlichen wie personellen Hintergründen tragen ebenfalls dazu bei. Es gelingt Reiss das Schicksal dieses Autors in all seinen Widersprüchlichkeiten vor uns auszubreiten. Ihm ist ohne Einschränkungen ein gutes Buch gelungen, das mehr als nur die tragische Lebensgeschichte von Essad Bey erzählt.
Vieles aus seinem Leben bleibt noch im Dunkeln, die Zeit der Kindheit gehört dazu. Auch Essads Verbindungen zu faschistischen Kreisen bedürfen weiterer Untersuchungen. Seine Bücher reissen heute keinen mehr vom Hocker, sie sind Kinder ihrer Zeit. Die Biographien sind veraltet, die Sachbücher halten einer gewissenhaften Prüfung auf ihren Wahrheitsgehalt nicht stand. Essad Beys Lebensgeschichte ist das eigentlich Spannende. Tom Reiss hat dem Rechnung getragen und hält geschickt die Waage zwischen seriöser journalistischer Recherche und feuilletonistischen Einschüben. Man wünscht dem Buch viele Leser.


Orhan Pamuk, Schnee  
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Der Dichter Ka kehrt nach zwölf Jahren des Exils in Deutschland, für einen Besuch in die Türkei zurück. In Istanbul fragt ihn ein Freund aus alten Tagen, ob er nicht für dessen Zeitung einen Bericht über die bevorstehenden Kommunalwahlen in der Stadt Kars schreiben möchte. Gleichzeitig gab es in dieser Region in letzter Zeit Selbstmorde junger Frauen. Der Dichter nimmt das Angebot an und reist dorthin. Kars liegt im Nordosten der Türkei, in der Nähe der Grenze zu Armenien und Georgien.
Es ist Winter und die Stadt versinkt allmählich unter einer Schneedecke. Ka begegnet dort auch seiner alten Jugendliebe Ipek, die inzwischen als geschiedene Frau bei ihrem Vater lebt. Der ist Besitzer eines Hotels, in das sich Ka einquartiert. Erneut flammt die Liebe zu ihr auf und er ringt mit sich, ihr seine Zuneigung zu offenbaren und sie mit zurück nach Frankfurt zu nehmen.
Schnell hat sich herumgesprochen, dass ein bekannter Dichter in Kars ist, der zudem über die Situation dort berichten will. Verschiedene Gruppierungen treten an ihn heran und versuchen ihn für ihre Belange zu vereinnahmen. Die Islamisten, die Nationalisten, kurdische Rebellen. Ka selbst ist eigentlich an all diesen Themen wenig interessiert, lässt sich aber dennoch immer wieder, mehr oder weniger freiwillig, mit den entsprechenden Leuten ein. Er beginnt zu recherchieren, um über die Motive der jungen Mädchen, die Selbstmord begangen hatten, etwas zu erfahren. Im Lauf der Zeit kommen Ipek und er sich näher und Hoffnung, dass sie ihn nach Deutschland begleiten wird, keimt in ihm auf. Gleichzeitig beginnt er nach einer langen unschöpferischen Phase wieder zu dichten an.
Dann kommt es zu einer Revolution, die von einem Theaterbesitzer und ehemals populären Schauspieler während einer Live-Übertragung im Regionalfernsehen inszeniert wird. Die Furcht vor einem Sieg der Islamisten bei der Wahl steckt wohl dahinter. Ka wird in diese Geschichte mit einbezogen und die verschiedenen Seiten benutzen ihn als eine Art Vermittler, dabei wird er immer von der Geheimpolizei beobachtet. Der im Versteck lebende Anführer der Islamisten, Lapislazuli, fordert ihn auf, seine Beziehungen nach Deutschland spielen zu lassen und eine Resolution in der Frankfurter Rundschau veröffentlichen zu lassen. Ka geht darauf ein, zumal ihn auch Ipek und deren in Lapislazuli verliebte Schwester Kadife dazu auffordern. Ipek erklärt sich schließlich bereit, Ka nach Frankfurt zu begleiten, wenn er den inzwischen festgenommenen Lapislazuli zur Freiheit verhilft. Dann erfährt Ka, dass Ipek auch die Geliebte des Islamisten war, bevor der sich ihrer Schwester zuwandte. Lapislazuli wird umgebracht und Ka von Polizisten zum Bahnhof geführt, ohne dass er noch einmal mit Ipek Kontakt aufnehmen kann. Sie glaubt, dass er für diese Tat mit verantwortlich ist und bleibt in Kars. Jahre später wird Ka in Frankfurt auf offener Straße erschossen. Orhan Bey, der Autor selbst, macht sich auf die Reise, um etwas über die Tage seines Freundes in Kars in Erfahrung zu bringen.

Pamuks Roman spricht viele Themen an und zeigt ein Stück Alltag der türkischen Gegenwart. Er vermittelt die Trostlosigkeit, die in dieser heruntergekommenen Kleinstadt mit hoher Arbeitslosigkeit herrscht und zeigt, wie die verschiedenen Gruppierungen agieren und versuchen, Anhänger um sich zu scharen. Wie eine Spinne sitzt die Geheimpolizei im Netz und es scheint, als ob sie bei all den Attentaten und Intrigen die Fäden zieht. Die Figur des schwankenden und nach seiner Identität suchenden Dichters, der ständig von Selbstzweifeln gequält wird und sich weder für die eine noch für die andere Seite entscheidet, sich dennoch aber immer wieder von ihnen vereinnahmen lässt, ist deutlich gezeichnet.
Manchmal allerdings tut Pamuk hier des guten zuviel und überzeichnet ihn. Überhaupt erscheint mir der fünfhundert Seiten Roman um einiges zu lang. Wer ihn liest braucht langen Atem und Geduld, nicht immer wird verständlich, was da eigentlich vor sich geht. Ein bisschen schimmert das Bemühen des Autors, Weltliteratur zu schreiben, durch. Die Ereignisse um den Putsch und wer warum dahinter steckt, bleiben, durch die etwas umständliche Art des Erzählens, auf der Strecke.
Insgesamt gesehen ist Schnee aber ein anspruchsvoller, auf hohem Niveau geschriebener Roman aus der türkischen Gegenwart, der gleichzeitig auch die Position des Intellektuellen in Frage stellt. Ein Roman, der uns eine fremde Welt zeigt, in der uns das Handeln der Personen und seine Themen aber allzu vertraut sind: Macht, Einfluß, Liebe, Feigheit, Verrat. So gesehen ist das große Weltliteratur.

