Orhan Pamuk, Rot ist mein Name nach oben
Zeit: 1591. Ort: Istanbul. Unter den Buchillustratoren herrscht Aufregung. Einer der ihren, genannt Fein Efendi, ist auf schändliche Weise ums Leben gekommen. In der Tiefe eines Brunnens hat man seine Leiche gefunden. Es gibt keinen Zweifel: Er ist ermordet worden.
Daß es sich tatsächlich nicht um einen Unfall handelt, erfahren wir bereits im 1. Kapitel vom Toten selber. Wir erfahren jedoch nicht, wer der Mörder ist und was sein Motiv für die Tat war. Die Hintergründe dafür werden in den folgenden 58 Kapiteln vor unserem Auge ausgebreitet.
Wir erfahren vom Geheimnis um ein Buch, das der Padischah Murad III in Auftrag gegeben hat und das dem Dogen von Venedig als Geschenk überreicht werden soll.
Wir erleben die Liebesgeschichte zwischen Kara und der Tochter seines Oheims Seküre, eine Liebe, die bereits zwölf Jahre früher von Kara Besitz ergriffen hatte. Damals aber verweigerte der Oheim seine Zustimmung zu einer Heirat und gab sie stattdessen einem anderen. Nun ist sie Mutter zweier kleiner Söhne, ihr Mann jedoch ist nach einem Kriegszug gegen die Perser nicht zurückgekehrt. Vier Jahre ist er bereits weg. Nun lebt Seküre mit den Kindern wieder im Haus ihres Vaters, nachdem sie die Annäherungen ihres Schwagers nicht länger ertragen hatte.
Als Kara wieder in ihrem Leben auftaucht, beginnt ein zunächst heimliches Spiel der Annäherung, das Kara am liebsten mit einer Heirat beenden möchte. Zur gleichen Zeit beauftragt ihn der Oheim, sich unter den Buchmalern umzuhorchen, denn es wird vermutet, daß der Mörder unter ihnen zu suchen ist.
Die Buchmalerei ist ein wesentlicher Bestandteil der Geschichte und so werden wir in die Kunst der osmanischen und persischen Miniaturmalerei eingeführt und erfahren von den ketzerischen Neuerungen, die von Venedig bis an den Bosporus gelangt sind. Noch wehren sich die islamischen Künstler dagegen, diese so ganz andere Malerei anzunehmen. Portraits, Perspektive, Signaturen, eigener Stil, gar realistische Malerei - alles Elemente, die für muslimische Maler gegen Religion und Tradition verstoßen.
Und dann geschieht ein weiterer Mord. Kara selbst gerät in Verdacht, bekommt jedoch eine Chance und soll, zusammen mit dem Altmeister Osman, den Täter innerhalb von drei Tagen zur Strecke bringen. Gelingt ihnen das nicht, werden sie selbst zur Folter gebeten…
Ich stelle diesen Roman ohne wenn und aber neben Umberto Ecos "Der Name der Rose". Wem dieses Buch gefallen hat, der wird auch Pamuks osmanischen Krimi im Künstlermilieu mögen. Der Nobelpreisträger 2006 bietet uns aber mehr, als ein historischer Krimi üblicherweise hergibt. Es gelingt ihm z. B. uns die rechtlose Stellung einer Frau jener Zeit und ihre totale Abhängigkeit vom Vater, Ehemann oder anderen Männern deutlich zu machen. Ihm gelingt es, das Eindringen der neuen Sehweise anschaulich zu machen, und er vermittelt überzeugend wie schwierig und schmerzhaft es ist, mit über Jahrhunderten geltenden Traditionen zu brechen.
Der Einblick in die uns bisher verschlossene Welt der osmanischen Buchillustratoren, ihre Eitelkeiten und Ängste, die Geschichte ihrer im Alter blind gewordenen Meister, all das wird uns auf hohem schriftstellerischem Niveau geboten. Pamuk schreibt einen flüssigen, manchmal auch weit ausgreifenden Stil. In 59 Kapiteln schildert er, aus jeweils wechselnder Personen-Perspektive (sogar Tote und der bis zum spannenden Finale namenlos bleibende Mörder sprechen zu uns), was der Anlaß des Verbrechens war und welche mühevollen Schritte und Überlegungen zur Aufklärung führen. Darüber hinaus kann ein aufmerksamer Leser so manche Parallelen zu unserer Zeit entdecken.
Fazit: Ein unterhaltsamer, dramatischer, spannender, sprachmächtiger und lehrreicher Schmöker mit aufklärerischen Ambitionen.
