Joseph Roth der Journalist

Joseph Roth ist vielen Lesern sicher bekannt als Autor der Romane "Radetzkymarsch", "Die Kapuzinergruft" oder "Hiob", alle in den 30ern des vorigen Jahrhunderts geschrieben. Gleichzeitig war Joseph Roth auch einer der großen Feuilletonisten der Weimarer Republik. Er gehörte neben Alfred Polgar, Kurt Tucholsky, Egon Erwin Kisch oder Karl Kraus, zu den führenden Journalisten, und war zeitweilig einer der höchstbezahlten seiner Zunft.
Am 30. Januar 1933, dem Tag der Machtergreifung Hitlers - er hatte sich immer scharf gegen die Nationalsozialisten und ihre Führungspersonen ausgesprochen und war zudem als Jude besonders gefährdet -, war er, nach eigenem und dem Bekunden einiger Freunde, nach Paris ins Exil gefahren, wo er am 27.5.1939 starb. Joseph Roth war am 2. September 1894 im galizischen Ort Brody geboren. Seinen Vater hatte er nie zu sehen bekommen, er fiel während einer Geschäftsreise nach Hamburg in geistige Umnachtung und starb einige Jahre später. Dieses wurde dem jungen Roth jedoch von seiner Mutter verheimlicht. Sein Vater, so verkündete er auch noch später als er längst die Wahrheit wußte, sei noch vor seiner Geburt gestorben. Er studierte Philosophie und Germanistik. 1916 meldete er sich freiwillig zur österreichischen Armee. Dort begann er für eine Soldatenzeitung zu schreiben. Nach dem Krieg fand er eine Anstellung bei der Wiener Tageszeitung "Der Neue Tag". Hauptthemen des angehenden Journalisten waren die Not und das Elend im Wien der Nachkriegszeit, das Schicksal der Invaliden, der Hungernden und Obdachlosen. In kurzen Artikeln schilderte er Alltagssituationen aus dem Leben der sogenannten kleinen Leute. Er interviewte Bettler, berichtete über den Besuch bei einer Blindenausstellung, bei der Briefmarkenbörse, reiste in die Grenzregion zu Ungarn, kurz, war das, was man auch heute noch einen Lokalreporter nennt und lernte so allmählich das journalistische Handwerk.

1920 mußte "Der Neue Tag" sein Erscheinen einstellen und Roth ging nach Berlin. Es gelang ihm seine Artikel bei mehreren Zeitungen unterzubringen. Er schrieb in der Anfangszeit für die "Neue Berliner Zeitung", dem "Berliner Börsen-Courier" und ab 1922 auch für den "Vorwärts", wo er manche Artikel mit der "rote Joseph" zeichnet. Hier begann sich sein Stil zum politischen Journalismus hin zu verändern. Nach wie vor jedoch schrieb er meist vor Ort recherchierte Geschichten in denen er die Situation der Menschen aus der Unterschicht darstellt. Dazu kamen Film- und Buchrezensionen und Berichte über tageskulturelle Ereignisse.
Seit 1923 arbeitete Roth für die bürgerlich-liberale "Frankfurter Zeitung" und avancierte bald zu einem der bekanntesten Journalisten Deutschlands. Die "Frankfurter Zeitung" war damals weder parteigebunden noch erhielt sie von irgendeiner Seite finanzielle Subventionen. Sogar Kurt Tucholsky äußerte sich lobend über die Redakteure in ihrer Haltung gegenüber den Herausgebern. Zu den Mitarbeitern gehörten so illustre Autoren wie Walter Benjamin, Siegfried Cracauer, Anton Kuh, Friedrich Sieburg und auch von den jungen wilden Philosophen Ernst Bloch und Theodor Adorno wurde ab und an etwas gedruckt.
Roth war zwar an keine Partei gebunden und stand ideologischen Dogmen ablehnend gegenüber, gehörte in dieser Zeit aber dem links-liberalen Journalismus an, ohne jedoch parteipolitisch Stellung zu beziehen. Roth-Biograf David Bronsen schreibt, daß Roths "vage Beziehung zum Sozialismus" weniger von ideologischen Grundsätzen, als von einem gefühlsmäßigen "Bund der Menschlichkeit" geprägt war.