Kurban Said, Ali und Nino  
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Baku, kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges.  Ali Khan Schirwanschir, Sohn eines wohlhabenden Moslems, liebt Nino Kipiani, eine georgische Christin und für Ali steht fest: Er wird Nino heiraten. Er liebt sie, er vergöttert sie und auch die schöne siebzehnjährige Nino ist einer Heirat nicht abgeneigt. Gleich nach dem Abitur, so denkt Ali, werde ich sie heiraten. Da gibt es zwar ein paar Probleme, zum Beispiel müssen die Eltern noch überzeugt werden, aber damit glaubt er schon fertig zu werden. Ohne Schwierigkeiten schafft er die Abitur-Prüfung.
Als Nino mit ihren Eltern nach Schuscha reist, macht sich auch Ali auf den Weg, denn ohne Nino zu sein, ist für ihn wie ein Tag ohne Sonne. Die beiden treffen sich dort und verleben angenehme Stunden in der ländlichen Umgebung; eine herrliche Zeit…
Dann bricht der Erste Weltkrieg aus, der Zar rüstet seine Truppen, auch einige von Alis Freunden werden eingezogen, andere melden sich freiwillig, nicht Ali, denn: "Nie soll ein Mohammedaner gegen den Sultan kämpfen." Auch die Türkei ist an diesem Krieg beteiligt und die Türken sind Glaubensbrüder.
Als Ali bei Ninos Vater um ihre Hand anhält, gibt es unerwartete Schwierigkeiten. Er möchte in diese Verbindung nicht so ohne weiteres einwilligen. Er verweist auf die Jugend seiner Tochter, auf die unruhigen Zeiten, die unterschiedlichen Kulturen - man solle doch erst einmal das Ende des Krieges abwarten, dann, wenn dann die Liebe immer noch so stark ist, dann, in Gottes Namen…
Alis Vater hingegen nimmt die Entscheidung seines Sohnes gelassen hin und erteilt ihm Ratschläge, wie er die zukünftige Frau behandeln soll. "Man soll im allgemeinen eine Frau nicht lieben. Man liebt die Heimat, den Krieg…Glaub mir: der Mann muß die Frau behüten, lieben muß sie ihn. So hat Gott es gewollt."
Ali ist allerdings ein ‚moderner' junger Mann, der andere, mehr westlich geprägte, Vorstellungen von einer Ehe hat, obwohl auch ihn Zweifel überkommen, ob das gut geht. Er begibt sich zu einem Mullah, um dessen Meinung zu hören. Ist es nicht gegen den Glauben, eine Christin zu heiraten? Nein, erfährt er zu seiner Beruhigung. "Ein Geschöpf ohne Verstand und Seele hat ja doch keinen Glauben. Auf eine Frau wartet weder Paradies noch Hölle. Sie zerfällt nach dem Tode in nichts." Dermaßen beruhigt verläßt er den heiligen Mann. "Hinter mir standen das heilige Buch, der alte Sultan und der gelehrte Mustafa."
Alis Freund, der Armenier Nachararjan, schon dreißig und unverheiratet, bietet an, den alten Kipiani zu erweichen und seine Zustimmung durch taktische Manöver zu erhalten, denn wer weiß schon, wie lange so ein Krieg dauern kann? Ständig geht also der Freund bei Ninos Familie ein und aus, macht mit ihnen Ausflüge, erteilt Ratschläge…
Und dann, tatsächlich, die ersehnte Nachricht, Ninos schluchzende Stimme am Telefon: "Der Segen der Eltern mit uns, Amen." Aber erst muß sie das Abitur machen, also noch einige Monate warten bis zur Hochzeit. Ali ist seinem Freund, dem Armenier Nachararjan, unendlich dankbar, er bietet ihm ein Gestüt, gar ein ganzes Dorf oder einen Orangenhain an. Der lehnt bescheiden ab: "Mir genügt das Gefühl, das Schicksal korrigiert zu haben."
Wochen, Monate vergehen, die frisch Verlobten reisen nach Tiflis, Ali lernt die Familie seiner zukünftigen Frau kennen. Wieder zurück in Baku nimmt er war, dass die politische Lage sich dramatisch verschlechtert hat, die Länder des Halbmonds sind in arge Bedrängnis geraten. Man sieht finsteren Zeiten entgegen. Früher wurden "die Fremden ausgeraubt, anstatt, dass sie uns ausraubten."
Und plötzlich: "Nachararjan hat Nino entführt."
Ali, fassungslos, verwirrt, schwingt sich aufs Pferd und nimmt die Verfolgung auf. Obwohl der Schuft mit einem Auto unterwegs ist, gelingt es Ali ihn einzuholen, ein kurzer, heftiger Kampf, ein Messer blitzt auf im Mondlicht…
Aus Furcht vor der Blutrache fliehen Ali und Nino in ein Dorf in den Bergen. Sie heiraten in schlichter Umgebung. Dann erfahren sie von der Abdankung Nikolaus II, von der roten Revolution, die das Zarenreich erschüttert. Wieder in Baku nehmen sie an den Kämpfen gegen die Bolschewisten teil, darauf Flucht nach Persien, zu Verwandten der Schirwanschirs. Ein Eunuch kümmert sich um Nino, die das Haus nur selten verlassen darf, zu streng sind die Sitten der Perser. Die Zeit vergeht, Unruhe erfasst beide, sie entschließen sich zur Rückkehr…

*

Vor siebzig Jahren erschien dieser Roman in einem kleinen österreichischen Verlag, damals, 1937, wohl wenig beachtet. Bald wurde er vergessen und erst Anfang der 70iger wieder neu aufgelegt. Allerdings mit dem Umweg über die USA, dort hatte eine übersetzte Ausgabe einigen Erfolg gebracht. Von nun an erschien der Roman immer wieder - in viele Sprachen übersetzt - und findet bis heute weltweit seine Leserschaft.
Mit leichter Hand geschrieben, mit herrlichen Dialogen, immer ein wenig ironisch erzählt, verführt einen der Text und man lässt sich gerne auf die Geschichte ein. Willig folgt man dem Erzähler in die geheimnisvolle Welt der kaukasischen Kultur und Landschaft, wo auf relativ engem Raum viele verschiedene Völker leider (bis in die Gegenwart) nicht immer friedlich zusammenleben. In teils amüsanter, teils tragischer Form, wird hier die Verstrickung zweier Liebender in ihre Zeitepoche und ihre Bindungen an die eigenen kulturellen Zwänge dargestellt. Wenngleich der Fokus natürlich die beiden Protagonisten des Romans hervorhebt, hat der Autor doch genügend Szenenwechsel eingebaut, die für Abwechslung sorgen. Ebenso sind die anderen Personen treffend gezeichnet. Die stellenweise auftauchenden sachlichen Irritationen werden dem an guter Unterhaltung interessierten Leser wohl kaum auffallen und somit steht einem puren Lesevergnügen nichts im Wege.