Karl-Heinz Ohlig (Hg.) Der frühe Islam nach oben
Eine historisch-kritische Rekonstruktion anhand zeitgenössischer Quellen
Verlag Hans Schiler, 2007
Sprengstoff oder Fehlzündung? Es gibt Bücher, die kommen ganz harmlos daher. Niemand, der unvoreingenommen das vorliegende Buch zur Hand nimmt, käme auf die Idee, es hier mit purem Sprengstoff zu tun zu haben. Wie? Sie meinen, ich übertreibe? Nun, in diesen Zeiten, in denen wir so oft von islamistischen Fundamentalisten hören müssen, die nicht davor zurückschrecken ihre Ziele mit menschenverachtender Gewalt zu erreichen, ist es da nicht legitim, wenn Angehörige der westlichen Zivilisation nun ihrerseits, gewissermaßen mit intellektuellem Sprengstoff, zurückschießen? Ich unterstelle dem Herausgeber Karl-Heinz Ohlig und den anderen Autoren dieses Buches in keinster Weise, dass sie sich mit dieser Absicht ans Werk gemacht haben. Aber der Eindruck, es hier mit einer anderen Art von Kriegsführung gegen den Islam zu tun zu haben, kam mir bei der (äußerst schwierigen) Lektüre des Werkes mehr und mehr in den Sinn.
Worum geht es? Es gibt in der Koranforschung, wie auch in der Erforschung der Frühzeit des Islam, eine beträchtliche Anzahl von ungeklärten sprachlichen und historischen Problemen. Wohlgemerkt, ungeklärt für offene und hauptsächlich westliche Islamwissenschaftler; für den religiösen Muslim ist alles klar und eindeutig: Mohammad, der Prophet des Islam, erhielt von Gott eine Offenbarung, die im Koran niedergeschrieben und für alle Zeiten gültig ist. Nach dem Tod des Propheten zogen die arabischen Stämme, bereits unter Mohammad größtenteils vereint, in die Welt hinaus und eroberten sie. Besonders die ersten vier Kalifen, die in der Nachfolge Mohammads die Führung übernommen hatten, konnten im 7. Jh. das grüne Banner des Islam erfolgreich im vorderen Orient hissen und somit den Machtbereich der arabischen Herschafft erheblich erweitern.
Doch bereits für die ersten Koranexperten und islamischen Historiker des 9. Jh. gab es Schwierigkeiten bei der Definition bestimmter koranischer Begriffe. So manches Wort konnte nun schon nicht mehr eindeutig erklärt werden und so mussten Vermutungen und vage Deutungen herhalten. Als die westliche Islamwissenschaft sich im 19. Jahrhundert etablierte, begann man die arabischen Quellen zu sammeln, zu übersetzen und zu erforschen. Dabei stützte man sich hauptsächlich auf das, was die frühen, überwiegend arabischen, Historiker zu Papier gebracht hatten. In gewisser Weise übernahm man dabei auch deren Ansichten und die von ihnen gemachten Angaben über die Personen und Ereignisse jener Frühzeit. Allerdings stammen diese Quellen zumeist erst aus dem 9. Jh. oder sogar später, als die Ereignisse um Mohammad bereits knapp zweihundert Jahre vergangen waren. Bisher hat die Islamwissenschaft sich mit diesen Quellen mehr oder weniger zufrieden gegeben und sie kaum in Frage gestellt.
Dies allerdings tun die Autoren im vorliegenden Buch (und wie bereits in einigen vorausgegangenen Bänden, alle im Hans Schiler Verlag erschienen).
