Das Djeyran Kultur-Journal ist ein unabhängiges Online Magazin für Literatur, Musik, Kunst, Subkultur .... |
Musik Art & Galerie Literatur Lyrik TV/Kino/Film Internet/Links Essay Impressum | |||
Ashigh-Sänger in Azerbaijan
Der Begriff "ashigh" kommt aus dem arabischen und bedeutet "Liebender, Geliebter". Gemeint ist hier meistens die mystische Liebe zu Gott und ein Ashigh-Sänger im klassischen Sinn ist also ein Sänger, der von seiner erfüllten oder unerfüllten Liebe zu Allah singt oder über das Schicksal der vielen religiösen Heiligen. Im Lauf der Geschichte hat sich der Inhalt der Texte auch anderen, weltlichen Bereichen zugewandt. In Azerbaijan werden in langen Gesängen die alten turksprachigen Epen vorgetragen, wie z. B. "Kur Oghlu" (Der Sohn des Blinden) aber auch später entstandene Werke wie "Leyli und Majnun" oder "Asli und Karam".Ashigh-Sänger gibt es von Anatolien bis Zentralasien. Sie waren Vermittler alter Legenden oder Schöpfer eigener Texte, die religiös aber auch gesellschaftspolitischen Inhalts sein können. In Azerbaijan scheinen die Vorläufer der Ashigh-Sänger Ozan genannt worden zu sein, nach dem Namen des Saiteninstruments, mit dem sie sich damals begleiteten. In der Türkei gab es übrigens in jüngster Zeit Phasen, in denen man vom religiös geprägten Ashigh-Begriff abwich und den alten Namen Ozan für die Sänger benutzte. Der Terminus Ashigh-Sänger ist relativ neuen Ursprungs und stammt wahrscheinlich aus dem 15./16. Jh. Er ist unter dem Einfluß des schiitischen Sufitums entstanden. Erst aus jener Zeit sind auch die Namen einiger Sänger überliefert. Der Text ist das Wichtigste bei einer Ashigh-Vorführung, die Melodie und die Stimme eines Sängers sind zweitrangig, aber natürlich nicht unwichtig, um beim Zuhörer auf Resonanz zu stoßen. Der Sänger begleitet sich selbst auf einer Laute, die er als Rhythmus- und Melodieinstrument benutzt und die, je nach Region, im türkisch- persischen Sprachraum Saz, Baglama, Kopuz, Tanbur, Sehtar oder noch anders heißen kann und verschiedene Formen aufweist. Im azerbaijanischen Raum gibt es auch Ashigh-Ensembles, zu denen Blasinstrumente wie Zurna oder Balaban und Schlaginstrumente wie Naghara, Daf oder Daiyere hinzukommen. Die Melodien, die tasnif, sind einfach und werden oft mit rezitativen Teilen vermischt, bei den epischen Stücken gibt es auch rein erzählerische Teile ohne Musik. Die Ashiglar, so die Pluralform, übernehmen für ihre Weisen oft vorhandene Melodien, namhafte Sänger sind aber auch als Komponisten eigener Werke aufgetreten. Die azerbaijanischen Sänger singen meist in der hohen Stimmlage und manche würzen ihren Gesang mit einem jodelähnlichen Teil. Das Tempo der Stücke ist moderat mit seltenen Temposteigerungen. Ebenso sind ausgesprochen langsame Stücke eher die Ausnahme.Hörbeispiele Azerbaijan und Iran: Ashig Imran Gasanov - Baku (Gesang und Saz) Tadjnis von der LP: Naleri Azerbaijanski Ashigov (Melodia, 1991) Ashig Rassul Ghorbani - Iran (Gesang und Saz) Demir Gözallesemi von der Kassette: Musighi-ye Azerbaijan Vol.3 (Hrsg. Iranian Music Association, 1995) Die Texte der Ashighlar in der Türkei beinhalten vielfach neben religiöse auch allgemein gesellschaftliche Stoffe, z. B. dem Problem der Entfremdung von der Heimat bei Gastarbeitern oder auch Lobgesänge auf den Gründer der türkischen Republik Atatürk. Die Musiker können hier durchaus hervorragende Instrumentalisten sein, denn zu einer türkischen Ashigh-Vorführung gehört auch mitunter ein rein instrumentaler Teil. Früher zogen die Sänger übers Land und traten in Teehäuser (was auch heute noch üblich ist) auf oder wurden zu Festen eingeladen. Mit dem Aufkommen der Tonträgerindustrie konnte so mancher seinen Lebensunterhalt mit dem Veröffentlichen von Schallplatten, Kassetten oder CD's verdienen, meistens jedoch sind Ashigh-Sänger Gelegenheitsmusiker, die meistens aus den unteren Volksschichten kommen. Im sowjetischen Azerbaijan und in Iran hat es auf Grund der politischen Verhältnisse in dieser Hinsicht nur wenig Spielraum gegeben, was auch den Inhalt der Texte angeht, hier mußte man sich den scharfen Zensurbestimmungen beugen. In Iran war es zudem seit der Ära der Pahlawi Dynastie (seit 1925) zeitweise verboten öffentlich türkisch zu singen, die Persifizierung des Landes wurde unter diesem Regime mit aller Macht vorangetrieben, unter dem letzten Schah, Mohammad Reza Pahlawi, sind diese Bestimmungen weniger restrektiv gehandhabt worden. Nach der islamischen Revolution von 1978 hat sich hier wenig geändert, auch wenn es nun einige Musikveröffentlichungen auf azeri-türkisch gibt. Da die Ashigh-Musik sehr textbezogen ist und - von Ausnahmen abgesehen - nur begrenzt musikalische Vielfalt bietet, ist sie für Hörer, die der Sprache nicht mächtig sind, nur schwer zu vermitteln. Dennoch sollten an türkischer und hier besonders an azerbaijanischer Musik Interessierte sich eine Kostprobe dieser im vorder- und zentralasiatischen Raum beliebten Musikform, nicht entgehen lassen. Die orientalischen Troubadoure - die man manchmal auch als orientalische Blues-Sänger bezeichnen könnte (s. Hörbeispiel Haci Tashan) - spielten in der Musik- und Literaturgeschichte der entsprechenden Regionen eine wichtige Rolle. In jüngster Zeit hat es in der Türkei so etwas wie eine kleine Renaissance der dort Ashik genannten Musik gegeben und es sind viele Cd's oder Kassetten neu bzw. wieder erschienen. Hier kann man, bei den jüngeren Sängern, im Bereich der Melodie eine Verfeinerung der Musik beobachten (Hörbeispiel Cengiz Özkan), die es auch einem westlichen Hörer leichter macht (obwohl das sicher nicht die Intention des Sängers ist!), Ashigh-Musik zu genießen. Aber vielleicht empfindet dies ja auch nur der Autor dieser Zeilen. Hörbeispiele Türkei: Cengiz Özkan - (Gesang und Saz) Sen bir ceylan olsan (Wenn du eine Gazelle wärst) von der CD: Cengiz Özkan, Saklarim Gözümde Güzelligini - "Ashik Veysel Türküleri" (Kalan, 2003) Auf diesem Album singt Cengiz Özkan ausschließlich Stücke des berühmten blinden Ashigh Veysel, der von 1894 - 1973 lebte. Haci Tashan (Gesang und Saz) Ben gidiyom (Ich gehe) von der CD: Cok Zaman Sabrettim (Kalan, 1999) |