(Die Geschichte, wer sich hinter dem Pseudonym Kurban Said verbirgt, ist sicherlich ebenso spannend, wie dieser fesselnde Roman selbst. Hier nur soviel: Der aus Baku stammende Autor Leo Noussimbaum (1905 - 1942), kam Anfang der 20iger Jahre nach Berlin, nannte sich bald Essad Bey und veröffentlichte unter diesem Namen Sachbücher und Biographien. Als er, seiner jüdischen Abstammung wegen, nach Wien ging und seine Bücher in Deutschland nicht mehr verlegt wurden, benutzte er für diesen Roman ein anderes Pseudonym, eben Kurban Said. Dabei behilflich war ihm eine gute Bekannte, vielleicht auch Geliebte, die Baronin Elfriede von Ehrenfels, deren Erbin darauf beharrt, sie sei die alleinige Autorin des Buches.
Mehr im Essay "
Ein Buch und seine Geschichte - Ali und Nino")




Espido Freire, Die Cousine   nach oben

Natalia, ein junges Mädchen an der Schwelle zum Erwachsenwerden, wird von ihrer Mutter aufs Land geschickt. Dort soll sie mit ihrer Cousine Irlanda, deren Bruder Roberto, dessen Freund Gabriel und zwei Freundinnnen, den Sommer verbringen.
Kurz vorher starb die ältere Schwester Natalias nach langer Krankheit. Diese Schwester, Sagrario, ist für Natalia noch gegenwärtig und in Gedanken und in ihrer Phantasie spricht sie mit ihr und hört ihr zu.
Natalia tut sich schwer in der Umgebung ihrer attraktiven, lebendigen und vor allen Dingen herrsüchtig-arroganten Cousine. Nur gelegentlich öffnet sie sich und beteiligt sich an den Gesprächen oder Aktivitäten der anderen.
Sie hat ihr Herbarium mitgenommen und beschäftigt sich lieber damit. Den getrockneten Pflanzen gehört ihre ganze Aufmerksamkeit und Leidenschaft. Auch in dem Sommerhaus, das die Jugendlichen teilweise renovieren, wird Natalia von Alpträumen und Visionen heimgesucht und flüchtet sich gleichzeitig in sie.
Gabriel, der Freund Robertos, nähert sich ihr zögernd und sie beginnt für ihn, der seinen Vater durch Selbstmord verlor, als er sieben war, Interesse zu zeigen. Sie bezieht ihn in ihre Phantasien ein.
Irlanda aber, die dies bemerkt, beginnt selber eine zunächst unbemerkte Beziehung zu ihm. Es kommt allmählich zu kleineren Auseinandersetzungen zwischen den beiden Cousinen und die wenig ältere Irlanda spielt ihre Macht aus und Natalia fügt sich, ist zunächst nicht in der Lage ihr Widerstand entgegen zu setzen. In ihrer Phantasie aber steigert sie sich bis hin zu Mordgelüsten.
Schließlich kommt es zu einem offenen Schlagabtausch, nachdem Natalia durch Zufall die heimlichen nächtlichen Besuche Gabriels bei Irlanda entdeckt. Eine Katastrophe bahnt sich an … und geschieht.

*

Die 1974 geborene Spanierin hat hier ein erstaunliches Debüt vorgelegt. In ihrer Heimat ist die literarische Qualität des Buches in den höchsten Tönen gelobt worden. Ich schließe mich dem an.
Sie hat sich ganz in die angsterfüllte, realitätsferne Gedankenwelt ihrer Protagonistin hinein versetzt und hat mit einfacher, klarer Sprache einen literarischen Roman geschrieben, der sich bis zum bitteren Schluß spannend liest.
Obwohl der größte Teil der Geschichte an ein und demselben Ort spielt und lediglich eine handvoll Personen mitwirken, entgeht sie der Gefahr, sich allzu oft zu wiederholen. Zwar tauchen in Natalias Geistervorstellungen immer wieder bestimmte Ereignisse auf, doch webt sie diese mit Geschick in die reale Handlung ein.
Vor allen Dingen ist es Freires Sprache, die das Lesen so angenehm macht. Immer wieder wartet sie mit überraschenden Formulierungen auf; eher beiläufig bricht sie mitunter den Erzählrhythmus und bedeutet dem Leser: Achtung, da schlummert ein furchtbares Geheimnis. Alles wird aus Natalias Sicht erzählt. Sie will vergessen und gerät doch immer tiefer in den Sog ihrer selbst geschaffenen Alpträume, in die sie sich vor der grausamen Wahrheit hinein flüchtet.
Der Roman wirkt zeitlos, nur als auf Seite 33 ein Computer erwähnt wird, kommt einem das ein wenig unpassend vor. Die Geschichte könnte ebenso gut vor sechzig oder mehr Jahren spielen. Die Handlungsweise der jungen Leute und die landschaftlichen Beschreibungen wirken manchmal so, als seien sie einem Roman des 19. Jahrhunderts abgeguckt.
Die Cousine zeichnet das Psychodrama einer Verzweifelten und Alleingelassenen auf. Es ist ein starkes Erstlingswerk geworden. Empfehlenswert.



Orhan Pamuk, Rot ist mein Name   nach oben

Zeit: 1591. Ort: Istanbul. Unter den Buchillustratoren herrscht Aufregung. Einer der ihren, genannt Fein Efendi, ist auf schändliche Weise ums Leben gekommen. In der Tiefe eines Brunnens hat man seine Leiche gefunden. Es gibt keinen Zweifel: Er ist ermordet worden.
Daß es sich tatsächlich nicht um einen Unfall handelt, erfahren wir bereits im 1. Kapitel vom Toten selber. Wir erfahren jedoch nicht, wer der Mörder ist und was sein Motiv für die Tat war. Die Hintergründe dafür werden in den folgenden 58 Kapiteln vor unserem Auge ausgebreitet. Wir erfahren vom Geheimnis um ein Buch, das der Padischah Murad III in Auftrag gegeben hat und das dem Dogen von Venedig als Geschenk überreicht werden soll.
Wir erleben die Liebesgeschichte zwischen Kara und der Tochter seines Oheims Seküre, eine Liebe, die bereits zwölf Jahre früher von Kara Besitz ergriffen hatte. Damals aber verweigerte der Oheim seine Zustimmung zu einer Heirat und gab sie stattdessen einem anderen. Nun ist sie Mutter zweier kleiner Söhne, ihr Mann jedoch ist nach einem Kriegszug gegen die Perser nicht zurückgekehrt. Vier Jahre ist er bereits weg. Nun lebt Seküre mit den Kindern wieder im Haus ihres Vaters, nachdem sie die Annäherungen ihres Schwagers nicht länger ertragen hatte.
Als Kara wieder in ihrem Leben auftaucht, beginnt ein zunächst heimliches Spiel der Annäherung, das Kara am liebsten mit einer Heirat beenden möchte. Zur gleichen Zeit beauftragt ihn der Oheim, sich unter den Buchmalern umzuhorchen, denn es wird vermutet, daß der Mörder unter ihnen zu suchen ist.