Nun erfahren wir, dass es sich ganz anders zugetragen haben soll. Wir werden mit der Aussage konfrontiert, dass es einen Propheten Mohammad überhaupt nicht gegeben hat, ebenso die ersten, in der Tradition rechtgeleiteten genannten, vier Kalifen, Abu Bakr, Omar, Osman und Ali. Der Koran sei über zwei Jahrhunderte hinweg allmählich entstanden und am Anfang dieser Schrift hätten christlich orientierte Autoren gestanden. Überhaupt habe sich diese neue religiöse Bewegung nicht in und um Mekka entwickelt, sondern auf dem Gebiet des ehemaligen persischen Reiches der Sasaniden. Dort habe es nach langen Kriegen mit dem benachbarten Byzanz und der Niederlage der Perser im ersten Viertel des 7. Jh. ein politisches Vakuum gegeben, das sich christliche Araber zu Nutze gemacht hätten. Ein Beispiel das es sich um Christen gehandelt habe, sei die Errichtung des Felsendoms in Jerusalem Ende des 7. Jh. durch den Kalifen Abd el-Malek. Die Inschrift, die sich um den Dom herum an der Außenwand befindet, nennt hauptsächlich Jesus und Maria. Die Erwähnung von Mohammad im Text habe nichts mit einer Person gleichen Namens zu tun, sondern sei nach des Wortes Bedeutung zu erklären: der Erwählte. Das Wort MHMT wurde bereits in einer ugaritischen Inschrift gefunden, wo es erwählt bedeutet Und das sei dann später eine Bezeichnung arabischer Christen für Jesus gewesen! Für die Existenz einer Person Mohammad, die als Prophet in Mekka gelebt habe, gebe es keinerlei Beweise, spätere arabische Autoren hätten nach und nach eine Legende um die nun als Person aufgefasste Figur entwickelt.
Als Beweis für diese Theorie werden z. B. Münzen des 7. und 8. Jh. herangezogen. Weder von Mohammad noch von den ersten vier Kalifen hat man bis heute Münzen gefunden. Die ersten islamischen Münzen stammen aus dem mesopotamisch/persischen Raum und auf ihnen finde man Kreuze und Köpfe, die sogar noch das persische Vorbild zieren. Außerislamische Quellen aus jener Zeit sprächen zwar von Kriegszügen arabischer Stämme, jedoch nicht von einer neuen Religion namens Islam. Zudem sei es schwer vorstellbar, dass eine rein zahlenmäßig kleine Gruppe arabischer Beduinenvölker so ohne weiteres von Eroberung zu Eroberung geeilt sei.
Die Autoren, neben dem Herausgeber Karl-Heinz Ohlig sind dies Volker Popp, Markus Groß und Christoph Luxenberg, versuchen sehr detailreich eine Fülle von Material zur Untermauerung dieser These zu liefern. Der lediglich interessierte Leser wird hier allerdings oft überfordert, um all die vielen Belege und Beispiele selber interpretieren, bzw. abschätzen zu können, ob da etwas dran ist oder nicht. Vor allen Dingen die Beiträge von Volker Popp und Markus Groß, die allein über 400 der insgesamt 666 Seiten ausmachen, stellen an den (nicht wissenschaftlich vorgebildeten) Leser hohe Anforderungen, zumal die Gedankensprünge der Autoren nicht immer schlüssig sind. Die Autoren wenden sich denn auch wohl vorwiegend an die Kollegen der Islamwissenschaft, denen vorgeworfen wird, in den letzten Jahrzehnten überwiegend kritiklos die arabischen Urquellen lediglich ausgewertet aber nicht kritisch erforscht zu haben. Sie fordern für den Koran, ähnlich wie in der christlichen Religion die kritisch-historische Bibelforschung, eine Sammlung aller Koranhandschriften zu erstellen, um so eine bessere und umfassendere Koranforschung betreiben zu können. Christoph Luxenberg (ein unter Pseudonym schreibender Sprachwissenschaftler) hat hier mit seinen neuen Übersetzungen und der sie stützenden These, dass es sich bei der Sprache des Korans um eine syrisch-aramäisch-arabische Mischsprache handelt, bereits erste Schritte in Richtung einer Neudeutung unklarer Stellen unternommen.
Ein gewagtes, ein mutiges Buch. Es ist eine Art erster Wurf, der sicherlich mit einigen Behauptungen übertreibt. Auch der Versuch einer Erklärung, wie es schließlich zu der uns bekannten Form des Islam gekommen ist, bleibt eher vage und überwiegend spekulativ. Anstatt unwiderlegbarer Beweise werden lediglich Indizien vorgetragen. Man wird sehen, ob das ganze sich in Schall und Rauch auflöst (weil die These sich nicht halten lässt), oder der Beginn einer aufregenden Entwicklung ist. Der etwas angestaubten (deutschen) Islamwissenschaft tut ein bisschen Aufregung sicherlich gut. Was Muslime dazu sagen, steht auf einem anderen Blatt.
