Kafkas Fragmente - Plädoyer für das Unfertige

In meiner siebenbändigen Kafka-Ausgabe, die der Fischer Verlag 1986 in seiner gelben Reihe veröffentlicht hat und die noch von Max Brod herausgegeben wurde, gibt es den Band "Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande - und andere Prosa aus dem Nachlaß", der einen Teil enthält, der mit Fragmente überschrieben ist. Eigentlich kann man das über das ganze kafkasche Werk schreiben und selbst der Autor ist als Mensch - kann man das so sagen? - ein Fragment geblieben. Er ist unfertig geblieben - aber wann ist jemand schon fertig? Kafka, der geniale Fragmentarier, der Unvollender. Lange bin ich über diese Texte hinweggegangen, ebenso wie über die Eintragungen in den acht Oktavheften. Ebenfalls in diesem Band enthalten ist der "Brief an den Vater", nie abgeschickt und somit ohne Antwort geblieben. Den las ich wohl und dachte während des Lesens an meinen Vater und wie ähnlich sich doch anscheinend Väter und Söhne sind.

Für mich zählt Franz Kafka zu den großen traurigen Gestalten der Literaturwelt. Max Brod, glaube ich, nannte ihn den Verlorenen. Immer hatte und habe ich das Gefühl, hier schreibt ein Melancholiker, hier führt eine tiefe Traurigkeit seine Hand. Über den Texten, ich meine über fast allen, schwebt eine phantasiereiche Depression, die einen willigen und aufnahmebereiten Leser in ihren Bann - nicht in die Depression! - zieht. Aber vielleicht ist alles doch ganz anders.

Bekannt ist uns sein Werk natürlich nur geworden, weil der Freund Max Brod diese Texte redigiert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht hat, gegen den - möglicherweise nur halbherzig geäußerten - Wunsch Kafkas, seine Texte, bis auf die bereits veröffentlichten, zu vernichten. Warum hat er sie nicht selber vernichtet? Na ja, wer ist schon gerne bereit seine Schöpfungen zu vernichten, Schöpfungen, auch wenn sie unfertig geblieben sind, die einen doch beschäftigt und Zeit gekostet haben - und die ein Stück der eigenen Seele aufgefressen haben?

Und dann begann ich also doch diese Fragmente zu lesen und die Oktavhefte und das ganze fragmentarische Drama und ich konnte nicht aufhören, als bis ich es zu Ende (?) gelesen hatte. Ich fand Sätze, die mich tief im Innersten trafen, ohne daß ich sagen kann, warum, Sätze, wie diesen: "Nachmittag. Den ekel- und haßerfüllten Kopf auf die Brust senken. Gewiß, aber wie, wenn dich jemand am Hals würgt?" Und: "Es fängt damit an, daß du in deinen Mund zu seiner Überraschung statt des Essens ein Bündel von soviel Dolchen stopfen wolltest, als er nur faßt." Sätze, wie aus Alpträumen, Sätze, von denen ein sogenannter Horrorspezialist wie Stephen King nur träumen kann. Es sind Sätze, die ein flaues Gefühl zurücklassen und gleichzeitig ging es mir so, daß ich nach mehr gierte.

Und dann die vielen Anfänge. Sie kommen oft daher, als würde eine klare Geschichte beginnen. "Vor dem Stadttor war niemand, in der Torwölbung niemand. Auf rein gekehrtem Kies kam man hin, durch ein viereckiges Mauerloch sah man in die Zelle der Torwache, aber die Zelle war leer. Das war zwar merkwürdig, aber für mich sehr vorteilhaft, denn ich hatte keine Auseispapiere, mein ganzer Besitz war überhaupt ein Kleid aus Leder und der Stock in der Hand." Was für eine Abenteuergeschichte, die da in drei Sätzen aufgerollt wird und die wohl in weit vergangener Zeit zu spielen scheint, als es noch Stadttore und eine Torwache gab. Ein Mensch ohne Papiere (so etwas ist uns auch heute nicht fremd) und nur dürftig bekleidet erscheint und meint, daß er eine günstige Situation vorfindet. Diese Situation wird von ihm merkwürdig genannt, das könnte bedeuten - aber nun beginnt die Spekulation, denn Kafkas Geschichte bricht hier bereits ab - in dem Ort, den der Fremde Icherzähler wahrscheinlich betreten wird, sind geheimnisvolle Dinge geschehen. Wir werden es nicht erfahren.