Die Buchmalerei ist ein wesentlicher Bestandteil der Geschichte und so werden wir in die Kunst der osmanischen und persischen Miniaturmalerei eingeführt und erfahren von den ketzerischen Neuerungen, die von Venedig bis an den Bosporus gelangt sind. Noch wehren sich die islamischen Künstler dagegen, diese so ganz andere Malerei anzunehmen. Portraits, Perspektive, Signaturen, eigener Stil, gar realistische Malerei - alles Elemente, die für muslimische Maler gegen Religion und Tradition verstoßen. Und dann geschieht ein weiterer Mord. Kara selbst gerät in Verdacht, bekommt jedoch eine Chance und soll, zusammen mit dem Altmeister Osman, den Täter innerhalb von drei Tagen zur Strecke bringen. Gelingt ihnen das nicht, werden sie selbst zur Folter gebeten…

Ich stelle diesen Roman ohne wenn und aber neben Umberto Ecos "Der Name der Rose". Wem dieses Buch gefallen hat, der wird auch Pamuks osmanischen Krimi im Künstlermilieu mögen. Der Nobelpreisträger 2006 bietet uns aber mehr, als ein historischer Krimi üblicherweise hergibt. Es gelingt ihm z. B. uns die rechtlose Stellung einer Frau jener Zeit und ihre totale Abhängigkeit vom Vater, Ehemann oder anderen Männern deutlich zu machen. Ihm gelingt es, das Eindringen der neuen Sehweise anschaulich zu machen, und er vermittelt überzeugend wie schwierig und schmerzhaft es ist, mit über Jahrhunderten geltenden Traditionen zu brechen.

Der Einblick in die uns bisher verschlossene Welt der osmanischen Buchillustratoren, ihre Eitelkeiten und Ängste, die Geschichte ihrer im Alter blind gewordenen Meister, all das wird uns auf hohem schriftstellerischem Niveau geboten. Pamuk schreibt einen flüssigen, manchmal auch weit ausgreifenden Stil. In 59 Kapiteln schildert er, aus jeweils wechselnder Personen-Perspektive (sogar Tote und der bis zum spannenden Finale namenlos bleibende Mörder sprechen zu uns), was der Anlaß des Verbrechens war und welche mühevollen Schritte und Überlegungen zur Aufklärung führen. Darüber hinaus kann ein aufmerksamer Leser so manche Parallelen zu unserer Zeit entdecken.

Fazit: Ein unterhaltsamer, dramatischer, spannender, sprachmächtiger und lehrreicher Schmöker mit aufklärerischen Ambitionen.




Karl-Heinz Ohlig (Hg.) Der frühe Islam   nach oben
Eine historisch-kritische Rekonstruktion anhand zeitgenössischer Quellen
Verlag Hans Schiler, 2007

Sprengstoff oder Fehlzündung?
Es gibt Bücher, die kommen ganz harmlos daher. Niemand, der unvoreingenommen das vorliegende Buch zur Hand nimmt, käme auf die Idee, es hier mit purem Sprengstoff zu tun zu haben. Wie? Sie meinen, ich übertreibe? Nun, in diesen Zeiten, in denen wir so oft von islamistischen Fundamentalisten hören müssen, die nicht davor zurückschrecken ihre Ziele mit menschenverachtender Gewalt zu erreichen, ist es da nicht legitim, wenn Angehörige der westlichen Zivilisation nun ihrerseits, gewissermaßen mit intellektuellem Sprengstoff, zurückschießen? Ich unterstelle dem Herausgeber Karl-Heinz Ohlig und den anderen Autoren dieses Buches in keinster Weise, dass sie sich mit dieser Absicht ans Werk gemacht haben. Aber der Eindruck, es hier mit einer anderen Art von Kriegsführung gegen den Islam zu tun zu haben, kam mir bei der (äußerst schwierigen) Lektüre des Werkes mehr und mehr in den Sinn.
Worum geht es? Es gibt in der Koranforschung, wie auch in der Erforschung der Frühzeit des Islam, eine beträchtliche Anzahl von ungeklärten sprachlichen und historischen Problemen. Wohlgemerkt, ungeklärt für offene und hauptsächlich westliche Islamwissenschaftler; für den religiösen Muslim ist alles klar und eindeutig: Mohammad, der Prophet des Islam, erhielt von Gott eine Offenbarung, die im Koran niedergeschrieben und für alle Zeiten gültig ist. Nach dem Tod des Propheten zogen die arabischen Stämme, bereits unter Mohammad größtenteils vereint, in die Welt hinaus und eroberten sie. Besonders die ersten vier Kalifen, die in der Nachfolge Mohammads die Führung übernommen hatten, konnten im 7. Jh. das grüne Banner des Islam erfolgreich im vorderen Orient hissen und somit den Machtbereich der arabischen Herschafft erheblich erweitern.

Doch bereits für die ersten Koranexperten und islamischen Historiker des 9. Jh. gab es Schwierigkeiten bei der Definition bestimmter koranischer Begriffe. So manches Wort konnte nun schon nicht mehr eindeutig erklärt werden und so mussten Vermutungen und vage Deutungen herhalten. Als die westliche Islamwissenschaft sich im 19. Jahrhundert etablierte, begann man die arabischen Quellen zu sammeln, zu übersetzen und zu erforschen. Dabei stützte man sich hauptsächlich auf das, was die frühen, überwiegend arabischen, Historiker zu Papier gebracht hatten. In gewisser Weise übernahm man dabei auch deren Ansichten und die von ihnen gemachten Angaben über die Personen und Ereignisse jener Frühzeit. Allerdings stammen diese Quellen zumeist erst aus dem 9. Jh. oder sogar später, als die Ereignisse um Mohammad bereits knapp zweihundert Jahre vergangen waren. Bisher hat die Islamwissenschaft sich mit diesen Quellen mehr oder weniger zufrieden gegeben und sie kaum in Frage gestellt.