1923 wurde auch sein erster Roman "Das Spinnennetz" in der "Arbeiterzeitung" als Fortsetzungsroman abgedruckt. Das Werk war zu großen Teilen eine Ausbeute seiner journalistischen Arbeit und war nach mehreren Erzählungen der erste Versuch sich dem Romangenre zu nähern. Erst 1967 ist dieses Romandebut in Deutschland in Buchform veröffentlicht worden.

Mitte der 20er Jahre wandte sich der sensible Beobachter Joseph Roth - politisch enttäuscht vom immer stärker werdenden Aufkommen reaktionärer Tendenzen in der Justiz und Verwaltung, von der Wahl Hindenburgs zum neuen Reichspräsidenten, von der steigenden Zahl völkisch-nationalistischer Aktionen - mehr dem Feuilleton und dem Reisejournalismus zu und forcierte seiner literarischen Neigung folgend das Romaneschreiben. Dies brachte ihn in Kollision mit der journalistischen Arbeit. "Von dieser verdammten Zeitungsschreiberei habe ich genug…ich gehe nach Paris und schreibe Romane", äußerte er 1925 einem Freund gegenüber. Gleichzeitig tritt er der von Rudolf Leonhardt gegründeten "Gruppe 1925" bei, zu der u. a. Döblin, Hasenclever, Kisch, Toller, Tucholsky zählen.

Vermehrt begann er sich nun auch mit dem Judentum auseinanderzusetzen. Die Ergebnisse führten 1927 zu dem umfangreichen Essay "Juden auf Wanderschaft", das sich speziell mit dem Ostjudentum seiner galizischen Heimat beschäftigt und das harte Los der Juden in den ‚Gettos' von Wien, Berlin und Paris schildert. Es ist auch ein persönliches Bekenntnis Roths zum Glauben seiner Vorfahren, von dem er sich eigentlich trennen wollte und an dessen Herkunft er sich "am liebsten nicht erinnert hätte", wie Bronsen schreibt.
Die Reisereportagen gehören sicher mit zu dem Eindrucksvollsten, was der Journalist Roth zu Papier gebracht hat. Es sind Berichte aus subjektiver Sicht denn:

"Ich kann nur erzählen, was in mir vorging und wie ich es erlebte." (Die weißen Städte) Als Entdeckungsreisender durch Raum und Zeit, der geschickt Vergangenheit und Gegenwart verbindet, schuf er farbige Skizzen von bleibender Eindringlichkeit. Seine Sympathie gehörte zweifelsfrei Land und Leuten. Und "gefühlsmäßig" zieht es ihn auch hier zu den einfachen, zu den armen Leuten hin. Am Schluß des Berichts über Lyon heißt es:

"Die Fabrikanten haben Villen, jenseits der Rhone. Hier wohnen auch die Arbeiter - aber nicht in Villen, sondern in Mietskasernen. Am Abend gehe ich hierher. Nur bei den Armen fühlt man den Abend. Den anderen ist er die Fortsetzung des Tages. Den Armen ist der Abend die Ruhe. Sie sitzen vor den Türen, sie stehen vor den Fenstern, sie wandeln langsam zu den Ufern und sehen ins Wasser. Aus ihren harten Händen rinnt die große Müdigkeit des Tages." (Frankfurter Zeitung, 8.9.1925)

Die Stadt Vienne kommt ihm wie ausgestorben vor. Es geschieht nichts Aufregendes über das es sich zu schreiben lohnt - und dennoch schreibt Roth was er sieht, was er fühlt:

"Ich habe noch keinen Hund bellen hören. Es gibt hier Hunde. Sie liegen in der Mitte der kleinen Gassen und schlafen. Nichts kann sie wecken. Die Katzen hocken an den Schwellen und in den Fenstern und sind von einer unendlichen Weisheit. Die Türen aller Häuser sind offen. Alle Fenster sind offen. Es weht kein Wind, der den Scheiben oder den Menschen gefährlich werden könnte. Und gäbe es einen Wind, weder die Gegenstände noch die Menschen würden ihn fühlen. Am Abend zwitschern zaghaft ein paar Vögel. Sie machen immer wieder einen Versuch. Man hört sie nicht! Sie verstummen und fliegen fort." (Frankfurter Zeitung, 15.9.1925)