Manche Texte sind länger und gehen über mehrere Seiten, manchmal brechen sie mitten im Satz ab und lassen uns ratlos zurück. Je länger ich aber las, desto mehr stellte ich mich auf die unfertigen Texte ein, ich stellte mir auch vor, sie würden auf einer Bühne von verschiedenen Lesern vorgetragen, ohne Pause dazwischen, so, als sei dies ein langer Roman, als sei das Fragmentarische beabsichtigt. Vielleicht gerade so, als wenn wir Heutigen, mit der Fernbedienung in der Hand durchs Fernsehprogramm zappen und mal mehr, mal weniger bei den einzelnen Kanälen verharren und wir hören und sehen hier ein Stück, da ein Stück und haben das Gefühl, alles gehört irgendwie zusammen. Dieses irgendwie drückt meine Ratlosigkeit gegenüber diesen ungemein faszinierenden Texten aus. Ratlos deshalb, weil ich mir diese Faszination nicht erklären kann. Die Wirkung kommt einerseits von der Sprache, andererseits von der Ideenfülle her und bei vielen Stellen kommt mir ein Schade in den Sinn, schade, daß er das jetzt nicht weiter geschrieben hat.

"Ich war bei den Toten zu Gast", beginnt ein zwei Seiten langer Text, in dem ein Icherzähler in eine Gruft eintritt. "Eine Bedienerin kehrte aus, doch war nichts auszukehren." Er spricht sie an mit den Worten: "Ihr spielt hier wohl Komödie?" Sie schickt ihn zu einem französischen Adligen, namens de Poitin, der an einem Schreibtisch sitzt und Cheffunktionen ausübt. Er begrüßt ihn, erhält jedoch keine Antwort, keine Reaktion geht von dem Boß aus. Er geht mit dem Mädchen, Arm in Arm, dann eng umschlungen, in der Gruft spazieren, vorbei an den Särgen. Das Mädchen schlägt vor, daß sie ihm ihren Sarg zeigt. "Das überraschte mich. ‚Du bist doch nicht tot', sagte ich. ‚Nein', sagte sie, ‚aber um die Wahrheit zu gestehn: ich kenne mich hier nicht aus, deshalb bin ich auch so froh, daß du gekommen bist…'" Sie erreichen den Sarg des Mädchens. "Er war mit schönen spitzenbesetzten Kissen ausgestattet." Sie setzt sich hinein, lockt ihn zu sich hinunter, doch er ist auf der Suche nach jemandem in der Gruft und bittet sie, ihm zu helfen. Sie weicht aus und zieht unter den Kissen ein Hemd hervor. "'Das ist mein Totenhemd', sagte sie und reichte es mir empor, ‚ich trage es aber nicht.'" An dieser Stelle bricht der Text ab. Natürlich, man bekommt den Eindruck es hier mit einer Art Geheimsprache zu tun zu haben. Die Menschen - vielleicht sollte ich sagen, die menschenähnlichen Wesen - bewegen sich an merkwürdigen Orten, an einem Ort, wie hier, der einem einen - zumindest leichten - Schauer über den Rücken jagt. So richtig antwortet keiner auf die Fragen, aber die Personen stört das nicht. In Kafkas Universum reden die Personen oft so naiv, leichtgläubig und immer etwas verwirrt aneinander vorbei - und verstehen sich doch.

Es gibt auch Texte, von denen man sagen kann, sie sind ja fertig. Zum Beispiel im achten Oktavheft steht so einer: "Vor einer Mauer lag ich am Boden, wand mich vor Schmerz, wollte mich einwühlen in die feuchte Erde. Der Jäger stand neben mir und drückte mir einen Fuß leicht ins Kreuz. ‚Ein kapitales Stück', sagte er zum Treiber, der mir den Kragen und Rock durchschnitt, um mich zu befühlen. Meiner schon müde und nach neuen Taten begierig, rannten die Hunde sinnlos gegen die Mauer an. Der Kutschwagen kam, an Händen und Beinen gefesselt wurde ich neben den Herrn über den Rücksitz geworfen, so daß ich mit Kopf und Armen außerhalb des Wagens niederhing. Die Fahrt ging flott, verdurstend mit offenem Mund sog ich den hochgewirbelten Staub in mich, hie und da spürte ich den freudigen Griff des Herrn an meinen Waden."
So also sieht das aus, wenn das Jagdopfer mal kein Tier ist, sondern einer von uns. Mit sechs Sätzen lehrt uns Kafka hier das Grausen, banal in der Sprache, fast teilnahmslos, faktenreich, Kafka war Jurist, da wußte er, wie sachbezogene Berichte gefertigt werden. Aber was für eine Wirkung üben diese Sätze in uns aus? Die Vorstellung, wir selbst sind das Opfer einer Menschenjagd geworden, dürfte keine angenehme sein, es sei denn, man gehört zu den Schlächtern und ist abgebrüht wie sie.