Dies allerdings tun die Autoren im vorliegenden Buch (und wie bereits in einigen vorausgegangenen Bänden, alle im Hans Schiler Verlag erschienen).
Nun erfahren wir, dass es sich ganz anders zugetragen haben soll. Wir werden mit der Aussage konfrontiert, dass es einen Propheten Mohammad überhaupt nicht gegeben hat, ebenso die ersten, in der Tradition rechtgeleiteten genannten, vier Kalifen, Abu Bakr, Omar, Osman und Ali. Der Koran sei über zwei Jahrhunderte hinweg allmählich entstanden und am Anfang dieser Schrift hätten christlich orientierte Autoren gestanden. Überhaupt habe sich diese neue religiöse Bewegung nicht in und um Mekka entwickelt, sondern auf dem Gebiet des ehemaligen persischen Reiches der Sasaniden. Dort habe es nach langen Kriegen mit dem benachbarten Byzanz und der Niederlage der Perser im ersten Viertel des 7. Jh. ein politisches Vakuum gegeben, das sich christliche Araber zu Nutze gemacht hätten. Ein Beispiel das es sich um Christen gehandelt habe, sei die Errichtung des Felsendoms in Jerusalem Ende des 7. Jh. durch den Kalifen Abd el-Malek. Die Inschrift, die sich um den Dom herum an der Außenwand befindet, nennt hauptsächlich Jesus und Maria. Die Erwähnung von Mohammad im Text habe nichts mit einer Person gleichen Namens zu tun, sondern sei nach des Wortes Bedeutung zu erklären: der Erwählte. Das Wort MHMT wurde bereits in einer ugaritischen Inschrift gefunden, wo es erwählt bedeutet Und das sei dann später eine Bezeichnung arabischer Christen für Jesus gewesen! Für die Existenz einer Person Mohammad, die als Prophet in Mekka gelebt habe, gebe es keinerlei Beweise, spätere arabische Autoren hätten nach und nach eine Legende um die nun als Person aufgefasste Figur entwickelt.

Als Beweis für diese Theorie werden z. B. Münzen des 7. und 8. Jh. herangezogen. Weder von Mohammad noch von den ersten vier Kalifen hat man bis heute Münzen gefunden. Die ersten islamischen Münzen stammen aus dem mesopotamisch/persischen Raum und auf ihnen finde man Kreuze und Köpfe, die sogar noch das persische Vorbild zieren. Außerislamische Quellen aus jener Zeit sprächen zwar von Kriegszügen arabischer Stämme, jedoch nicht von einer neuen Religion namens Islam. Zudem sei es schwer vorstellbar, dass eine rein zahlenmäßig kleine Gruppe arabischer Beduinenvölker so ohne weiteres von Eroberung zu Eroberung geeilt sei.

Die Autoren, neben dem Herausgeber Karl-Heinz Ohlig sind dies Volker Popp, Markus Groß und Christoph Luxenberg, versuchen sehr detailreich eine Fülle von Material zur Untermauerung dieser These zu liefern. Der lediglich interessierte Leser wird hier allerdings oft überfordert, um all die vielen Belege und Beispiele selber interpretieren, bzw. abschätzen zu können, ob da etwas dran ist oder nicht. Vor allen Dingen die Beiträge von Volker Popp und Markus Groß, die allein über 400 der insgesamt 666 Seiten ausmachen, stellen an den (nicht wissenschaftlich vorgebildeten) Leser hohe Anforderungen, zumal die Gedankensprünge der Autoren nicht immer schlüssig sind. Die Autoren wenden sich denn auch wohl vorwiegend an die Kollegen der Islamwissenschaft, denen vorgeworfen wird, in den letzten Jahrzehnten überwiegend kritiklos die arabischen Urquellen lediglich ausgewertet aber nicht kritisch erforscht zu haben. Sie fordern für den Koran, ähnlich wie in der christlichen Religion die kritisch-historische Bibelforschung, eine Sammlung aller Koranhandschriften zu erstellen, um so eine bessere und umfassendere Koranforschung betreiben zu können. Christoph Luxenberg (ein unter Pseudonym schreibender Sprachwissenschaftler) hat hier mit seinen neuen Übersetzungen und der sie stützenden These, dass es sich bei der Sprache des Korans um eine syrisch-aramäisch-arabische Mischsprache handelt, bereits erste Schritte in Richtung einer Neudeutung unklarer Stellen unternommen.

Ein gewagtes, ein mutiges Buch. Es ist eine Art erster Wurf, der sicherlich mit einigen Behauptungen übertreibt. Auch der Versuch einer Erklärung, wie es schließlich zu der uns bekannten Form des Islam gekommen ist, bleibt eher vage und überwiegend spekulativ. Anstatt unwiderlegbarer Beweise werden lediglich Indizien vorgetragen. Man wird sehen, ob das ganze sich in Schall und Rauch auflöst (weil die These sich nicht halten lässt), oder der Beginn einer aufregenden Entwicklung ist. Der etwas angestaubten (deutschen) Islamwissenschaft tut ein bisschen Aufregung sicherlich gut. Was Muslime dazu sagen, steht auf einem anderen Blatt.



HEINE LESEN!   nach oben

Heinrich Heine lesen ist eine nicht endenwollende Wonne (betr. die Werkausgabe in vier Bänden,Winkler, 1978). Seine journalistischen Texte sind auch heute noch, mehr als 150 Jahre nach ihrer Entstehung, lesenswert, sein mitunter bissiger Humor und sein ätzender Zynismus wirken frisch wie am ersten Tag. Heine war ein belesener Mensch und das teilt er seinem Leser mit, er läßt ihn teilhaben an seinem enormen Wissen und an seiner kritischen Beobachtungsgabe. Wer sich auf diese Texte einläßt, die so leicht wie Federflug daherkommen, wird reich beschenkt. Man lese z. B. nur seine Berichte aus der französischen Hauptstadt über die dortige Musikszene. Vielleicht ist man nicht immer einverstanden mit seiner Auffassung, etwa zu Berlioz, und die erwähnten Sängerinnen und Sänger bleiben für uns bloße Namen, aber die Art seiner Darstellung lassen vor einem verständigen Ohr das Wispern und Intrigieren der damaligen Schickeria hörbar werden, die er mit treffenden Strichen zeichnet. Natürlich, es ist reinster Feuilletonismus - aber auf welchem Niveau. Und er gab uns ein paar schöne Aphorismen: Weise erdenken die neuen Gedanken und Narren verbreiten sie (Seite 709, Bd. IV). Und wie prophetisch:
Ich sah einen Wolf, der leckte an einem gelben Stern, bis seine Zunge blutete (Seite 727).
Und ein weiser Ostpolitiker war er auch: Wir sollen uns auf Rußland stützen - auf den Stock womit wir einst geprügelt werden (Seite 719).
Kirchenkritisches: Es sind in Deutschland die Theologen die dem lieben Gott ein Ende machen (Seite 726).
Wohl nicht nur die Deutschen, aber so schlimm ist das ja auch nicht, eine Welt ohne Gott; kann wohl kaum schlimmer sein, als eine mit ihm. Schön auch:
Wir haben das körperliche Indien gesucht und haben Amerika gefunden; wir suchen jetzt das geistige Indien - was werden wir finden? (Seite 697).