An diesen Beispielen wird auch Joseph Roths Art zu schreiben deutlich. Er bevorzugt kurze Sätze, einen vorwärtstreibenden Stil, der den Leser in den Text hineinzieht. Seine Sprache ist einfach, schnörkellos, durchsetzt von einem wehmütigen, melancholischen Unterton und oft schwingt ein nicht hörbares Seufzen in den Zeilen mit. Der größte Teil seines journalistischen Werkes wird von hohem Sprachbewußtsein getragen und ist von stilsicherem und präzisem Ausdruck. Öfter hat er sich über sprachliche Schludrigkeiten mancher Kollegen geäußert. Hinzu kommt, wann immer er es für angebracht hielt, eine sarkastische Ironie, nicht selten auch polemische Schärfe, die in der Exilzeit in bitteren Zynismus umschlägt.

Aus diesen Reisereportagen entstand die Artikel-Serie "Die weißen Städte", die jedoch zu Lebzeiten Roths nicht in dieser Form gedruckt wurden. Wenn Roth hier über arme Leute schreibt, gerät er mitunter hart an den Rand einer verklärten Sozialromantik, die haarscharf am Kitsch vorbeischliddert.

"Und ich liebe die Wäscherinnen an der Rhone. Auch sie sind arm und über die erste und zweite Jugend schon hinaus, aber fröhlich wie junge Mädchen. Seit sechs Uhr früh stehen sie da bis spät Abend, und den letzten, schwachen Sonnenschein wollen sie noch ausnützen, und es ist, als wären sie sparsam mit der kostbaren Sonne und imstande, einen einzigen Tag in drei auszudehnen. An ihnen vorbei rinnt das Wasser, fortwährend neues silbernes Wasser, Millionen Wellen sehen sie am Tag, und in jede tauchen sie ein Wäschestück, mit der Gebärde von Priesterinnen waschen sie den Schmutz, und das Profane wird heilig. Sie sind bunt und lustig wie das Wasser, sie singen unermüdlich und rufen einander Grüße zu…Die Wäsche der ganzen Stadt wird in der Rhone sauber. Es ist, als würde aller Unrat von den Menschen weggespült; als stünden diese Frauen hier, um den ganzen Tag die Seelen der Einwohner von Lyon sauber zu halten." (Werke, Bd.2)

Das Pathetische ist auch ein Mittel, dessen sich Joseph Roth bei der Beschreibung alltäglicher Dinge oft bediente und manchmal, scheint es, überkamen ihn dabei die großen Gefühle und vielleicht war es auch nur die eigene Erinnerung an seine Kindheit, wenn er über das Viertel der Armen in Lyon schreibt:

"Da sind die kleinen Läden mit den verstaubten Schaufenstern und den rührenden, einfachen Gegenständen, die nur arme Menschen kaufen: Tabaksbeutel und dicke Uhrketten und große Elefantenzähne und kleine Hunde und Katzen aus grünem Porzellan und Kaffeetassen mit nur einem Sprung und hölzerne Serviettenringe und Glasperlen in allen Farben und ein Behälter aus Nickel für Zahnstocher. Da sind die kleinen Delikateßgeschäfte mit den verstaubten und ein wenig zerdrückten Früchten, mit den Zwiebeln, den Kartoffeln, dem Zeitungspapier für Tüten und den Katzen, die auf den Lebensmitteln hocken, und den kleinen Kindern, die vor dem Laden spielen. Alles ist langsam und ohne Aufregung. Die Stunden gehen stiller und gemächlicher. Die Überraschungen selbst künden sich an. Die Freuden sind inniger und leiser. Der Tod wird hingenommen wie ein Geschenk. Das Leben hat keinen übermäßig hohen Wert. Das Leben ist soviel wert wie der karge Wochenlohn, ein billiger Wein, ein Kino am Sonntag." (Werke, Bd. 2)