Natürlich finden sich unter den Fragmenten nicht nur Texte dieser Art, auch Nachdenkliches, Philosophisches, Romantisches beinhalten sie. Oft fesseln kurze Sätze, Zen-Gedichten gleich, meine Aufmerksamkeit.
"Träumend hing die Blume am hohen Stengel. Abenddämmerung umzog sie."
Was für ein Bild! Eine Tuschezeichnung an der Wand eines japanischen Gartenhäuschens. Ein Gedicht, das mit starkem und schwachem Pinselstrich untereinander in chinesischen Schriftzeichen auf ein Stück blaßgraues Pergament gemalt wurde. Es hängt an der Wand neben einer offenen Tür. Draußen in weiter Entfernung, die schneebedeckte Gipfelspitze des Fujijama. Tee wird in kleinen Schälchen gereicht. Eine Geisha lächelt. Ein weiser, alter Japaner mit dünnen, weißen Bartsträhnen gibt mit hoher Stimme die Quintessenz seines jahrelangen Nachdenkens von sich: "Fern, fern geht die Weltgeschichte vor sich, die Weltgeschichte deiner Seele." Aber ich lasse mich nicht zum Narren halten, ich weiß, daß dieser Satz aus Kafkas Fragmenten stammt und Kafka war kein japanischer Weiser sondern ein Prager Jude, der qualvoll an Tuberkulose starb.

"Ein Käfig ging einen Vogel suchen." Kafka hatte Aphorismen auf kleine Zettel notiert und sie selber in Reinschrift zusammengestellt. Dieser trägt die Nummer 16. Der erste heißt: "Der wahre Weg geht über ein Seil, das nicht in der Höhe gespannt ist, sondern knapp über dem Boden. Es scheint mehr bestimmt stolpern zu machen, als begangen zu werden." Prägnanter kann man Kafkas Werk wohl nicht deuten. Es geht in ihm doch immer ums Stolpern, der gerade Weg scheint unbekannt, oder eine in weiter Ferne liegende Vision zu sein. Es geht um Täuschungen und Irrungen, um Wahres und Unwahres. Kafka läßt uns teilhaben an den Kämpfen in seiner Seele, obwohl er nur ein Literat sein wollte. Und er war einer der größten.

Er war einer der größten in der kleinen Form. Seine unvollendeten Romane bestehen ja im Grunde ebenfalls aus lauter Kurzgeschichten, es sind Episoden, die durch einen roten Faden zusammen gehalten werden. Es sind umfangreichere Fragmente. Aber wie man diese Texte auch bezeichnen mag, sie sind - ich wiederhole mich gern - faszinierend und ich sage, ihre Faszination besteht in den Überraschungsmomenten, in den Wendungen der Handlung oder in der gerade die Fragmente auszeichnenden Nichthandlung. Vielleicht waren sie für Kafka nur Notizerinnerungen, manches finden wir ja auch in den vollendeten Texten, die man Romane und Erzählungen nennt, wieder. Was aber, um alles in der Welt, kann denn an diesen Satz-Splittern, diesen Gedankenblitzen, kurzfristigen Einfällen und vielfältigen Beobachtungen, diesen fraktalen Lyrismen so faszinierend sein? Faszination ist etwas Subjektives, das nur das Individuum an sich selber erfahren kann. Die Antwort ist unbefriedigend? Zugegeben.

"Das Leben ist eine fortwährende Ablenkung, die nicht einmal zur Besinnung darüber kommen läßt, wovon sie ablenkt." Kafka hat versucht, sich mit dem Schreiben dem Leben zu nähern. Oder ihm zu entfliehen. Und genau an der Schnittstelle zwischen diesen beiden Polen sind die Fragmente entstanden. Manchmal hat die Verzweiflung dabei Pate gestanden, manchmal der Verstand. "Ich habe meinen Verstand in die Hand vergraben, fröhlich, aufrecht trage ich den Kopf, aber die Hand hängt müde hinab, der Verstand zieht sie zur Erde. Sieh nur die kleine, harthäutige, aderndurchzogene, faltenzerrissene, hochädrige, fünffingrige Hand, wie gut, daß ich den Verstand in diesen unscheinbaren Behälter retten konnte. Besonders vorzüglich ist, daß ich zwei Hände habe. Wie im Kinderspiel frage ich: In welcher Hand habe ich meinen Verstand? Niemand kann es erraten, denn ich kann durch Falten der Hände im Nu den Verstand aus einer Hand in die andere übertragen."