Heines ambivalentes Verhalten zu Goethe: Er war nie gegen den Dichter Goethe, sonder nur gegen die Person eingestellt. "Die Goetheschen Dichtungen bringen nicht die Tat hervor, wie die Schillerschen . Die Tat ist das Kind des Wortes, und die Goetheschen schönen Worte sind kinderlos. Das ist der Fluch alles dessen, was bloß durch die Kunst entstanden ist." Und: "Die Goetheschen Meisterwerke zieren unser teueres Vaterland, wie schöne Statuen einen Garten zieren, aber es sind Statuen." Und dann sagt er an anderer Stelle: "Ich habe nie seine Werke getadelt."
Obwohl Heine den Vergleich, wer denn nun der bessere, größere Autor sei, Goethe oder Schiller (eine Diskussion, die nach der von Goethe veranlaßten Veröffentlichung des Briefwechsels zwischen beiden ausbrach), ablehnt, vergleicht er dennoch beider Arbeiten und sieht in Goethe den größeren.
"Nichts ist törichter als die Geringschätzung Goethes zugunsten Schillers…wußte man wirklich nicht, daß jene hochgerühmten hochidealistischen Gestalten, jene Altarbilder der Tugend und Sittlichkeit, die Schiller aufgestellt, weit leichter zu verfertigen waren als jene sündhaften, kleinweltlichen, befleckten Wesen, die uns Goethe in seinen Werken erblicken läßt? Wissen sie denn nicht, daß mittelmäßige Maler meistens lebensgroße Heiligenbilder auf die Leinwand pinseln, daß aber schon ein großer Meister dazu gehört, um etwa einen spanischen Betteljungen, der sich laust, einen niederländischen Bauern, welcher kotzt, oder dem ein Zahn ausgezogen wird, und häßliche alte Weiber, wie wir sie auf kleinen holländischen Kabinettbildchen sehen, lebenswahr und technisch vollendet zu malen?" (Seite 297, Bd. 3).

Heine bricht dann geradezu in (berechtigte) Lobeshymnen über Goethes ‚Faust' und über das Buch ‚Westöstlicher Divan' aus, dessen Bedeutung er früher als andere erkannt hatte. Seine Bemerkungen hierzu gehören zu den hellsichtigsten und schönsten, eine bessere Kurzrezension hat es wohl nie mehr gegeben! Er hatte sich aber auch an anderer Stelle über die orientalische Phase in der deutschen Literatur lustig gemacht und Dichter, die dieser Mode huldigten, nicht ganz zu unrecht, verspottet.
Es scheint so etwas wie Wehmut mitzuschwingen, wenn er über seine, offensichtlich kurze Begegnung mit dem Meister am 2.10.1824 in Weimar sarkastisch berichtet: "Ich war nahe dran ihn griechisch anzureden" [Da ihn sein äußeres an griechische Götter erinnert]: "da ich aber merkte, daß er deutsch verstand, so erzählte ich ihm auf deutsch: daß die Pflaumen auf dem Wege zwischen Jena und Weimar sehr gut schmeckten…Und Goethe lächelte" (Seite 304 ebenda). Tja, Heinrich, da hättste aber mehr draus machen können. Bei Eckermann findet sich über diese Begegnung nichts.
Empfehlung für immer: Heine lesen!



Robert Charles Wilson, SPIN (Heyne, 2006)   nach oben

Eines Nachts, in nicht allzu ferner Zukunft, beobachten Tyler und die beiden Nachbarskinder Diane und Jason, das plötzlich die Sterne und der Mond verschwunden sind. Die Furcht, dass am nächsten Tag auch die Sonne nicht mehr aufgehen wird, bleibt jedoch unbegründet. Allerdings stellt sich heraus, dass es sich um ein künstliches Gebilde handelt, denn um die Erde hat sich ein SPIN genanntes Netz gelegt. Die Verursacher dieses Phänomens werden die Hypothetischen genannt und über deren Existenz und Absichten wird in den folgenden Jahrzehnten geforscht.
Jason ist einer der intelligenten Köpfe, der das geheimnisvolle SPIN entschlüsseln will und durch seinen einflussreichen Vater in wichtige Positionen gebracht wird. Seinen Freund Tyler, der Mediziner geworden ist, kann er für sein Projekt interessieren. Tyler ist auch in Jasons Nähe, als sich bei dem Zeichen einer schweren Krankheit bemerkbar machen. Da man festgestellt hat, dass sich die Zeit außerhalb des SPIN's rasant vorwärtsbewegt und so die Sonne ihr Stadium der Aufblähung zum roten Riesen in Kürze erreichen wird, was wiederum die Zerstörung der Erde zur Folge haben wird, ist von wissenschaftlicher Seite das Projekt einer Marsbesiedlung entwickelt worden. Im Zeitraffermodus wird das Geschehen auf dem Mars beobachtet und schließlich, nach Millionen von Jahren auf dem Mars, wo sich eine intelligente menschenähnliche Rasse herausgebildet hat, macht sich eine Expedition vom Roten Planeten auf den Weg zur Erde. Inzwischen hat sich nämlich auch dort ein SPIN um den Planeten gelegt.

Nur einer der Marsianer überlebt die Reise und wird in der Anlage von Jasons Projekt von der Außenwelt abgeschirmt. Durch ihn bekommt man Informationen über die Lebensformen auf dem Nachbarplaneten. Streitigkeiten innerhalb der Interessensgruppen des Projektes führen zu schweren Spannungen. Zum weltweiten Chaos kommt es, als der SPIN vorübergehend erschwindet und eine tod- und verwüstungbringende Katastrophe auslöst. Der inzwischen schwerkranke Jason wird bis zu seinem Tod von Tyler gepflegt, der aber in der Folgezeit selber um sein Leben fürchten muß und ständig auf der Flucht ist.
Mit Diane, zu der er immer wieder in all den Jahren Kontakt gehalten hatte, gelangt er nach einem abenteuerlichen und riskantem Fluchtmanöver, das sie nach Ostasien verschlägt, schließlich in ein neues Gebiet, das offenbar dadurch entstanden ist, das die Hypothetischen einen Trennungsbogen auf die Erde gebracht haben. Zwar kann man nun den veränderten Sternenhimmel wieder sehen, der SPIN existiert in abgeschwächter Form weiterhin, was die Strahlen der zum roten Riesen angewachsenen Sonne abmildert. Bevor Jason starb, hat er seine Sicht der SPIN-Geschichte und wer dahintersteckt, seinem Freund Tyler mitgeteilt.

Eine positive FAZ-Rezension hat den Autor zur Lektüre dieses SF-Romans veranlasst. In der Kritik wurde das gelungene Entwerfen einer zukünftigen Welt gewürdigt. Die reine SF-Idee, der SPIN, ist sicherlich eine reizvolle Idee und die mit allerlei wissenschaftlichem Schnickschnack behaupteten irdischen Maßnahmen können wahrscheinlich SF-geschulte Leser den nötigen Zukunftskick verschaffen. Nachteilig für so ein voluminöses Werk, immerhin 555 Seiten im Paperbackformat, ist jedoch, dass sich an den irdischen menschlich-charakteristischen Beziehungen auch in einer zukünftigen Welt nichts geändert zu haben scheint. Hier gibt es nach wie vor Intrigen, Liebesleid, Fanatismus, Vater-Sohn-Konflikte - schlicht gesagt: das Gute bekämpft das Böse und umgekehrt.