HEINE LESEN! nach oben
Heinrich Heine lesen ist eine nicht endenwollende Wonne (betr. die Werkausgabe in vier Bänden,Winkler, 1978). Seine journalistischen Texte sind auch heute noch, mehr als 150 Jahre nach ihrer Entstehung, lesenswert, sein mitunter bissiger Humor und sein ätzender Zynismus wirken frisch wie am ersten Tag. Heine war ein belesener Mensch und das teilt er seinem Leser mit, er läßt ihn teilhaben an seinem enormen Wissen und an seiner kritischen Beobachtungsgabe. Wer sich auf diese Texte einläßt, die so leicht wie Federflug daherkommen, wird reich beschenkt. Man lese z. B. nur seine Berichte aus der französischen Hauptstadt über die dortige Musikszene. Vielleicht ist man nicht immer einverstanden mit seiner Auffassung, etwa zu Berlioz, und die erwähnten Sängerinnen und Sänger bleiben für uns bloße Namen, aber die Art seiner Darstellung lassen vor einem verständigen Ohr das Wispern und Intrigieren der damaligen Schickeria hörbar werden, die er mit treffenden Strichen zeichnet. Natürlich, es ist reinster Feuilletonismus - aber auf welchem Niveau. Und er gab uns ein paar schöne Aphorismen: Weise erdenken die neuen Gedanken und Narren verbreiten sie (Seite 709, Bd. IV). Und wie prophetisch: Ich sah einen Wolf, der leckte an einem gelben Stern, bis seine Zunge blutete (Seite 727). Und ein weiser Ostpolitiker war er auch: Wir sollen uns auf Rußland stützen - auf den Stock womit wir einst geprügelt werden (Seite 719). Kirchenkritisches: Es sind in Deutschland die Theologen die dem lieben Gott ein Ende machen (Seite 726). Wohl nicht nur die deutschen, aber so schlimm ist das ja auch nicht, eine Welt ohne Gott; kann wohl kaum schlimmer sein, als eine mit ihm. Schön auch: Wir haben das körperliche Indien gesucht und haben Amerika gefunden; wir suchen jetzt das geistige Indien - was werden wir finden? (Seite 697).
Heines ambivalentes Verhalten zu Goethe: Er war nie gegen den Dichter Goethe, sonder nur gegen die Person eingestellt. "Die Goetheschen Dichtungen bringen nicht die Tat hervor, wie die Schillerschen . Die Tat ist das Kind des Wortes, und die Goetheschen schönen Worte sind kinderlos. Das ist der Fluch alles dessen, was bloß durch die Kunst entstanden ist." Und: "Die Goetheschen Meisterwerke zieren unser teueres Vaterland, wie schöne Statuen einen Garten zieren, aber es sind Statuen." Und dann sagt er an anderer Stelle: "Ich habe nie seine Werke getadelt." Obwohl Heine den Vergleich, wer denn nun der bessere, größere Autor sei, Goethe oder Schiller (eine Diskussion, die nach der von Goethe veranlaßten Veröffentlichung des Briefwechsels zwischen beiden ausbrach), ablehnt, vergleicht er dennoch beider Arbeiten und sieht in Goethe den größeren. "Nichts ist törichter als die Geringschätzung Goethes zugunsten Schillers…wußte man wirklich nicht, daß jene hochgerühmten hochidealistischen Gestalten, jene Altarbilder der Tugend und Sittlichkeit, die Schiller aufgestellt, weit leichter zu verfertigen waren als jene sündhaften, kleinweltlichen, befleckten Wesen, die uns Goethe in seinen Werken erblicken läßt? Wissen sie denn nicht, daß mittelmäßige Maler meistens lebensgroße Heiligenbilder auf die Leinwand pinseln, daß aber schon ein großer Meister dazu gehört, um etwa einen spanischen Betteljungen, der sich laust, einen niederländischen Bauern, welcher kotzt, oder dem ein Zahn ausgezogen wird, und häßliche alte Weiber, wie wir sie auf kleinen holländischen Kabinettbildchen sehen, lebenswahr und technisch vollendet zu malen?" (Seite 297, Bd. 3).
Heine bricht dann geradezu in (berechtigte) Lobeshymnen über Goethes ‚Faust' und über das Buch ‚Westöstlicher Divan' aus, dessen Bedeutung er früher als andere erkannt hatte. Seine Bemerkungen hierzu gehören zu den hellsichtigsten und schönsten, eine bessere Kurzrezension hat es wohl nie mehr gegeben! Er hatte sich aber auch an anderer Stelle über die orientalische Phase in der deutschen Literatur lustig gemacht und Dichter, die dieser Mode huldigten, nicht ganz zu unrecht, verspottet.