Ab Mitte August 1926 hielt sich Roth im Auftrag der "Frankfurter Zeitung" für vier Monate in Rußland auf. Seine Reiseeindrücke wurden ab September meist wöchentlich gedruckt; Moskau, Leningrad, eine Wolgafahrt nach Astrachan, der Kaukasus, Baku, Tiflis und Odessa waren die Stationen während seines Aufenthaltes in der jungen Sowjetrepublik. Roths Interesse an dieser Reise war wohl nicht ausschließlich politischer Natur, sondern eher seiner Karriere geschuldet. Er wollte eine große Reisereportage machen, wie z. B. Egon Erwin Kisch, der "rasende Reporter", der für die "BZ" Berichte aus Rußland geschrieben hatte. Bevor er die Reise antrat, versicherte er dem zweifelnden Herausgeber seiner Zeitung, daß sie von ihm, dem "roten Joseph", keine Jubelhymnen über die bolschewistische Revolution zu fürchten brauchten. 18 Berichte druckte die "Frankfurter Zeitung" und gelegentlich hat man den Eindruck, daß sein Autor hier doch etwas überfordert wirkt. Im Artikel "Das Völker-Labyrinth im Kaukasus" (26.10.1926) scheint er der ihm innerlich wohl fremden Welt nur mit Hilfe einer assoziativen Darstellung des Gesehenen Herr zu werden. Eine wahre Beschreibungsflut ergießt sich über den Leser, hastig niedergeschrieben, wie ein zu schnell geschnittener Film, in dem nichts erklärt wird und daher vieles für den Zuschauer rätselhaft bleibt.

Mir kommt es so vor, als ob der Romancier Roth manchmal über den Journalisten Roth triumphiert, obwohl man eigentlich den Journalisten erwarten müßte. Eine weitere Stileigenschaft des rothschen Schreibens wird hier deutlich: Aufzählungen, Gegenüberstellungen, Vergleiche und auch Pauschalisierungen gehören dazu. Er berichtet etwas blauäugig von der Gleichberechtigung der Völker in der Sowjetunion und daß jede Nation Autonomie erhält, wenn sie es denn nur wolle. Im Artikel über "Die Lage der Juden in der Sowjetunion" heißt es

"Die Juden sind vollkommen freie Bürger…"

und einige Zeilen weiter erfährt der überraschte Leser, daß man

"in Sowjetrußland Synagogen in Arbeiterklubs verwandelt und die Talmudschulen verbietet, weil sie angeblich religiös sind…" (9.11.1926)

Die skeptische Haltung Roths - mitunter läßt sich auch deutlich Enttäuschung ausmachen - dem neuen System gegenüber wird an vielen Stellen der Artikel-Serie deutlich. Die mit dem Sowjet-System sympathisierenden "geistigen Eliten", die sich ein erlösendes "Licht aus dem Osten" erhofften, fordert er auf, mal selbst dorthin zu reisen, um die "trüben, grauen Straßen" mit eigenen Augen zu sehen.

"Die Brandfackeln der Revolution sind ausgelöscht. Sie zündet wieder die ordentlichen, guten und braven Laternen an." (23.11.1926)

und an anderer Stelle schreibt er:

"Fast aller revolutionären Ideen, Einrichtungen, Organisationen hat sich der kleinbürgerliche Geist bemächtigt, der in der Politik schon lange sichtbar ist…Die Partei ist nun glücklich von ‚unzuverlässigen Elementen', … ‚kleinbürgerlichen' Anarchisten gesäubert. Jetzt strömen ihr streberische, zuverlässige, kleinbürgerliche ‚Marxisten' zu." (21.12.1926)

In den Tagebuchnotizen vom Oktober 1926 kommt seine Enttäuschung deutlich zum Ausdruck:

"Rußland strebt nach Amerika, dort wo es am evangelischsten und provinziellsten ist. Maschinen und Moral nach amerikanischem Muster. Das bleibt zurück vom großen Feuer, dessen Widerschein wie eine Morgenröte war." (4.10.) - "Einen, der sein Haus freiwillig abgibt, wird es niemals geben und ihn verjagen, heißt, nicht seinen Geist verjagen. In den Häusern, die die Revolution requiriert hat, ist das bürgerliche Material und Mobiliar geblieben. Wenn ich ein Buch über Rußland schreiben würde, so müßte es die erloschene Revolution darstellen, einen Brand, der ausglüht, glimmende Überreste und sehr viel Feuerwehr." (10.10.) - Ich habe mich endgültig vom Osten losgesagt. Wir haben nichts von ihm zu erwarten, als eine Blutauffrischung, eine Muskelerneuerung, eine Lyrik vielleicht und eine Bereicherung der Traumwelt - keineswegs Gedanken, Tag, geistige Kraft und Helligkeit. Das Licht kommt vielleicht vom Osten, aber Tag ist nur im Westen." (12.10.)" (Werke, Bd. 2)

Die Unzufriedenheit linker Kreise in Deutschland mit der politischen Entwicklung in der Heimat, die wohl auch mit Roths eigener Unzufriedenheit und Enttäuschung einherging, baute er in den Artikel "Rußland geht nach Amerika" ein und zählte als Punkte auf:

"Die Stagnation europäischen geistigen Lebens, die Brutalität politischer Reaktion, die korrupte Atmosphäre, in der das Geld gemacht und ausgegeben wird, die Hypokrisie [Heuchelei] der Offiziellen, der falsche Glanz der Autoritäten, die Tyrannei der Anciennität [Dienstalterfolge]." (23.11.1926)

Die rund zehnjährige Mitarbeit an der "Frankfurter Zeitung" machte Joseph Roth in ganz Deutschland bekannt. Seine Berichte, schreibt Bronsen, "entfernen sich selten von den gesehenen und erlebten Gegenständen, die ihnen zugrunde lagen", so "skizzierte er denkwürdige und bizarre Klein- und Kleinstporträts." Sein journalistisches Credo war: "Werdet nicht langweilig. Alles ist aktuell!"

Roth schrieb nie über die große Politik. Inflation, Weltwirtschaftskrise, der unaufhaltsame Aufstieg des A. H. tauchten in seinen Beiträgen zwar auf, jedoch meist im Rahmen eines bestimmten Ereignisses, das er zum Anlaß für entsprechende Bemerkungen nahm. Er war eben Feuilletonist und kein Leitartikler.

Wie erwähnt, war er eine zeitlang (Ende der 20er), einer der höchstbezahlten Journalisten. Viele seiner Berichte wurden von mehreren Zeitungen verwertet, insgesamt gibt es über 1 300 Artikel von Joseph Roth die veröffentlicht wurden. Obwohl er 1925 schrieb,

"Wo immer ich schreibe, wird es ‚radikal', das heißt: hell und klar und entschieden…Niemals habe ich die ‚Weltanschauung' irgendeiner Zeitung, in der ich gedruckt war, geteilt oder gar repräsentiert. [Ich] lasse mich nur von jenen Zeitungen bezahlen, die mich schreiben lassen, was ich will und wie ich will." (Die Weltbühne, 24.9.1929)

sah die Realität natürlich anders aus, zumal bei Artikeln, die stärker politisch ausgerichtet waren. 1928 zum Beispiel reiste er nach Italien, mit der Absicht, Reportagen zu schreiben, um die faschistische Diktatur schonungslos zu demaskieren. Seine Artikel stießen jedoch bei der Redaktion der "Frankfurter Zeitung" auf Bedenken, man wurde ja auch in Italien gelesen. So wurden die Beiträge schließlich - sehr zum Ärger Roths - nach mehreren Streichungen und unter Weglassung des Autorennamens gedruckt. Ärger schien er auch mit den Reportagen seiner Harzreise bekommen zu haben. In einem Beitrag hatte er die Leunawerke als Giftgas-Produzenten attackiert, woraufhin die IG Farben den Herausgeber der "Frankfurter Zeitung" unter Druck setzten. Nach einem kurzfristigen Gastspiel bei den "Münchner Neuesten Nachrichten" im Sommer 1929 (weswegen man Roth Vorwürfe machte, weil er dieselbe Zeitung Jahre vorher in einem Artikel verunglimpft hatte) war er im Oktober desselben Jahres zur "Frankfurter" zurückgekehrt. Der neue Vertrag schien ihn allerdings zu überfordern, denn