Und hier liegen denn auch die vermeidbaren Längen in Wilsons Epos, die ein mutiger Lektor hätte verhindern können. Da das nicht geschehen ist, haben wir es mit einem nur mäßig spannenden Roman zu tun, zumal die Charaktere der Hauptpersonen etwas dürftig gezeichnet sind. Der supergeniale Jason ist ein roboterähnlicher Mensch, ohne jedwede sexuelle Beziehung, der allein in und durch seine Forschung zu leben scheint und dadurch offenbar zur Befriedigung kommt. Tyler, der Erzähler, fühlt sich zu Diane hingezogen, schafft es aber nicht eine feste Beziehung zu ihr aufzubauen. Dieses Konstrukt zieht sich durch den Text, wirkt aber nach mehr als zwanzig Jahren nicht recht glaubwürdig und die Geschichte Dianes und ihre Verstrickung in eine Weltuntergangssekte, die sie nur schwerkrank mit Tylers Hilfe verlassen kann ist ein zweiter Strang des Romans und soll wohl die gefühlsbetonte Seite zum Ausdruck bringen. Die Behauptung, ihr Werdegang sei auch eine Auswirkung des SPINS's ist nicht wirklich überzeugend und im Grunde genommen eine andere Geschichte.
Letztendlich ist auch die Erklärung, dass es sich bei den Hypothetischen um ein Netzwerk sich selbst entwickelnder Maschinen handelt, das das Universum beherrscht und für den SPIN verantwortlich ist, eine eher schwache Lösung.

Fazit: ein lesbarer, aber durch zu wenig Spannung und in vielen Sequenzen zu oft vorhersehbarer mittelmäßiger Science-Fiction Roman, der um etliches zu lang geraten ist.
Im Bücherregal gestöbert:

Reinhard Lettau, Schwierigkeiten beim Häuserbauen
(1965, dtv)   nach oben

Das Bändchen enthält 21 Texte, jeweils 3 -5 Seiten lang. Es sind skurrile Geschichten, die an Robert Walser, an Jean-Paul und Kafka erinnern. Lettaus Personal besteht aus weltfremden Männern - Frauen tauchen kaum in seinen Geschichten auf - die sich mit ausgefallenen Dingen beschäftigen oder denen seltsames geschieht. Das ganze wird in einem knappen, gleichwohl präzisen Stil und einer teilweise verballhornten Bürokratensprache mitgeteilt. Alle Geschichten sind ironisch angelegt, immer schwingt ein spöttischer Unterton mit. Es sind keine aus dem Leben gegriffenen Begebenheiten; dramatische Ereignisse wie Liebe und Tod, ewiges Hauptthema der Literatur und Kunst überhaupt, sind Lettaus Sache nicht.

Die ausgefallenen Themen sind konstruierte Kopfgeburten, zu denen der Zugang mitunter durch die auf Dauer etwas trockene Sprache erschwert wird. Obwohl meist in den 50er und Anfang der 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts entstanden, vermitteln die Texte den Eindruck, als würden sie aus viel weiter zurückliegenden Zeiten stammen; es gibt Kaiser und Könige, ein Präsident hält einen Marschallstab in der Hand; altertümliche Sprachwendungen fallen deutlich auf, die Moderne wird kaum dargestellt.

Seine Personen, die meist nur ganz knapp, manchmal nur durch einen Namen skizziert werden, bewegen sich in einer surrealistischen Umgebung bzw. sind selber Verursacher oder Opfer surrealistischer Handlungen. Da entsteht in "Die Größe des Reiches" durch eine von Regierungsseite in Auftrag gegebene und notwendig gewordene Zählung aller Städte ein bis zum Chaos anwachsendes Tohuwabohu. Ganze Heerscharen von Zählern ziehen durch das Reich und werden selber in neu errichteten Siedlungen untergebracht.

In "Das Neue ist unbekannt" preist ein Ich-Erzähler eine Maschine an - einen Glaswürfel in dem es schneit. Er sitzt selber in diesem Behälter und betrachtet von außen die Verwirrtheit der Leute. Und: "Sie erwarten, daß man das schlechthin Neue ihnen erkläre. Sie verstehen also unter dem Neuen lediglich eine noch nicht bedachte Variation des Alten…"
In "Wettlauf" beobachtet ein Herr Faber einen Mann, der vor seinem Fenster steht und jede Bewegung des im Haus befindlichen Erzählers mitmacht. Faber rennt in dem anscheinend geräumigen Haus hin und her, doch der andere ist ihm immer schon voraus, manchmal nur noch am Zipfel seines Mantels zu erkennen. Der Held steigert sich in eine regelrechte Psychose hinein. In "Mißglückte Landnahme" verhindern schließlich die ‚guten' Ratgeber des Herrn Nehrkorn dessen Ruf zum Professor, da sie in einfältiger Bauernschläue und unmäßiger Gier immer größere und verrücktere Forderungen an die Universität stellen. Diesem Treiben sieht Herr Nehrkorn wie ohnmächtig zu und ist, wie viele der Lettauschen Hauptdarsteller, von beinahe unbeweglicher Passivität.

In "Herr Stumpf erliegt einem Trugschluß" besucht ein Feuerwehrmann ein Schloß aus der Barockzeit, findet Gefallen an dem Gebäude und der ganzen Anlage und besucht es immer wieder. Allmählich kennt er jeden Fleck, jeden Gegenstand in den Zimmern und gibt schon bald den Touristen Auskunft darüber. Am Ende scheint er sich selber für den Schloßherrn zu halten. Das Motiv der Steigerungen vom scheinbar harmlosen Ausgangspunkt bis hin zur Katastrophe hat mitunter etwas gewollt Konstruiertes an sich und nicht in allen Erzählungen überzeugt die Ausführung einer Idee, so in der letzten Story "Kampfpause", wo Soldaten auf einer Insel festsitzend das Ende des Krieges erst nicht mitbekommen, dann offenbar nicht wahrhaben wollen oder können. Man könnte alle Texte als Parabeln deuten, als Fabeln interpretieren, ihnen märchenhaften Charakter unterschieben. Über wohl jede einzelne ließe sich trefflich philosophieren - allein, es fehlt ihnen allen an Lebendigkeit. Es ist eine Zombiewelt und deren Bewohner sind seelenlose Gestalten, von denen man sich so schnell wie möglich verabschieden will. Diese Wesen zeigen keine Gefühlsregungen; sie lachen nicht, sie weinen nicht, ihre sinnlosen Handlungen, die ihre Existenz bestimmen, rühren den Leser nicht. War das Lettaus Absicht uns derart den Spiegel vorzuhalten? Wollte er den Menschen als zielloses Etwas darstellen, dem das Herumirren im Hamsterrad wie eine großartige Handlung vorkommt? Es sind kleine, harmlose, böse Geschichten -"schwerelos, heiter und charmant" - wie es im Verlagstext heißt. Ein Schelm, der diese Formulierung zu Papier brachte.