Es scheint so etwas wie Wehmut mitzuschwingen, wenn er über seine, offensichtlich kurze Begegnung mit dem Meister am 2.10.1824 in Weimar sarkastisch berichtet: "Ich war nahe dran ihn griechisch anzureden" [Da ihn sein äußeres an griechische Götter erinnert]: "da ich aber merkte, daß er deutsch verstand, so erzählte ich ihm auf deutsch: daß die Pflaumen auf dem Wege zwischen Jena und Weimar sehr gut schmeckten…Und Goethe lächelte" (Seite 304 ebenda). Tja, Heinrich, da hättste aber mehr draus machen können. Bei Eckermann findet sich über diese Begegnung nichts.
Empfehlung für immer: Heine lesen!
Robert Charles Wilson, SPIN (Heyne, 2006) nach oben
Eines Nachts, in nicht allzu ferner Zukunft, beobachten Tyler und die beiden Nachbarskinder Diane und Jason, das plötzlich die Sterne und der Mond verschwunden sind. Die Furcht, dass am nächsten Tag auch die Sonne nicht mehr aufgehen wird, bleibt jedoch unbegründet. Allerdings stellt sich heraus, dass es sich um ein künstliches Gebilde handelt, denn um die Erde hat sich ein SPIN genanntes Netz gelegt. Die Verursacher dieses Phänomens werden die Hypothetischen genannt und über deren Existenz und Absichten wird in den folgenden Jahrzehnten geforscht.
Jason ist einer der intelligenten Köpfe, der das geheimnisvolle SPIN entschlüsseln will und durch seinen einflussreichen Vater in wichtige Positionen gebracht wird. Seinen Freund Tyler, der Mediziner geworden ist, kann er für sein Projekt interessieren. Tyler ist auch in Jasons Nähe, als sich bei dem Zeichen einer schweren Krankheit bemerkbar machen. Da man festgestellt hat, dass sich die Zeit außerhalb des SPIN's rasant vorwärtsbewegt und so die Sonne ihr Stadium der Aufblähung zum roten Riesen in Kürze erreichen wird, was wiederum die Zerstörung der Erde zur Folge haben wird, ist von wissenschaftlicher Seite das Projekt einer Marsbesiedlung entwickelt worden. Im Zeitraffermodus wird das Geschehen auf dem Mars beobachtet und schließlich, nach Millionen von Jahren auf dem Mars, wo sich eine intelligente menschenähnliche Rasse herausgebildet hat, macht sich eine Expedition vom Roten Planeten auf den Weg zur Erde. Inzwischen hat sich nämlich auch dort ein SPIN um den Planeten gelegt.
Nur einer der Marsianer überlebt die Reise und wird in der Anlage von Jasons Projekt von der Außenwelt abgeschirmt. Durch ihn bekommt man Informationen über die Lebensformen auf dem Nachbarplaneten. Streitigkeiten innerhalb der Interessensgruppen des Projektes führen zu schweren Spannungen. Zum weltweiten Chaos kommt es, als der SPIN vorübergehend erschwindet und eine tod- und verwüstungbringende Katastrophe auslöst. Der inzwischen schwerkranke Jason wird bis zu seinem Tod von Tyler gepflegt, der aber in der Folgezeit selber um sein Leben fürchten muß und ständig auf der Flucht ist.
Mit Diane, zu der er immer wieder in all den Jahren Kontakt gehalten hatte, gelangt er nach einem abenteuerlichen und riskantem Fluchtmanöver, das sie nach Ostasien verschlägt, schließlich in ein neues Gebiet, das offenbar dadurch entstanden ist, das die Hypothetischen einen Trennungsbogen auf die Erde gebracht haben. Zwar kann man nun den veränderten Sternenhimmel wieder sehen, der SPIN existiert in abgeschwächter Form weiterhin, was die Strahlen der zum roten Riesen angewachsenen Sonne abmildert. Bevor Jason starb, hat er seine Sicht der SPIN-Geschichte und wer dahintersteckt, seinem Freund Tyler mitgeteilt.
Eine positive FAZ-Rezension hat den Autor zur Lektüre dieses SF-Romans veranlasst. In der Kritik wurde das gelungene Entwerfen einer zukünftigen Welt gewürdigt. Die reine SF-Idee, der SPIN, ist sicherlich eine reizvolle Idee und die mit allerlei wissenschaftlichem Schnickschnack behaupteten irdischen Maßnahmen können wahrscheinlich SF-geschulte Leser den nötigen Zukunftskick verschaffen. Nachteilig für so ein voluminöses Werk, immerhin 555 Seiten im Paperbackformat, ist jedoch, dass sich an den irdischen menschlich-charakteristischen Beziehungen auch in einer zukünftigen Welt nichts geändert zu haben scheint. Hier gibt es nach wie vor Intrigen, Liebesleid, Fanatismus, Vater-Sohn-Konflikte - schlicht gesagt: das Gute bekämpft das Böse und umgekehrt.