"…ich kann mit den 1000 Zeilen pro Monat für die F.Z. nicht zurecht kommen. Es sind etwa 50 Zeilen am Tag, man müßte eine Dampfmaschine sein, um es fertig zu bringen",

schrieb er seinem Freund Stefan Zweig. Immer stärker verspürte er das Bedürfnis sich als Romanautor zu profilieren. Er verringerte in der Folgezeit die journalistischen Aktivitäten zugunsten der Arbeit an seinen Romanen. 1930 erschien "Hiob" und brachte ihm, der bis dahin immerhin sechs zwar beachtete, jedoch finanziell nicht sonderlich erfolgreiche Romane veröffentlicht hatte, endlich den ersehnten Erfolg. Zwei Jahre später folgte dann "Radetzkymarsch", der Roman über die letzten 60 Jahre der österreichischen Monarchie und das Werk, mit dem der Name Joseph Roth schlechthin in Verbindung gebracht wird. 1932 sind vom Journalisten Roth gerade noch 21 Beiträge veröffentlicht worden. Er war auf dem besten Weg ein angesehener Schriftsteller anspruchsvoller, im traditionellen Erzählstil verfaßter Romane und Erzählungen zu werden, als die Machtergreifung der Nazis ihn zum Verlassen Deutschlands zwang.

Von Anfang an machte er sich keine Illusionen über die Entwicklung in Deutschland. Er fordert andere Schriftsteller auf, kompromißlos jegliche Zusammenarbeit mit dem Dritten Reich einzustellen. Stefan Zweig bedrängt er, den Insel Verlag sofort zu verlassen.

"Jedermann, ganz gleichgültig wer er ist, wie er früher war, der öffentlich heute in Deutschland tätig ist, ist eine BESTIE…Sie müssen entweder mit dem III. Reich Schluß machen, oder mit mir."

Deutschland ist für ihn nun "die Heimat des Bösen" geworden, eine "Filiale der Hölle auf Erden" und die Schriftsteller und Dichter hätten nur noch eine Aufgabe zu erfüllen, nämlich einen "unerbittlichen Kampf gegen Deutschland" zu führen. (Pariser Tageblatt, 12.12.1934) Roth lebte kurzfristig in der Schweiz, für ein gutes Jahr auch in Nizza - mit Heinrich Mann und dessen Frau Nelly Kroeger und Hermann Kesten mit seiner Frau in einem Haus -, die meiste Zeit aber in Paris. Wenn es die Möglichkeit gab unternahm er immer wieder Reisen, die ihn u. a. nach Amsterdam, Brüssel, Salzburg, Zürich brachte, er war nun selber ein Jude auf Wanderschaft geworden. Seine publizistische Arbeit mußte sich notgedrungen auf Exilzeitschriften und auf ausländische Zeitungen beschränken. Er arbeitete weiter literarisch und schuf Novellen und Romane, die im Amsterdamer Verlag von Allert de Lange erschienen und ihm längst nicht ausreichende Einkünfte einbrachten. Immer wieder mußte er Freunde um finanzielle Unterstützung bitten.

1934 erschien das pamphletartige Werk "Der Antichrist", das sich in einer visionären Bildsprache mit dem - so Roths Ansicht - Niedergang einer durch Technik, Unglauben, Filmwesen, totalitäre Diktaturen und Antisemitismus verdorbenen Zivilisation auseinandersetzt. Das Buch wird zwar in Holland zu einem Verkaufserfolg stößt allgemein aber auf Ablehnung, ein jüdischer Rezensent vermeint gar eine beginnende geistige Umnachtung beim Verfasser diagnostizieren zu müssen.