Fröhlich? Kinderspiel? Warum ist hier jemand fröhlich, wenn er seinen Verstand vergräbt? Und dann weiß er nicht mehr, in welcher Hand er liegt? Ist hier jemand auf Droge? Hat Kafka nächtens gekokst und im Rausch sich diese Paradoxien einfallen lassen? Kafka, ein langer Horrortrip?: "Den Kopf zur Seite geneigt, in dem dadurch freigelegten Hals ist eine Wunde, siedend in brennendem Blut und Fleisch, geschlagen durch einen Blitz, der noch andauert." Ist das nur seiner Krankheit gewidmet? Ist es eine Metapher für eine Hinrichtung, für seine Hinrichtung?
Und neben den Texten mit symbolischen Inhalten, neben dem Parabelhaften gibt es die Bedrohungstexte. Ich nenne sie so, weil von ihnen etwas Bedrohliches ausgeht. Dazu gehören auch die großen Erzählungen, wie "In der Strafkolonie", "Die Verwandlung", "Das Urteil", "Der Prozeß". In den Fragmenten heißt es: "Es waren die Peitschenherren beisammen, starke aber schlanke Herren, immer bereit, sie hießen Peitschenherren, aber sie hatten Ruten in den Händen, an der Rückwand des Prunksaales standen sie vor und zwischen den Spiegeln. Ich trat mit meiner Braut ein, es war Hochzeit. Aus einer engen Tür uns gegenüber kamen die Verwandten hervor, sie drehten sich hervor, umfangreiche Frauen, links neben ihnen kleinere Männer in hochaufgeschlossenen Feströcken mit kurzen Schritten. Manche der Verwandten hoben vor Staunen über meine Braut die Arme, aber es war noch still." Besonders das aber es war noch still klingt wie die berühmte Ruhe vor dem Sturm, gleich geht die Attacke los, gleich beginnen die Peitschenherren mit ihrer Arbeit. "Es waren zwei Drescher bestellt, sie standen mit ihren Dreschflegeln in der dunklen Scheuer. ‚Komm', sagten sie und ich wurde auf die Tenne gelegt. Der Bauer stand an die Tür gelehnt halb außen, halb innen." War Kafka auch noch Masochist? "Das Tier entwindet dem Herrn die Peitsche und peitscht sich selbst, um Herr zu werden, und weiß nicht, daß das nur eine Phantasie ist, erzeugt durch einen neuen Knoten im Peitschenriemen des Herren."

Und was bleibt am Ende? "Die zum Sterben Bereiten, sie lagen am Boden, sie lehnten an den Möbeln, sie klapperten mit den Zähnen, sie tasteten, ohne sich vom Platz zu rühren, die Wand ab."

Das Fragmentarische in der Kunst kann zu einem interessanten Abenteuer für den Rezipienten werden. Wir finden unvollendete Werke in allen Kunstbereichen, bekannt werden meist solche aus der Literatur, der Musik und des Films. Die Regisseure Erich von Stroheim und Orson Welles seien hier nur genannt, vor allem deshalb, weil man ihre Fragmente auch manchmal noch sehen kann. In der Musik denke ich an Franz Schubert und seine große unvollendete Symphonie, die aber für uns Hörer vollendete Musik ist. Anders liegt der Fall bei Gustav Mahlers zehnter Symphonie, die in Teilen vorliegt und bei der versucht wurde, sie zu vollenden. Käme jemand auf den Gedanken Kafkas Schloß zu vollenden? Ich plädiere für die Veröffentlichung von Fragmenten. Wir bekommen hier Einblicke in die Werkstatt des Künstlers, wir können ihm quasi bei der Arbeit zuschauen. Im Falle von Franz Kafka kann uns dies ebenso erschüttern, wie es das Lesen seiner fertigen Geschichten macht. Mich haben die Fragmente begeistert. Man sollte sie nicht als etwas Nebensächliches abtun. Sie gehören zu dem Schönsten, was wir an deutschsprachiger Literatur aus dem vergangenen Jahrhundert kennen.

© Hans Wisotzki  im September 2005