Und hier liegen denn auch die vermeidbaren Längen in Wilsons Epos, die ein mutiger Lektor hätte verhindern können. Da das nicht geschehen ist, haben wir es mit einem nur mäßig spannenden Roman zu tun, zumal die Charaktere der Hauptpersonen etwas dürftig gezeichnet sind. Der supergeniale Jason ist ein roboterähnlicher Mensch, ohne jedwede sexuelle Beziehung, der allein in und durch seine Forschung zu leben scheint und dadurch offenbar zur Befriedigung kommt. Tyler, der Erzähler, fühlt sich zu Diane hingezogen, schafft es aber nicht eine feste Beziehung zu ihr aufzubauen. Dieses Konstrukt zieht sich durch den Text, wirkt aber nach mehr als zwanzig Jahren nicht recht glaubwürdig und die Geschichte Dianes und ihre Verstrickung in eine Weltuntergangssekte, die sie nur schwerkrank mit Tylers Hilfe verlassen kann ist ein zweiter Strang des Romans und soll wohl die gefühlsbetonte Seite zum Ausdruck bringen. Die Behauptung, ihr Werdegang sei auch eine Auswirkung des SPINS's ist nicht wirklich überzeugend und im Grunde genommen eine andere Geschichte.
Letztendlich ist auch die Erklärung, dass es sich bei den Hypothetischen um ein Netzwerk sich selbst entwickelnder Maschinen handelt, das das Universum beherrscht und für den SPIN verantwortlich ist, eine eher schwache Lösung.
Fazit: ein lesbarer, aber durch zu wenig Spannung und in vielen Sequenzen zu oft vorhersehbarer mittelmäßiger Science-Fiction Roman, der um etliches zu lang geraten ist.
Im Bücherregal gestöbert:
Reinhard Lettau, Schwierigkeiten beim Häuserbauen (1965, dtv) nach oben
Das Bändchen enthält 21 Texte, jeweils 3 -5 Seiten lang. Es sind skurrile Geschichten, die an Robert Walser, an Jean-Paul und Kafka erinnern. Lettaus Personal besteht aus weltfremden Männern - Frauen tauchen kaum in seinen Geschichten auf - die sich mit ausgefallenen Dingen beschäftigen oder denen seltsames geschieht. Das ganze wird in einem knappen, gleichwohl präzisen Stil und einer teilweise verballhornten Bürokratensprache mitgeteilt. Alle Geschichten sind ironisch angelegt, immer schwingt ein spöttischer Unterton mit. Es sind keine aus dem Leben gegriffenen Begebenheiten; dramatische Ereignisse wie Liebe und Tod, ewiges Hauptthema der Literatur und Kunst überhaupt, sind Lettaus Sache nicht.
Die ausgefallenen Themen sind konstruierte Kopfgeburten, zu denen der Zugang mitunter durch die auf Dauer etwas trockene Sprache erschwert wird. Obwohl meist in den 50er und Anfang der 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts entstanden, vermitteln die Texte den Eindruck, als würden sie aus viel weiter zurückliegenden Zeiten stammen; es gibt Kaiser und Könige, ein Präsident hält einen Marschallstab in der Hand; altertümliche Sprachwendungen fallen deutlich auf, die Moderne wird kaum dargestellt.
Seine Personen, die meist nur ganz knapp, manchmal nur durch einen Namen skizziert werden, bewegen sich in einer surrealistischen Umgebung bzw. sind selber Verursacher oder Opfer surrealistischer Handlungen. Da entsteht in "Die Größe des Reiches" durch eine von Regierungsseite in Auftrag gegebene und notwendig gewordene Zählung aller Städte ein bis zum Chaos anwachsendes Tohuwabohu. Ganze Heerscharen von Zählern ziehen durch das Reich und werden selber in neu errichteten Siedlungen untergebracht.