Joseph Roth führte das Leben eines Bohemien, der in Cafes saß und, wie sich ein Amsterdamer Kellner erinnerte, an den man nicht an einen denkt "wie er geht und steht, sondern wie er sitzt, schreibt und trinkt." Auch Walter Mehring, ebenfalls in die Ungewissheit des Exils gedrängt, zeichnet ein desaströses Bild von Roth: "... mit seinen 44 Jahren ein Greis, den seine wunden, geschwollenen Füße nur noch zu umliegenden Bars oder sonntags zur Messe tragen (falls er diese im Rausche nicht verschläft)". In dieser Zeit fiel er den anderen Exilanten mit denen er sich in den Cafes traf, meist Sozialisten und Kommunisten, durch seine Außenseiterhaltung auf, die darin bestand, daß er sich für die Wiedereinführung der österreichischen Monarchie stark machte und dafür verschiedene Aktivitäten in die Wege leitete. Man nahm ihn deswegen nicht ernst und bei einer Begegnung mit Egon Erwin Kisch, an die sich Roths kurzfristige Lebensgefährtin, die Schriftstellerin Irmgard Keun, aus dieser Zeit erinnerte, begrüßte er den wie üblich vor Trunkenheit schwankenden: "Was? Ohne Krone! Ohne Hermelin!" Ebenfalls in dieser Zeit - aber darüber gehen die Meinungen auseinander - scheint er sich dem Katholizismus genähert zu haben. Wie tief das bei dem eher atheistisch gesinnten Roth ging, läßt sich wohl nicht eindeutig klären. Sein Freund Soma Morgenstern antwortete einmal auf die Frage, wann Roth denn aus der Messe zurückkommen würde, sarkastisch "wenn der Meßwein alle ist." Irmgard Keun wiederum konnte sich nicht erinnern, daß Roth in den 18 Monaten, die sie zusammen waren, jemals eine katholische Messe besucht hatte.

Joseph Roth, der rastlose, reiste, so lange es noch ging und er einigermaßen fianziell über die Runden kam, herum und hielt Vorträge, so Anfang 1937 auf Einladung des PEN-Clubs nach Polen. Er kam auch, in Begleitung Irmgard Keuns, in seine alte Heimat, nach Lemberg. Den Vorschlag seines Cousins, bei ihm zu wohnen lehnte Roth ab. "Bei Verwandten zu wohnen ist furchtbar. Außerdem haben die Juden schrecklich kleine Schnapsgläser, so groß wie Fingerhüte", zitierte Irmgard Keun ihren Lebensgefährten.

Bis zu seinem Tod schrieb Joseph Roth Artikel, die in verschiedenen Exilzeitschriften und in der regulären Presse Österreichs oder Frankreichs veröffentlicht wurden. Darüber hinaus war er um eine Mehrfachverwertung seiner journalistischen Beiträge bemüht. Neben Politischem wandte er sich stärker dem Literaturbetrieb zu, schrieb über Literaten und Künstler. Aber seinen Artikeln merkt man deutlich an, daß hier ein Verzweifelter und Hoffnungsloser schreibt. Zwar gab er sich kämpferisch, doch er war ohne Illusionen über ein baldiges Ende der Nazi-Herrschaft. Durch seine abstrusen Ideen hatte er sich ins Abseits manövriert, gelegentlich waren von ihm sogar antisemitische Äußerungen zu hören. Gesundheitliche Probleme häuften sich, er wachte nachts auf und erkannte die neben ihm hochgefahrene Irmgard Keun nicht mehr. Der sichtbare körperliche Verfall hatte schon lange eingesetzt, Joseph Roth beging, wie Freunde es längst erkannt hatten, Selbstmord auf Raten. Dennoch schrieb er an seinen Romanen, die in den Amsterdamer Exilverlagen Querido und Allert de Lange, sowie dem holländischen De Gemeenschap Verlag gedruckt wurden.

Seine letzte größere literarische Arbeit, die Novelle "Die Legende vom heiligen Trinker", in der viel Autobiographisches eingeflossen ist, beendete er kurz vor seinem Tod. Am 27. Mai 1939 starb er, noch nicht 45jährig, im Armenspital Hopital Necker in Paris.

©Hans Wisotzki (August 2005)