Reinhard Lettau hat nur ein schmales Werk hinterlassen. 1929 in Erfurt geboren, 1996 in Karlsruhe gestorben, zog Mitte der 50er in die USA, Studium in Heidelberg und an der Harvard Universität in Deutsch, Literatur und Philosophie, war Mitglied der Gruppe 47 und 1967/68 Mitagierender bei den Studentenbewegungen in Berlin, griff scharf die Springer-Presse an, was zu seiner Ausweisung führte, da er amerikanischer Staatsbürger war. "Schwierigkeiten beim Häuserbauen" (1962) war seine erste Veröffentlichung, im Nachfolgeband "Auftritt Manigs" (1963) sind die Prosatexte höchstens eine Seite lang. Nach weiteren Publikationen - auch essayistischer Art - legte er 1994 noch einmal einen schmalen Roman "Flucht vor Gästen" (gerade mal etwas über 90 Seiten) vor. Auch hier bleibt er seinem Stil treu und ergeht sich in fünf Episoden mit sensiblem Blick und immer noch jener altertümlichen Sprache verhaftet über die Sinn-, Ziel- und Hoffnungslosigkeit menschlichen Daseins. (Der Roman war im Neuzustand für 0,39 Cent bei amazon zu bekommen, plus 3 € Porto). In Kindlers Literaturgeschichte und Melzers Deutscher Literaturgeschichte gibt es keinen Eintrag über ihn. Anhand seines knappen Werkes wird er vielleicht als Gelegenheitsschriftsteller geführt? Und bei Gelegenheit sollte man ruhig mal seine Texte lesen, trotz der oben genannten Einwände.


Salman Rushdie, Shalimar der Narr   nach oben
Rowohlt, 2006   In Kaschmir geht es seit etlichen Jahren grausam zu, einerseits verüben die indische Regierung, andererseits Terroristen aller Art Grausamkeiten, wobei die Leidtragenden, wie üblich, meistens die Zivilbevölkerung ist. In seinem Roman bietet Rushdie, anhand der Geschichte zweier Dörfer und deren Bewohner, ein Panorama, das die Geschichte der letzten vierzig, fünfzig Jahre umreißt. Es ist eine Geschichte, in deren Zentrum Mord und Totschlag stehen, mal aus politischen, mal aus persönlichen Gründen. Nachdem Shalimar, einem Gaukler und Hochseilartisten, die Ehefrau, die Tänzerin Boonyi, mit dem amerikanischen Botschafter Max Ophuls durchgebrannt ist und von ihm eine Tochter, India (von der Mutter allerdings Kaschmiria genannt), zur Welt bringt, wird er vor Haß und Rache in verschiedene Untergrundgruppen getrieben und ein gefürchteter Killer und Bombenleger. Daß seine Frau eine Tochter geboren hat, weiß er allerdings nicht. Dieses Mädchen wird auf Drängen der Ehefrau von Ophuls adoptiert und wächst in England und den USA auf. Boonyi geht nach dem Ende der Liebesbeziehung zurück in ihr Dorf, wo man sie inzwischen für tot erklärt hat. Sie muß abseits in einem verfallenen Tempel im Wald bis zu ihrer Ermordung durch Shalimar, er schneidet ihr den Kopf ab, in Zurückgezogenheit leben. Shalimar wird in die USA kommen und sich bei Ophuls als Fahrer andienen und ihn eines Tages mit dem Messer töten. Nach kurzer Zeit wird er verhaftet und zum Tode verurteilt. Bei einem Ausbruch gelingt ihm die Flucht, er dringt in das Haus von India, die sich nun Kaschmiria nennt, ein und - das wird nicht mehr geschildert - wird von ihr getötet. Kaschmiria ist unterdessen in die Heimat ihrer Mutter gereist und erfährt von einem alten Ehepaar, das die zahlreichen Massaker überlebt hat, die Geschichte Boonyis und ihres Mannes, den man Shalimar, den Clown nennt.

Das ist der grob gezeichnete Handlungsstrang des 535 Seiten starken Romans.
Um die Geschichte zu erzählen bemüht Rushdie ein Heer von erfundenen und realen Personen. Sie steigen auf wie Luftblasen und platzen ebenso schnell, nach einem, zwei Absätzen, nach einer oder zwei Seiten, bis auf die Hauptpersonen natürlich.
Rushdie greift tief in die historische Kiste, erzählt die bedauernswerte Geschichte dieser nordindischen Region aber auch, im Falle von Max Ophuls, dessen Aktivitäten während der Zeit der Resistance, des französischen Widerstands gegen die deutsche Besatzung. Auch hier zieht er wie ein Zauberkünstler Namen über Namen aus dem Hut und so verliert sich so mancher Erzählstrang und man bekommt den Eindruck, als habe sich Rushdie bei der Bearbeitung seines Zettelkastens überfordert. Mich hat das schlicht über weite Teile des Romans ermüdet. Wenn ich ein Sachbuch über Kaschmir lesen möchte, dann kaufe ich mir eins und greife nicht auf einen Roman zurück, zumindest würde ich nun diesen hier nicht empfehlen können.

Bleibt die Liebesgeschichte. Der Roman trägt den Namen einer sich zum Killer entwickelnden Person, an ihr ist nichts dran, das mich als Leser für ihn eingenommen hätte. Erst nach 300 Seiten erfahren wir mehr über seinen Werdegang, davor bekommen Boonyi und die Menschen der beiden Dörfer Pachigam und Shirmal reichlich Raum und auch hier verliert sich Rushdie oft in banalen Anekdoten und Geschichtchen, die man, nach dem man sie gelesen hat, auch schon wieder vergißt. Die Frauenfiguren sind zwar stark gezeichnet, können mich jedoch in ihrer Handlungsweise nicht so recht überzeugen. Es gibt Stellen in dem Buch, die sind spannend geschrieben und zum Ende hin glaubt man sich in einen Grisham-Roman versetzt.

Rushdie hat einen großen Stoff aufgegriffen und seinen Fähigkeiten gemäß daraus einen Roman gemacht, der mich allerdings nur bedingt zufrieden gestellt hat. Shalimar enthält große Literatur, ein großer Roman ist es nicht geworden.