In "Das Neue ist unbekannt" preist ein Ich-Erzähler eine Maschine an - einen Glaswürfel in dem es schneit. Er sitzt selber in diesem Behälter und betrachtet von außen die Verwirrtheit der Leute. Und: "Sie erwarten, daß man das schlechthin Neue ihnen erkläre. Sie verstehen also unter dem Neuen lediglich eine noch nicht bedachte Variation des Alten…"
In "Wettlauf" beobachtet ein Herr Faber einen Mann, der vor seinem Fenster steht und jede Bewegung des im Haus befindlichen Erzählers mitmacht. Faber rennt in dem anscheinend geräumigen Haus hin und her, doch der andere ist ihm immer schon voraus, manchmal nur noch am Zipfel seines Mantels zu erkennen. Der Held steigert sich in eine regelrechte Psychose hinein. In "Mißglückte Landnahme" verhindern schließlich die ‚guten' Ratgeber des Herrn Nehrkorn dessen Ruf zum Professor, da sie in einfältiger Bauernschläue und unmäßiger Gier immer größere und verrücktere Forderungen an die Universität stellen. Diesem Treiben sieht Herr Nehrkorn wie ohnmächtig zu und ist, wie viele der Lettauschen Hauptdarsteller, von beinahe unbeweglicher Passivität.
In "Herr Stumpf erliegt einem Trugschluß" besucht ein Feuerwehrmann ein Schloß aus der Barockzeit, findet Gefallen an dem Gebäude und der ganzen Anlage und besucht es immer wieder. Allmählich kennt er jeden Fleck, jeden Gegenstand in den Zimmern und gibt schon bald den Touristen Auskunft darüber. Am Ende scheint er sich selber für den Schloßherrn zu halten.
Das Motiv der Steigerungen vom scheinbar harmlosen Ausgangspunkt bis hin zur Katastrophe hat mitunter etwas gewollt Konstruiertes an sich und nicht in allen Erzählungen überzeugt die Ausführung einer Idee, so in der letzten Story "Kampfpause", wo Soldaten auf einer Insel festsitzend das Ende des Krieges erst nicht mitbekommen, dann offenbar nicht wahrhaben wollen oder können. Man könnte alle Texte als Parabeln deuten, als Fabeln interpretieren, ihnen märchenhaften Charakter unterschieben. Über wohl jede einzelne ließe sich trefflich philosophieren - allein, es fehlt ihnen allen an Lebendigkeit. Es ist eine Zombiewelt und deren Bewohner sind seelenlose Gestalten, von denen man sich so schnell wie möglich verabschieden will. Diese Wesen zeigen keine Gefühlsregungen; sie lachen nicht, sie weinen nicht, ihre sinnlosen Handlungen, die ihre Existenz bestimmen, rühren den Leser nicht. War das Lettaus Absicht uns derart den Spiegel vorzuhalten? Wollte er den Menschen als zielloses Etwas darstellen, dem das Herumirren im Hamsterrad wie eine großartige Handlung vorkommt? Es sind kleine, harmlose, böse Geschichten -"schwerelos, heiter und charmant" - wie es im Verlagstext heißt. Ein Schelm, der diese Formulierung zu Papier brachte.
Reinhard Lettau hat nur ein schmales Werk hinterlassen. 1929 in Erfurt geboren, 1996 in Karlsruhe gestorben, zog Mitte der 50er in die USA, Studium in Heidelberg und an der Harvard Universität in Deutsch, Literatur und Philosophie, war Mitglied der Gruppe 47 und 1967/68 Mitagierender bei den Studentenbewegungen in Berlin, griff scharf die Springer-Presse an, was zu seiner Ausweisung führte, da er amerikanischer Staatsbürger war. "Schwierigkeiten beim Häuserbauen" (1962) war seine erste Veröffentlichung, im Nachfolgeband "Auftritt Manigs" (1963) sind die Prosatexte höchstens eine Seite lang. Nach weiteren Publikationen - auch essayistischer Art - legte er 1994 noch einmal einen schmalen Roman "Flucht vor Gästen" (gerade mal etwas über 90 Seiten) vor. Auch hier bleibt er seinem Stil treu und ergeht sich in fünf Episoden mit sensiblem Blick und immer noch jener altertümlichen Sprache verhaftet über die Sinn-, Ziel- und Hoffnungslosigkeit menschlichen Daseins. (Der Roman war im Neuzustand für 0,39 Cent bei amazon zu bekommen, plus 3 € Porto). In Kindlers Literaturgeschichte und Melzers Deutscher Literaturgeschichte gibt es keinen Eintrag über ihn. Anhand seines knappen Werkes wird er vielleicht als Gelegenheitsschriftsteller geführt? Und bei Gelegenheit sollte man ruhig mal seine Texte lesen, trotz der oben genannten Einwände.
|
Salman Rushdie, Shalimar der Narr nach oben
Rowohlt, 2006
In Kaschmir geht es seit etlichen Jahren grausam zu, einerseits verüben die indische Regierung, andererseits Terroristen aller Art Grausamkeiten, wobei die Leidtragenden, wie üblich, meistens die Zivilbevölkerung ist. In seinem Roman bietet Rushdie, anhand der Geschichte zweier Dörfer und deren Bewohner, ein Panorama, das die Geschichte der letzten vierzig, fünfzig Jahre umreißt. Es ist eine Geschichte, in deren Zentrum Mord und Totschlag stehen, mal aus politischen, mal aus persönlichen Gründen. Nachdem Shalimar, einem Gaukler und Hochseilartisten, die Ehefrau, die Tänzerin Boonyi, mit dem amerikanischen Botschafter Max Ophuls durchgebrannt ist und von ihm eine Tochter, India (von der Mutter allerdings Kaschmiria genannt), zur Welt bringt, wird er vor Haß und Rache in verschiedene Untergrundgruppen getrieben und ein gefürchteter Killer und Bombenleger. Daß seine Frau eine Tochter geboren hat, weiß er allerdings nicht. Dieses Mädchen wird auf Drängen der Ehefrau von Ophuls adoptiert und wächst in England und den USA auf. Boonyi geht nach dem Ende der Liebesbeziehung zurück in ihr Dorf, wo man sie inzwischen für tot erklärt hat. Sie muß abseits in einem verfallenen Tempel im Wald bis zu ihrer Ermordung durch Shalimar, er schneidet ihr den Kopf ab, in Zurückgezogenheit leben. Shalimar wird in die USA kommen und sich bei Ophuls als Fahrer andienen und ihn eines Tages mit dem Messer töten. Nach kurzer Zeit wird er verhaftet und zum Tode verurteilt. Bei einem Ausbruch gelingt ihm die Flucht, er dringt in das Haus von India, die sich nun Kaschmiria nennt, ein und - das wird nicht mehr geschildert - wird von ihr getötet. Kaschmiria ist unterdessen in die Heimat ihrer Mutter gereist und erfährt von einem alten Ehepaar, das die zahlreichen Massaker überlebt hat, die Geschichte Boonyis und ihres Mannes, den man Shalimar, den Clown nennt.
Das ist der grob gezeichnete Handlungsstrang des 535 Seiten starken Romans. Um die Geschichte zu erzählen bemüht Rushdie ein Heer von erfundenen und realen Personen. Sie steigen auf wie Luftblasen und platzen ebenso schnell, nach einem, zwei Absätzen, nach einer oder zwei Seiten, bis auf die Hauptpersonen natürlich. Rushdie greift tief in die historische Kiste, erzählt die bedauernswerte Geschichte dieser nordindischen Region aber auch, im Falle von Max Ophuls, dessen Aktivitäten während der Zeit der Resistance, des französischen Widerstands gegen die deutsche Besatzung. Auch hier zieht er wie ein Zauberkünstler Namen über Namen aus dem Hut und so verliert sich so mancher Erzählstrang und man bekommt den Eindruck, als habe sich Rushdie bei der Bearbeitung seines Zettelkastens überfordert. Mich hat das schlicht über weite Teile des Romans ermüdet. Wenn ich ein Sachbuch über Kaschmir lesen möchte, dann kaufe ich mir eins und greife nicht auf einen Roman zurück, zumindest würde ich nun diesen hier nicht empfehlen können.
Bleibt die Liebesgeschichte. Der Roman trägt den Namen einer sich zum Killer entwickelnden Person, an ihr ist nichts dran, das mich als Leser für ihn eingenommen hätte. Erst nach 300 Seiten erfahren wir mehr über seinen Werdegang, davor bekommen Boonyi und die Menschen der beiden Dörfer Pachigam und Shirmal reichlich Raum und auch hier verliert sich Rushdie oft in banalen Anekdoten und Geschichtchen, die man, nach dem man sie gelesen hat, auch schon wieder vergißt. Die Frauenfiguren sind zwar stark gezeichnet, können mich jedoch in ihrer Handlungsweise nicht so recht überzeugen. Es gibt Stellen in dem Buch, die sind spannend geschrieben und zum Ende hin glaubt man sich in einen Grisham-Roman versetzt.
Rushdie hat einen großen Stoff aufgegriffen und seinen Fähigkeiten gemäß daraus einen Roman gemacht, der mich allerdings nur bedingt zufrieden gestellt hat. Shalimar enthält große Literatur, ein großer Roman ist es nicht geworden.
|